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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-19 · Heft 2363 (19.9.1925) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2363 (19.9.1925)
Date
1925-09-19
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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Sk. 2968 Wien, Sanletag ^—-.—-7.. «»■ ..; .-.- - ---- Naturen Herzklopfen. Wenn sie die Türklinke nieder- | drücken, müssen sie gewärtigen, statt des erhofften Erfolges eine Verletzung, eine schmerzliche Verletzung des Stolzes, mit dem sie einer' heiligen Sache dienen, helmzubringen. Und doch — die Chaluzim wissen es — kann Land nicht gekauft und Saatgut nicht beigestellt, können die Kinder der Siedler nicht erzogen und Ihre Kranken nicht geheilt iverden, wenn diese Kleinarbeit für unsere Fonds nicht gedeiht. Erste Voraussetzung für jede zionistische Entwicklung,. für welche Geld nötig ist: Enttäuschet die Werber für unsere Fonds nicht! Und in diesem besonderen Falle: Sorget, daß sie nach Abschluß der Tischri-Aktion nicht entmutigt und verbittert sind! O. A. Sfefettagsfotgeti. Die Worte /passen schlecht zusammen. Man möchte ja gruben, daß Festtagsstimmung die Sorgen von vornherein ausschlicht. Mer wer den Kopf voll trüber Gedanken hat, kann sie nicht einfach durch einen Machtspruch bannen, # und «wer aus der Schattenseite des Lebens wohnt, 'kt hascht auch von der Festtagssonne nur einen schwachen Schimmer. Zur Zeit der „großen 'Feiertage" werden ja auch die Erinnerungen wach, die Erinnerungen an ein Einst, an -das gar mancher nicht denken darf, ohne das Jetzt als bittere Strafe zu empsindcu. Neben diesen großen Kümmernissen gibt es noch die fröhlichen Sorgen. Die Sorgen der Hausfrauen, ob der heurige .Festlagsk'nchcn den vorjährigen, der heute noch in der Familie gerühmt wird, auch erreichen wird, die Sorge, ob das neue Kleid fertig wird, ob der Sohn rechtzeitig von der Reise eintveffcn wird. Berechnungen werden angestellt, wie lange er in dieser, in jener Stadt ausgehalten sein wird, ob er von Köln telegraphieren wird oder schon von Antwerpen. Auch die alte Frau rechne!. Sie besorgt das immer mit dem Bleistift auf dem Rand einer Zeitung. Tort ist Platz ßemifl für die wenigen Ziffern, die die Alte bemüht ist, zu addieren. Sie stellt eine ,,Wahrscheinlichkeitsrechnung" auf, wer sich ihrer Heuer erinnern und ihr eine Spende zukommen lassen auirb. Die Addition ist auch mehr auf „Wahrscheinlichkeit" als auf die Erkenntnisse von Adam Riese aufgvbaut. Es stimmt me recht, namentlich die Nullen laufen wild und wüst ans dem Papier durcheinander. Aber da die Leute ja ohnehin nur sehr selten den Voranschlag" einhalten, schadet es jedenfalls nicht viel, daß die Rechnung nicht stimmt. Sicher ist in jedem Falle: es reicht auch Heuer nicht auf einen „selbstgebackenen" Kuchen. Im besten Fall könnte man einen Kuchen Leim Bäcker .. kaufen. Einen gleichgültigen „dummen" Kuschen, der einem nichts sagte, nichts zu erzählen weiß von Mutters Geschäftigkeit vor den Feiertagen, von Vaters Scherzen» wenn er mit gespielter Neugier immer wieder in die Küche guckte, von der viel «belachten UngeschiMchiett der alten Magd, von dem ganzen stohen Kindheitsevlebnis, das langst, längst schon in der Zeiten Abgrund versunken ist und nur wieder lebendig wird, >wenn die alten welken Hände einen Kuchenteig! kneten. Den Kuchenteig nach dem Rezept aus Mutters und Großmntters Küche. Auch heuer wird e's beim Berechnen bleiben. Eine Träne läuft die runzlige Wange hinunter. Eilig wischt sie sie fort. „Soll das größte Unglück sein im neuen .Jahr", murmelt sie reuig. Aber .das ist nicht ganz ehrlich. Die Fvau denkt an die kranke -Tochter, die sich so sehr auf den Leckerbissen gefreut hat. Und wieder ist eine Träne da. Wirrer Morgenzeitmtz. Wie die Maschine den Dampf so braucht der Körper ständige rationelle1; Pflege. Aber ständig, denn sonst kann die erwünschte Wirkung nicht erzielt werden „DIANA“ Franzbranntwein mit Menthol ist das geeignetste Mittel zur rationellen :: Körperpflege und deshalb soll jeder DIANA Franzbranntwein ständig benützen Ueber^ll erhältlich - Franzbranntwein - Produktion-Ges WIEN, II. PRAG Will. _ Engarthstrasse 169 Ltaban» Drahobaljova 1073 Weint sie über den Kuchen, weint sie über ihr Unglück — sie weiß es wohl selbst nicht. . Zwischen den Gräberreihrn schleicht -langsam, langsam, auf einen Stock gestützt, ein alter Mann. Cr macht vor einem Grab Halt, in dem, wie. die Inschrift besagt, ein Zwanzigjähriger liegt. Ein „Leutnant", gefallen für Kaiser und Vaterland. Es gibt ja mehrere solcher Gräber von echt jüdischen Drückebergern da draußen ans unserem Totenacker. Lange sicht der Alte vor dem schlichten grauen Stein. Mit einem Stöhnen wendet er sich schließlich zum Gehen. Den ersten besten Vorübergehenden spricht er an, als nmßte das so sein. „Jedes Jahr dm ich vor den Feiertagen 'da hevansgescrhren, ihn besuchen", sagt er mit heiserer, gepreßter Stimme, „seitdem mir die Frau auch gegangen ist, bin ich allein gekommen. Die Töchter leben in Polen, sind gottlob gut verheiratet. Er 'war mein einziger." Die Stimme bricht. Nach einer Pause fährt der Mann fort: „Zweimal haben sie mich schon operiert. Jetzt meldet sich wieder ein Rezidiv. Wer wird nächstes Jahr sein Grab «besuchen?" Der Arbeitslose überlegt. «Seit April lebt er mit Weib und Kind von der „Unterstützung". Die Leute, die er um Arbeit bittet, zucken die Achseln: e's geht Tausenden nicht Ibesser. Und schließlich hat er doch die Arbeitslosenunterstützung — achtzehn Schilling in der Woche... >das ist ja ganz schon... man kann sich's schon einteilen... Das sagen Menschen, die mit dem Zehnfachen nicht ihr Auslangen finden könnten. Natürlich 'begnügt sich der Mann nicht mit den: Einholen solcher Ratschläge, sondern hat alles versucht, tvas sich versuchen läßt. Er ist mit Mode- Mttern hausieren gegangen und hat für eine Waschanstalt aushilfsweise" Wäsche ausgetragen. Da er Spengler von Beruf ist, liegt ihm beides ja sehr nahe. Aber jetzt weiß er nicht weiter. Cr ist von abergläubischer Angst befallen, in ein „Register" #it kommen, wie er es nennt, auf die Spendenliste eines Fürsorgev er ein es: Nur kein Almosenempfänger werden! Freilich, was jetzt werden soll, das 'weiß er auch nicht mehr. Die Frau 'will zu den Feiertagen rüsten, wie sie es von Kindheit an alle jüdischen Haus- IS. September 1926 Seite s -------:---—-V srauen tun gesehen. Sie wird «bescheiden sein. Aber auch j zur bescheidensten Forderung muß er: nein sagen.. Allesj Entbehrliche ist versetzt. Es gibt um mehr eine Möglich-! (feit, Festtage zu feiern, sie im Hause zu feiern, wie es her] Brauch verlangt: Almosen annehmen. Das erstemal Ms Leben... Am einfachsten erledigt das alte Fräulein -ihre/ Feiertagssorgen. „Neujahr", so erklärt sie, „können wir^ Mer nicht feiern. Aber fasten — das kann uns niemand verwehren." Und fasten werden die beiden Schwestern auch. Denn \ das haben sie in der letzten Zeit gründlich gelernt. - K. M. Ae Wiener Zudenlmt im Vethem- Gin Paar aktuelle statistische Notizen. Während der hohen Feiertage wird hei vielen, die sonst das ganze Jahr nicht in den Tempel gehen, das Bedürfnis rege, wenigstens an diesen drei Tagen einem Gottesdienst beizuwohnen. Daher wird die Nachfrage nach Tempelsitzen kurze Zeit vor den Feiertagen so ungeheuer groß, daß man mit den Gemeindetempeln allein das Auslangen nicht findet. So sieht sich die Kultusgemeinde veranlaßt, für eine Reihe von Gottesdiensten auch außerhalb der ständigen Andachten in den Tempeln vorzusorgen. Bon den sechs Gemeindetempeln faßt der Seitenstettentempel in der Inneren Stadt rund 500 Personen, der Tempel in der Leopoldstadt 3000, der im 15. Bezirk 1200, im 17. Bezirk 1200, im 18. Bezirk 1200 und im 21. Bezirk rund 400 Personen. Insgesamt beträgt also der Fassungsraum der Wiener Gemeindetempel ungefähr 7500 Personen. Um nun der gesteigerter: Nachfrage nach Tempelsitzen nachzükommen, veranstaltet die Kultusgemeinde noch acht offizielle Gottesdienste, darunter drei große im Musikvereinssaal, im Sophiensaal und im Hotel Continental; außerdem wurden drei Bethäuser in der Brigittenau (Tohnbeehalle, Treustraße und Dresdnerstraße), eines in Hernals und eines in Ottakring errichtet, deren Sitzplätze armen Leuten kostenlos zur Verfügung gestellt wurden. An diesen von der Gemeinde improvisierten Gottesdiensten können insgesamt 6500 Personen teilnehmen. Die Preise für Sitzplätze in den Gemeindetempeln bewegensich zwischen 10 und 60 Schilling. Im Musikvereinssaal, Sophiensaal und Hotel Continental wurden Karten von 2 bis 25 Schilling verkauft. Die Zahl der zur Verteilung gelangten Freiplätze beträgt ungefähr 1800. Außer den großen Gemeindetempeln stehen dem betenden Publikum die großen Vereinstempeln in den einzelnen Bezirken zur Verfügung. In Betracht kommen in erster Linie der Pazmanitentempel mit rund 1800, der Tempel in der Leopoldsgaffe mit 1200, die „Schissschul" mit 800, der Tempel im 3. Bezirk mit 250, im 4. und 6. Bezirk mit je 600, im 6. Bezirk mit 1200, in der Josefstadt mit 800, im 9. Bezirk mit 1200, in Favoriten mit 1000, in Simmering mit 300, in Rudolfsheim mit 400, in . Döbling mit 350 und in der Brigittenau mit 800 Sitzplätzen. Ferner werden von 19 kleineren Bethausvereinen, 30 sonstigen Vereinen und 14 Privaten Gottesdienste veranstaltet. Da die Vereinslokale meist nicht ausreichen, haben die einzelnen Vereine größere Säle für die Feiertage gemietet. So wurden die Olympiasäle (rund 1000 Personen Fassungsräum), der Bayrische Hof, das RestaurationsgebäM im Augarten, die großen Säle des Hotel Hinaus und kann erst Mt «bei Nacht zurück. Semem Herrn, der mit gebrochenem Fuß darniederlag, gab er über jeden 'Groschen Rechenschaft. In Schapirvs. Hause dankten alle Gott, daß er ihnen den Neger gesandt hatte. ,/Das ist gar kein Neger", begann Frau «Schapira vorsichtig zu ihrem Manne. ,/Natürlich nicht," anttoortete Schaprra gut gelaurft, „er gehört doch zu den „Israeliten", also Ä't er ein halber Jude." „Er «hält den 'Sabbat, ißt «kein Schwoimfteisch; sv «wahr ich lebe, er ist frömmer als die jüdischen Gojim!" so lobte ihn Frau Schapira in den «Höchsten Tönen. - Bessie wurde zutraulicher zu Buckevt; sie wartete «beim Bahnhof, ob Passagiere kämen und fuhr oft mit Buckert mit. Sein interessantes Gesicht, das me> rot wurde, aber in ' Besstes Gegenwart stärker leuchtete, als rollte unter der Haut schwarzes Mut, dieses anziehende Gesicht ries in ihr eine leise, wärmende Unruhe Hervor, und sie ivartete daraus, «daß Buckert sich ihr nähere. Als er ihr aber atemlos gestand, daß er sie liebe, toi erschrak sie und machte chm klar, daß daraus nichts werden könnte. Buckert faßte sich demütig in Geduld. Er 'bat Bessie «bloß, ihn nicht davonzujagen; er habe keine Ansprüche, dürfe keine 'haben, er — ein Schivarzer! — -wolle feine Liebe still im Herzen tragen, nur möge «Bessie ihm erlauben, im Hause zu bleiben. Mit jener unermüdlichen Hartnäckigkeit, deren Symbol sein harter Schädel war, folgte er Bessie wie ein Schatten,' beglückt von jedem Mick, jedem Lächeln. Go warf er vorsichtig ein Netz um Bessie, und als. der Winter vorüber war — der Väter lag noch immer zu Bette —, war Bessie Buckert so eng verbunden, daß beide Pläne für die Zukunft machten. „Ich werde mit tont Alten reden", begann Buckert. „Du wirst alles verdecken,. Buckert!" y „Weil ich ein Christ bin?" „Weil du ein- Christ bist und ein . . „Ich 'bin ein „-Israelit" und ich schwöre dir, Bessie, ich werde Jude 'werden! Ich bin mit eurem Hause verwachsen," eindringlich sprach Buckert auf das Mädchen ein, „der Vater ist krank, wir dürfen nicht sortgchen. Und war der ,/il-te Glaube" gut genug für „Vater «Abraham", sv wird er auch für wich gut genug fern." Wochen vergingen, bis der kranke Schapira sich mit dem Gedanken aussöhnte, daß seine Tochter Buckevt heiraten werde. Und als der Stadtschochet Abend für «Abend zu Schapira kam, sich zusammen mit Buckert zu einem hebräischen Gebetbuch mit englischer UebersetzMig setzte und dem Neger die Gebete lehrte, da blutete das Herz des Kranken; er konnte nicht mehr Trost in dem Gedanken finden, daß Buckert ein «halber Jude sei, und 'hatte das Gefühl, er verkaufe seine Tochter dem Teufel. Buckevt üvurde von Tag zu Tag frommer. Am Sabbat fuhr er nicht «mehr selbst mit dem Auto, sondern nahm für diesen Tag einen anderen Neger auf; er achtete sogar darauf, daß Bessie sich nicht ohne Segenssprnch zum Essen setzte. Nach drei Monaten Unterrichtes fuhr Buckert mit dem Schochet in einen Nachbarort zu einem Rabbiner und wurde dort in die jüdische Gemeinschaft ausgenommen. Ms er zurückkam, hieß er Abraham. Nach der Hochzeit zog sich Bnckerts Sippe völlig, von ihm zurück. Seine Eltern und Verwandten wollten nichts von ihm wissen. Er war es zufrieden und fetzte unbekümmert einen Strich unter sein früheres Leben. An jedem Sabbat ging er in die Synagoge und schaute chrsüvchtig nach den zwei Vornehmsten der Gemeinde hin, die an -der Qftlvand ihren Platz hatten. Ihre breiten Talessim und die selbstbewußte Würde, mit der sie durch die Synagoge schritten, flößten ihm Respekt ein. Die ganze Synagoge belustigte sich auf Kosten des „Ger". Einmal, an einem Neumondsabbat, brachte ihm ein Spaßvogel eine Pessach-Hagadah und redete ihm ein, man müsse am Neumondsabbat das Gebet „Gieße deinen Z-o^p ans über die Fremden" sagen. Die Leute, die herumstanden, -erstickten fast vor Lachen. ,/Warum lacht ihr?" fragte Buckert den, «der ihm zunächst stand. Der Nachbar lochte noch mehr. Bald stand Buckert Ln einem Kreise von Weinen Jungen, welche mit offenem Mund und lochenden AWen auf einen neuen Spaß warteten. Buckert stand, hilflos da; er ftMte sich fremd unter den Leuten, denen er sich mit Leib urw Seele ergeben hatte. Hätte ihn nicht der Schochet, der dazwischentrat, berichigt, so hatte er sich Ms den Mann gewogen, der Hm die Peffvch-Hagadah gebracht hatte. Bon Sabat zu Sabbat wurde es chm in der 'Synagoge unbehaglicher; es kränkte ihn, daß man ihn spöttisch aufah, daß er selten zur Dhora aufgerufen wurde. Eines Tages hatte pmand Jährgeit. In der Synagoge waren genau zehn Personen, aber es wncke nicht mit dem Gebet «begonnen. Morauf warten iwir?" „Gr hat recht, -worauf 'wa.rtenum?" „Ein Minjam ist doch boisamnren!" Mich?" „Unser Ger, Reb Abraham, ist der zehnte." ,Jhnzähle ich nicht", erwiderte der Traueviwe. „Was hast du an chm auszusetzen? Er «hält -den Sabbcch -betet jeden Tag", der Verteidiger Bnckerts wandte sich chm zu. „Was sagst du zu unserem SGchne? Er zählt dich nicht Zum Minjaw!" ,Marum?" ,M will einen wirklichen Juden." Die Augensterne 'des Ger verschwanden hinter den gelMchweißen Augäpsokn. Gr reckte sich empor und -maß den Trauernden, der beim Vovbeterpult stand, von oben bis unten. Dann — ein Hieb. Die Schlägerei begann. (Ans dem Jiddischen -von Siegfr-hetz Schmitz.) 5

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