Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2367 (24.9.1925)
- Date
- 1925-09-24
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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I Sk. 2367 'Wien, Donnerstag Set Streik bei der Alpinen. Wie £>a' Griazer „Arbeitcnvillc" aus D v u a w i tz meßbct,. würde von der Hiittenverwal! ilUgMrMöu -er Alpine "ArvntaMsellifihLst am Betriebsgebände eine Kmmdmachu ll g anzeischlageu, in der die gesamte %röei terscha>ft allfgefordert wurde, sofort die Arbeit wieder anszn-- nehmen. Wer im Laufe des Tages zu feiner gewöhnlichen Schicht nicht arbeitet, sei entlassen. Arbeitswillige würden «beiWftigt nnd geschützt werden. Das Streikkomitee setzte sich mit der WerWdirektion ins Eiiwernehlnen.und wies ans den Widerspruch hin, der zwischen der Airforderung einer Betrielbssichecheitsmannschast, die seitens des StreMomitees beigestellt wurde, und der Eutlasstlirgsandmhnng liegt. Die Werksdirektion erwiderte, daß sie darin feinen Widerspruch eMicke, und bemerkte, daß sich die Direktion nicht dazu verstehen könne, die Kunidtnachnng zurüchuzichcn, da die Alpine Moutairgesellschnft nicht geneigt sei, mit Streikenden zu verhandeln. Diese schroffe Haltung der Direktion der Alpine hat die St re iNa ge verschärft un.d es ist wahrscheinlich, daß der Streik auf alle Betriebe der Alpinen übcrg reist. Nach den Meldungen des gestrigen Tages wurde die Arbeit nicht aufgenommc n. Die in Wien eiugetroffenen Vertrauensmänner der streikenden Arbeiter, welche Beratungen mit der Leitung des Metallavbeiterver'bandes abhielten, bchäben sich gestern zusammen mit Vertretern des Wiener und des Grazer.Matallarbeiterverbandes in das Strerlgebiet. Wie vom Miallarbeiterverband verlautet, sind Bemühungeir im Zuge, die B e r h a ud l u n g e n zwischen der A l p i n e n und dem Meiallarbeiterv erband auWuchmen. Es wird auch erwartet, daß die Negierung in die Verhandlungen eingreift. Sie ßkhöhung bet Kollegiengelver. Die gestern! begonnenen Inskriptionen an den Hochschulen haben den Hörern, wahrscheinlich zur Förderung der Belstrebungen auf „boderrständige" Geistigkeit, die bereits angekülldigte etwa 25prozrntige Erhöhung der Sludiengebi'chron beschert. Das Kollegiengeld wurde für eine Wochenstunde im Semester auf einen Schi lititfl (»bisher 60 Groschen) erhöht. Das «Auditorieuge ld beträgt für die ordentlichen Hörer per Semester künftighin an der Universität Wien für die juridische FalkiuLtät 22 'Schilling (bisher J3 Schilling), für die mediziiüfche Fakultät 30 Schilling (bisher 16 Schilling), für die philosophische und theologische Fakultät je 18 Schilling (bisher 9 Schilling 60 Groschen). ' Eine sehr beträchtliche Steigerung erfuhren, die Gebühren für die Erlangung der a k a d e M i f ch e n Grade: Die Erwerbung des Doktordiploms kostet-künftighin an sämtlichen österreichischen Ünivevsitäten für Hörer - der Rechte 240 Schilling (bisher 64 Schilling), für Höver der Gtaatswissenschasten 180 Schilling (bisher'64 Schilling), für Mchiziner 260 Schilling (bisher 72 Schilling), für Philosophen 150 Schilling (bisher 48 Schilling), für Magister der Pharmazie 140 Schilling (bisher 29 Schilling 60 Groschen), für das Doktorat der Technik 96 Schilling (bisher 72 Schilling), für das Doktoratder Bodenkultur. 96 Schilling (bisher 72 Schilling), für das Doktorat an der Tierärztlichen Hochschule 120 Schilling (bisher'72 Schilling). Die Gebühren für. die 'Ablegung der Staatsprüfungen betragen künftighin: Für die drei Prüfungen an der juridischen Fakultät je 20 Schilling (bisher 12 Schilling), an der Technischen Hochschule für die erste Staatsprüfung 17 Schilling (bisher 8 Schilling), für die zweite Staatsprüfung 26 Schilling (bisher 16 Schilling). Wiener Morgenzeitung Zu bemerken ist noch, daß die Studiengebühren jetzt iiueit h ö h e r sind als beispielsweise au, den reich sdeutschen Hochschulen, von den französischen und italienischen, gar ilicht zu reden. Auch in den meisten Nachfolgestaaten sind die Kollcgiengelder niedriger als in Oesterreich. Dafür aber können wir uns rühmen, die hervorragendsten Halenfretlzhochschulen der ganzen Wlclt, ^iu geistiger, lnorälischer und sozialer Hinsicht, zu besitzeil. Das allein ist die hohe»: Gebühren wert! Sie Aufnahmibeschriinkungen für Wische Hörer in Krakau «nd Lemberg. Eine Erklärung des polnischen Außenministers. , (Eigendicnst der „Wieicer Alorgenzeitung".) Warschau, 28. September. Eine Deputation des jüdischen SejmAnbs ist beim Außenminister Sirzynski ivcgen der Beschränkungen, die bei der Aufnahme von jüd rs chen Hörern, an den Hochschulen in K r a la n und Lembe rg geübt werden, vorstellig geworden. Der Anbenminister nahm.die Beschwerde zur Kenntnis, und erklärte, daß diese Ausnahms'bcschränLungen auch gegen die vor kurzem gefchlossenm B e r e i n b a r n ll g e n zlvischen der Regierung und den parlamntarischen Vertretern der Inden Polens verstoßen; er sagte der Delegation zu, daß er sich sofort mit dem UnterrichtsmirMer Gei dem, wie bereits früher gemeldet, eine Delegation der jüdischeil Parlamentarier vorgesprochen hat) in Verbindung setzeil werde, um die B ef e i t i g u n g dieser ArifnahmsbeschräntNiNgcn dnrchznfÄhren. Beniczktz bleibt in Hast. Das Urteil von der obersten Instanz bestätigt. Budapest, 28. September. Die Königliche^ Tafel, die sich hsnte, als zweite Instanz mit der Strafsache des gewesenen Jnueuminifters Edmund B e ll i czkh befaßte, hat idem Ansuchen des Verteidigers, Bemazky auf freien Fuß zu fetzen, nicht stattgegeben und das Urteil der ersteil Instanz bestätigt. Beniczky bleibt sohin wei t e rh in i n Haft. Der Verteidiger hat gegen das Urteil die Nichtigkeitsbeschwerde erhoben. Beuiczky war zur Verhandlung nicht ers ch i e n e u, da er i nt Gchäuguis f ch wer e r krankt ist. Die Verhandlung lvar über Antrag des Staatsanwaltes mit Rücksicht auf „gefährdete Slaatsi lebe ressen" (bekanntlich hat Ben-iczky in der Veröffentlichung feiner Aussagen über die Ermordung g'lvaier Redakteure festgestellt, »daß H o rthy an diesen Morden d i r e k t b ie t e i- >ligt ist) -unter Ansschluß der Oef!sentllichkert durchgesührt und auch das U r t e -i l in, geheim e r Verhandln! n g v e r k ü n d e t worden'. ' Letzte Kurse. Rew-Vork, 23. September. (Tel.-Komp.) Berttll 23.80, London Kabel 4.84^/,, London , Scheck 4.80'/i, Amsterdam 40.19, Paris 4.73, Brüssel 4.36V,, Rom 4.08, Madrid 14.40, Zürich 19.30, Stockholm 26.86, Oslo 20.45, Kopenhagen 24.20, Wien 14V«. Budapest 14»/.. Prag 296V«, Belgrad 177V-,, Athen 146.-, Buenos Aires 40, Rio de Janeiro 13.90, Bukarest 483/.. New-Bvkk, 23. September. (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 159V«, Weizen hart Winter 159V«. Mais 983/., Hafer 45s/^ Roggen S95/8. Chikago,28. September. (Tel.-Komp.) Weizen per September, 147»/., Dezember 147V«. Alai 150V,; Mats per September 83V., Dezember 79V„ Mai 83V8; Hafer per September 37) Dezember 40, Mai 44V.! Roggen per September 79V., Dezember 83Vz, Mai 893/.. 24. Septernber 1925 Seite 3 mm Kochet Backet Bratet nur mit (lern altbekannicii KU N E RO L Kunerol ist 100% reines Fett aus Kokosnüssen und wird unter streng ritueller Aufsicht Sr. Ehrwiirden des Herrn OberrabbinersS. B. Ehrenfcld, Mattersburg, hergestellt. Es sollte in keinem Haush a 1 t,e kehlen! KUNEROLWERKE A.-0., WIEN Sie polnische Agrarreform. Warschau, 23. September. (Polu., Te-l.-Agentur.) Der Senat hat gestern den Gesetzentw-urf betreffend die DurchWvN'Ng der Agrarreform, der vom Sej-m bereits erledigt -ist, angeu-ommen. Eine neue spanische Niederlage in Marotto. London, 28. September. „Daily News" melden aus Madrid: Die Spanier habe bei dran ersten Versuch, die Rifleute von der Küste aus anzugreifen, eine Niederlage erlitten. Die au!s der Halbinsel Movro Nuevo stehenden fpanffchen Stveitkrä'fte, welche die Offensive gegen die Stellung der Wfleute auf dem Mabmuf iberg eröffneten, waren nach äußerst schwe reu Berlusten durch das Artillerie- und Maschinengewehüseuer der Marokkaner genötigt, sich auf ihren Stützpunkt zu r ü ckzuziehen. Die flüchtenden Spanier wurden da-mr noch von der E i n w o h n e r s ch a f t durch G. cw e h r f e u e r u n d H a u d g r a n a t e n dezimiert. Wie „Daily Tolegraph" aus Tanger berichtet, ist die Lage der in der Buckst vo>n Cebedilla gelaudeteu spanischen Truppen sehr kritisch, da sie unter dem ünaufhörlichen Gewehr- und Geschützfeuer der RiMbhlen, stehen; s edenTa g triifft e i n H o s p i t a lschiff mit Verwundeten in Mebilla ein. Heute soll der BoriMrsch dev spanischen Truppen aüf, Ajdir beginnen. Ein von MorvoNiuebo nach Tanger gekommener hoher spanischer Offizier erklärte sedock) — nach einer weiteren Meldung der „Daily Mail" — ein Borrücken der Spanier auf Äsdir sei ausges'chlosseu, so lauge die Franzosen nicht durch eine kräftige Oiffensive am Uergha den ständig zuuchMnden Druck .der Kalbylen au!f Cebedilla beseitiget:. Die Verbindung Tan ge r—T et u a n soll wieder unterbrochen sein. Die Friedensvorschläge. Nach einer MeldlU.ng aus >N a lb a t d e m e u t i e r ir die dortige französische Behörde amtlich die Meldwig, daß in Rabat ein Emissär Abd el Krims Ler neue Ha«fiew. Der Hausierer alten Stils war uns allen rin wohlbertrauter Bekannter. Ta kanr der Kleiderhändler, die ,/Krowotm"/ der Slowak mit den Kochlöffeln und itnuröglichen Holzpuppen, von Zeit zu Zeit auch noch eine Frau, die Knöpfe, Zwirn öder Küchenschürzen feilbot. Sie gchörten alle, ohne Ausnahme dem Proletariat an und brachten daher allen Mißlichleiten und Härten ihres Berufes eine stoische Gleichmütigkeit entgegen. Dieser Mißlichlkvit-en waren nicht wenige. Bor allem Wurden die Verkäufer oft genug ganz einfach 'den Bettlern gloichgeftellt und von den Türen Wegg'escheucht wie ein zudringlicher Mmosenhoüscher. Aber das focht den Hausierer von chedem wenig an. War er auch noch so unwirsch abgewiesen worden, das nächstemal klopfte er doch wieder bffchei'deutlich an die Türe, und wenn er unglückseligerweise ein gutes Gedächtnis befaß, das Demütigungen aufbewahrte, so wußte er es jedenfalls ausgezeichnet zu verbergen. Der Vorkriegshansterer war immer gelassen, immer gleichmütig und namentlich unter den Juden dieses Berufes gab es ke-me gevinge Zahl wetziger Originale. Zu dicher Sorte von Hausierern ist in letzter Zeit als Endergebnis des gewaltsamen Abbaues unter den geistigen Arbeitern eine ganz neue Gattung gekommen, die man beiileibe nicht Hausierer nennen darf. Sie betreiben auch ihr Gewerbe durchaus nicht offistell und wählen 'ihre inefft ziemlich unfreiwilligen Kundschaften sorgfältig aus. Wo sie ans den: Türschild, den Visitkarten oder der Klliugeltafel emen Titel finden, der auf einen geistigen Arbeiter höherer Kategorie hinlveist, lauten sie energisch an — das befchvidene Klopfen der einstigen Hausierer paßt gar nicht zu chrem. Stil — und verlangen, die „gnädige Frau" zu sprechen. Da der neue Hausierer fast immer gut. gekleidet gcht, wich seümn Verlangen entsprochen und die erstaunte Hausfrau sieht sich einem elegaulm Herrn gegenüber^ heh sich, verbeugen-, die Haken zusammenschlägt und dann « seiner Wentäsche Zwirnknöpfe herauszielst oder Bleieoder irgend welche Modenblätter. Gin arbeitsloser Privatlchrer bietet einem Schmiergelpapier und Putzsteine an, eine abgebante Handelsangestellte findet fick mit Gummitbäudern und HaüVNietzen ein, ein Bankbeamter bringt Schuhbänder, und ein altes Fräulein stellt sich als die Tochter eines angesehenen verstorbenen Rechtsanwaltes vor, macht eine Weile artig „Konversation", wobei sie französische Redewendungen einfließen läßt, und befördert födann aus «ihrer Lackledertasche eine kleine Kollektion von Badeseifen zutage. Da man von dem Schicksal, das sich da entrollt, erschnttert und.durch den Wortschwall betäubt ist, kauft man ummtzes Zeug zu übermäßigen Preisen und bereut den Kauf, wenn die Türe hinter der wmtreichen Dame iits Schloß fällt. Aber das Fräulein ist klug genug, sich nun drei Monate nicht blicken zu lassen, bis man den Vorfall, vergessen hat und das Spiel von neuem beginnen kann. Natürlich kommt es auch nicht selten bor, daß dem ,Mbelhausierer", wie «die neue Spezies genannt Wird, ein sehr unwirscher Empfang zuteil «wird. Hofra-ts- und. Mademikertitel sind heute ja durchaus keine Geivähr für WohPand, und damit auch keine Gewähr für wohlwollendes Verständnis. Wenn aber auch die schroffste Abwehr an der unzerstörbaren Gleichmütigkeit des Hausierers von ehedem abprallte, so verwundet sie feinen eleganten Mchfahren jedesmal aufs tiefste. Die Strammheit, die Unverfrorenheit, der ganze „Amerikanismus" ist ja nur anfgeklebt, ist ja nur die dünne, federleichte Hülle über der. Wunde des Deklassierten. Und alle diese geistigen Arbeiter, die sich ztt kleinen Wanderhändlern nlachen müssen, sind empfindlich. Sie belauern jede Miene, sie spüren hinter jeder Geste Geringschätzung und die Sicherheit, die sie zur Schau tragen, kann jeden Ingenblick tu hilflose Verzweiflung Umschlagen, und alle, alle sind von dxr heißen Angst beseelt, der Kauf könnte als Almofenspende aufgefaßt werden. „Ich will nichts geschenkt", sagen sie immer wieder, sagen es mit Miene, Blick und Wort. Wehe der Hausfrau, die sich mit einer kleinen Gabe vom Kaufzwang sreimachen wollte! Die wird so gründlich über die Pflicht des sozialen Verständnisses belehrt, daß sie die Lektion sobald nicht vergißt. ' , Bezeichnend ist, daß die Waren der neuen Hausierer fast ausnahmslos zu jenen gehören, die seit alters her im Hausierhandel vertrieben wurden. Seife, Haarnadeln, Knöpfe, Schuhbänder, kleine Bürsten — das haben schon unsere Mütter und Großmütter vom Wanderhändler gekauft. Wenn auch die modernen Verkäufer sich weder mit Gasanzündern noch mit Schreibmaschinenpapier einfinden, wenn der Lehrer lieber Haarnadeln als Jugendschriften herumträgt, die Comptoiristin lieber Köperbänder als Sportwesten oder — sehr aussichtsreich! — Lippenstifte, fo weist - das nur auf den grundsätzilich pwviforischen Charakter der Tätigkeit hin. Man will nicht lange Nachdenken. Hausierkram her und angefangen! Es ist ja ohnehin nicht für lange, ist nur ein Notbehelf, bis man wieder eine Stellung gefunden. Das freilich wird, wie jetzt die Dinge liegen, in vielen, vielen Fällen lange genug währen, Wenn die neuen: «Hausierer auch zumeist auf demiselben Weg in ihre neue Laufbahn gelangt sind, gibt es doch die größten Untevsch'ede unter ihnen. Da kommen Männer und Frauen, Alte und Junge, Kviegsinvaliide und Menschen, die von Kraft und Gesundheit strotzen, Trotzige und Müde. Juden und Christen. Aber darin begegnen sie einander wieder, daß sie alle ohne Ausnahme mit ihrer Mühe und Plage herzlich lvenig Geld verdienen. Und daß sie uns alle jeden Tag von neuem belehren, wieviel Kraft und Acheit bei uns sinnlos vergeudet wird. : ' K. M. . /