Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2352 (8.9.1925)
- Date
- 1925-09-08
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. W52_ Men, DkenSkag gramms". Sie 'ist eine rein staatsmännische Geste, beruheich auf Unkenntnis --es jüdisch.'!! Nationalismus. Das englische Volk teilt diesen Irrtum nickst. Es »weiß, daß im mittleren Osten nur für eine n Nationalismus Platz ist — für den arabischen. Dies brachte es während des Weltkrieges zum Ausdruck durch seine Waffenbrüderschalst mit den Arabern. Das sogenannte Aufbauwerk, das seit dem .Kriege in Palästina geleistet wurde, hat gewiß seine Bedeutung, aber diese ist rein zivilisatorischer, nicht kultureller Art, und bekanntlich kümmern sich die Elementargewalten nur wenig um Zivilisation. Wenn ich daher als Nationaljude einen Appell an mein Volk richten darf, so ist es, die übersättigte Zivilisation nicht vermehren zu wollen (die Welt verträgt nicht mehr als ein gewisses Maß von Zivilisation), sondern sich aus sein wahres Selbst zu besinnen und am kulturellen Wiederaufbau der wahren jüdischen Heimstätte mit aller Kraft zu wirken; diese Heimstätte aber ist die ganze Welt." $ Als vor vierzehn Monaten die Nachricht eintraf, daß der Sohn Theodor Herzls die Taufe genommen habe, hat die „Wiener Morgenzeitung" der Ansicht Ausdruck gegeben, daß Rom nicht versäumen werde, diesen Gewinn zu fruktisizieren und sobald als möglich den Sohn des Begründers des Zionismus im Kampfe gegen den verhaßten Zionismus als Akteur auftreten zu lassen. Die geistlichen Herren scheinen also die richtige Zeit als gekommen zu erachten. Bisnun haben sie sich begnügt, denk Täufling Lobeshymnen auf die katholische Kirche in die Feder zu diktieren. Anspielungen gegen den großen Vater und sein großes Werk waren nur versteckt angebracht. Nun lassen sie ihn offen als Antizionisten, als Bekämpfte der Ideen seines Vaters auftreten. Hans Herzl hat bis zu seiner Taufe nicht den Drang in sich verspürt, auch nur ein Wort über den Zionismus zu schreiben oder zu sprechen. Wenn er es jetzt tut, geschieht es offenbar auf Befehl seiner geistlichen Beschützer. Das Lied von den Arabern, denen Palästina gehört, ist ein bekanntes Lied. Rom singt es seit Jahr und Tag und es ist gewiß nicht im Kopfe Hans Herzls entstanden. Wohl ist anzunehnron, daß Hans Herzl gerne gehorcht und ohne Widerstreben daran geht, daß Werk seines Vaters zu verunglimpfen. Mar doch fein- Renegatentum int Hasse gegen den großen Vater gegründet. Hat er doch demonstrativ am Todestage des Vaters das Kreuz genommen. Wenn der Schein nicht trügt, werden wir ihm noch oft auf dem Kriegspfade gegen den Zionismus begegnen. Vielleicht in Palästina? Die Hltachdltth und die sozialistische 3n!er> natonaie. Am 1. d. wurde die 4. Weltkonferenz der zionist-ffchen Arbeitspartet Hitächduth geischlossen. Es wurden die Richtlinien für alle Gebiete der Parteiarbeit festgelegt. In einer besonderen Resolution wurde die Notwendigkeit einer systematischen Informations- und Aufklärungsarbeit in der . iuternati o n a len A r b e i t e r b ew eguug betont.und den Laudesorganisationen die Frage der v o r b e r e i t e n d e n S ch r i t t e für d e n A nschluß an die sozialistische Internationale zur Diskussion übergeben. In das Hanptbureau der Hitächduth wurden gewählt: Arlofovoff, Borowoj, Ester, Ada Fischmann, Friedland, Hellmann, Kaplan, Katznelson, Sprinzak. - Wieder eine iiirlische Vertretung in Zernsalem. Konstantinopel, 6. September. (I. T. A.) Die Türkei, deren Interessen in Palästina und Aegypten seit acht .Jahren..durch Schweden vertreten werden, hat beschlossen, noch in diesem Jahre eigene Vertretungen in Kairo und Jerusalem zu errichten. Brviani gestorben- Paris, 7. Svptember. (Havas.) Rene B i v i a n i ist gestorben. -jr Viviani, welcher nicht lange vor Vollendung seines 6-. Lebensjahres verstorben ist, gehört zu denjenigen „internationalen" Franzosen, die, von Bonaparte angefangen, in so reicher Zahl unter den Größen Frankreichs zu finden sind. Viviani stammte aus Algerien und kam. erst zwanzigjährig, nach Paris, wo er zunächst die Advokutenlaufbahn einschlug. Im Jahre 1693 trat er als sozialistischer Deputierter von Paris in das politische Loben ein und gelangte bald zu einem starken Einfluß in der Kammer. (Theodor Herzl bezeichnete ihn übrigens in seinem, eine ausgezeichnete Soziologie des französischen Parlamentarismus bildenden „Palais Bourbon" schon in der Mitte der Neunzigerjahre als den kommenden Mann".) Einer der schärfsten Verfechter des französischen RePMikanisinus übernahm Viviani im Jahre 1906 die Leitung des damals in Frankreich neu eingeführten Arbeitsministeriums im Kabinett Co mb es. Dieses Portefeuille behielt. er auch in dem folgenden Kabinett Briand, trat jedoch bei einer Rekonstruktion desisevben im Jahre 1910 zurück. Im Juni 1914 übernahm er nach dem Rücktritt des Kabinetts D o u m e r g u e die Kabinettsbildung, die ihm jedoch erst gelang, nachdem das Eintagsminiisterinm Ribot von der Kammer gestürzt worden war. Blvianis Kabinett wurde das erste Kriegskabin-ett Frankreichs; es mußte bei dem Vormarsch der Deutschen im September 1914 seinen Sitz nach Bordeaux verlegen und Viviani selbst' mußte infolge der für Frankreich ungünstigen mili- Wiener M-rraenzeiiu«st Das Warenhaus ,Beige' h, Hohenstaufengasse 10, Te,Ä56Nr* liefert Toifoatllfinff °^ne Preisaufschläge auf lulItfCUlIUliy undohneAnzahlung: Herren* u. Damenbekleidung, fertig und nach Mass, Pelze, Schuhe, Wäsche, Modewa en etc. 6 Monate Kredit! Keine Agenten! aoo Keine Inkassanten! tärischeri Ereignisse zurücktreten. Im Kabinett seines Nachfolgers Briand wurde er Justizminister und beh'e't dieses Portefeuille auch iu dem Kabinen Ribot, weich.-s Briand im Mär; 1917 ablöste. Noch im gleichen Jahre trat Viviani mit Rtbot zurück und hat seither an keinem Kabinett mchr teilgenonvmen. Er wurde spcurr mehrfach zu diplomatischen Sonderaufträgen verwendet. In den letzten Jahren gehörte Viviani dem Senat an. Mit ihm scheidet ein Staatsmann dahin, der von ehrlichem Friedenswillen beseelt war und es bildet seine Tragik, daß feine Ministerprästdentischast in eine Zeit des wildesten Kriegstanmels fiel. Sffevstse der Ri'kabtzlen. Paris, 7. September. (Tel.-Komp.) Nach Meldungen aus Tanger haben die Rifkabhlen mit emem Angriff auf zwei Fronten eingesetzt. Eine Stunde vor der Landung der spanischen Truppen in Sidi Briß, die gegen A i d i e r vorstoßen sollten, wurde der vor Teluan liegende Posten von Beni Karrich von starken Kräften der Kabylen und der Tjebalja angegriffen. Die spanischen Verl u st e sollen beträchtlich sein. Im östlichen Abschnitt der französischen Front wird Jssual von den Kabylen belagert. Auf dem ganzen Abschnitt werden feindliche Vorstöße gemeldet. Neuerliche blutige AuiammenMe in Peking. Peking, 7. September. (Tel.-Komp.) Bei einer Manifestation von Chinesen im A u s l ä n d e r v i e r t e l machte die e n g l i s ch e Polizei, nachdem sie vergeblich versucht hatte, die Chinesen auf gütlichem Wege zu beruhigen, von der Waffe Gebrauch. Drei der Manifestanten wurden verwundet. Der Streit der S.aalsdeamten. Vizekanzler Dr.' W a b e r versuchte gestern im Fünfundzwanzigerausschuß den Vertretern des Bundcsangcstellten begreiflich zu machen, daß der für Donnerstag angekündigte mehrstündige Demonstrationsstreik der Beamten die Verhandlungen in G e n f n i ch t g ü n st i g b e e i n f l u s s e n würde. Gleichwohl beischloß der Ausschuß, die V e r s a m m l u n g in den Vormittagsstunden des 10. d. in und vor dem Rathaufe abzuhalten. Die Arbeit beginnt an diesem Tage zur gewohnten Stunde, mit 10 Uhr vormittags wird in allen Aemtern die Arbeit einge stellt und die Beamten begeben sich in geschlossenem Zuge zunr Versammlungsort. Nach Beschlußfassung über die Resolutionen marschieren die Versammlungsteilnehmer wieder in ihre Arbeitsstätten und nehmen um 1 Uhr nachmittags di e Arbe i 1 wieder aus. In jenen Acnstern und Betrieben, die Parteienverkehr 'haben, beginnt am Donnerstag der Parteien verkehr (Schalterdienst u. dgl.) erst am 111 hr nachmittags. Da die Gewerkschaft christlicher Angestellter in öffentlichen Diensten aus der Gesamtvertretung der Beamtenschaft ausgeschieden ist und sich an dem Demonstrationsstreik nicht beteiligt, wählte der Ausschuß an Stelle des der christlichsozialen Organisation angehörigen Vorsitzenden Hofrates L e t h den Obmann des Reichsverbandes der öffentlichen Angestellten, Steneramtsdirektor Hold, zum Vorsitzenden. Die neunte Wiener Messe. Der gestrige Tag brachte in allen Messegebäuden leibhaften Verkehr vvn Interessenten aus der ganzen Welt und natürlich auch aus allen Bundesländern. Es wurden iu den meisten Branchen zahlreiche A bschlüsse erzielt. Im Messepalast zogendiebelle'btenWienerLedergalanterie- und T a s ch n e r a r t i k e! die Käufer an. Auch k u n st g e w erbliche Erzeugnisse begegneten großem Interesse. Sehr befriedigend gestaltete sich der Absatz in P ap i e r w a r e n und B u r e a u a r t i k e l. In der N e n e n B n t g fanden die M o d e 1 l e der D am e n k v nf e k t i o n s h ä n s e r lebhaften Beifall. Es wurden hier große Geschäftsabschlüsse ins Ausland gemacht. In der Rotunde herrschte reger Verkehr. In Kühlanlagen und S p e if e er z e n g n n g s a p p a r a t e n wurden Verkünf..' nach A e g p t e u und Pala st i n a erzielt. Palästina trat auch als Abnehmer von landwirtschaftlichen M a s ch i n e u und Wasserelevatoren auf. Einen besonderen Anziehungspunkt bildete auch der Pavillon der türkischen Republik. Für heute wird ein noch größerer Geschäftsverkehr erwartet, _8. September 1005 Seite S Kleinigkeiten vom Pariser Alltag. Man hat Dutzende von Schilderungen gelesen, man hat ungezählte Male davon erzählen gehört — wenn man das erstemal auf der Freitreppe der „Madeleine" steht und auf die endlosen Reihen der Autos hinunterblickt, die in! Doppelzeilen über den Boulevard rollen, rastlos, eilig, schwindelerregend, dann bleibt man doch mit offenem Munde stehen und tastet nach einer Stütze. Auch wenn ■ man die Schrecknisse des berühmt-berüchtigten Potsdamer Platzes siegreich bestanden hat, wird man sich nicht allzuleicht entschließen, die Straße zu überquerei:. Aber schon der erste Versuch überzeugt: es ist unvergleichlich einfacher! und gefahrloser als ein Straßenübergang bei unserem — j ich bitte um Verzeihung — Kleinstadtverkehr. Denn in denk! Gewühle, in dem Wirbel herrscht Ordnung und System. Die Arriser Autos fahren zwar rasch (40 Kilometer), bei uns würde man sagen sie „rasen", aber diese Eilfertigkeit ist gleichmäßig, geregelt. Vor dem ruckweisen Losschnellcn, vor dem ungebändigten Freiheitsdrang ist man gesichert. Und in kurzen Abständen gibt es Pausen. Ein Glockensignal, der Wachmann hebt die Hand, und die ganze unübersehbare Wagenreihe steht still, gewährt den Fußgängern und den Wagen der Querstraße ein gefahrloses Ueberschreiten der Straße. Vom Pariser Verkehr kann man sich kaum eine Vorstellung machen, wenn man ihn nicht mit angesehen hat. Wir waren um Mitternacht angekommen. Die Straßen strahlend beleuchtet, von Menschen erfüllt, an den Kaffeehaustischen, die die halbe Breite des Gehweges einnehmen, nicht ein Plätzchen frei. Und ein Auto rollte hinter dem anderen. In Paris fährt alles im Auto. Die Fahrten sind ungemein billig, und tvenn der Chauffeur auch ein Trinkgeld erwartet, so ist es immerhin keine Frage der höheren Sittlichkeit, ob und in welchem Ausmaß es gegeben wird. Ist ein Autobus überfüllt, die ^Metro"-Haltestelle nicht in unmittelbarer Nähe, so überlegt der Pariser keinen Augenblick, ein Auto zu nehmen, womöglich eines von den flinken, kleinen „Monoplaces", geschlossene Wagen für eine Person. Während in Wien bei Andrang zur Straßenbahn immer noch das Recht des Stärkeren entscheidet, das heißt diejenigen Platz finden, die in den fahrenden Wagen springen oder doch sich besser vordrängen könnet!, regeln Nummern, die man bei jeder Haltestelle von einem „Block" abreißen kann, das Einsteigen. Kommt der Autobus an, so ruft der Schaffner die Zahl der freien Plätze aus und die Wartenden kommen der Reihe nach dran. Wer sehr eilig ist, steigt wohl auch in die „erste" Klasse, die um ein gutes Stück teurer fft. Auch in der ,Metro", dieser zwar nicht angenehmen, aber bewundernswert organisierten unterirdischen Stadtbahn von Paris, gibt es unter den fünf Wagen des Zuges jedesmal auch einen Wagen erster Klasse. Das Ein- und AuSsteigen vollzieht sich in traumhafter Schnelligkeit. Kein Schieber!, Drängen, Pfeifen, Rufen. Fragen — der Zug hält, die Türen, mit automatischem Schiebewerk versehen, öffnen sich, im Nu sind die Fahrgäste draußen, gleich rasch die Wartenden eingestiegen, die Türen fliegen zu und ohne Abfahrtssignal setzt sich der Zug von neuem in Bewegung. Auskunft über die zu wählende Strecke, die Umsteigstelle usw. holt man sich bei dem Angestellten — sehr häufig auch eine Angestellte, wie ntan mir sagte, meist Kriegswitwe oder -Waise —, der in einem kleinen Verschlag auf dem Perron sitzt. Sie sind selten wortreich, diese Auskünfte. So sagte eine der Schaffnerinnen, als ich ihr mit manchen eleganten Wendungen und Windungen meinen Fall vorgetragen hatte, kurz: „Lilas". Da sie sich abwandte, sah ich ein, daß mehr nicht zu erlangen sei und brachte nach längerem Sinnen und Grübeln denn auch heraus, daß das Rätselwort: Porte de Lilas bedeuten sollte und ich dort umzusteigen hatte. Uebrigens hatte die Pythia ganz recht. Bei einigem guten Willett braucht man in der „Metro" nicht um Auskunft zu fragen. Bor jeder Station ist eine Karte des ganzen Netzes angebracht, in jedem Wagen eine Karte der Linie, auf der mau genau die Stationen verfolgen kann. Auch im Autobus gibt es diese Verkehrspläne, so daß es eigentlich nur eine schlechte Gewohnheit ist, wenn man immer von neuem Auskunft holt. Mit diesem in Wien so beliebten „UV-den-Weg-fragen" hat es iu Paris überhaupt seine Schwierigkeiten. Die Passanten, die man anhält, sind entweder fassungslos erstaunt oder unangenehm berührt. In jedem Fall schieben sie den Frager an den nächsten „Agent de ville", den Wachmann, ab. Dieser Wachmann mit seinem Napoleonhut und dem kurzen Krügelchen zeigt sich dafür voll Eifer und bekundet eine rührende Beflissenheit, sich in jegliche Art von „französisch" oder was wir dafür halten, hineinzufinden. Ans dem großen Boulevard aber spaziert ein Wachmann herum, der hat — ein Friedensengel besonderer Art — auf der Armbinde stehen: „Spricht deutsch". Wir begnügen uns mit den anderen „agents". Sie schicken uns zwar meistens zum K-Autobus, wenn wir mit dem B fahren sollten, aber sie meinten es gut. Wer die drangvoll-fürchterliche Enge der Prater- oder Schönbrunner Bänke peinlich empfunden hat, wird die Anordnung in den Pariser Gärten, diesen herrlichsten aller Gärten, besonders zu schätzen wissen. Dort gibt es nämlich neben einigen Bänken ganze Armeen von kleinen, bequemen Sesseln. Jeder nimmt seinen Sessel und stellt ihn dorthin, wo es ihm am besten gefällt, in den Schatten, in die Sonne, auf den Rasen, ins Versteck der Hecke oder au den Rand des Fahrweges. Die kleine Bureaudame hält auf zwei Sesseln im Tuileriengarten ihr Dejeuner und zieht dann ihre Näharbeit hervor, um ihre Bluse, ihr Kleidchen, ihre Spitzenkombination oder ihren Kragen fertigzustellen. Und sie wich heim Essen wie Leim Nähen so viel