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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-30 · Heft 2372 (30.9.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2372 (30.9.1925)
Date
1925-09-30
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Verte 8 ' Wien-, Mittwoch - so find Rußlands offizielle Repräsentanten, wenn sie nach dem Westen kommen, stolze Bekenner der Freiheit und der Harmonie. Rußland ändert sich nicht, und daß auch Herr Skvzynsti dies tveiß, zeigt sein Trinkspruch, der geflissentlich jede politische Bindung unterläßt'. Man kann neugierig darauf sein, wann er nach Moskau, fährt und was sich bis dahin ereignet. Mtschttiu in Warschau. Warschau, 39. September. Der Besuch Tschitscheri-ns in Warschau vollzicht sich in den Formen der großen diplomatischen Entrevue. Mchdemr der russische Außenminister gestern dem Mnfftechräsidenten Grabski, den Präsidenten des Sejm und des Senats Besuche abgestattet hatte, fand ihm zu Ehren beim polnischen Minister des'. Zleußeren Skrzyuski ein Diner statt. ,T Skrzhnski brachte einen Trinspruch aus, in dem er unter anderem ausfichrte: ,^FHr Eintreffen in Wachau ist eine Höflichkeit, die wir als einen polit ischen Akt schätzen und verstehen. Wir verstehen ihn als Kundgebung des Wunsches, zwischen den beiden benachbarten Ländern vertrauensvolle Beziehungen hergustellen, geeignet, dem destehe nden Ve rtrag ebnen nemen Geist einzuflößen. Wir haben den Wunsch, diesen Absichten die Unterstützung, unseres friedlichen Willens zu leihen. Wir hoffen, daß aus unseren aufrichtigen und loyalen Besprechungen, die von dem gleichen Willen gegenseitigen Verstehens beseelt sind, ein Einvernehmen erwachsen werde, das dem Bedürfnis entsprechen wird, di« großen dauernden Interessen unserer beiden Länder zu wahren. Wir wollen hoffen, daß die an allen Punkten der geprüften Welt die Rachegesühle bezähmende Staatsräson historische Zwistigkeiten und Rivalitäten zu überwinden wissen wird, m die für den allgemeinen Wiederaufbau unerläßliche ' wirtschaftliche Zusammenarbeit herzustellen. Mächte unser nächstes Zusammentreffen — wenn ich, wie ich hoffe, das Vergnügen ha'ben werde, Sie m Moskau zu bsgrühen — uns gestatten, fruchtbare Ergebnisse einer Politik der. Eintracht sestzn stellen." Tschitscherin erwidere in einer sehr -herzlichen Rede, aus der folgende Darlegungen herdorzuheben sind: ,Mr haben uns von dem hohen Verständnis Ihres -Landes hinsichtlich der hervorragenden Rolle überzeugen können, die eine Politik der Harmonie zwischen unseren beiden Ländern für die allgemeinen Interessen des Friedens und ein besseres Verständnis unter den Völkern haben muß. Ich.begrüße mit großer Befriedigung «Ihren bevor- ' stehenden Besuch in Moskau, der eine neue Etappe auf dem Wege gegenseitigen Vertrauens bedeuten wird, den wir betreten haben. Unser Lack» stellt.sich bei der Konzentrierung aller seiner Kräfte auf das Problem seines inneren Wiederaufbaues als wesentliches Ziel die Erhaltung des Friedens und die Mitarbeit an der Aufrechterhaltung des Weltifriedens. In diesem Gedanken haben wir die große Aufgabe der Entwicklung der wirtschaftlichen Beziehungen Mischen unseren beiden Ländern, der Westlichen Grundlage für die Festigung ihrer politischen Beziehungen, in Angriff genommen. Ich stimme vollkommen mit Ihrer Erklärung überein, daß unser, gemeinsamer Wille dahin geht, keineswegs gegen irgend jemand zu arbeiten, sondern zugunsten der allgemeinen gemeinsamen Interessen der Völker. Auf diese Weise werden die aufrichtigen und vertrauensvollen Beziehungen, die wir angebahnt, haben, auf die Entschließungen der Regierungen sich an'swirken Krmen." Rußland, Polen, Deutschland. Berlin, 20. September. (Tel.-Komp.) Wie die Blätter aus,Warschau melden, erklärte der russische Volfskymmiffär Tschttscherin vor Pressevertretern, er sei auf einer Reffe in ein deutsches Bad ^begriffen, um von seinem, schweren Leiden Erholung zu finden, habe aber doch bei dieser Gelegenheit der polnischen Regierung einen Besuch äbgestattet und werde dies auch bei der deutschen Regierung in Berlin tun. ' .; Sein Warschauer Besuch sollte vor allem Miß-' Verständnisse beseitigen und für künftige Verhandlungen zwischen Rußland und Polen eine Basis schaffen. Auf keinen Fall seien diese Verhandlungen gegen eine dritte Macht gerichtet. Es liege ihm auch völlig feme, aus Deuffchland einen Drück auszuüben. Falls aber Deuffchland ohne Vorbehalte in den Völkerbund einträte, so würde das angesichts der feindlichen Haltung der englischen Regierung gegenüber Rußland für Rußland einen Nachteil bedeuten, denn England strebe die völlige Isolierung und. Einkreisung Sowjetmtzlands an. Der Grad der ungünstigen Rückwirkungen'des Eintrittes Deutschlands in den Rapallo -Vertrag' hängt von der Gesinnung und -er Art der Vorbehalte ab, die Deuffchland dem Völkerbund gegenüber durchzufetzen imstande ist. Tschitscherin nach Berlin cchgereist. ' (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) ' Warschau, 20. September. Heute nachmittags hatte Dschiffcherin e»e Unterredung mit dem Präsidenten der^ polnischen Republik Woj eiecho wski,' der auch der' polnische Außemninffter Skrzhnski beiwohnte. Abends, fft der russische Bölkskommisiar nach Berlin abgerefft. _;_Wiener Morgenzeitung Ser8fntt uwSlolful. Vor dem Haager Schiedsgericht. Amsterdam, 20. September. Der I n t e r n a t i onale Schiedsgerichtshof im Haag wird -M 22. Oktober zusammentreten, um den ihm durch den BAkerbundrat übertragenen englisch-türkischen Mosfülstreitsall in Behandlung zu nehnren.. Die Untevsuchungskommission des Völkerbundes. Genf, 20. September. Ztvei Assistenten des in der gestrigen Sitzung des Volkcrbundrates zum Untersuchüngskommissär deS Völkerbundes im Mossulgebiet ernannten eftländischen Generals L a i d o n e r sind -noch nicht bestimmt. In gut informierten Kreisen verlautet mit Bostimmcheit, daß einer der borden Beisitzer ein tschechoslowakischer Obcnfttelltnant sein lvird. Holliutd verstärkt die Solonialvestmacht. Infolge der ernsten Lage in Ostasien. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Haag, 20. September. In einem gewissen Gegensatz zu den Bestrebungen auf B e rm i n de ru n g - er holla ndischen Wehrmach t in Europa stehen die Richtlinien über den A u s b a u der niederläybische rtt K o l o n i a l r ü st u n g e n, die in dem soeben veröffentlichten Voranschlag für 1926 enthalten sind. In diesem Entwurf wird darauf hingewiesen, daß die Zustände in Ostasien es notwendig erscheinen lasten, besonders die niederländische Kolonialflotte erheblich .zu v e r st ä r k e n. Die K o sie n für den Neubau einer größeren Anzahl von Schiffen dieser Kategorien werden hauptsächlich die K o l o n i e n zu tragen haben. Lediglich 6 Millionen Gulden will das Mutterland zuschießen. Man hofft anscheinend auf diese Weise, nicht mit dem Sparprogramm des Premierministers Colhjn in Konflikt zu geraten. Die Vermehrung der Flottenrüstung in Riederländisch-Jndien wird auch nicht, wie man bei der an und für 'sich abrüstungsfreundlichen Haltung der holländischen Regierung annehmen konnte, durch eine Verminderung der Kolonialarmee ausgeglichen. Zu einem Abbau der kolonialen Formationen hat man sich wohl deshalb nicht entschließen können, weil die nationale .Bewegung unter der eingeborenen Bevölkerung auch/ in.'. Jnselindien in den letzten Jahren beträchtlich gewachsen ist und den holländischen Behörden jdjön. jetzt häufig erheblich zu schaffen macht. ' fiaUfottg' Kampf mit Frankreich» «ISuvi-rra. Die Schuldenverhandlungen in Washington. Washington, 29. September. In der Vollsitzung von gestern nachmittags übergäben die amerikanischen Delegierten die amerikanische.Antwort, deren Einzelheiten von den französischen und den amerikanischen Sachverständigen geprüft wurden. Gestern abends fand eine Unterredung zwischen dem französischen Sachverständigen Bert Helot und dem amerikanischen Schatzsekretär Mellon statt. Die cemerikanffchen und die französischen Experten haben im Laufe der Nacht gemeinsam verhandelt. Die Vethandlungen scheinen 'bisher wenigstens in bezug auf die S chuildens u m m e zu einer gewisten Einigung geführt zu haben; wie es. heißt, habe Amerika den ifranzöfffchen Vorschlag angenommen, .wonach Frankreichs Schulden für die amerikanischen Kriegsvorräte im Betrage von 407 Millionen Dollar in die übrige Schuldsumme eingerechnet werden. Dadurch wird die Kr Men SchuWiel schon laufinde Annuttät in die allgemeim Annuität embezcgen, was eine Zahlungserleichternng für Frankreich bedeutet. Die letzten amerikanischen Vorschläge sehen Nach bis heute abeM eingelaufenen Meldungen zur Regelung der ftanzöifffchen'Schulden eine Maximaljahreszahlung von 130 Million e n statt 157 Mtlionen Dollar, wie ursprünglich verlangt wurde, vor. Die beiden Standpunkte gehen aber noch weit auseinander,.- da Frankreich s nach der Moratorrumsperiode. nur jährliche Zahlungen von hundert Millionen Dollar zu leisten bereit sei. Ein höher Beamter des Schatzamtes erklärte,, daß am kommenden Donnerstag abends nicht nur Ca illau x, sondern alle französischen Delegierten Washington verlassen -werden. Es werde alles versucht werden, .um bis dahin zu einer Einigung zu gelangen. Die französische Delegation werde sich Freitag abends an Bord" des Dampfers ,-France" nach Frankreich einschiffen/ - Letzte Kurse. : Recv-Aork, 29. September. (Tel.-Komp.) Berlin 28.90, London Kabel 4.84*/„ London Scheck 4;801/», Amsterdam 40.21, Paris 4.73Vj, Brussel 4.88, Sflotn 4.10'/2. Ltadrid 14.88. Zürich 19.80'/., Stockholm 2884, Oslo 19.82 Kopenhagen 29.96, Wien 14V*, Budapest 14V4, Prag 296V«. Belgrad 178, Atben 1.4b, Buenos Aires 40'/., Rio de Janeiro 18.98. Bukarest 48*/, New-Pvrk, 29. September. (Tel.-Komv.) Weizen rot Winter 180'/. Wchen. hart Winter 180'/, Mais 94'/.. Hastr 4b% Roggen 87*/.. - ‘ Ehikag»,29. Sevtember. (Tel.-Komv Weizen per Septnnber, IS?*/., Dezember 198'/., Mai 142; Mais per Sevtember 82V,, Dezember 82'/,, Mai 84'/,; Hafer per September 86'/., Dezember 40, Mai 44'/,; Roggen per September 76'/., Dezember 80'/., Mai 86'/,. _30. September 1925 / Rr. t Leon Bourgeois gestorben. Geistern ist, wie aus Paris telegraphiert wird, im^ 75. Lebensjahr der bekannte Senior der ■ französischen Poitiker, Leon Viktor Bourgeois, gestorben. Bourgeois hat all« Stadien der. Beamten- und Politikerlaufbahn imrchlaufen. Er war ursprünglich Beamter, wuvde 1987 n seinem 86. Lebensjahre Präfekt in Paris, trat ein Jahr später als republikanischer Deputierter ins...politische Leber; ein und wurde zwei Jahre später zum erstell Male Minister, inr- Jahre 1805 Chef eines radikalen Kabinetts, 1006 Minister des Aeußern, lange Jahre Kammerpräsident, t)attn, nachdenr er-im Jahre 1006 in den Senat gekommen tvar, lange Zeit dessen Präsident. Er war stets ein hervorragender Verfechter der Ideen der ivahren Demokratie und. des lvahrhaften Friedens der Welt. Für diese Idee trat Bourgeois nicht nur in einer Reihe von Schriften, sonderrl auch auf der Tribüne der Weltpolitik ein und sein Name war mit allen Bestrebungen zur Sicherling des Weltfriedens verknüpft. Bei der Haager Friedenskonferenz im Jahre 1007, die hauptsächlich 'dllrch Deuffchlands Rankünen zu keinem ged'eihlichell Resultat führen konnte, lvar Bourgeois Frankreichs erster Bevollmächtigter. ^Seither hat er die französische Republik bei einer Reihe von internationalen Friedenstagungen vertreten. Der Gedanke des Völkerb u n b e s, der an Stelle des im Weltkrieg zusammengebvochekren bindungslosen Pazifismlis die Idee des Weltfriedens aufnahm, fand in dem greisen Bourgeois einen eifrigen Verfechter. ’ Bourgeois war der Präsident her ersten Bölkevbundtagung und hat auch später an den Ntionen des Bölkevhundes in hervorragender Weffe llntgewirkt. Unter anderem gehörte er auch dem BÄkev'bundkomilee zur Sanierung Österreichs an. Mit Leon Bourgeois verliert Frankreich einen seiner repväsentativftwr Vertreter in Europa. Huszar und Baß. Der chvistlichnationetle Kurs. Die Stadt Sarvar in Transdanubien hat den uü< garischen Wohl.sahrtsnrlni.ster Baß sowie ihren Abgeord-. neten Karl Huszar zü Ehrenbürgern ge-wählt. Aus Anlaß der feierlichen Ueberreichung der Diplome hielten!, beide PolMer lange Reden, die ganz im Zeichett .bet Budapester Kommunistenfängerei standen. Die. kräftig unterstrichene „christ-liche Politik" fft wieder' Trumpf in Hort'hy-Uingarn. Das bietet wieder Gelegenheit,' offene und veristeckte Drohungen gegen die Juden aüszustoßen. Der Vizepräsident der -NattonälveiffammIlU'Ng, Karl Huszar, dex-als Minister sein Ehr.enwo.rt 'verpfändet hat,-daß alle ap Juden 'begaargenen Verbrechen ihre Sühne finden -werden, hat -wohl sein Ehrenwort niemals eingelöst, dafür aber strrach er in Sarvar von der Auifrechte,rhaltung des christlichnati'o-, nalen Kurses und fugte hinzu: „Dabei rechnen wir darauf, daß die rechtschaffene Iudenfchaft m Kampfe gegen den Umsturz cm unserer Seite stehen wird." Die „rechtschaffene" Iudenfchaft fft naEvlich diejenige, die zu-, allem, -was die Regierung tut und -laßt, ja -und amen sagt, und überdies täKich zumindest ein Dutzend ,-nicht recht-/ schaffene" Juden demnziert. Wchlfcchrtsmmrster Baß drückt donfÄben ^Gedanken, folgendermaßen aus: „Ich veMnde die chn'Mche Politik", sagte er unter anderem, „nicht als Geistlicher, sondern als Minister, und ich fürchte nicht,, daß meine Wischen Mitbürger dies mir übelnohmen könnten. Sie können es mir nicht übelnehmen, daß ich als Regierungsmann mich einen Kämpen der christlichen Politik nenne, fo -wie ich es ihnen nicht übelnchme, wem morgen der größte Teil der GeschäftsWen wegen des jüdischen Feiertages ge-' Massen fein wird, und wie «ich es ihnen nicht übelnehme, wenn sie sich dagegen wehren, daß sie allesamt >Mpatriotffch>er Gesinnung, bezichtigt werden, wenn sie sich gegen jene wehren, die dank ihrer Haltung nicht verdienen, in M Reihen der ,Iudenschaist zu gehören. Wenn ich affo-all das ihnen nicht übelnchmen kam, so diirfen sie es-uns nicht übernehmen, wenn 'wir uns chrfftliche Ungarn nennen und christliche Politik machen, doch nicht-indem wir sie aus dem staatlichen Leben ausscha'lten, foMrn indem wir als Mitglieder, einer tausendjährigen christlichen ungarischen Nation die älterevbten Traditionen dieser Mtion Hochhalten und verteidigen. Die Vergangenheit der Iudenschast ist eine'vieltausendjährige. Sie hat viel gelernt im. Laufe der Jahrhunderte. Sie hat jede 'Nation, jeden Staat und jöde Regievungsform kennen gelernt und ich schätze sie. Ich schätze jene, die bestrebt'sind, chvliche Staatsbürger des- Vaterlandes zu sein.:Aber eben-darum können es uns. die Irrden nicht Melnehmen, wenn «wir Ungarn sein wollen und wenn wir von ihnen erwarten^ daß sie ehrliche Patrioten und Juden seien." - Und die Schlußfolgerung? Vaß sagt es am Schluß seiner Rede klipp und Aar: „Wir müssen auf dem einrnal eillgeschlagenen Weg bleibe-n. Wir können uns nicht -den Luxns erlauben, Führer und Richtung immer zu 'wechseln. Mt den Geschicken dieses Landes soll niemand spielen und mit dem Kopf des Retchsverwösers, mit dem Kopf Stephan Bethlens und den Köpfen der Führer dieser Ration soll nie- - mand würfeln. Den Giftmischern aber sage ich, sie sollen ' sich in ihre Löcher verkriechen."- Also: Entweder oder. Entweder -müssen die Juden jede Rechtsbeugung des christlichnatiMalen Kurses ergeben Über sich ergehen -lassen oder.. 4 sie werden als unpatriotische Umstürzler behandch,

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