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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-27 · Heft 2370 (27.9.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2370 (27.9.1925)
Date
1925-09-27
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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1 Wieder abgenommenl Durch den Gebrauch von Dr. Hofffbauers Beste Wirkung, ohne DiatzWang, garantiert unschädlich Vom Volksgesundheltsamt bewilligt (Nr. 911) Kein Abführmittel »t Keine Schilddrüse öchot: APOTHEKE »ZUMRÖMISCHEN KAISER* WIEN, I. WOLLZEILE 15/4 1106 Katzen im Prater. Eine Ausstellung des Gestügetznchtvereins. So ist also Wien auf die Katze gekommen. Unten im Prater (Große Zufahrtsstraße 25) ist bis heute abends eine sehenswerte Ausstellung geöffnet. In kleinen Draht« käsigen sind ungefähr 130 Prachtexemplare des Katzengeschlechtes in allen seinen Abarten untevgebracht. Merkwürdigerweise hat ausgerechnet der österreichische Geflügelzuchtverem die Propaga>nda für dieses Haustier übernommen, das zwischen Haß und Gunst der Menschen sein Dasein fristet. .Abgesehen von ihrer Nützlichkeit — wie versichert wird, vermag eine einzige Katze 5000 Mäuse im Jahre zu vertilgen — zeichnen sich diese Vierfüßler durch Anhänglichkeit und Anschmiegsamkeit aus, weshalb sie bei einem großen Teile der holden Weiblichkeit, dem vielleicht sonst niemand mehr schmeichelt, so beliebt find. In England soll der Katzenkult auf ganz besonderer Höhe stehen, und in London gibt es derzeit eine Ausstellung einer siamclsichen Katzenart, auf der Preise bis zu 50 Millionen Kronen für einzelne Exemplare erzielt wurden. Die Gründung eines Katzenvereins in Men, den die jährlich abzuhaltende Ausstellung bezweckt, dürste nicht lange auf sich warten lassen. Denn zur gestrigen Eröffnung hatte sich bereits eine stattliche Anzahl von Katzenfreunden, vor allem natürlich Frauen, eingestinden. Man betritt die Räume mit gemischten Gefühlen. Denn so ein Kater ist ja nicht jedermanns Sache und nicht jeder Wiener kann mit 50OV Mäusen im Jahre ausiivarten, wenn auch in dieser alten Kulturstätte diesbezüglich Voraussetzungen vorhanden sind. Man ist angenehm enttäuscht: Es „riecht" nicht. Zwischen Holzwolle, zumeist auf. Seidehpölstern, ruhen bunt bebänderte Tiere von auserlesener Schönheit. Um sie hemm bewegen sich geschästig und fürsorglich die Beisitzer. Die Kosenamen werden zärtlich geflüstert. Die MAns, Lädis und Maulsis (auch diese ominösen Namen gibt es) schm auch wirklich entzückeich aus. Gemeine Katzm, wie sie im Siiegenhause an einem vorberhuschen, find da gar nicht zu sehen. Dafür aber wunderschöne einfarbige und originell gezeichnete Hauskatzen, Angorakatzen in jeder Farbe, die im Aussterden befindlichen Wildkatzen, solche von der Insel Man, die immer seltener werden, siam-chinesische und Zypernkatzen, dann Rassen, die man in Men noch nie gestehen hat. Eine Fischotlerkatze aus Sumatra ist zu sehen, die als einzige ihrer Art ins Wasser geht. Eine große Pantherkatze, die aussicht wie ein kleiner Leopard, ist vor kurzem aus Brasilien nach Wien gebracht worden. In vielen Fällen sind die Tiere verkäuflich. Bon Wiener Mptzgenzeitung_27. September IW_ Pr. Wv Bor dem Metten Steiger-Prozeß Ae Untersuchung ' " “ . — Steiger ist te guter Stimmung. Aus Lemberg berichtet unser J-Korveßpondent: Immer näher rückt der 12. Oktober, der Dag, an dem der' von der gesamten Iu-denschaft mit Spannung edwartete Prozeß gegen den Lemberger Mischen Studenten Wladyslaw Steiger den Anfang nimmt. Das Gericht soll eine Frage entscheiden, die stit mehr als einem Jahr alles in Atem M: ,Hat Wla dys law Steiger am 5. September 1924 ein Attentat auf den Präsidenten der polnischen Republik Wojcie chowski verübt oder nicht? An diesem Tage wurde, wie wohl allgemein innerlich, während einer Ausfahrt des damals in Lemberg'zu Besuch weilenden Präsidenten eine. Blechbüchse geschleudert, die unter schwacher Rauchentwicklung niedersiel; eine Explosion erfolgte nicht und es «wurde k e i n e r l e i S ch a d e u angerichtet. Noch am gleichen Tage wurde Wladyslaw Steiger unter der Llnschuldigung verhaftet, die petardenähnliche Büchse in der Absicht, ein Attentat auf das Leben des Staatspräsidenten zu verüben, geschleudert zu haben. Er wurde vor ein Standgericht gestellt, das jedoch ans Kompetenzgründen die ProzeWhrung dem Geschwornengericht überwies. Länger« ls einJahr wurde die Untersuchung gegen Steiger geführt, der unaufhörlich «seine völlige Unschuld beteuert. Die politische Ausschrotung, welche die Beschuldigung gegen Steiger erfuhr, ist bekannt: es wurde von einem Attentat der „Steigerianer" gesprochen, einer Art Berschwörungsorganisation, deren ausführendes Organ Steiger geivesen fei. Es steht aber heute bereits fest, daß Steiger in k e i n e r W e i f e politisch engagiert war oder ist. Ein persönliches Motiv ist auch nicht gegeben und Steiger beteuert stets, er fei das Opfer einer Berloechslrmg. Die Anklage, welche die Staatsanwaldschast gegen ihn erhoben hat, stützt sich vornehmlich auf die Aussage z w e i e r Z c u g i n n e n (darunter einer getauften Jüdin, «der Kabarettsättgeri.l P a st e r n a k), welche in Steiget denjenigen erkennen wollen, der die Petarde geschleudert hat. Welcher Wert diesen Aussagen beizumesstn ist, wird die Verhandlung ergeben. Die letzten Vorbereitungen für diesen sensationellen Prozeß gehen ihrem Ende entgegen. Mittwoch hat Oberländesgerichtsrat Franke (der, wie bereits berichtet, den Vorsitz in dem am 12. Oktober beginnenden Prozeß führen wird) das letzte Verhör mit Steiger vorgenommen; mit diesem Verhör erscheint die Untersuchung abgeschlossen. Auch bei diesem Verhör erklärte Steiger, er bleibe bei seinen Angaben, die er vor dem Untersuchungsrichter ge» wacht hatte. Auf die Frage, ob er eineu ex-effü-Vcrteid'.ger wünsche, erklärte Steiger, daß er auf die Bcistcllung eines solchen verzichte, da er eine eigene Verteidigung -habe. Auf die Frage, tveu er als Verteidiger nominiere, teilte Steiger dem Rat Franke mit, vorläufig habe er einen Verteidiger, den Pvzemysler Rechtsanwalt Dr. Landau, er behalte sich aber vor, noch andere .Verteidiger mit seiner Verteidigung zu betrauen. Daß Steiger als Verteidiger nicht den bekannten Lemberger Rechtsanwalt Dr. G r e k nominiert hat, von dem allgemein erwartet lwivd, daß er die Verteidigung Steigers wieder übernehme, die er auch bei. der Verhandlung vor >de.m Standgericht innehatte, ist daraus zu erklären, daß Dr. Grek schwer erkrankt ist, so daß zweifelhaft erscheint, ob er bis zur Verhandlung soweit wiedevhevgestellt sein wird, um sich den Anstrengungen des Prozesses, dessen Dauer mit etwa drei Wochen veranschlagt werden kann, zu unterziehen. Steiger, der nach dem Verhör in Gegeu.vart des Oberlandesgerichtsrates Franke von seinen Eltern besucht und dann wieider in seine Zelle abgeführt wurde, ist ruhig; seine während der langen Untersuchungshaft stark zerrütteten Nerven haben sich beruhigt; er hofft auf einen günstigen Ausgang des Prozesses und glaubt an . die Gerechtigkeit der Justiz. hunderttausend Kronen aufwärts bis zu mehreren Millionen schwanken die Preise. Die ganz großen Lieblinge sind natürlich nicht zu haben. Sympathisch berührt der Vermerk: an Liebhaber gratis. Die Tiere nehmen den Runimel der Meyfchen gelassen auf. Stumm lasten sie sich bestaunen, blinzeln schläfrig mit verkniffenen Augen oder schauen mit klarem Mick, groß und schweigsam, mit der überlegenen Verachtung der' Tiere. Die „bissigen" Vertreter, Mld- und Panthevkatze, sind am stillsten. Es ist eine Ausstellung, die -man mißtrauisch betritt, um sie dann befriedigt zu verlassen. * Das Wetter. Geistern gab es Schöniwetter mit mäßigen TemipsvaMren. Am Abend trat Tv'Nmvg ein. Die Voraussage kündigt Bevschlechte-rung an. -er ueuePrWeut des Pariser Appellgerichtes. Wie uns aus Paris berichtet wird, wurde der Amtsdirekwr im Justizministerium, Eugene Drehfu's, zuni Präsidenten des Pariser Appellgerichtes ernannt. Dreyfus wurde 1864 in Mühilhaus im Elsaß gehören und trat, bald wach Absolvierung seiner Rechtsstudien in sranzössscheu Staatsdienst. Er war durch mehrere Jahre Generalprokurator in Rouen, später Generalanwalt in Paris und bekleidete seit vorigem Jahre .das Amt eines Amtsdirektors im Justizministerium, wo er da's Personalreferat hattet Senatspräsident Dreyfus ist Offizier der Ehrenlegion. . * Professor Dr. Jörs gestorben. GÄtern früh ist hier nach 'langem Leiden der Professor des römischen Rechtes Dr. Paul Jörs von der Wiener Universität, an der er viele Jahre wirkte, gestorben. chamira wachamia", bei welchem das Gesäuerte am Rüsttag des Pestach verbrannt wird: „Alle Gelübde, Verbote, Verschwörungen (Gelöbnisschwüre), Bannungen, Verzichtungen, Versagungen und deren Ämnujitn*), die wir geloben oder verschwören oder bannen oder verbieten werden auf unsere eigene Person, von diesem bis zum nächsten Versöhuungstag, der über uns komme zum Guten — sie alle bereuen wir, alle mögen sie aufgelöst sein, erlösten und erlaubt, annulliert und aufgehoben, nicht bindend, nicht bestehend, unsere Gelübde seien keine Gelübde, unsere Verbote keine Verbote und unsere Gelöbnisschwüre keine Gelöbnisschwüre." Wie ist es gekommen, daß diese wundervolle, ergreifende Melodie, welche die tiefsten und sehnsüchtigsten religiösen Gefühle ausdrückt, einer so farblosen, alles intim Religiösen entbehrenden Formel untergelegt wurde? Wann ist diese Formel entstanden? Darauf hat die wissenschaftliche Forschung noch keine Antwort gefunden. Auch die tiefschürfenden Forschungen von Bloch und Pozn a s k i haben das Dunkel nicht aufgehellt. Um so besser sind wir über die Wandlungen des Kol Nidre seit seinem ersten Auftauchen unterrichtet sowie über'seine lange Leidensgeschichte bis aus den heutigen Tag. Dieses arme, schöne Kol Nidre hat nämlich eine lange, lange Leidensgeschichte hinter sich, die einen Teil der Leidensgeschichte der Judenheit bildete Schon im 13. Jahrhundert mußte es Rabbi Jechiel von Paris in öffentlicher Disputation vor seinen Angreifern verteidigen. Gleichwie in früheren Jahrhunderten alle paar Jahre eine Anklage wegen Schändung geweihter Hostien und später wegen Gebrauchs von Christenblut gegen die Juden austauchte, so erstehen noch in unseren Tagen Beschuldigungen wegen des Kol Nidre, das verdächtigt wird, die Zuverlässigkeit der jüdischen Eide und Schwüre in Frage zu stellen. Ja, in letzter Zeit find diese Angriffe aussallend häufig ausgetreten. Selten wohl hat indessen die arisch-christliche Welt begründeteren Anlaß gehabt, darüber nachzudenken,, wie es bei ihr mit der Heiligkeit der Treueide und der Gelöbnisse bestellt ist, als heutzutage. Der Krieg und noch . *) MWHe Wortbildungen, dir im Botte umgehen, ~-*P^irtS''VTSlr' /*L~ ~ " i.--"'' _ ’ —, .V.— mehr der sogenannte Friede Haben die Begriffe der pri- I mitivsten Redlichkeit und Treue zwischen Völkern, Staa- | ten und deren Oberhäuptern und Lenkern hinweggewischt. Spionage, Tücke, Hinterlist, Wortbruch, Irreführung wurden als heilige Mittel zu heiligen Zwecken gestempelt. Der hinterlistige Verrat wurde zum hehren, staatenbildenden Prinzip erhoben. Mommsens Wort: „Die Weltgeschichte kennt keinen Hochverratsprozeß" hat sich noch niemals so bewährt wie heuzutage. In allen neuen Staaten Europas laufen eine Unmenge von Nationalhelden und Nationalheiligen umher, die nicht in einer .ehrlichen Erhebung gegen einen tyrannischen Herrscher oder fremden Bezwinger für die sogenannte Freiheit.gekämpft, sondern im heimlichen Kabinett, -mit Tinte, Druckerschwärze und verdächtigen Chemikalien gearbeitet, Unterschriften gefälscht, gestohlene Briefe geöffnet, Geheimnisse ihres Staates preisgegeben haben. Mitten in offener Schlacht haben zahlreiche Soldatenhaufen sich auf ihre eigenen Kameraden gestürzt, sie hingewürgt und sind zum Feinde übergelausen, dessen Sprache sie nicht einmal recht verstanden, haben die Fahne besudelt, unter der ihre Regimenter seit Jahrhunderten „ruhmreich" gedient hatten, haben den Landesvater verraten, dem ihre Vorfahren -seit Generationen Treue geschworen, dem ihre nächsten Volksgenossen erst vor kurzem feierlich und begeistert gehuldigt hatten. „Treulosigkeit gegen Treulosigkeit" war die Parole. Wie verheerend diese Beispiele, von oben, von den verantwortlichen Trägern der öffentlichen Sittlichkeit auf die Privatmoräl der einzelnen gewirkt haben, das wird erst die Kriminalistik der künftigen Jahre ganz enthüllen. Selten wohl haben Treu und Glauben in der europäischen christlichen Welt geringere Geltung gehabt als in unserer Zeit. Und gerade diese unsere Zeit hält es für angemessen, die Frage der Treue und Heiligkeit des Judeneides wieder aufzurollen. Für den großen antisemitischen Angrifsskampf wurde die alte verrostete Waffe hervorgeholt und blank geputzt. „Das, jüdis ch e Geheimgesetz"wird in einer großen Anzahl von Veröffentlichungen „enthüllt" und dargelegt, in „gelehrten" Büchern. und populären * Broschüren und Flugschriften, in Monatsschriften und Tageblättern, „Das jüdische Geheimgesetz" ninimt neben dem „Anteil des Iudentums an dem Zusammenbruch Deutschlands" den ersten Platz ein. Ein Hauptstück dieses „Geheimgesetzes" aber bildet der I u d e n e i d. . . „Wie berufene Fachmänner nachgewiesen haben, begünstigt die jüdische Religion eme laxe Auffassung des Eides durch das K o l -- N idre-Gebet, das am Vorabend des Versöhnungstages in der Synagoge mit großer Feierlichkeit verrichtet wirk Ganz besonders ist es erlaubt, Andersgläubigen gegenüber einen falschen Eid zu schwören." So lasen wir in einer hervorragenden Fachzeitschrift für Kriminalistik in einem Aufsatz, der sich mit der jüdischen Institution, der Lösung von Gelübden befaßte, die den Gegenstand des K.ol Nidre bildet. Der Herausgeber knüpfte daran die Aufforderung, „daß von jüdischer Seite die in Betracht kommenden Quellen nicht länger verheimlicht oder verscheiert werden mögen, damit die Prüfung ruhig und sachlich geführt werden könne". Folgendes ist nun interessant: Die Gelehrten, welche gegen die „geheime" jüdische Institution der Auslösung von Gelübden Sturm laufen, haben offenbar keine Ahnung, daß ihre moralische Entrüstung sich nicht gegen die Juden oder gegen die Rabbiner, sondern gegen — Moses und seine Bibel zu richten hätte. Die Quelle für diese Institution ist nämlich gar nicht „geheim", und es würde den Juden nichts nützen, sie verschleiern oder verheimlichen zu wollen, denn sie liegt im 4. Buche Mosis, Kapitel 80, Vers 2 ff., klar zutage und ist der ganzen Welt eine ziemlich geraume. Weile bekannt. Dort spricht nämlich Moses zu den Häuptern der Stämme Israels im Namen Gottes: „Wenn ein Mann Gott ein Gelübde leistet oder einen Eid schwört, um seiner Person etwas zu verbieten, so darf er sein Wort nicht entweihen. Ganz wie es aus seinem Munde gekommen ist, muß er es tun." Ein Weib, welches ein Gelübde leistet, „im Vaterhause, in der Zeit ihrer Minderjährigkeit", unterliegt demselben Gesetz, wenn der Vater von ihrem Gelübde oder Schwur Kenntnis genommen und dazu geschwiegen hat. „Wenn er sie jedoch hindert, an demselben Tage,' an dem er davon hört, wird das Gelübde oder Selbstverbot hinfällig und tVctt wird ihr verzeihen, denn der Vater hat sie gehindert." Tes 09^834 1838

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