Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2363 (19.9.1925)
- Date
- 1925-09-19
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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1 . Seite 8 Wien, SgmStag ^V2 ne>3 wie#, ii. “ HoUandiiram 14 Stephanie und Zentral, der Saal „zum grünen Baum", der Saal „zum Auge Gottes", die Gschwandtner-Säle in Hernals, die Mallenstein- und Brigittasäle in der Brigittenau u. v. a. m. von Privatvereinen für den Fciertagsgottesdienst gemietet. Die Zahl der Leute, die an diesen Gottesdiensten teilnchmen, wird mit ungefähr 16.000 geschätzt. Außer den genannten Gottesdienstgelegenheiten gibt cs noch eine große Anzahl von Stellen, an denen die Feicrtagsandacht inoffiziell verrichtet wird. Privatleute veranstalten ans eigene Faust in Wohnungen oder Gast- und Kaffeehausräumen Gottesdienste, die aus mannigfachen Gründen von der Kultusgemeinde bekämpft werden. Die Funktionäre sind oft nicht geschult und die Atmosphäre, die in den engen Räumen herrscht, in denen oft einige hundert Menschen zusammengepfercht sind, ist in den meisten Fallen geradezu polizeiwidrig. Es kommt auch vor, daß Einzelne sich aus solchen Gottesdiensten einträgliche Geschäfte machen. Sie mieten irgend ein unzulängliches Lokal, engagieren Funktionäre nnb verkaufen zu teuren Preisen Sitzplätze. Solchen Auswüchsen tritt die Kultusgemcinde natürlich mit aller Entschiedenheit entgegen, und stützt sich dabei auf ein Gesetz vom Jahre 1890, wonach die gesamten liturgischen Handlungen unter ihrer Oberaufsicht zu stehen haben. Die Bewilligung zur Abhaltung jedes Gottesdienstes muß bei der Kültusgemeinde eingeholt werden, widrigenfalls er von der Polizei inhibiert wird. Um die Einhaltung der vorgeschriebenen Normen sicherzustellen, ist eine Kaution zu leisten. Ferner müssen einige Karten zur unentgeltlichen Weitergabe an Arme ausgefolgt werden. Aus den genannten Ziffern geht hervor, daß etwa 45.000 bis 50.000 Juden an den hohen Feiertagen Gottesdienste besuchen. Es ist dies ein sehr hoher Prozentsatz der erwachsenen Wiener jüdischen Bevölkerung. Die Wiener Judenschaft gilt nicht als besonders fromm, aber an den hohen Feiertagen, wie man Rosch-Haschanah und Jom- Kippur in Wien häufig nennen hört, ist Tradition, Pietät und was sonst an religiösen und . nationalen Jnponderabilien mitspielt. so stark, daß -fast das ganze jüdische Wien im Bethaus zu finden ist. R. S. Jas Mische Gotteshaus und dar Palastinawerk. Bon Dn Chaim Tartakswer (Wien). Das Bechails Ivar bislang im jüdischen. Lüben sowohl Bech Tefillah, also ein Bethaus, als Bekh-Mtdraisch, das Lehr- und Lernhaus, und zuglledch Bech-Mreissth, das Versammlnngshans. Es war die jwrküyzte jüdische Front im geistigen Kampfe mit der Umwelt, m dom beWöllosen Kampfe eines MinderheitAwUes wm seine nationalgeistige Existenz und Entwicklung. Das Gochaus war die Konzentration des jüdischen gesellschaMichen : Lübens, wie das jüdische Haus sie für das private und FanMierÄvben des Mischen Individuums darstellte. Jn dieser ErhaKtinngsstätte Mischen Geisteslebens wurde natürlich jene Äivbe zu Erez Israel gepflegt, die in wu-erer Zeit moderne Formen annahm: Chibbath Zion und Zionismus. Diese Liebe wurde in ckbiwechsLungsreichen Formen gepflegt, oft dem Auge unsichtbar, über in der Wirkung evident und handgreiflich. Die sichtbarste Form war natürlich die Beschäftigung mit der Bibel, dem Talmud und in volkstümlicher Form mit der Agava. Diese Quellen jüdischen Geistes, vermittelten dom Judentum eine brennende Liebe zu Erez Israel. Sie äußerte sich auch darin, daß den Juden. die Ortschaften - Palästinas geläufiger waren als die ihrer nächsten Umgebung. Ihren Niederschlag erhielt sie darin, daß der zeitlebens dom Handel und Wandel ergebene Jude — von dem die nichtjüdische Umwelt annahm, er hänge bloß am Mammon — in einer gewissen Periode seines Lebens sich sagte: Jetzt ist die Zeit gekommen, daß ich in Erez Israel leibe, dort dem Thorasiu-dmm obliege und ausschließlich mit Gott Me. Diesem Streben Verdanken wir ja bekanntlich den alten Jischuw. Nun hat sich seithe-r das jüdische Leben ' gründlich gewandelt. Aus jenen mehr nach innen gewandten Bestro'bungon ist der moderne Zionismus erstanden, dom sich in immer stärkerem Maße das Interesse der Jüdenheit zuwendet. Aus dom Bächlein ist ein mächtiger Strom geworden. Immer mehr dringt der zionistische Gedanke in das Mische Leben ein. Es ist daher.nur natürlich, daß der Palästinagedanke in die Mischen Tempel und Bethäuser getragen werde. Sowohl alls ideale, erzieherisch bedeutungsvolle Forderung als auch als materielle Forderung. Der den Tempel besuchende. Jude soll in der dort herrschenden Stimmung des Spendenwollens Verhalten werden, des Keren Kajemeth zu gedenken, der sür die Mische Besiedlung Palästinas so .Hervorragendes geleistet hat und in Gegenwart und Zukunft für die nationale Kolonisation Entscheidendes AU leisten hat. . , Um nur eines heworzuheben: Der im Zionismus lebende Gedanke der Mnschichlung und Verwurzelung des Mischen , WLeuer Morgenzeltuna_ Mlkes in Palästina hat es gerade in der letzten Zeit verständen, it'cne Schichten ünftres Volkes herauzuzieheu aus den Reihen der Frvimmn und ChÄssidim. Der KVren Kajenceth Hut die Bodeukmg dipser Erscheinung erfaßt und den religiösen Jtt'deic Bodetr zur Verfügung gestellt, damit sie auf ihm Siedlmgen in ihrem Geiste sich errichten. Die Verwaltung des Keren Kaijamvth ging hierbei von keinem Partznschema ans: sie ivjllr sich Aar, daß sie es mit Juden zn Inn habe, die in den Meis der Erbauer unseres Landes treten wollen, und hat daher gar nicht untersucht, ob sie zur Organisation gehören. Es muß jedem Jtrden klar sein, daß die Bewegnug, welche diösen religiösen Teil der Jüdenheit erfaßt Hot, den Bginn einer treuen Epoche in tmserer Renaissance bedeuten kann; ja daß alles seitens des organisierten Judentums geschahen nmß, dymik dieser Benstlch positiv ansfalle, und daß er ein Vorläufer einer viel breiteren Betvvgunc^werde. Die ZisnÄ-iübe unseres Volkes — soweit sie sich int Mischen Gotteshouse offenbart hat — hat also ein gewaltiges Betcrtigmrgsftkd: mtzuwirken, daß der begonnene Prozeß der Prodnktiviernng der religiösen Schichten fortschreite uud daß bei der Dhora große Mittel für den Bodenfvnds aufgebracht werden, damit das religiöse Judentum in die Lage kommt, zu beweisen, daß das Aufbauwerk auch sein Werk sei. Es ist die Zeit gekommen, daf^oas jüdische Gotteshaus sich den ihm gebührenden Anteil <M Aufbau sichere, zutnal die jüdische toahrhaft gläubige Welt berufen ist, ans Dhora und Awoda eine neue, unzertrennliche Einheit zu ischasftn. Bon Egon Dietrichstein. Saison ist ein Wort aus dem Frieden. Un$ da tvir nun eiunral an gutem Gedächtnis leiden, erinneril wir uns, daß dcmrals die Eröfjüungspvemiere im Burgcheater, die bevorstehende Pelzjackenmode und die koketten Evlebtlisse im abgelau.se neu Sonfmerbad so ziemlich die erschöpfenden Sorgen Wiens waren. Mit dem Kriege wurde die ,/Saison" getötet; der Kampf gegen die Front und der Laus der Musterungen lhatte keine .Hmnuungen, das Jnleresie für die Hoscquipage des Kaisers und für die Ballettsoiree war 'längst erlahmt; nach dem Kriege fiel die Krone durch alle vier Jahreszeiten, im Sommer ebenso wie im Winter, die Börsenhaufse stürmte aus dem August in den September und brannte weiter, es gab keinen gesellschaftlichen Zeiteinschnitt, keine Panse, keine Saison, sondern nur das Valuten- und Effektenkursblatt. Ob die Gewinne Sealskin oder Zobel, eine Premiere von Schnitzler oder Schaufler abwerfen würde, lvar mehr als nebensächlich. Nun haben wir wieder Zeit, von der Saison zu sprechen. Und wir haben, oberflächlich betrachtet, auch wieder eine Wiener Sommer- und Wrntersaison. Eine Jahreszeit der Touristenunfälle und einen Winter, in dem Üe Autoren durchfallen. Wir haben wieder ein Programm. Wer wir müffen nur einigermaßen bezweifeln, daß es auch eingchalten wild. Wir sind der Gefahr von Komplikationen ausgesetzt. Gewiß, die Theater eröffnen. Aber schon hier beginnt der Zweifel:' sie eröffnen nur teilweise, sie eröffnen vielfach nach , schwerem Entschluß, nach wiederholten Versprechungen, nicht zu spielen. Und während Burg und Oper ihr Programm ankündigen, wird gleichzeitig das Defizit dieser Tätigkeit bekanntgegeben. Mit der Meldung, daß die usuellen Premieren, die usuellen Engagements, das usuelle Defizit weitergchen, die' Berstchevung, daß es so unter keinen Umständen weitergchen' lawt. Wieder schicken die Salons ihre Modejournale aus, aber die Tatsache, daß der Frack ausschließlich In Begleitung der weißen Weste erscheinen dürfe, erhält keine Resonanz mehr, und die Nachricht, -daß ein gefeierter Star Heuer Wien beehren wivd, erscheint durch die Meldung verdüstert, ein Welthaus sei eben in das hoffnungslose Stadium zwischen Ausgleich und Konkurs hinübergeschlummert. 'Die politischen Ereignisse haben sich für Wien etwas überlebt. Und mit Resignation hören wir, Genf habe unser Begräbnis oder unsere Auferstehung beschlossen. Die Wiener haben das Interesse für ihr großes Schicksal verloren und nur das kleine, persönliche, in seiner Auswirkung auf den Magen leicht faßbare und leicht verdauliche Geschick kann beruhigen oder erschrecken. Eine Steigerung der Miete mag uns der Verzweiflung noch näher bringen, die Diskussion über den ,Knfchluß an Deutschland" und andere hochpolitische Fragen regt uns augenblicklich nicht sonderlich auf. Das Steigen der Beinfleischpreise würden erschütternd wirken ... Die Staatsbeamten haben zur Aufbesserung ihrer Löhne einen Spaziergang zum Nathans unternommen, und da zu befürchten war, der Aktenbetrieb könnte sich auch ohne Personal, ans purer Gewohnheit weiter fortschlöppen, wurden die Schalter und Türen geschlossen, jedoch die beruhigende . Erklärung abgegeben, ein Schenkelhals- 'bruch auf der Straße würde ungestört der vorschriftsmäßigen Behandlung übergeben werden. Hingegen konnte der graue Hausfriedensbruch nicht vechindert weiten, denn es zeigte sich, daß eine Strafverhandlung nicht bis zum Urteil gedeiihen kann, wenn der Justizwachsoldat zur Aufbesserung seiner Lohnbezüge >den umständlich Angeklagten wieder von der Verhandln ngsbank in die Zelle zurückführt. Mit Rücksicht auf die Gesängnisichi;5ationen, in denen flir den Häftling und den dazugehörigen Stvchsack gleich- 19. Septeintber 1986 m. Boheme Bar HÄÄ der Fremdenwett Berlins Exquisite KQdie Treffpunkt _ Ä-Uhr«Tee * Souper prlx fix Ksotile Morleeu Touroiaire H? Komponist Peter Kreuder am Klavier zeitig schwer Raum ist, die Bohnensuppe mit Hafevflockev „abwechstlt", die Zwangsnmßnahmen, die ergriffen tverden müssen, um die Betvohner an der Aenderung des Auft enühaltcs zu verhindern, kann von einer „Palastrevolution", so effektvoll diese alarmierende Bezeichnung ist, kaum gesprochen werdeir. . . Zur Revolution, in der man, wenn man will, den Konflikt des Wachebeamten mit dem Richter erblicken kann, fchlt vovlausig der Palast. Und niemand dürste in den: Gerichtsgebäude in der Alserstraße das Hans erkennen, ,Ms Säulen ruht sein Dach, cs glänzt der Saal, es schmlmert das Gemach"; ebenso wird der romanistische Amtscharakter des Justizsoldaten als sich verschwörenden Prätorianers osfenisichtlich. . . Neben diesem Häftling, der stinonr ordentlichen Richter durch die Wache entführ-t wurde, hörte inan von emem anderen, der irgendwie in der Ordinatiotl seines Privatzahnarztes verlorett ging und es vorzog, lieber mit einem kariösen Zahn in Freiheit zn leben als nach Anstgemäßer Behandlung mit Leitungsanästhesie luieber in das Gefängnis zurückzukehren. Franziska Pvuscha mntzte die Reparatur ihres (Misses im Hause besorgett lassen, auf diese Weise kann nun der „Mordprozeß" nenerlich verhandelt werden. Aber das spannendste Kriminaldrama wird langweiliig, wem: es sich in endlosen Fortsetzungen Wiederholt. Jeder Verleger und Regisseur würde streichen. Die beiden ,/Pruscha-Pr.ozesfe" haben um einen Prozeß zu viel. Man vergißt beinahe, daß das Wort „Prozeß" von einem lateinischen Verbum, das „sortschreiten" bedontet, abgeleitet lvurde. So empfängt den aus Sonne, Wald und Meer in die nicht immergrüne, sondern nur periodisch blühende Grvßstadtsaison Rückkehrenden wenig erfreulicher, wenig kurzweiliger Wiener Lokalstoff. Im allgemeinen kann mau sagen: die Saison beginnt dort, wo sie geendet hat, dieselben Börsenkurse, dieselbe Wohnungsnot, dieselbe Stagnation. Alles hat sich stabilisiert, obgleich eine etwas minder hartnäckige Stabilisierung durchaus wünschenswert wäre. Das AnÄand versichert, Wien sei lebensfähig. Die Wiener — der Beamte, der Gastwirt, der Cafetier, der Theaterdirektor, der Kinobesitzer, der Rechtsanwalt — erklären ebenso bestimmt, daß sie nicht leben könnten. Jn- Awischen gibt Wien allerdings einige untrügliche Zeichen von Lebensifroude: man sitzt in seinem Stammcafe aus einem frisch gefüllten und neu überzogenen Sofa, die letzten alten Kaffeehäuser haben die ,-Gemütlichkeit" auSgehaucht und erfüllen das Breitnevsche Schönheitsideal, Luxuscafe zu sein. Der HochstrahlbmnNen spielt wieder Me Farben. Er ist renoviert, pMert und ausgebefsert worden. Eine BoliksaMmmung würde allerdings ergeben, daß die Bevölikerung mehr Rindfleisch und weniger Kunstblumen, mehr Inhalt und weniger Kunst, größere Portionen und kleinere Dekoration wüuscht. Die elektrischen Glühkörper in den Straßen wurden vermehrt. Dennoch sicht inan zu Beginn der Saison weniger Lichtpunkte als früher «.. Nie österreichische Strauß-Feier. Ein Aufruf des Unterrichtsministers an die Bevölkerung. Der Bundesminister für Unterricht Dr. Schneider erläßt einen Aufruf an die Bevölkerung Oesterreichs, tvelcher von sämtlichen Bundeshauptleuten mitunterzeichnet ist ttitb zu einer würdigen Feier von Johann Strauß' 100. Geburtstage auffordert, der am 25. Oktober stattfindet. Wie entnehmen diesem Aufrufe folgende Stellen: „Weit über die Grenzen seiner Vaterstadt Wien hinaus, über alle Zonen des Erdballes geht sein Ruhm als unerreichter Meister des Dreivierteltaktes. Die ganze Welt hat er in den Bannkreis seiner Melodien gezwungen. Walzerkönig wird er überall genannt — ein ungekrönter König von Volkesgnaden, dem alt und jung, arm und reich, die Menschen aller Konfessionen, Nationen und Rasten in Dankbarkeit und Bewunderung huldigen. So beispiellos dieser Ruhm ist, so einzig in ihrer Art soll auch die hundertste Geburtstagsfeier sein, die ihm jenes Land bereitet, über das der Weltbeglücker zuerst das Füllhorn seiner bestrickenden Melodien ausgegosten hat, und so soll, einem glücklichen Gedanken Prof. Viktor Keldorstrs, Chormeister des Wiener Schubertbundes, folgend, am 25. Oktober Johann Strauß in ganz Oesterreich der musikalische Tagesregent sein. Alle andere Musik, welcher Art sie auch immer sei, trete an diesem Tage zurück. Unser vornehmstes Kunstinstitut, die Staatsoper, gehe allen anderen österreichischen Theatern mit gutem Beispiel voran und selbst die kleinste Berufs- und Liebhaberbüyne künde von den Brettern herab den Ruhm des Meisters." Es sollen ferner an diesem Tage in sämtlichen Konzertsälen und Kinosälen, in den Konzertcafes, Bars und Heurigeoschänken ausschließlich Strauß-Weisen gespielt werden. * Hübners Knvsalonrestaurant. Wesgen R^giev>e,Wrin«de» runa wurden die Prerst im Wiener Restaurant um 26' bis 30 Prozent herabgesetzt. Im ftanzMchen Restaurant tötoupl Nachmittags Fünfuhrtee. - Alle Schichten der Züdenßeit fordern vom Keren ftajemeth SiedlungsBand Sei Keren Kajemeth stellt er rm Verfügung! Gedenket dcher alle beim Thomansrnf der Keren Kajemeth. Ermöglicht es dem Bodenfonds, aste Badenanfvrüche zu besriedigen! i t. r