Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1925-09-27 · Heft 2370 (27.9.1925) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2370 (27.9.1925)
Date
1925-09-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2979076-2981191-2981456--24183-3011702
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

6 entity mentions

_ Wiener Morgeuzeitung Berschiirfung der BeamtenkonMr. Urabstimmung überden Streik. Wegen, des Demonstratmnsstreiks der Buudesangestellteu am 10. d., sind bekanntlich die chriMchsozialen Beamtenvertreter ans beut Fünfnndzwanzigerausschuß ausgetreten. Bundeskanzler Dr. R a m e i l e h nie es daraufhin a b, mit den: FünfundzwanzigeranÄschutz zu verhandeln, der in seiner jetzigen Zusammenisetzung n i ch t meh r die Legitimation besitze, im Namen der gesamten Bundesangestellten zu sprechen. Diese Anwort des Kanzlers, die auf Grund eitles Beschlusses des Mmisterrates erteilt worden war, wurde gestern im Exekutivkomitee des Füufundizwanzigerausschusses erörtert. Das Exekutivkomitee gab einmütig der Anschauung Ansdruck, daß dieser Ministerratsbeschlnß nur als Wunsch der Regierlnng, die Vevhandlnngell mit den Bündesangestellteii abzubrechen, angesche^ werden kann, und befchloß, dies zur Kenntnis zn nehnlen und daraus die Konsequenzen zu z i eh e n. Es mürbe daher sofort in die Beratung jener Maßnahillen' eingegangen, die zur DurckMhruttg der bereits vorgesehenen U r a b st i Ul in u u g ^forderlich sirtd, und beschlossen, die U r a b st i nt m u n g übe r d i e Durchführung des gewerkschaftlichen Kampfes am 3. Oktober vorzunehmen. Lie Mische« Kindersreunüe. Wir erhalaen den folgenden Aufruf von dent Dekrctarüät der Jüdischen Ki-nderfremcke: Mit AuspaiMung all unserer Kräfte habeu .wir bis nun den Kampf um die Aufrechterhattllng u-njsorar Jnistitutionen mit Echollg geführt. Nun -aber droht unseren Tagesheimstätten und Kindergärten rettungslos der ZusMlNlien'brnch, wenn uuferc jüdischen Mitbürger sich uns nicht zur Seite stellen. In ilnjserer Böv-rängniis wenden wir illls hiemit all alle Juden mit der Bitte, uns zu helfen, damit nicht dllrch die Auflösmlg unserer Institutionen viele H u nderte von jüdischen Kindern wieder den Gefahren der Straße preisgegeben werden. Die bevorstehenden Feiertage bieten unseren Brüdern die Gelegenheit, durch Thora- und andere Spenden Werke der Mildtätigkeit zu üben. Wir bitten, unserer armen Schützlinge an diesen Tagen zu gedenken. Spenden sind an das Sekretariat der Jüdischen Kindcrfrcnndc, 2. Bez., Obere Donaustraße 91 (Tel. 41-207, Postsparkassenkonto 184.197) und an die Administration der „Wiener Morgenzeitung" zu richten. Letzte Kurse. New-Nork, 26. September. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80, London Kabel 4.84^/,», London Scheck 4.80'°/*, Amsterdam 40.21, Paris 4.73V., Brüssel 4.37^, Nom 4.V7V,, Madrid 14.40, Zürich 19.30, Stockholm 26.86, Oslo 20.16. Kopenhagen 24.16. Wien 14l/t Budapest 14V*. Prag 296V., Belgrad 172V-, Athen 1.48»/,'. Buenos Aires iOlfi6, Rio de Janeiro 13.96. Bukarest 48Vr- New-Jork, 26. September. (Tel.-Komy.) Weizen rot Winter 1ü23/4, Weizen hart Winter 152*/.. Mais 93, Hafer 443/t, Roggen S45/8. Ehikago, 26. September. (Tel.-Komp.) Wetzen per September. 139, Dezember 140*/.. Mai 143V.; Mais ver September 78, Dezember 77V., Mai 81*/.; Hafer per September 36V«, Dezember 39, Mai 431/.: Roggen per September 73*/.. Dezember 78V?, Dtai 84V.. >37. September IgLö ’ Seite 3 Kochet Backet Bratet nur mit dem altbekannten KUNEROL Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und wird unter streng ritueller Aufsicht Sr. Ehrwürden des Herrn OberrabbinersS. B. Ehrenfeld, Mattersburg, hergestellt. Es sollte in’ keinem Haushalte fehlen! KUNEROLWERKE A.O., WIEN Begrüßungsabeud für 8. Lpatofch«. Dem zu kurzem Aufenthalt tii Wien eingetroffenen jüdischen Dichter I. Opatosch it zu Ehren fand gestern ein Begrüßungsabend statt, dessen ü'bemuß zahlreicher Besuch bewies, daß die epische Kunst des bekamtten jüdischat Romanciers ihm auch in Wien viele Freunde gewonnen hat. Nach einer einleitenden Begrüßung der Gäste durch Schriftsteller M. Fuchs gab Herr M. Groß eine kurze, scharfmnrissene Analyse der 'literarischen Bedeutung Opa-' toschus. Sodann begrüßten den Gast die Herren D. I. S i lberbusch (im Namen der hebräischen und jüdischell Schriftsteller Wiens), Dr. Z. F. Finke l.ste in (namens der jüdischen Schriftsteller- und Künstlervereinigung Haruach) und Reg.-Rat Kreppet als Vertreter der jüdischen und hebräischen Pressekorrespondenten Wiens. Nachdem noch Herr Schwarz aus New-L)ork, ein Freund des Dichters, und Dr. Schmitz, der deutsche Uebersetzer der Werke Opatoschus, Worte der Begrüßung gesprochen hatten, las Opatoschu, mit starkem Beifall bedankt, ein Kapitel aus feinem demnächst erscheinenden Werk „1863" und einige unveröffentlichte Skizzen und dankte hierauf in kurzen herzlichen Worten für den freundlichen Empfang in Wien. Zwangloses Beisammensein hielt noch lange die Teilnehmer des von warmer Hcrzlii^- keit getragenen Abends zusammen. Ae Geschichte der StM Tel-Awiw. Die erste Mische Stadt. Der Stadtrat von Tel-AwÄv beschloß die Herausgabe eines großen Werkes über die EnkstchMig und Entwicklung der ersten jüdischen Stadt. Das Werk wird' ungefähr 40 Bogen stark sein und eine Anzahl wichtiger DoklMettte, Illustrationen, statistisches Matevial, Biographien der führendett PerisÄllWeiten der Stadt nsw. enthalten. Mit der Redaktion des Buches ivnrde Herr Jeripollüeski betraut. Kr. 2370 Wien, Sonntag Nach dev Versammlung tauchte eilt größerer Trupp Hakenkreuzler auf. Es kämm Doch unr zu einem Sängerwe-Mmpf. Wache trennte.- die beiden Lager. Ar Streik bei der AN««. Die technische Divektion der Alpinen Montan-Gsseüfchaft üt Leobeu'gM in einem Flugblatt bekannt, daß für alle diejenigen Arbeiter des Werkes, die spätestens morgen zur normalen Schichtzeit die Arbeit wieder ausnchmen, die mit Kundmachung, vom 2-2. d. ausgesprochene Entilassnng zurückgezogen und deren Dienstver- Mtnis als nicht nnterbrochen erklärt wird. Das Streikkomitee empsieUt Mieder den noch nicht im Ansstand, befindlichen Arbeitern, ni cht in den Stre ik zu tre ten. In Knappenderg in Kärnten, einem Erzbergwerk der Alpinen, verfügte die Direktion die. Schließung des Betriebes.,700 Arbeiter sind hievon betroffen. Die S t r e i k l a g e in den Betrieben der Alpinen hat sich vorläufig nicht geändert. Der gesamte Betrieb im Hüttenwerke steht. Lediglich ein Zehntel steht unter Dampf, der für den Fall eines Brandes zum Antriebe der Wasserpumpen dienen soll. Im Einvernehmen mit der Hüttenverwaltmig versehen, ungefähr 150 Arbeiter den Jnspektionsdienst. Von Interesse ist die Tatsache, daß die Direktion der Alpine s e l b st den Jnspektionsdienst abbaut. Die Inspektionen sind eingeschränkt worden, und zwar wegen der Unmöglichkeit, Arbeitswillige in das Werk zu bringen. Sonntag vormittags findet nach einer Sitzung des Streikkomitees von Donawitz aus ein D e m o n st r ationszng der gesamten streikenden Arbeiterschaft nach Leoben statt, wo auf dem Hauptplatz eine große Versammlung abgehalten wird. Die Streikenden haben bisher in jeglicher Hinsicht Disziplin gehalten, so daß Ausschreitungen auch fürderhin nicht zn befürchten sind. * Ocffcntliche Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Donnerstag den 1. Oktober nun halb 8 Uhr abends, 1. Bez., Seitenstettengasse 4, 2. Stock, ftndet eine öffentliche Sitzung des Kultuskoorstandes statt. Tagesordnung: 1. Einlauf. 2. Präsidialbericht. 3. Bericht über die Geschäftsführung während der Sommermonate. 4. Bericht über die temporären Beweranstaltungen int Jalhre 1925. 6. Jugendgottesdienft im Schuljahr 1925/26. 6. Maßnahmen zugunsten der Angestellten der israelitischen Kultusgemeinde. * Eine neue Verordnung für den Teevertaus. Im letzten BlmdesgeiseWatt wird eine Berordniung des Bunidesmmistevimns für Handel und Verkehr vcrlauibart, derzusolge Tee in den für Verbraucher bestinunden.Packungen nur unter Crs'ichtlichmachung des Nettogewichtes gewerbsmäßig verlaust oder sonst in Verkehr gesetzt werden darf. Diese Verordnung tritt mit dem 1. April 1926 in Kraft. Was^ man auch immer spricht und schreibt, Zigaretteu-p-pivr „0I.t.k!r«KU" bleibt Eine tutturhiftopische Skizze?) Bon Binjamin Segel. Bald wird man es erleben; überall auf Gottes weiter Erde, wo Juden wohnen, besonders in alten, kleinen Gemeinden, muß. mau es beobachten, zumal int Osten, wo die urwüchsige Frömmigkeit und das alte Herkommen sich ungebrochen erhalten haben. Da versammeln sie sich in Tausenden und Tausenden von prächtigen, ragenden Synagogen oder unscheinbaren, engen Bethäusern, um den Heiligen Tag, bcu Tag der Versöhnung mit Gott einzuleiten, wie sie cs seit vielen, vielen Jahrhunderten, jahraus, jahrein, getan haben, In weiße Gewänder gehüllt, von zahllosen Kerzenlichtern umstrahlt, stehen sie da auf nackten Sohlen; in ihren Gesichtern ist Erregung und. Spannung, Wehmut und Bangigkeit und freudige Erwartung zu lesen. Wie viele Male haben sic diesen Abend schon erlebt, aber jedesmal zittern sie ihm von Neuem entgegen. Streng und hart und mild und süß ist er; er tritt an sie als schonungsloser Mahner und bringt ihnen Versöhnung und Verzeihung; sie kosten an diesem Abend und an dem folgenden Tag die Schrecknisse des Gerichtes und die Wonnen der göttlichen Barmherzigkeit. Soeben erst haben/sie beim Eingang einander die Hände geschüttelt, Feinde haben , sich ansgesöhnt und einander die Kränkungen und Beleidigungen verziehen, und nun beugen sie die Häupter über die Gebetbücher und murmeln leise, jeder für sich, das „Latttere Gebet": „ . . . und da ich weiß, daß kein Mensch auf Erden gerecht ist, so daß er nicht sündigt namentlich gegen seinen Nächsten an Gut oder an Leib, durch Tat oder durch Rede, darum tut das Herz mir weh, denn die Sünden zwischen Mensch und Mensch werden ja am Versöhnungstage llicht vergeben, bis nicht der Sünder seinen Nächsten versöhnt hat**);. und darob bricht-mein Herz, und es erzittern nteine Glieder, denn solche Sünden sühnt auch der Tag.des Todes , nicht, darum geht, mein Gebet zu dir, daß du: dich' mein er- - *) Dieser Aufsatz ist eilt Abschnitt aus einem größeren Werk über den Inden eid, an welchem der Verfasser gegenwärtig arbeitet. Rach Mischna Joma 8, % barmst und mir Anmut und Gnade gibst in deinen Augen und in den Augen der Menschen. Ich verzeihe mit vollkommener und absoluter Verzeihung jedem, der mir gegenüber gesündigt hat an Leib oder an Gut oder indem er mir Uebles nachsagte, sogar indem er mich verleumdete, ebenso jedem, der mir geschadet hat an Leib oder an Gut, auch allen sonstigen menschlichen Vergehungen, die zwischen einem und seinem Nächsten Vorkommen können, ausgenonlutetl Dinge, zu denen mir eitler gerichtlich verpflichtet - ist*), und außer einem, der sich gegen mich zum Trotz vergangen hat, indem er sagte: ich tu's ihm an, er muß mir ja verzeihen; alles atldere verzeihe ich mit rückhaltloser Verzeihung, aus daß kein Mensch meinethalben von dir bestraft wird. Und gleichwie ich allen Menschen verzeihe, so gib du allen Menschen ein, mir zu verzeihen . . Das raunt, wie das Raunen eines Baches, in einer fernen, tiefen Schlucht, gedämpft und verhalten und leidettschastlich, von Schluchzen und Seufzen unterbrochen; ans der Frauensynagoge droben kommt herzzerreißendes, rhythmisches Klagen. Die große und unvergleichliche Stinuuung des Versöhnungstages beschleicht langsanr die Versammelten und nimmt Besitz von ihnen. Jetzt tritt auf einmal tiefe Stille ein. Zwei der Aeltesten steigen die Stufen zur Heiligen Lade hinan, schieben den weißen, silbergestickten Vorhang beiseite und öffnen die Pforte. Darinnen stehen die Morarollen in'ihren Mäntelchen mit den Kronen auf den Häuptern und sen- . den ein sanftes Letlchten heraus i'lber die Menge. Und mitten in dem tiefen Schweigen erwacht es und steigt herauf, ganz leise und schüchtern: „Kol Nidre". Halbist es Gesang, und halb Rezitativ, ein Flehen und Bitten wie von einer Schar schuldbewußter Kinder, die bangend den beleidigten Eltern nähett; bald jauchzt es gleichsant frohlockend aus in einer Aufwallmtg tröstlicher Zuversicht, um dann wieder demütig und zerknirscht sich zu ergießen und dähiuzuströmen und leise zu verklingen wie in eine Unendlichkeit. Jetzt tritt eine ütrze Pattse ein, tmr einen Augatblick ll'antz,' dattn steigt dev Säuger in die Tiefen des eigenen'.Oewisseus hinab, tllid wie von einem-leisen Schauer 'erfaßt/ schreit er. laut auf. und ruft den Unsicht- •:!--) Wöhlgemert't::Ohite.diese deutliche Verwahrmtg hätte. fx kein Recht mehr, die Förderung gerichtlich zn belangen. baren dort hoch oben an. Und darauf antwortet es wie eine Stimme aus fernen Welten, tröstend und liebreich, feierlich und kraftvoll, mächtig zu tragen und zu verzeihen. Hoffnungsvolle Töne erklingen jetzt, wie Seufzer der ErbsunL und Befreiung, schwellen immer kräftiger an, kosen und hüpfen und weinen und girren, um mit einem starken Hall, der wie ein Schwur oder eine Verheißung klingt, abzuschließen. Dreimal wiederholt sich der Gesang, immer lauter und fester und schließt mit einem dreifachen, großen in die Höhe empordringenden Ruf: „Es möge vergeben werden der ganzen Gemeinde Israel und dem Fremdling, der unter ihnen wohnt, denn das ganze Volk hat aus Jrv' tum gesündigt!" - Die Melodie des Kol Nidre sowie der ganze danach benannte abendliche Gottesdienst übt einen ganz unbeschreiblichen Zauber auf jedes jüdische Gemüt aus. Die vertrocknetsten Seelen und verhärtetsten Sünderherzett schmelzen dahin und werden wenigstens für zwei, drei Stunden aus dem Pfuhl der Gemeinheit und der Laster herausgehoben. Für so manche ist dieser Abend vielleicht der einzige, an dem sie mit der Welt des Reinen in Berührung kommen und einen fernst, leisen Hauch des Göttlichen verspüren, und ihm verdankt es sicher mehr als einer, daß er im Drange der Begierden, von der eigenen Schwäche hinabgezogen, doch nicht ganz zum Tier geworden ist. . . An diesem Abend kann man längst getaufte Juden und-Jüdinnen heimlich die Synagoge umschleichen und sich behutsam ins Innere stehlen sehen, um einen der alten, lieben und ergreifenden Töne zu erhaschen. In Osteuropa besuchen gebildete Christen und Christinnen die Synagoge am Kol-Nidre-Abend in Scharen, überlassen ' sich häufig den starken religiösen Emotionen, die ihn durchschauern. In Lemberg habe ich einmal, den Oberstkommandierenden Herzog, von Württemberg, einen greisen Soldaten, beim Kol Nidre in der großen Synagoge vor Ergriffenheit weinen sehen wie ein Kind. 5keiner beachtet den alle sind von der Melodie ' bezaubert. Aber der fremdartige und feierliche Klang des . aramäischen Idioms.trägt noch zur Erhöhung der Wir- ’ kung bei, etwa wie die lateinischm Sätze in den katholischen Gebeten. In Wirklichkeit ist der Text nüchtern und trocken, eine einfache juristische Formel, nach Art des „Kol

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.