Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2373 (1.10.1925)
- Date
- 1925-10-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sette 2 Wien, Donnerstag Wohin? Zur Frage bei Krrmkvlonisation. Don Dr. Arnold Mqrsgolip, ehemaliger Justizminister der Ukraine, derzeit-Now-Vork. Das Sekretariat des «merikanisch-Mischen Kongresses hat uns diesen Artikel eines prmninenten Mischen -Führers aus der likraina übermittelt. v Wohin? Diese Frage ist M,.die Juden Osteuropas And insbefoAere Pr die Juden Mßlands brennender als je geworden. Bor der . rüMchen Revolution gab es unter Tränen und Trübsal einen Trost, eine Hoffnung. Es war war der Glaube, besser gesagt die Illusion, daß der Pogromantisomitismus 'lediglich unter einer reaktionären Regierung bestehen -könne und daß die breiten Massen, besonders die Bauern und die Arbeiter, frei vom Judenhasse seien. Der Bürgerkrieg, die Aufstände und Revolten, welche nach dem^ Sturze des ruffischen Kaiserhauses im Jahre 1917 und nachher losbrachen, zerstörten rasch diese Iso zärtlich gehütete Illusion der Juden. Die unerbittliche Wirklichkeit hat gezeigt, daß 'das von der früheren Regierung eingespritzte Gift ties in die Massen der nichtjüdischen Bevölkerung gedrungen ist. Andererseits hat es sich erwiesen, daß selbst unter der reaktionärsten und antiftmitischesten Regierung Pogrome nie einen lso fürchterlichen Charakter annehmen können, wie dies in Osteuropa zur Zeit des Fehlens jeder Regierung, in der Zeit des Bürgerkrieges und der Anarchie der Fall war. Das Hauptkontingent der Pogrommacher besteht aus verbrecherischen Elenrenten, welche auf Gelegenheiten warten, um straflos plündern und brandschatzen zu können. Die antisemitische Agitation ist in solchen Zeiten bequem. Die Oftjuden sind leicht von der Umgebung zu unterscheiden und von ihr zu isolieren, sie sind eine wenig wehrhafte Mnorität, all diese Umstände machen es begreiflich, daß sich Progrome in Osteuropa immer gegen Juden richten. Zufolge dieser Bedingungen bringt jede neue- Revolution, jeder Staatsstreich, jede Erhebung irgend einer Nation im ehemaligen, russischen Kaiserreich die Juden in Todesgefahr. Dieser Umstand wird durch das Bespiel von Großrutzland und Sibirien einerseits und der Ukraina andererseits deutlich gekennzeichnet. In Großrußland und Sibirien gab es in der.Periode nach der Revolution eigentlich keine Pogrome. Es ist wohl richtig, -daß in diesen Teilen Rußlands, welche keine jüdische „Ansiedlungsrayons" enthalten, verhältnismäßig wenig Juden wohnen (zirka ein Prr^ent der Gesamtbevölkerung). Auch leben diese Juden vorwiegend in den Städten als Aerzte, Advokaten, Apotheker und Kaufleute erster Gilde und unterscheiden sich in der Kleidung und allgemeinen Erscheinung wenig von der übrigen Bevölkerung. Aber.den Hauptgrund, für das Fehlen von Pogromen bilden nicht diese Umstände, sondern vor allem der Umstand, .daß dort eine national-einh e i t l i ch e Bevölkerung lebt und kein Anlaß für. nativnale Aonfl ikte besteht. Niemand bedroht die n a t i onale Unabhängigkeit Großrußlands. Auch die Bolschewiken, kommen als. Großruissen hin und das Fehlen nationaler Reibungssiächen hat dazu geführt, daß Las. neue Regime sich dort leichter als anderswo und frei von fortgesetzter und erbitterter Opposition einrichten konnte. Anders in der Ukraine und in Weißrußland, wo die bodenständige Bevölkerung in den Bolschewiken nicht nur den politischen, sondern auch den nationalen Feind erhlickt, welcher es versucht, die Ukraine,. Weißrußland, Krim, Kaukasus einer ftemdnationalen Zentrale, dem großrussischen Moskau, zu unterwerfen. Dazu kommt das wirtschaftliche Moment. Um für die ärmeren großrussischen Nordbezirke Getreide und Meh zu beschaffen, fallen die Bolschewiken alljährlich. wie die Heuschrecken über die fruchtbaren Gebiete der Ukraine her und rauben den Bauern den größten. Teil der Ernte, ihre Pferde und' Kühe, oft schleppen sie das letzte Rind weg. 'Dicher ökonomische Vorgang steigert den nationalen -Haß gegen Großrußland ins Unendliche.. In den Augen der Ukrainer Bauern repräsentieren Denikin und Lenin in gleicher Weise den großrussischen Unterdrücker.'.Hier hat es immer Revolten gegeben Und hier werden sie n i e aujhören, solange Moskau regiert. Und die Inden in diesen Gegenden leben immer zwischen zwei Feuern. Jede der kämpfenden Parteien fordert von den Juden Sympathie und Bundesgenoffenschaft für sich, und wenn eine Partei die Oberhand gewinnt, sei es auch nur für ganz kurze Zeit, beeilt sie sich, - an den Juden Rache zu üben, weil ein gewisser Teil der jüdischen Bevölkerung dem Feinde gegenüber etwas Sympathie oder Neutralität geübt hat. So muffen die jüdischen Massen in diesen Gegenden beständig mit der Möglichkeit von Anarchie und Unrühen rechnen, welche sie in Todesgefahr bringen. Und das ist der Grund', warum ünlsere ge- ' quälten Brüder immer dringender und dringender fragen: „Wohin?" ’ ' * '' Nach den Pogromen von 1861 und 1902 hat das Leben ' selbst die Frage beantwortet. Damals wanderten die Juden in hellen Scharen aus, hauptsächlich nach -den Bereinigten Staaten, .heute würde eine noch viel größere Zahl nach Amerika und Palästina auswandern, -wenn nicht Einivanderungsbeschvänkungen -da -wären. Aber Kanada und Argentinien, sind auch 'heute bereit, große Massen aufzunehmen, wenn nur die Sicherheit geboten wird,-'daß sich die Einwanderer der Landwirtschaft zuwenden.' Der argentinische Gesandte in Washington, Le Breton, hat dem Schreiber dieser Zeilen das Faktmn bestätigt. Wäre cs nicht besser, wenn die jüdischen Orga-nisatidnen ihbe Aktiva nach Argentinien oder Kanada verlegen würden, statt mit Wiener Moraenzeit,mg dem unsoliden und gefährlichen Plan zu spielen,' die Ostjuden in der Krim und in der S'üdukraine als Ackerbauer anzusiedeln, wo sie beständig in Todesgefahr schweben? Bor der Revolution -sagten wir russische , Juden: /Hasset uns nach Am-erika oder Palästina gehen!" Heute rufen wir verzweifelt: „Rette sich wer' kann! Hinaus aus Rußland!" - * Noch eine zweite Frage ist zu beantworten. Ist es empfehlenswert, diejenigen Juden, welcheaus verschiedenen Gründen,nicht auswandern können, zwecks Besserung ihrer Lage innerhalb Rußland von einem Orte nach einem anderen zu verpflanzen? Die Juden in Rußland sind eine machtlose Minorität unt> stkönnen den Tataren, Ukrainern und Weißrussen nicht sagen: ,-Verlasset euren Boden, damit wir uns niederlassen können!" Sie können niemanden verdrängen. Aber abgesehen davon, ist es für die Juden unter allen schrecklichen Umständen noch das beste, dort zu bleiben, wo sie sind. Eine Ueberführung der Juden von Großrutzland nach der Ukraine, Krim oder Weißrußland birgt die größten Gefahren in sich. Nicht etwa -deshalb, weil die Ukrainer, Tataren und Weißrussen antisemitischer sind als die Großrussen. In dieser Hinsicht sinh alle Nationalitäten gleich zu werten. Die Großrussen und Tscherkessen, welche in der Armee Demkins -dienten, haben anläßlich der Pogrome in der Ukraine die anderen an Grausamkeit vielleicht uoch übertroffen. Die Größe der Gefahr für die Juden ist weniger durch die Art der Menschen als dadurch -bedingt, ob in bestimmten Gebieten die Neigung zu Bürgerkriegen stärker oder schwächer ist. Hier liegt die Gefahr. Aber auch eine Verslanzung von Jrtden aus dem früheren Ansiedlungsrayon nach den rsvolutionsfteieren großrussischen Gebieten ist nicht zu empfehlen. Wer kann voraussehen, -wie die Großrussen eine Invasion jüdischer Zuzügler begrüßen Iverden? Besteht doch die Legende in unverminderter Stärke, daß die Juden die Schöpfer des Bolschewismus und als solche für alle Leiden verantwortlich find, von welchen Großrutzland heimgesucht wird. In allen Städten und Dörfern, ivo Inden Generationen hindurch hausen, haben sie trotz des Antisemitismus . immer Freunde unter der bodenständigen Bevölkerung erworben und gewisse gute Beziehungen zu ihnen gewonnen. Sie verstehen die Sprache der Bauern und Arbeiter und kennen den Charakter und die Bräuche ihrer Nachbarn. In eine neue Umgebung -versetzt, von einer unbekannten Bevölkerung umgeben, -werden die Juden im Falle von Unruhen immer unter schlechtere Bedingungen gestellt .sein als in ihren gegenwärtigen alten Wohnsitzen. Das haben die Juden Rußlands immer verstanden, und sie haben danach gehandelt. Die Juden, welche zur Landwirtschaft übergegangen sind, haben sich immer nur in der nächsten Umgebung ihres früheren Wohnsitzes; in der Nähe ihrer Städtchen und Dörfer niebergeläffen. Sie sind nie in ferne russische Gebiete gezogen. Das Krimprojekt steht im Gegensatz zu dieser Einsicht und Erfahrung, und'auch darin liegt eine der großen Gefahren des Projektes. „Rette sich wer kann!",, so rufe ich allen zu, die nach Amerika oder Palästina, auswandern können. «wie meMmVt-WWe Umde« >»r MftiMjMife. Aus Jerüsalem wird uns berichtet: Bei -dem Bankett zu Ehren der amerikanisch-zionistischen Abordnung (siehe.,^Wiener Morgenzeitung" vom 26.- September 1926). übergab, wie berichtet, der Richter Rosen bla tt dem Kolorwl Kisch einen auf 10.000 Dollar lautenden'Scheck als erste 'Rate der mit 30.000 Dollar bestimmten Baukosten des zu errichtenden hebräischen Seminars und -der Mädchenschule in Jerusalem. Die amerikanische Journalistin Sophie Lach übermittelte einen Scheck über 7000 Dollar als Fonds für ein Stipendium zugunsten von Jugendlichen, die sich dem Studium der Landwirtschaft widmen. Ueberdies stellte Miß Lach dem Ob'erkommissär den Betrag von 1000 Dollar mit der,Bestimmung zur Verfügung» daß ein Preis für eine Studie über 'die besten Methoden zur Verbesserung der Lage der K i p d er in Erez Israel ausgeschrieben werde. Sine Ausmudenmgssektion des RoteaKlluzes. Wie die Politische Korrespondenz berichtet, hat der Rat der Vorstände der Liga der Gesellschaften vom Roten Kreuz bei der letzten, in Paris a«bgchaltenen «Sitzung beschlossen, beim Sekretariat der Liga eine Auswanderung s s e k ti on zu schassen. Diese Sektion hätte in Gemeinschaft mit dem Internationalen Arbeitsbüreau müden einzelnen nationalen und internationalen Instituten für den Schutz der.Auswanderer zu arbeiten. Zu diesem Behufe soll die Ausbildung der Roten-KveuzMeaussichtigungs-Schwestern nicht nur in sanitärer, sondern auch in der Hinsicht durchgeführt werden, daß sie den Auswanderern durch Rat und I n-, .formst i o nen an die Hand gehen Annen.- '; , Begegnung Lord Plumers mit dem Vertreter Feifais. Jerusalem, 30. September. Anläßlich seines Besuches in R aSbathA m o n (Transjor-danien) hatte der Oberkommissär von Palästina, Lord Plumer, eine Unterredung mit dem Stellvertreter des Königs Feisal ist Mesopotamien, Emir Sid. Der Unterredung, die lange , währte, wich große politische Bedeutung '»Meinessen. __1. Oktober 1926_ Nr. SM Stom, der Wer türkischer Gesetze. Polizei atu Jom-Kippur an der Klagemauer in Jerusalem. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Jerusalem, 30. September. Am gestrigen Versöhn u n g s ta g e war, wie alljährlich, eine große Za'hl von Juden an der Klagemauer versammelt, um dort 'das Gebet zu verrichten. Plötzlich erschien -Polizei und zerstreute die Menge. Eine Deputation der jüdischen Bevölkerung, bereu sich wegen der Störung d e s G e b e t e s große. E rreg u ng bemächtigt hatte, sprach beim-Gouverneur von -Jerusalem, Sir S t o r r s, vor, mit dem Ersuchen, er möge -weiten Störungen durch die Polizei verbieten. Storr's erklärte jedoch unter Berufung auf eine alte türkische Verordnung, vÄche die Abhaltung eines regelrechten Gottesdienstes bei der K-lagenraner verbietet'(und noch unter türkischer Herrschaft am Versöhnungsiag-e n 'i e zur Anwendung gekommen war), -daß das Vorgehen -der Polizei ordnnngs m ä ß i g und er nicht in der Lage sei, ihre Ordnungsmaßnahmen zu verbieten. Die Judenschaft von Jentsalam hat beschlossen, gegen die Polizei wegen Störung religiöser Handlungen eim Klage bei Gericht zu erheben. - eine italienisch-arabische BoLengesellschaft in Palästina. Jerusalem, 30. September. (I. T. A.) Hassan Dajani, -das Oberhaupt eines angesehenen arabisch-christlichen Stammes in Palästina, gibt bekannt, daß er mit einer italienischen Gesellschaft einen Abschluß getätigt Hai, laut welchen: die italienische Gesellschaft das Ausnützungsrecht von 18.000 Hektar in arabis chen Händen befindlichen Landes Kr die-Dauer von zwanzig Jahren, erhält. Ein ans Arabern und Italienern bestehendes Komitee wird die Konzession verwalten. Gegen die Bodenspekulation. Stärket den Nationalfonds! Ter „Haarez", das führende TaMatt Pc>üistm-as, schreibt: „Die Bodenspekulanten in unserer Mitte vermehren sich -wie die Heuschrecken. Man trifft sie in Petach-Ti-öwch, in Rkschon-le-Zion, in .Haifa, im ganzen Cmek, überall, wo der systematische Erwerb von Boden , durch den Keren Kaftnwch eingesetzt hat. Sie find nun dabei, von A s ule aus, die Ländereien, die ringZum an die tverdende Stadt angrenzeU, Mzukausen und die Dodenpveise hochzutr-eilbvn. In Tel-Awiw ist .es nachgerade unmöglich geworden, Mch nur oin Fuß Land zu evstchen. Die PveiWrü-nge sind erschreckend., Die Verkäufer wissen überhaupt nicht mehr, was zu verlangen. Was tun? Wie sollen wir diese Pest, welche das ganze Land ergriffen Hat, bekämpfen? Es ist offenbar, daß die Spekulanten durch die Presse allein sich nicht mehr «iniM-chtern lassen. Sie fürchten auch nicht mchr die Proteste öffentlicher VerisammlnNlgen des Wcvad Leumr oder seilibst des Zioitistentongresses. Um diese öffenNche Gefahr los zu werden, «braucht es bchondere, radikale Maßnahmen. Die Zionistische Exekutive ln Jerusalem muß, als am Beginn der Arbeit des neuen Jahres, einen vssonen planmäßigen Krieg gegen die Spekulanten aufnchmien, einen Krieg nicht nur durch Moralpredigten, sondern durch euergische Taten, vor clknt durch Stärkung des Rationalsonds -und der anderen, der zionistischen Kontrolle unterstehenden Finanzinstitute. Krieg der SpEknlat-ion bi? zur Vernichtung." ßmir Abdullah und der Lruseuauistand. Jerusalem, 30. September. Die RechtsaMvälte H ö dar nnd Hassan Bei el Chakim -wurden auf ihrer Flucht aus Damaskus auf dem Wege zum Lager der Drusen in Rabbath Amon auf Befehl des Emirs Abdullah verhaftet. Der Emir verhängte überdies über alle Persönlichkeiten, die im Verdachte stehen, zum Sultan El Atrasch Pascha und insbesondere zur Familie El-Bakri in freundschaftlichen' Bezichungen zu sichen, Hausarrest bis aus Widerruf. Diese Personen stchen unter ständiger Bewachung. Im übrigen hat Emir Mböullah über Wunsch des Oberkommissärs einschneidende Personaländerungen an den wichtigsten Regierungsstellen vollzogen, durch welche die Neutralität Transjordaniens gegenüber dem Druftnaufstand unzweideutig.zum Ausdruck gelangen soll. Es wird als sicher angenommen, daß auch Harkawi Pascha seinen Posten Verlassei' wird. Die Drusen an per Hedschasbahn. London, 30. September. (Tel.-Komp.) Wie die „Times" aus Beirut melden, ist es den.Drusen gelupgen, die H e d s ch a s b a h n an einigen Stellen zu b e s ch ä d i g e n. Doch sind die Zerstörungen nicht so schwer, daß der Verkehr eine längere Unterbrechung Me erfahren müssen. Die Sicherung der Winterftellung In MaroNo. Fes, 30. September. Die heute vormittags htt östlichen Abschnitt eingeleiteten, für zwei Tage bevechnetett O P -e r a t i o n e n, die von Marschall ■ Petain und General Naulin persönlich geleitet werden, bezwecken die Verbreiterung der . sranzösischen blus-. ■'■'ffangsbasis für weitere bedeutendere Operationen. «Unter Deckung des ArtillerleseuerS von 20 Batterien er- * reichten die FraWDHvrsknrr nördlich vpn Kifane