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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-27 · Heft 2370 (27.9.1925) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2370 (27.9.1925)
Date
1925-09-27
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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M.SM Men, Sonutag Wiener Morgenzertung 27. Schtember 1926 Seite 6 Samuel Iüvid Luzatto. Sri Regen, Wind, Kälte 1800—1865t Am HeMgerr Tage jährt sich der 60. Todestag fernes der größten Mitschüpfers der ueuhebMsche.n Literatur, Samueil David Luzaitos. Samuel David Luzatt», geboren im ,Jahre 1860 in Triest, WM .nicht nur in der Geschichte der italienischen Judenheit eine bedeutende Rolle, sondern hat durch seine literarifch^tvissonschaMche Tätigkeit die Entwicklung der Geiste'srichtnng des Jndeitums im neunzchnten Jahrhundert wesentlich beeinflußt. Ein ZöglW der Wischen Schule in Triest, hatte er Gelegenheit, sich eine gründliche Kenntnis der hebräischen Sprache und Literatur anAweignen. Schon als achtzehnjähriger Jüngling versuchte er sich als heimischer Dichter und veröffentlichte damals eine ^Anzahl von hebräischen Gedichten, allerdings Panegyrischen Inhalts, in ldenen er dem.damaligen Hervschevhause die HMigung darbrachte. In jungen Jahren begann er sich nüt philologischen und historischen Studien zu beschäfttgien. Insbesondere interessierte ihn . die Bibelwissenschaft, ein Gebiet, das in der Wischen Wissenschaft seit langem vernachlässigt war. Trotzdem er in der Zeit der Haskalahbewegung Wie, die vorwiegend dem Rationalismus huldigte, hatte Samuel David Luzatto es sich zur Lebensaufgabe gemacht, die von den meisten Vertretern der Wischen Wissenschaft in Deutschland verfochtene. rationalistische Auslegung der Bibel Hu bekämpfen. Seine wissenscha'ftliche Betätigung ist daher durchwegs von dieser Tendenz beherrscht. In seinen Schriften, die diese Arbeitsgebiete berühren, bekämpft er jedwede rationalistische Auslegung und gelangt allmählich zu feinen eigenartig verfärbten Anschauungen über Juden und Judentum, die ihn von seinen rationalistischen Zeitgenossen unterscheiden. Luzatto entfaltete einereichhaltige literarische und wissenschaftliche Tätigkeit in verschiedenen europäischen Sprachen, doch wirkte sie sich vorwiegend in der hebräischen Sprache aus, die er besonders lieb ' gewonnen hatte. Er zählte zu den eifrigsten Mitarbeitern der in seiner Zeit erschienenen hebräischen Zeitschriften, wie: „Kerem Chemed", „Jeschurnn", „Bikkurli-Haitim", Schwei Jizchak", „Ozar Nechmad", ,Hamagro" u. a.Eme besonders reichhaltige Fundgrube von literarischen und lwiffenschaftlichtzn Beiträgen Mr Geschichte der Wischen Geschichte und Altertumskunde finden wir in seinem in neun Bänden edierten Briefwechsel nüt fast sämtlichen bedeutenden .jüdischen Gelehrten und Schriftstellern seiner Zeit. Im Jahre 1840 hatte er durch die Herausgabe der Gedichte Jchuda Halewis,die jahrhundertelang in verschiedenen Handschriften zerstreut und daher unbekannt waren, der jüdischen Literaturgeschichte neue Forschungsbahuen vorgezeichnet. Unter dem Einfluß dieser Edition 'begannen auch andere Wische Historiker und Gelehrten .nach unbebmntm. Handschriskn zu'fahnden und wertvolle Forschemrlbeiten zutage zu bringen. wird min leichtvon Erkältung befallen,, Man muss daher rechtzeitig Sorge dafür, tragen, dass im Hause nie fehle der m seiner schmerzlindernden Wirkung einzige echte DIANA Franzbranntwein mit Menthol * welcher für Massage, Einreibung, Umschläge und als Gurgelwasser gleich unentbehrlich ist lleberall erhältlich Diana- Franzbranntwein - Produktion-Ges. WIEN, II. PRAG, VIII. Engerthstrasse 169 Lieben, Drahobeljova 1073 Auf Grund seiner Studien aus dem Gebiete der Wischen Philosophie, Geschichte und Bibelwissenschaft, di.e er insbesondere zur Zeit seiner Lehrtätigkeit an dem Rabbinerseminar in Padua, an dem er als Professor für. 'hebräische Sprachlehre, Bi'belwissenfchaft und jüdische Geschichte wirkte, betrieb, hat sich Luzatto ein besonders histo- .rioföphrsches System zurecht gelegt, in dem er seine Anschauungen über die Entwicklung des Judentums darlegte. Luzatto hat als Ausgangspunkt zu seinen historiosophischen Betrachtungen den Kampf gegen die mtionalistische 'Wische Philosophie im Mittelalter genommen. Er bekämpfte vor allem Maimonides, der die Religion und Wissenschaft versöhnend vereinigen wollte. Luzatto vertritt 1 den Standpunkt, daß Mkaimonides den Versuch unternommen hatte, das Judentum mit den: Hellenentum zu versöhnen. Indem er das Judentum mit den Augen der Aristotelischen Philosophie betrachtete, wollte er das Judentum in andere Bahnen lenken. Nach Luzattos Anschauung seien aber Hellenentum und Judentum zwei entgegengesetzte. Pole,, die sich nie werden vereinigen können. Im Gegensatz zum Hellenentum, das einzig und allein auf Sinnlichkeit ' und Raüonalismus basiert, ist das Judentum auf das Gefühl der Gerechtigkeit, Selbstverleugnung und Gute gegrüus det. Nur die höchste Moral, die man nicht bei Aristoteles, sondern nur allein bei den Wischen Propheten findet, kann der menschlichen Gesellschaft das wahre innere Glück gehen. Die jüdische Religion und dies Wischen Zeremonien^ in denen man viel Poesie und Gefühl findet, sind an Inhalt viel reicher als das auf Rationalismus und Sinnlichfeit bestehende Hellenentum. Luzatto, der tiesglüubig war, verehrte mit bvsoUderer Liebe die Wiifche Tradition^ die seiner Meinung nach trotz ihres Dognratismus viel von Poesie hatte. Ein Gegenpol zu Minwnides, den er wegen seiner rationalistischen- Weltanschauung bekämpfte, sah er in seinem Lieblingsdichter Jchuda. Halewi, der ün seiner phlliistphischen Schrift „M'säri" den Nachweiszu erbringen versuchte, daß die Grundlage des Judentums das Geftchl und die Mml sei. i/' Del: oberwähnten Anschauungen zufolge bekämpfte auch Luzatto die' ratiMailistische) AuÄegNM' .her Bibel'uK befehdete daher die jüdischen Gelehrten seiner Zeit, die wen Versuch'unternommen hatten, die Mische Meltvitiik aus rationalistische Grundlagen zu stellen. Luzatto war in seiner historischen BeMchtmtgsweist des Judentums ausschließlich Romantiker. Md schon aus dieisem Grunde allem mußte er allmählich zur Ueberzeugung gelangen, daß die Regeneration des jüdischen Volkes und der hebräischen Sprache notwendig und möglich sei. Seme Gedichte „Kinos Rann" sind durchwegs von der Idee einer Renaissance des jüdischen Volkes beherrscht. In zahlreichen Briefen gibt er auch der Meinung Ausdruck, daß es notwendig sei, in Palästina den Boden durch Juden bebauen zu lassen, damit sie „wiederum zu ihrer Blüte" wie im Mtertum gelangen. Sanmel David LMtto zählt sicherlich nicht nur zu den Prominenten der Wischen Wissenschaft im 19. Jahrhundert, sondern auch zu den ersten Vorkämpfern der präzionistischen Bewegung. G—r. 8m Rosch-Haschanah-Programm rm Radia. Vom amerikanischen Reformjudentum. Die amerUanisch-jüdischen Reformisynagogen, die Stätten der weitestgehenden Assimilation, führen bittere Klage darüber, -daß ihre Mitglieder selbst die geringe Dosis cm Religiosität, die . ihnen verabreicht wird, ablchnen, indem sie der Synagoge fernbleiben: Die. „United Synagogue of America", -der Verband der Reformsynagogen von Amerika, weiß aber, was ■ ihre Pflicht ijt Ha: sie von den Christen «den Sonntag als Sabbat übernommen, so braucht sie auch die anderen Pro- -pägalchamittel der Kirchen aller christlichen Konfessionen in 'Amerika nicht zu scheuen.-Kommt der „Affiliierte" nicht zum - Rosch-Haschanch-GÄtesdienst-in den Tempel, so schickt man ihm den Gottesdienst ins Haus. Auf die allerbeqnemste Art, .'durch Broadcasting, per Radio. Es muß nicht gerade am . 1. Tischri sein. Die United Synagogue ist in Reformdingen 'souverän. Der 1. Trschri fiel auf einen Samstag, also wurde ' das große Rosch-Haschanah-Programm auf. den 27. Mul •' zurückverlegt. Das Programm war allerdings reichhaltig. ' Zwei Predigten, ein kurzer Vortrag und Awischendürch Jnstru- - mentalmNsik und Gesang aus dem reichen Melodienschatze der ■ Rosch-Haschänah-Gesänge.. Ueber die Wirkung dieses modernsten Gottesdienstes hat bisher nichts Näheres verlautet. Alle Schichte« der gudendeit fordern hont I Gedenket daher alle beim Thoraausruf des Keren Wazemstb 8is«llungslan6 i Keren Kniemeth. ßmöslicht er dem Boden- Ser Keren Knjemetb stellt es znr Berfönunnl . fonds, alle BodenansprSche zu befriedigen! gleiche Recht, ein Veto einzulegen, steht auch dem Gatten I zu, aber ebenfalls nur innerhalb desselben Tages, da er I davon Kenntnis erhält. Wenn er die Frau jedoch nach Ablauf dieser Frist an der Ausführung ihres Gelübdes oder Selbstverbotes hindert, so „konnnt ihre Sünde über ihn". (Vers 3 bis 17.) An dieses geschriebene biblische Gesetz, welches dem Vater und dem Gatten das Recht einräumt, die Gelübde der Tochter und,der Gattin zu annullieren, knüpft sich nun die Tradition, die ein ordentliches Gerichtskollegium sowie die' ganze Gemeinde oder einen qualifizierten 'Einzelrichter ermächtigt, die Gelübde des einzelnen aufzulösen. Erstcres heißt Haphara, letzteres Hathara. Diese erfordert einen förmlichen Prozeß nach religiönsgesetzlichen Normen. Diese Tradition hat offenbar ihre Wurzel in einem uralten, noch vormosaischen Gewohnheitsrecht, und ihr Ursprung ist sicher älter als die Niederschrift des biblischen Textes. Aus dem oben zitierten Verse „Er darf sein Wort nicht entweihen" und einigen anderen, wie zum Beispiel „Was von deinen Lippen kommt, mußt du bewähren", „Von lügnerischer Rede sollst du dich fernhalten" u. a., baut sich ein ganzes, vielverzweigtes System von Vorschriften auf, betreffend die Gelübde und Entsagungsschwüre und die gelöbnisartigen Verpflichtungen, die in dem sehr umfangreichen und vielfach kommentierten Talmudtraktat „Nedarim" niedergelegt ftnb und denen die späteren Nabbinen, vor allen Maimuni in seinem „Mischneh Thora" und Joseph Caro in seinem „Schulchan Aruch", besondere ausführliche Bücher gewidmet haben. Diese Bücher wurden abermals kommentiert und behandelt und nach allen Richtungen erläutert. Da werden mit der größten Minutiosität alle möglichen Fälle erörtert, in denen ein Mensch sich freiwillig etwas versagt, sich zu irgendeinem Opfer zu religiösen oder wohltätigen Zwecken verpflichtet*), sich eine Kasteiung, eine Buße, eine Enthaltung, einen Zwang auferlegt. Form, Inhalt, Umstände, Bedingungen werden mit schärfster Genauigkeit geprüft, und alles zielt darauf hin, ja nur *) Eine Verpflichtung zu Leistungen, die einen Geldwert haben, kann, auch wenn sie nur ans einem Gelübde entspringt, von der betreffenden Institution oder Einzelperson zivilrechtlich eingellagt werden. zu verhüten, daß auf die eine oder die andere Weise eine der oben zitierten biblischen Vorschriften und die an diese sich knüpfenden talmudischen Erschwerungen verletzt würde. Liest man diese ganze Literatur durch, so hat man die Empfindung, daß sie nur in einem Volke entstehen konnte, das den im Menschenherzen lebenden asketischen Trieb nicht in klösterlichen Organisationen und Verbänden betätigen wollte und konnte, und dieser sich darum in individuellen .Willensakten des einzelnen auslebte —, einem Volke ferner, welches entschlossen war, sein impulsives Temperament durch geheiligte Bindungen zu zügeln und in die Bahnen des Guten zu zwingen. Daß eine solche Anlage und eine solche Uebung häufig zu schweren Gewissenskonflikten führen mutzten, ist klar. Wie oft konnte ein Gelübde die Kraft des Gelobenden übersteigen, unvorausgesehene gefährliche Folgen für ihn haben, oder wegen geränderter Umstände unausführbar geworden sein. Hier bedurfte es also eines Korrektivs. Vor allem aber war es Ausgabe der führenden Instanzen, warnend und mahnend einzugreifen. Allein, wird man einwenden, das Kol Nidre bezieht sich ja (wenigstens in der vorliegenden Forin), gar nicht muf die Vergangenheit, sondern ans die Zukunft, es gewährt also die Möglichkeit, im voraus alle künftigen Gelübde und Schwüre usw. als eitel und nichtig zu erklären und jeglicher bindenden Kraft zu berauben. Was soll das bedeuten und wie wird das begründet? Hier muß ich eine „geheime Schrift" der Juden aus Tageslicht ziehen, die seltsamerweise dein Spürsinn der „Gelehrten" entgangen ist, obgleich sie in jedem Talmudexemplar offen zutage liegt und eine Menge ausgedehnter Diskussionen und Bestimumngen nach sich gezogen hat. Im Babli (Nedarim 23 b) heißt es nämlich: „Wer bq. will, daß seine Gelübde des ganzen künftigen Jahres im voraus ungültig seien, der erhebe sich am Neüjahrstage und spreche vor zwei oder drei Zeugen: „Alle Gelübde, die ich tun werde, seien hiermit als ungültig erklärt." Ein merkwürdiges Bild, nicht wahr? Ein meineidiger Schuft, der die Absicht hat, durch eine zauberkrästigc Beschwörungsformel die magisch-unheilvolle Wirkung seiner künftigen Meineide abzuwenden, verkriecht sich nicht in den dunkelsten Schlupfwinkel, um seine Hexerei im finsteren abzumachen, sondern ruft zwei oder drei Zeugen herbei, um der Sache eine möglichst große Publizität zu geben, und befürchtet nicht iw geringsten, dadurch an Kredit und Glaubwürdigkeit einzubüßen! Nun ist trotz der gegenteiligen Ansicht mancher Autoritäten, vom Jeruschalmi bis herab zu Rabbenu Thaw, die allgemeine Meinung, daß eine Vorausbedingung auch einen gelöbnisartigen Schwur annulliert. Dieses Prinzip hängt ja logisch mit der Hathara zusammen und muß denselben Geltungsbereich wie diese haben. Und auf diesem Grundsatz baut sich das Kol Pidre in seiner jetzigen, aus die Zukunft angewandten Form aus. Ursprünglich bezog sich die Formel nur auf die Vergangenheit, Jetzt wollen wir uns die Uebersetzung des Kol Mre ansehen, wie sie in der antisemitischen Literatur umläuft und im Antisemiten-Krtechlsmus niedergelegt ist. „Alle GelWde (Kol Nidre) und Verbindlichkeiten und Verschwörungen der Eide, die wir von dichm Verschwörungstag bis auf den nächsten geloben, schwören und Zusagen werden, die reuen uns alle und. sollen aufgelöst, erlassen, aufgehoben, vernichtet, unkrästig und ungültig sein, unsere Gelübde sollen keine GeWde und unsere Schwüre sollen keine Schwüre sein." (Schulchan Aruch 1, § 619.) *) ' In jeder Zeile mindestens eine Fälschung. „Essare" heißt nicht VerbiMichkeiten sondern Vevbote, und mau verstcht darunter ein Selbstverbot (in der Bibel, Numeri 30, 13 heißt ein solches Selbstverbot „issar-naphschah"), kraft dessen sich einer ans freien Stücken etwas Erlaubtes verbietet,' um sich Zwang oder Kasteiung aüftzuerlegen. Bon „Verschwörungen der Eide", an sich ein unverständlicher Begriff, steht nichts im Texte, sondern es steht „uschebne", das bedeutet eine „schebuath jnttui", das heißt einen Gelöbnisfchwur, nämlich ein Gelübde, welches sich durch seinen Inhalt in nichts von jedem anderen Gelübde unterscheidet, nur in der Form anders geartet ist: „Ich schwöre" anstatt .Ich gelobe, dies oder das zu tun oder zu lassen." (,Mi nifchba" anstatt: ,Kni noder".) Solch '*) Diese Quellenangabe zeugt schön allein von gröbster Unwissenheit. 2

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