Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2359 (15.9.1925)
- Date
- 1925-09-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2366 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeitung 16. September 1825 Ae Karriere des Auslings. rrebitfch.LV>kol«. Im „Pestcr ij'foijD" fiufcc.it mit die folgende eingehende Biographie des Hakenkronzlcripitzels u-nd Betrügers Ignaz T retii t sch - L in col n: Ein einfacher, braver Lehrer in Paks bekam zu Anfang der Achtzigerjahre zwei Löhne, die beide so ziemlich aus der ruhigen Art ihres Paters schlugen, und einem bewegten, manchrual abentenevlichcrt Leben cntgegcneilten. Der eine der Jünglingc, der int Jahre 1882 geborene Ludwig Tarczai, ward schon als Univevsitätshörer einer der Führer der ungarischen Arbeiterbewegung und übevnahnl mit 22 Jahren die Redaktion der Zeitschrift „Vilagosisag". Seine ltrfprünglich rein sozialistische Auffassung verschob sich immer mehr dem Auarchisntius zu, und als unter Einfluß des ideellen Auarchistetl und Beamten inr ungarischen Instizutinisterituu, des bekannten Philosophen Eugen S ch m i t t und des Grasen Erwin Batthyany sich eine ungarische Gruppe Edelanarchisten bildete, schloß sich Tarczai dieser an und ward bald Lehrer art der durch den Grasen begründeten „irnabhängitzelr" Schule von Bögöte. Tie Schule war von kurzer Lebensdauer. Der Graf mußte auf Inteliventiou seiner Standcsgenossen nach London übersiedeln, die Schule lvard behördlich geschlossen und Tarczai schiffte sich im Jahre 1912 nach Nej.v-Äjork ein, wo er seither an der Redaktion sozialistischer Blätter in ungarischer Sprache teiluunmt. Diese eigenartige, ntit dem kuriosen Intermezzo eines uitgarische.lt Anarchistenmagnatelt verquickte Laufbahn des Pakser Lehrersohnes muß aber als galt; simpel itlt'd gradliuig im Vergleich mit jouer seines jültgeren Brltders altgesprochen werden. Dieser ist der im Jahre 1884 geborene Ignaz Trebitsch, bekannter unter dem i ntcrtto11onalen Klang besitzenden Namen Trebitsch-Lincoln. Dieser Mann durchlief bis!l)er die abentetterlichste Karriere der letzten Jahrzehnte. Lartge vor feinem Bruder, bald uachdout er sein zwanzigstes Lebonsjahr überschritteu, landete der Jüngling in Amerika, wo er die gewöhuliche Stufenleiter der Auswauderer — Schuhputzer, Kellner, Kantelott usw. — bald und rasch erklonimen hatte und binneit lvcnigen Jahren schon als reicher Mann galt. Da ihn seine Religion am weiteren gesellschaftlichen Aufstieg int „demokratischen Amerika" verhiinderte, fand er cs fiir geeignet, sein Glaubensbekenntnis zu ändern und ging unter die Quäcker. 'Als solcher wußte er sich dann schon Eingang in die vornehntisten Kreise zu verschossen und erreichte den Rus eines steinretchen Mannes. Doch genügte dies dem ambitiösen jungen Manne nicht; er twchtete nach Rang und Ansehen, was in Amerika der Reichtum allein doch nicht bietet. Er ließ sich deshalb zum protestantischen Seelsorger, ordinieren und wurde einer der beliebtesten Prediger von Now-Nork, um dessen Gesellschaft sich die elegante Welt, besonders das schwächere Geschlecht, eifrig bewarb. Es kam zu einigen Skaudalgeschichten, und Ignaz Trebitsch, der inzwischen unter dem Bovwauid, er stamme mütterlicherseits voul berühmten Präsidenten Lincoln ab, den Doppelnamen Tvebttsch-iLinevln annahm, mußte eiligst Fersengeld geben und schiffte sich nach dem Oldcountry ein. . Dieses. Kapitel seines farbenreichen Lebens begann damit, daß Jgnace Lincoln nunmehr inr Kleid eures anglikanischen Priesters in England ans Festland trat, wo er sich, als rede- und schriftgeiwaudter Mann, binnen kurzem beim Evzlbischof dort Cantecknry derart beliebt machte, daß dieser ihm die Wege ins politische Leben ebnete. Bon nun an begann der „schvindelhafte" Aufstieg des Pakfer Lchrersohnes. Bei beit Wahlen von 1912 wurde der Pfarrer der Highchnrch von einem Londoner Bezirk mit liberalem Programm ins Unterhaus gewählt und jedermamt betrachtete diesen Erfolg nur als ein Sprungbrett zu viel, viel Höherem: es brauchte kent besonderer GWckSfall ztt kommen, daß atts donr Paffer Judenjungen ein höher Funktionär der englischen Staatskirche werde, ja daß er solcherart gar u n t e r d i e Peers des englischen W e I t r eichs gelange. Doch da kam das unerbittliche Schicksal. Als Abgeordneter verübte er einige großangelegte-Schwindeleien, sodaßdie Londoner Polizei aufmerffam auf ihn wurde und jeden seiner Schritte beobachtete. Trebitsch-Lincoln faßte Verdacht. Es brach gerade der Weltkrieg aus. Um unaitgenchmeu Mchfovschungen zu entgehen mtd seine bislherigen Spuren zu verwischen, meldete sich der right revepend Jgnace freiwillig zur Froutarmee, wo er als Feldprvdiger bei Pen Truppen au.der Front Dienst leistete. Älußerdem befaßte er sich als .Hauptbeschäftigung ntit einer ausgedehnten Spionagetätigkeit, der wieder die Attlitävpolizei auf die Spur tont. Jgnace roch Lllnte und flüchtete noch im Jahre 1816 nach Amerikawo seine Vergangenheit im Kriegsrmnmel vergessen wurde; auch konnte niemand bei diesem eifrigen /IntevoentionApropagaudlstett ein dunkles Bovlelben voraussetzen. Hier begann er nun wieder als biederer Kaufmann sein Schicksal nm anfzubauen. Einige mißlungene Wechselfäffchnngen lieferten Hn nun der Gerechtigkeit irr die Arme, uitb als er seine Strafe hie für abbüßte, wurde er, an Ettgland ausgeliefert, das nt it dem vormaligen right hononrMe Niitglied des Nnterhaüses wegerr seiner Spionageaffären noch ein Hühttchen ztt pflücken hatte. Er wtirde verurteilt und nach Abbüßung feiner Strafe als lästiger Fremder abgeschoben. Nun kaut Trebitsch erst in die richtige Form. Die Länder und Weltteile englischer Zunge wurden ihm schon zu heiß; desha>lib verlegte er sein Wirlungsgebiet in das von revolutionären Unruhen gepeinigte Deutschland, wo er bald wieder hochzukommen gedachte. Cr nahnt hier ntit den Reaktionären Fühlung und lvard bald ein Vertrauter der Hakenkreuzler. Er wurde durch sie ntit der Leitung der Preßpro- P a g a n d a bc traut, und als cs zunt Kapp - Putsch kaut, tvard er der Pressechef der ktlvzlebigen konterrevolutionären Regierung. Nach dcnt Niederbrnch des Putsches floh er mit den rnilitärischen Führern dieses Unternehmens, mit dcnt bekannten Oberst a. D. B a u e r und dem Hanptmann a. D. Papst, nach Süddcutschland. Trebitsch ward hier der führende Geist der rassenschützlerischen Bewegung. Er fand bald Mittel und Wege, Konfrdentenberichte und Dossiers über die Pläne der deutschen Monarchisten an das tschechische Anßeltntinisterium zu Verkaufelt. Es tut wenig zur Dache, daß diese Berichte und Dokumente — sich bald als gefälscht erwiesen. Oberst Bauer, gegen den übrigens, ebenso wie gegeit Trebitsch, ein H a f t b e f e h >l erlasseir tvar und deren Vermögen auch unter gerichtliche Spcere gesetzt lourde, trachtete, sich des ungelegenen Waffengonossen zu enttckigen und entsandte ihn mit einem Begleitschreiben nach Ungarn, Zu einem der bekannten Anführer der Rassenschützlcr. Trebitsch Bant nach Budapest, fand aber das Milieu nicht sehr geeignet für seine weiteren Pläne. Rasch verschj.vand er aus Ungarn, ja auch aus Europa. Eines schönen Tages 'brachte die Weltpresse die überraschende Nachricht, an der Seite des Diktators der Mandschurei, des Generals Wu-Pei-Fu, befinde sich ein europäischer Ratgeber im Mandarinsvang. Der chinesische Mandarin war nientand anders als Twbiksch-Äincoln. Aber es hielt ihn auch da nicht lange. In einer Serie von fünf Artikeln, die er für eine horrende Summe dem amerikanischen Hearst-Konzern verkaufte, enthüllte er die tiefsten Beweggründe der aktuellen chinesischen Lage; weshalb er natürlich wieder schleunigst seines Mandarinsranges entsagen mußte. Er kam wieder nach Berlin zurück, da er glaubte, daß er nicht erkannt werden würde. Die Polizei kam ihm doch auf die Spur. Er wurde in einer Privatwohnnng ansgeforscht lind die Polizerleute wollten ihn verhaften. Er. stellte sich ihnen liatürlich sogleich Zur Verfügung, wollte nur vorher im aMegenden Zimmer Toilette machen und Kleinigkeiten in seine Aktentasche eiltpacken. Als er nach Verlauf einer Viertelstunde noch immer nicht zum Vorschein kam, öMete man die Dur nach dem Nachbarzimmer — es war leer. Dafür erklang in diesem Momeitt das T" 'ephon, und die Stimme Trebitsch' bat tausendmal um Bertzeilhung, daß er sich veranläßt sah, frühzeitig und ohne AbschiÄ» zu verschwinden; doch werde man Verständnis seiner Zwangslage entgegenbvitlgen. . . Die neuesten Nachrichten über den Manu sind Zwei Dokumente. Das eine lautet wie folgt: ,/Der Gerichtshof zum Schutz der deutschen Republik hat in nichtöffentlicher Sitzung vorn 26. August beschlossen, das Vevftchxon gegen den Tagesschriftsteller Ignaz Trebitsch-Lincoln, den Hauptmamr a. D. Papst und dem Oberst a. D. Bauer auf Gmnd des § 3 des Reichsgesetzes über Straffveiheit vom 17. August dieses Jahves einzustel'len. Die Haftbefehle wecken aufgehoben, ebenso die Beschlagttähme der Vermögen aller drei Angeschuldigten." Das andere TMtntettt ist eine Klirrende in den jugoslawischen TageMättern, worin die PerfonÄbefchreibung >des ehe-maligen anglikanischen Seelsorgers Jgnace Trebitsch alias Trebitsch-Lineollt auf Aufforderung der englischen Behörden veröffentlicht und jckerumnn, der etwas vom Aufenthalt dieses Vtannes weiß, aufgefordert wick, es den jugoslawischen Behördeu ztt tnolden, da es nicht ausgeschlossett erscheittt, daß er sich auf jugoflaiwischem Bodert aufhält. Nach dorn bisherigen LSbenslauf des kühnen Abenteurers dürfte die Welt noch manches Interessante über den Lehreysohn von Paks erfahren. Ne Femem'ör"er. (Eigendierrst der „Wiorter Morgenzerttmg".) Berlin, 14. Se-pte-ntber. In dort letztett Tagen war in unterrichteten Kreisen schort bekannt, daß besondere Enthüllultgen ilt der Frage der Fementovde in Mecklenburg und anderett detttfchen Gegen^delt, die tin Anschluß an die Auslosung der schwarzen Reichswehr verübt wurden, bevorstehett. Die „Welt aut Nlontag" ist heute ilt der Lage, die Nanteu der seit Jahren gesuchten Fentemörder ztt veröffentlicheit. Es handelt sich um einen gewissen B ü sch i ng, genannt „Freund Hein", Klappe r r v t h und F a hl b u s ch, Feldwebel der schlvarM Reichswehr. Die Feme, die eine große Zahl voll Mordell aufzuweifen hat, stand irr letzter Zeit unter der Fühmilg des vielgenannten Oberstleutnants Schulz, der die eigent- Leichte Ermüdbarkeit des Kopfes, vorzeitige Erlalnnurlg der Spannkraft u. bergt, beutet auf schwache Nerven ('Neurasthrnie). Wer seine Nerven mit 2 a n a t o g e n kräftigt, ivird nicht nur des Tages Mnhe leichter itbsrivindcn, sondern nach beendeter Arbeit auch noch Kraft zu frohent Genns; ist Nervennahrung, kein Reizmittel! In mehr ats 24.000 schriftlichen Gutachten namhafter Aerzte wird seine Zuverlässigkeit und nachhaltige Wirküitg bezeugt. So schreibt Herr SanitätSrat Dr. med. Eckstein in Leipzig: „Seit Jahren habe ich Sanatogen in meiner Praxis verordnet und habe besonders in der Rekonvaleszenz nach schweren Krankheiten und in Fällen von Blutarmut und geistiger Ermüdung und Abspannung sehr gute Resultate gesehen. Es ist ein Neroeukräftigungsmittel allerersten Ranges, das durch kein anderes Präparat ersetzt wird." Jeder kann sofort einen Versuch mit Sanatogen machen, da es schon in Packun -en von 8 2.6S an in allen Apotheken und Drogerien zu haben ist. Probe und austlärende Broschüre „Wegweiser zu Gesundheit und Lebensfreude" erhalten Sie auf Wunsch kostenlos durch die Sanatogenwerke Bauer & Sie.. Berlin SW. 48. Liche Seele der schwarzeu Reichswehr loar unb 'der sich auf die Tätigkeit der drei Genannten stützte. Bisher scheinen sie nicht in Haft zu sein. Auch die Nachricht von der Festlrahme Klapperoths beruht auf ci-nean Mißverständnis, lieber die Persönlichkeit der Mörder teilt das getmnnte Blatt mit: Büsching und Klapperoch Iva reu Bo o t s -nt a n it* maaten der Handelsmarine, machten aber den Krieg bei der Kriegsntarine mit. Sie hwm.it wegen ihrer Roheit selbst in den höchsten Kreisen der vaterläitdischett Verbände gefürchtet. Wr Büsching ist es charakteristisch, daß er einmal einen angeblichen Verräter mit b>loße« Häuden erwürgte, ein andermal einen solchen mit einer Eiseust a n g e erschlug. Büsching hat mindestens sieb e n Fememorde begangen. Seine Angehörigen behaupten, daß er Seilbstmock verübt habe, doch ist dies nnzütrefsettd. Heber Fahlbusch sind keine besonderen Taten aus seinem Vorleben bekannt. Der in Laudslberg aut der Warte verhaftete Glaser ist ein Freund der Mörder und hat v&. unterstützt. Achitscheri« kommt »ach Warschau. (Eigendiettst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 14. September. Am 2Ü. d. kommt der russische Volkskommissar für Aeußeres Tschitscherin nach Warschau, um mit der polnischen Regierung über die russisch-polnischen Handelsvertragsverhandlungen zu konferieren. Bei dieser Gelegenheit solle,- auch politische Probleme zur Sprache kommen. -er Wische Sesmklub und die Mnorit8trn> « ftage. (Eigendicnst der „Wiener Morgenzeitung".) . Warschau, 14. September. Der jüdische Sejmklub Polens hält morgen eine Sitzung ab, in der die Stcllutrguahme des polnischen Judentums zu der aus der Minoritatenlouferenz in Genf zu behandelnden Minoritätenfrage beschlossen werden soll. Letzte Kurse. SlLw-Nark, 14. September. (Tel.-Komp.) Berlüt 33.80, London Kabel 4.84%, London Scheck 4.80*/8, Amsterdam 40.19, Präss 4.7ÜVa, Brüssel 4.40, Rpyt 4.13. Madrid 14.S0. Zürich 19.80, Stockholm 26.83. Oslo 21.24. Kopenhagen 24.73. Wien 14, Budapest 14, Prag 2.98»/.. Belgrad 1.78, Athen 1.47, Buenos Aires 40V. Mo de Janeiro 18.50. Bukarest 49»/.. Nsw-Bo»d,i4 September. «Tel.-Komv.-Wetzet, ryr Winter 161'/, Wetzen hart Winter 163'/«. Mais 1U. Hafer 47»/,. Roggen 9ö1, Ehikagv. 14. September. (Tel.-Romv.) Weizen per September 149»/« Dezember 149V». Mat 152V,; Mais per September 95»/,, Dezember 88*/», Mai 87*/.; Hafer vor Septernber 383/*, Dezember 41 V„ Mat 46; Roggen per September 86, Dezernber 92 Mat 97»/«.