Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2356 (12.9.1925)
- Date
- 1925-09-12
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Veite 2 Wien. Samatflfi Wiener Moraenzeltunst 12. September 1925 N r. WS imb die Schivarzalben vorzuführen, und das, was ~vc 1 ir Dahn in seinen schillernden Romanen begonnen, in denen die Juden verbältnisunißni anständig behandelt tverden, auch iiad> dieser 2:ite hin;n larrisiieren Lhamberlains Buch war das geeignete Mittel. Es war die gciftige Vorbereitung für den grossen Krieg, so wie die Jugenderziehung nach chparademotioen die mili tärischc war. Der junge Deutsche las und lernte, daß sein Volk das beste, seine Sprache die schönste, seine Kultur di höchste sei. Er las und lernte, daß alle anderen Völker tiefer stehen, daß die Seuriten, als welche ihm die In den, zu einem Eiicheitshegriff zusainmeiigesaßt, dennnziert wurden, eine der deutschen Nasse feindliche und gefährliche Gesellschaft seien. Jeder Deutsche nlußte freilich, wenn er frei nachzudenken versucht war, erkennen, daß jedes Wort dieser Theorie eine Lüge sei. Jeder Deutsche kennt zumindest einen Juden, auf den kein einziges der Chamberlainschen Kriterien zutrifft Er sieht die jüdische positive Mitarbeit am geistigen und wirtschaftlichen Leben, den jüdischen weltumfassenden Geist, die jüdische Organisationskraft. Aber die von den Ehamberlainfchen Schillern und Lehrern imnler wieder geübte Suggestion wirkte destruktiv. Sie führte zum Weltkrieg, zum Zusammenstoß mit den nichtdeutschen Völkern und.zu dem antijüdischeu Exzeß von heute. In Ehamberlains Buch liegt der Anfang znni Hakenkreuz,;u der sittlichen Seuche, die das deutsche Volk zersetzt und es ist ein mehr als zeitliches Zusammentreffen, wenn an Chamberlains 70. Geburtstag eine neue Geheimsekte entdeckt wurde, die den Fememord zum Programm hat. Sie polnisch-jüdische Verständigung. Erste Sitzung des jüdischen Sejmklubs nach den Parlamentsferien. — Deputierter Doktor Reich beim Ministerpräsidenten. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Warschau, 11. September. In Anwesenheit von k2 Deputierten und Senatoren fand die erste Sitzung des jüdischen Sejmklubs unter Vorsitz seines Obmannes Dr. Leon Reich statt. Die Sitzung war über Verlangen »es agudistischcn Deputierten K i r s ch b r a u n ein-?erufen worden, der zur Motivierung darlcgte, daß die politische und wirtschaftliche Lage des Landes, welche die jüdische Wählerschaft des Klubs stark berührt, die Anwesenheit des Klubobmanncs erfordere, weshalb die Reise Dr. Reichs nach Amerika zu der demänchst in W a s h i n g- ' o n stattfindenden Konferenz der i n t e r p a r l a m e n- [a risch e n Union unterbleiben möge. Deputierter Krischbraun übte sodann an den Resultaten der polnischjüdischen Verständigung scharfe Kritik und versuchte die Verantwortung für diese Vereinbarung von der agudistischen Fraktion des Klubs abzuwälzeu. (Wozu zu bemerken ist, daß die agudistische Fraktion für den Abschluß des sogenannten Verständiguugspaktes gestimmt hat.) In der daraus folgenden Debatte wurden von verschiedenen Rednern die taktischen Versuche der agudistischen Deputierten, sich der Verantwortung zu entziehen, zurückgewiesen, weiters jedoch festgestellt, daß eine Reihe von Punkten der Vereinbarung zwischen der Regierung und dem jüdischen Klub noch nicht erfüllt seien. (So die Zusage der Regierung, eine Novelle zum Z w a n g s s o n n t a g s r u h c g e s e tz einznbringcn, ferner die gesetzliche Regelung der Verhältnisse der jüdischen Gemeinden usw.) Bezüglich der Reise des Klubobmannes Tr. Reich wurde folgender Beschluß gefaßt: „Obwohl der jüdische Klub der Ansicht ist, daß die Anwesenheit seines Obmannes Tr. Reich bei der gegenwärtigen Situation notwendig ist, billigt er doch in der Erwägung, daß Dr. Reichs Rückkehr aus Amerika bereits anfangs Oktober erfolgen wird, dessen Reise nach Amerika zum Zwecke der Teilnahme an den Arbeiten der interparlamentarischen Union." Nach einer ausführlichen Erörterung der gegewärtigen wirtschaftlichen Zage, woben insbesondere die Handhabung der Steuerexetutionsmaß nahmen durch die Behörden sowie die letzten K r e d i tdrosselungen besprochen wurden, wurde eine Delegation, bestehend aus Senator Dr. R o t t e n st r e i ch und Deputierter Farbstein, gewählt, welche beim Direktor des Steuerdopartements wegen der durch die gegenwärtige Wirtschaftslage notwendig gewordenen Erleichterung der Steuerexekutivnsmaßnahmen und beim Präsidenten der polnischen Staatsbank wegen Verminderung der Krediteinschränkungen vorsprechen soll. Während der Klubverhaudlungen sprach Obmann Dr. Reich beim Unterrichtsminister Stanislaw Grabski, beim Ministerpräsidenten und beim Justizmnister vor. Seine Konferenz mit dem Unterrichtsminister berührte eine Reihe aktueller jüdisch-kultureller Fragen sowie die Erfüllung der Zusagen der Negierung, welche in der Deklaration über die polnisch-jüdische Verständigung gemacht worden waren. Ter Unterrichtsminister wies darauf hin, daß er bereits mit der Erfüllung der erwähnten Zusagen begonnen habe; so seien fünf Handwerk c r s ch u l e n der Gesellschaft „Ort" legalisiert worden. und die Legalisierung der übrigen stehe noch im Laufe d i c s e s M o n a t s bevor. Die Erledigung der Angelegenheiten der jüdischen Gemeinden sei durch die Ferien verzögert worden, es fei jedoch bereits das Zirkular fertig, welches bezüglich der jüdischen Gemeinden i n den Randgebieten die Anwendung des Gesetzes über die jüdischen Gemeinden vom Jahre 1919 durchführt Der Minister erklärte schließlich, daß die Regierung alle von ihr gemachten Zusagen loyal erfüllen werde. Ministerpräsident G r a b s k i, den Dr. Reich ans die gegenwärtige schwierige Situation der jüdischen Vevöl kerung Polens aufmerksam machte, wobei er auf die Notwendigkeit der Novellierung des Zwangssonntagsrubcgesetzes und der Durchführung der übrigen Punkte des Verständignngspaktcs hinwics, erklärte dezidiert, alle Ge rüchte, welche besagen, die Regierung werde ihre Zusagen an die jüdische Bevölkerung nicht erfüllen, seien falsch und grundlos. Die Regierung sei bestrebt, ihre Ver Pflichtungen vollständig zu erfüllen. Ter Ministerpräsident ersuchte sodann Dr. Reich, ihm in einem kurzen Memo randum alle Punkte aufzuzahlen, welche die Regierung vereinbarungsgemäß durchzuführen habe, und fuhr daun fort: „Von verschiedenen Seiten werden Vorwürfe gegen die polnisch-jüdische Verständigung erhoben, und es wird gefragt, was uns die Juden in Amerika gcgebett haben. Ich halte diese Fragestellung für durchaus unrichtig." Der Ministerpräsident hob sodann die loyale Haltung der Juden gerade während der Amerikareise des Außenministers Skrsczynski hervor. In der Konferenz Dr. Reichs mit dem Justizministcr wurde unter anderem auch der vor kurzem beendete Lemberger Prozeß Korn Haber und der anfangs Oktober (nach einigen Meldungen am 5. Oktober) bevorstehende zweite Steiger-Prozeß berührt. Dr. Reich erstattete dem jüdischen Klnb über seine Konferenzen mit den RegierungLvertretern einen Bericht, der zur Kenntnis genommen wurde. Studentenschaft und Wettsriede». Ein neuer Weg zur Völkerverständigung. Einen neuartigen Weg zur Völkerverständigung und zur Förderung des Friedens durch gegenseitiges Kennenlernen der verschiedenen Nationen hat die F. U. I. (F e d eration Univer-sitaire Internationale) gefunden. Zum zweitenmal kamen dieses Jahr Studenten aller Herren Länder zusammen, um in 14tägigen Kursen sich über die großen politischen Pvobleme der Gegenwart zu -orientieren. Eigenartig mutete das Milieu an. Nicht greise Männer, wie man es sonst auf internationalen ^Tagungen gewöhnt ist, trafen hier in Genf zusammen, «sondern junge S tud enten und Studentinnen beteiligten sich an den Diskussionen. 26 Nationen aus 64 Universitäten waren -vertreten. Da sah man Engländer, Amerikaner, Deutsche, Inder, Japaner, Südafrikaner und Palästinenser. Prof. Zimmern (Oxford), der Ehrenpräsident der F. U. I. und Leiter der Erziehungskommifsion des Völkerbundes, sprach in ausgezeichneter Weise über das britische Weltreich, das nach seiner Ansicht vollkommen die Volkerbnndspolitrk sich aneignen müsse, ja gewissermaßen in diesem arrsgehen müsse, da dies die einzige Lösung des gewaltigen Nassen- und Nationalitätenprmzips sei. Von den vielen anderen ausgezeichneten Vorlesungen seien hier nur einige hervorgehoben, so die von Pros. Dhvosky (Krakau) über Polen, wobei er auch auf das Problem der jüdischen Minorität zu sprechen kam und die polnisch-jüdtche Einigung als für beide Teile am günstigsten hinstellte. Ferner gab Prof. Cremieux (Paris, Alliance israelitique) einen ausgezeichneten Ueberblick über das heutige Frankreich, ivährend Dr. Roßmann (Wiesbaden) über Deutschland sprach. Heftige Diskusswilen gab es nach Vorträgen einiger indischer Professoren über die indisch-englischen Beziehungen und nach einem selten guten Referat von Prof. Vermeil!Straßburg) über die deutsch-französischen Beziehungen. In Oesterreich werden aber wahrscheinlich am meisten die Bor-, l esungen des Prof. D o m i n o i s (Paris) über „D a s Minoritätenproblem der Tschechoslowakei" und „Die Entente der slawischen Staaten" interessieren. Pros. Domiuois hält die augenblickliche Lösung ür die günstigste und glaubt, daß sich die Minoritäten in )en Staat einleben werden. Verschiedentlich wies er auf die günstige Lösung derjüdischen Frage in der Tschschoslotvakei durch den jüdischen Nationalrat hin. Außer diesen Vorträgen gab es Diskussionen, so die der jübifd.cn Kursteilnehmer aller Länder, die üch unter der Leitung des Herrn Dr. Menac- (Palästina) über den Zionismus aussprachen, oder die d.ic deutschen und Polnischen Studenten, die praktische Lösungen der strittigen Fragen suchten. Der Erfolg dieser ganzen Veranstaltung^serie ist, daß jeder Teilnehmer durch die Persönliche Berührung mit Kameraden aus anderen Ländern einen großen Teil seiner Vorurteile gegenüber de»? anderen Staaten verloren und Verständnis für die Fragen des anderen Staates, die wich, tigste Vorbedingung für einen dauernden Frieden, gewonnen hat. Sie Politik der verschlossenen Türen. Eine Rede Zanftwllls. Anr «>. d. fand in London eine Versammlung der Föderation der ukrainischen Juden statt, auf welche der Dichter Israel Za ng will eine heftige Rede gegen die von England und Amerika «betriebene Einwanderungspolitik hielt. Wie die I. T. A. berichtet, sprach Zangwill über die Tätigkeit und die Ziele der Jewish Territorial O r g a n i s a t i o n, die sterben mußte, weil sich niemand für sie interessiert hätte. Zangwill sprach dann von der Krim- Kolouifation und erwähnte dabei, Mr. Weizmann, ein Bruder des Präsidenten der Zionistischen Weltorganisation, hätte ihm geschrieben, er widme sich jetzt der Sammlung von Geldern für die jüdische Landau siedln ng aas der Krim. Zangwill brandmarkte die Einwandcrnttgspolitik der amerikanisckzen Regierung, die ans die Bevorzugung einer Rasse vor der anderen hinauszugehen scheint. Es ivar eine Zeit, sagte Zanglvill, da Amerika fühlte, daß die Zukunft des Menschen bei ihm liegt und daß es seine Mission sei, die allgemeine Venbri'rdernng zu fördern. Jetzt ist Amerika das S y m b o l d c r 11 n g l e i ch h e i t n n d d e r U n g e rechtigkeit geworden. In Zeiten der schrecklich'!-n Nol der Menschheit hat das reichste Land der Welt vor den ärmsten Menschen die Tore zngemacht. Zangwill bra..? markte, auch die sremdemei übliche Politik des jev'g.-.l britischen Innenministers. Sir William I o y n f o n* Hicks, von dem er sagte, er sei der böseste Minister, den England jemals gehabt bat. Zangwi«l s.n'.e. die Amerikaner werden mit d e r W e gern r b :• t nicht -immer auskommen. Er schloß: „Die Mühlen Gen?- mahlen langsam, aber sie mahlen sein. Die Amerikaner iverden ihre Tore -wieder öffnen." Litauische Berivrechmgen Taten. Das Ende einer Lüge. „Sie Antisemiten aller Länder haben ein kurzes .-Gedächtnis und rechnen überdies mit der Diskretion und Nachsicht der Juden, tvenn sie gegen -das Judentum Verleumdungen verbreiten, um für ihr ungerechtes Verhalten gegen die jüdischen Bürger ihres Landes, eine Rechtfertigung zu schaffen. Einer solchen historischen Lüge bediente sich a-uch die -litauische Regierung, als sie einen Borwand für den Raub der gesetzlich gewährleisteten nationalen Autonomie der Inden suchte. Ihre Organe behaupteten, daß die Juden. Litauens sich'des Vertrquens unwürdig gezeigt haben, weil die amerikanischen Inden seinerzeit alles aufgeboten hätten, um die Anerkennung der litauischen Regierung durch die Vereinigten Staaten Zu Hintertreiben, ttnt diesen Lügen ein für allemal ein Ende zu bereiten, veröffentlicht jetzt das Präsidium des amerikanisch-jüdischen Kongresses ein Schveibvn des damaligen Vertreters Litauens in Washington, B. E a rneckis, gegenwärtig litauischer Gesandter in England, -der im Jahre 1922 mit dem Präsidium des Kongresses in reger Korrespondenz stand. Dieses auch sonst historisch interessante Schreiben des Gesandten Car neckis trägt das Datum vom -22. Mai 1622 und hat . folgenden Wortlaut: „In Beantwortung »Ihres Briefes vom 19. Mai 1928 wünsche ich Ihnen zmn Ausdruck ,zu bringen, daß ich Ihre utir zur Kenntnis gebrachten Sympathien für die Sache Litauens mit aufrichtiger Wertschätzung ausnchme. Der Wiedsraulsbau des durch den Krieg zerstörten Landes und die Stärkung der Moral der Bevölkerung wird in hohem llllaße durch die Tatsache behindert, daß die Unabhängigkeit Litauens noch nicht von allen Regierungen anerkannt wurde. Die folgenden Staaten haben die litauische Republik bereits de jure anerkannt: Schweiz, Deutschland, Tschechoslowakei, Hclland, Dänemark. Schweden, Norwegen, Rußland, Estland, Lettland, Fi-nnlattd, Argentinien, Brasilien und Mexiko. England, Frankreich, ^Italien und Polen haben Litauen de facto anerkannt. Auf »Ihre «berechtigte Frage, welche Fornr der An. erkeumlng die litauisch« Regierung jetzt wünscht, kann ich antworten, daß die litauische Nation nur durch«.in« vollständige, bedingungslose Anerkennung als ein de jure souveräner und unabhängiger Staat befriedigt -werden, kann. Was die Rechte der Juden in Litauen.betrifft, kann ich Sie versichern, daß die litauische Negierung tveit davon entfernt ist, die Rechte der jüdischen Nationalen zu beschränken. Es ist Tatsache, daß in ßilmtcn vom Be ginn der litauischen Unabhängigkeit angefangen die Juden größere Rechte genossen haben als in anderen Lätldern. xrß ferner diese Rechte jetzt «bereits durch zwei Lesungep des Versffsungsentwurses bestätigt und die national^ Autonowieder Juden mit größeren Siechten alk in anderen Staaten garantiert wurde. Es gibt wohl it? Litauen einige Gruppen, welche, wahrscheinlich v o n d e r Feinden Litauens u nd der jüdischen Rechts ireeinflußt» den Versuch machen, die' litauische Konstituante mit der Behauptung zu beeinflussen, daß die amerikanifcheij Juden Litauen in seinem Kampfe um seine Unabhangif' Bethaus-Anzeige Oie Zionistisch« Bsxlrkssektlon L«opoltfstadt veranstaltet während der hOh«n F«l«H«0« ein f'JD vorzüglichem in den Sälen des Central-K«ll«rs, ll.« Taborstraf}« 8 Karten von 2 Schilling aufwärts im Centril’Keller, IL, Taboiatrafie 8, Joief Sisgar, II.. Taborstr. .5, Brüder Schiflinattn; II.. Taboretr. 48, n. im Sakttonshelra, I!., Zirkusgas*« 33