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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-19 · Heft 2363 (19.9.1925) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2363 (19.9.1925)
Date
1925-09-19
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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I 'ü-r * r C _ Wien, Samstag ' Ae MMchlen in der Mechsilowakei. ' Die jMWHe Partei tritt wieder seßvständig in den WnhlkaWpf ein. (Eigendimst der „Wrvner Morgenzeetung".) Bratislava, 18. September. Hier fand unter Beteiligung von Delogierten oller tschechoftovxOschen Wahlkreis eine Togum der Zentralexekutive der jüdischen Partei statt, um zu den -in der zweiten Halste November 'bevorstehenden Parlamentswahlen Stellung zu nehmen. Nach einer eingehenden Aussprache, in welcher sämtliche Redner, darunter auch die anwesenden Mitglieder der Exekutive der Zionistischen Organisation' in der Tßchechoflvwakei Dr. Rnfeisen, Dr. Ludwig Singer, Dr. Sipos u. a., dafür eintraten, daß die Judenschaft der Tschechoslowakei auch diesmal mit einer selbständigen Kandidatenliste in die Wahlen eintrete, wurde eine Resolution angenommen, in der die Zentralexekutive der zwischen .Partei erklärt, fest enWossen zu sein, die jüdischen Stimmen in den kommenden Wahlen auf Grund des angenommenen Parteiprogramms zu konzentrieren. Eine tveitere Resolution spricht das Bedauern darüber aus, daß jüdische religiöse Institutionen von Funktionären, die über die öffentliche Ordnung zu wachen haben, für politische Parteizwecke mißbraucht werden. Ferner protestiert die Zentralexekutive der jüdischen Partei gegen die Versuche von Wählt error, die sich schon jetzt in Karpathorußland si'chDar machen, und betont den festen Willen, sich mit allen gesetzlichen Mtteln jedem Versuch einer Schmälerung des verfassungsmäßigen freien Wahlrechtes zu wideysetzen. Die jüdische Partei betont auch bei diesem Anlaß, daß sie ent-, schlossen ist, ihr Programm im Rahmen der Verf a s s u n g auf dem Boden des Staates geltend zu machen. Die Zentralexekutive hat den Beschluß gesaßt, daß in sämtlichen Wahlkreisen der Republik eigene Kandidaten aufgestellt werden. Mt der Ausstellung der Kandidatenlisten wurde ein eigener Vollzugsausschuß betraut. Das bei dieser Tagung gewählte PräsidiUm der Zentralexekutive besteht aus -den Herren Dr. Ludwig Singer (Prag), Dr. Sipos (Bratislava) mch Dr. Ju-skovits (Uzkorod). Ein aiktives Budget. Prag, 18. September^ MchKch. PM gtt tzer hsntigenersten Sitzung des AbgeokvdneleMufes ferien wurde der StaaLSvoranschlag/M:p&c* gelegt. Er wurde dem Budgetausschuß^ur Bemtung zugewiesen. Außer einer einleitenden Debatte über das handelspolitische Ermächtigungsgesetz erledigte das Haus Jmmunitätsangelegenheiten und vertagte sich sodann bis Dienstag. Im Budg« taus schuß, der nach der Haussttzung zusammentrat, gab Finanzminister Beeka zunächst seiner Studien ist seine Schrift ,ßU Juden in der Gei chlcht «."*) Der Verfasser steht auf vollkommen freisinnigem, fast extrem bibelkritischem Standpunkte. Um so bedeutsamer ist die große Ehrfurcht, mit der er von der Bedeutung unserer heiligen Schriften für den ethischen Fortschritt der Menschheit spricht. Glänzend ist die Parallele Frischen der Strafgesetzgebung -Hammurabis und der mosaischen. Dem gewaltigen Geist und dem hohen sittlichen Ernst, der diesen Teil -der Gesetzgebung Mvsis durchzieht, widmet der Verfasser folgende Worte: ,Mr gräßte Pwphet und der bescheidenste aller Menschen, Moses, der das Elend und die Sklaverei von der Nähe kennengelernt hat und die Gesetze des alten Volkes wohl kannte, echebt einen Protest gegen die Gesetze, in denen die Menschen nach Klassen «und Kasten eingeordnet werden. Sein Protest bescheiden und gewaltig." Den Gedanikengehalt der 'Lehre Moisis und der Propheten saßt er charakterisierend wie folgt zusammen: „Mitten unter durchwegs heidnischen Völkern lebend, -haben die Hebräer die soziale EM zu einer Höhe entwickelt, -daß ihnen der Dank der Menschheit hierfür für alle Zeiten gebührt." Dann: „So haben Moses und die Propheten den Gottesbegriff zur größten sittlichen Höhe entwickelt und Anschauungen gelehrt, die bis auf den heutigen Tag gültig erscheinen; ja, wie der gerade jetzt tobende VMerhaß zeigt, ist auch unfere Zeit noch nicht reif für jene Gedanken, die Moses als „Richter" und die Propheten geäußert «haben." Zum frühen Mittelalter übergehend, schildert der Verfasser die hrrvorragende'Arbeit der Juden an der Erhaltung und Ueberlieferu-ug der von der Antike übernommenen Wisse ns schätze, zählt die Werke großer jüdischer Aerzte auf, ■ die bis ins 9. Jahrhundert hinein blühten, dann die Mitwirkung der Juden bei der Gründung der ersten Universitäten in Europa zu Salerno und Montpellier. Um diese Zeit waren die Juden, abgesehen von den Arabern, die einzigen gut ausge'bitdeten Laienärzte, und so ist es verständlich, daß die einzige medizinische Arbeit eines Arztes dieser Zeit einen Juden zum Verfasser 'hat. Es ist das in hebräischer Sprache erschienene Antidotarium des Sabbatai ben Abraham, auch Donnolo genannt, der um die Zeit von 918 bis 965 in Unteritalien als Arzt tätig war. Der größte, aber lange nicht der letzte dieser Reihe war Mosesben Ma i mon, hervorragend als Arzt, aber noch me'hr.als Noligiousphilosoph. „Doch auch in der Medizin bekundete er eine große Selbständig- *) Verlag von Wilhelm Braumüller, Wien und Leipzig. Wiener MoMertzeitunst 19. September 1925 ,Rr. W9 Durch Dr. Hoffhauers! tlt Beste Wirkung, ohne Diätzwang, garantiert unschädlich Vom Volksgesundheitsamt bewilligt (Nr. 911) Kein Abführmittel Keine Schilddrüse Depot : APOTHEKE „ZUMRÖMISCHEN KAISER” WIEN, I. WOLLZEILE 13/4 1106 Freude darüber Ausdruck, ein Budget vorlegen zu können, das di« von ihm. vor zwei Jahren gemachte Voraussage, daß das Budget im Jahre 1926 aktiv sein werde, nicht nur erfülle, sondern übertreffe. Das mit schweren Opfern erreichte'Gleichgewicht müsse um jeden Preis im Jnteresse des Staates und seiner Bewohner erhalten werden. Zur Erzielung des Gleichgewichtes habe auch die kaufmännische Bewirtschaftung der staatlichen Betriebe, die Verringerung der kurzfristigen Schulden und die Novellierung des Gesetzes über die Z e t t e l b a n k beigetragen, Durch Errichtung der Zett-elbank wird es in kurzer Zeit möglich sein, das vielfach bei a u sländischen Faktoren gegenüber dem Staate, bestehende Mißtrauen, das auf die unrichtige Auffassung des Bankmntes zurückzuführen ist, zu beseitigen. KrttWe AinsnzlM emeinde. Die Verwalwng der jüdischen Gemeinde in Warschau ist, wie I. T. A. berichtet, angesichts der kritischen W i r t s ch a f t s l a g e des jüdischen Mittelstandes, der feine Verpflichtungen gegenüber der Gemeinde nicht erfüllen kann, in eine schwere finanzielle Krisis geraten. Zum ersten Male seit dem Bestände der Gemeinde ist ldie Verwaltung n i ch t in der Lage, aus Anlaß der Feiertage Unterstützungen an Bedürftige zu gewähren, obwohl sich di« Gesuche zu tausenden häufen. Die Vorsteher aller Synagogen und die Mtglieder der Gemeindeverwaltung hielten eine gemeinsame Sitzung ab, in der über die Beschaffung von Mitteln für die jüdischen Atmen beraten wurde. Letzte Ach. Aew-tzork, 18. September. (Tel.-Komp.) Berlin 23,80, London Kabel 4.84*/,, London Scheck 4.80'/, Amsterdam 40.20, Paris 4.73. Brüssel M9. RM 4.1v/,. Madrid 14.44, Zürich 19.31, « 26.84st O)to 21L0.. Kopenhagen 24.42. Wien 14. 1£, Prag' 2.9674. Belgrad 1.79, Athen 1.46, Buenos Aires 40^„ Rio de Janeiro 13.40. Bukarest 48V, Retv-Bork, 18. September. /Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 16213, Weizen hart Winter 162'/-. Mais 1057g< Hafer 46^ Roggen 95Vz. Ehikago, 18. September. (Tel.-Komp.) Wetzen per September, 1507/8, Dezember 1507*, Mal 1535/«; Mais per Sevtember 907«, Dezember 84'/,, Mai 857,; Hafer per September 387«, Dezember 41, Mai 451/«: Roggen ver September 847«, Dezember 897a, Mai 947r. Zer Wette Mser>Wzeß. Am 12. Oktober. (Eigendieust der „Mioner Morgenzeitultg".) Lemberg, 18. September/ Der Termin für die Verhandlung gegen den des Attentatsversuches auf den polnischen Staatspräsidenten anläßlich dessen Besuches in Lemberg am o. September 1924 beschuldigten jüdischen Studenten Wladyslaw Steiger ist nunmehr endgültig auf den 12. Oktober, 9 Uhr vormittags, festgesetzt. Der Prozeß wird vor dem Geschwornengericht in dessen ordentlichen Oktobcrsession stattfinden. (Die erste Verhandlung gegen Steiger fand, wie bekannt, vor dem Standgericht statt und lvurde von diesem an das ordentliche Gericht verwiesen.) _ Numerus tlattfus der Tat. Eine Beschwerde gegen den Lemberger UniversMssenat. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 18. September. Die jüdischen Mtglieder des Sejm wandten sich an den Unterrichts minister Grabski mit der Beschwerde, daß der Senat der Lemberger Universität durch sein Vorgehen anläßlich der soeben abgeschlossenen Inskriptionen den Rumerns clausus gegen Juden via facta in gesetzwidriger Weise eingeführt habe. Die Mischen Deputierten erinnnerten den Bildungsminister, daß er versprochen habe, keine Rechtsbeschränkungen jüdischen Studenten gegenüber zitzulassen. Demgegenüber wurden an der Lemberger Universität jüdische Studenten von der A u f n a h m e a u s g e s ch l o ss e n, obgleich, wie zum Beispiel auf der juristischen Fakultät, noch Platz vorhanden wäre. Auf der medizinischen Fakultät wurden bloß elf Juden ausgenommen und unter den Abgewiesenen befinden sich auch solche, welche die Reifeprüfung mit Auszeichnung bestanden hatten, während nichtjüdffche Studenten ohne-Rücksicht darauf, welche Reifezeugnisse sie vorletzten, Ausnahme gesttnden haben. NeMm der große« Shuagoge l« Saloniki. Aus Saloniki wird uns berichtet: Die Borstehung der hiesigen Judengemeinde schrieb vor einiger Zeit eine Konkurrenz für die Pläne eines Neubaues der großen Synagoge aus. An dieser Konkurrenz konnten jüdische Baumeister aller Staaten teilnchmen. Die eingesetzte Jury brachte dieser Tage ihre Entscheidung, laut welcher der erste Preis den Budapester jüdischen Architekten Wilhelm Frisch und Tibor :Rona zugeurteitt wurde. Sie wurden auch mit der Fertigstellung des endgültigen Bauplanes betraut. Nach diesem Plan wird die neue Synagoge einen großen Kuppelbau bilibett, die Kuppel wird 38 Meter hoch sein und einen Durchmesser von 18 Metern haben. ES sind zwei Türme und ein Fassungsrcmm von 1800 Sitzen vorgesehen. Die neue Synagoge von Saloniki wird einer der modernsten und Monumentalsten Tempelbanten der Welt werden. Seit/ littöettt‘ erbte RMchr zu der Michterneu, öWWen'' Beobachtung des H i P p o k r a t e s anbalhnte, im .Gegensatz zu semer Zeit, die die Lehre des Galenus dogmatistert und schablonisiert und dadurch den Fortschritt der Wissenschaft eingeengt hatte." Den Ueberblick über diese Zeit schließt Münzer mit einem Zitat aus dem spanischen Denker Riberyra de San tos (1796): ,Mr verdanken den Juden größtenteils die ersten Kenntnisse der Philosophie, der Botanik, der Medizin, der Astronomie und Kosmographie. ferner die Elemente der Grammatik und der heiligen Sprache sowie fast alle Studien zur biblischen Literatur." Es war für den Verfasser unvermeMch, «ine Polemik gegen eine Reihe neuerer Autoren einzugehen, die aus rassenpolitischen Motiven die Bedeutung des Judentums herabsetzen und die Bibel sowie das jüdische Volk sogar in den schwäWsten Farben malen. In erster Reihe steht hier der sattsam bekannte C h a m b e r l a i n. GevadeJU spassrg ist das Mißgeschick, welches diesem großen Rassenapostel mit der — Judennase Passiert ist. Diese berühmte Nase erregte das stärkste Mißfallen Clhamberlains und wurde ihm zum Symbol aller Gemeinheit, Niedrigkeit, Stumpfheit und Verwerflichkeit der Rasse. Seitdem aber die plaftifchen Denkmäler des ehemals sehr verbreiteten, seither verschollenen vorderasiatischen Volkes der Hethiter bekannt wurden, fand man, daß die Judennase eine — hethitische Nase ist. Diese Hethiter, die in der Bibel oftmals erwähnt wurden, dürften sich in hohem Grade mit den alten Hebräern vermischt lhaben. Die zahlreichen Inschriften in hethitischen Zeichen konnten lange nicht entziffert werden, so daß man den Charakter ihrer Sprache nicht kannte und nicht wußte, welcher Rasse sie eigentlich zuzuzählen wären. Chamberlain konstruierte sich nun aus diesem undestnier'baren Hethiter den „Homo syriaeus", der den Ausbund aller bösen, nichtarischen Rasseneigcnschasten darstellt; diese Eigenschaften mitsamt der Nase hätten nun die Juden geerbt, daher sie dem reinen Arier so verächtlich und zuwider seien . . . Das war alles soschön und klar. Nun^ kam die exakte Forschung und machte einen dicken Strich darüber. Der Wiener Semitologe Friedrich H r o z n Y veröffentlichte im Jahre 1915 die Ergebnisse seiner jahrelangen Untersuchungen über die Inschriften der Hethiter, es war ihm gelungen, das Alphabet zu entMern und die Sprache zu erforschen. Er kommt zu dem Schluß, daß es sich um eine i u d o g e r m a n i s ch e Sprache handelt, die in die unmittelbare Nähe des Lateinischen zu stellen ist! „Der Hechster, dieser Homo syriaeus Chamlberkains, stünde danach, so viel darf man wchl für diese ältesten Zeiten aus der Sprache schließen, den Ariern nicht ferner dü den Semiten. Die Judennase aber, dieses hethitische Erbstück, aus das Chamberlain so eindringlich hinweist, wäre — o Tücke des Objekts! — ein Beweis, wie mächtig dieser hethitstche Einschlag bei den Juden gewesen ist .» Rohrbach und D euss en haben, einer entgegengesetzten Methode folgend, den Nachweis zu .führen gesucht, daß der «ganze hehre Gedankerrinhalt der Bibel avischen «Ursprungs sei. „Die DeMndignng der israelitischen Propheten trägt die großen Züge arischer Religiosität," versichert Rohrbaich, dessen wissenschaftliches Rüstzeug allerdings viel leichter ist als die schweren Worte, die er zu gebrauchen liebt. Deussen findet in den Lehren Zarathustras eine groß«: Aehnlichleit nur den Lehren der Propheten und nimmt daraufhin ein- Beeinflussung letzterer durch erstere an, wodurch die althebräischen Begriffe und Anschaunngen von Gott und Mensch derart umgeformt worden seien, daß sie geeignet wurden, „die Grundlagen einer Weltreligion zu werden". Aber abgesehen davon, daß Zarathustra (dessen Zeitalter noch lange nicht feststcht) im besten Fälle ein Mterer Zeitgenosse von Hosea, Amos uttd Micha gewesen sein dürste, abgesehen davon, daß für die vorexilische Zeit keinerlei Einfluß des Parsismus auf das Judentum Mchweisbar ift, sagt Ätünzer mit Recht: „Selbst wenn die Entwicklung jener hohen sittlichen Ideen bei den Juden auf Rechnung arischen Einflusses zu setzen wäre, es würde an der Leistung der Hebräer nichts ändern, die ihnen gebührende Dankesschuld der Menschheit nicht mindern. Sie, die vielgeschmahten Hebräer, haben diese Grundsätze entwickelt, von hier aus sind sie der Menschheit übermittelt worden." In unserer von Bolkerhaß zerrissenen Zeit sind Stimmen der Gerechtigkeit wie diese, die so echt menschliche Töne erklingen lassen, selten. Die hohe Auffassung Münzers vom Patriotismus und von der Liebe zum eigenen Volke drückt sich am klarsten iu den schönen Worten aus, mit denen feine Schrift schließt: Wir müssen uns stets vor Augen halten, „daß im Dasein der Menschheit jedes einzelne Glied, seiner Zeit angehörend und gehorchend, mitgearbeitet hat am Werden des Menschengeschlechtes, daß kein Volk olhne das andere denkbar ist, daß, ebenso wie die Materie unzerstörbar ist und nur ihre äußere Etschemungsform wechselt, auch kein Gedanke, der je geäußert wurde, verloren geht, denn der Geist ist unsterblich". Si g m a.

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