Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2352 (8.9.1925)
- Date
- 1925-09-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Lette t Wien. Dienstag Wiener Moraerrzettuna 8. September 1925 O Donnerstag 10. September, 8 Uhr abends Manenmeeting Olympiasäle 1. Bezirk, ß o t g a s s « Es spricht Sr. Ehrwürden Herr Oberrabbiner Prof. Dr. N. P. Chajes über den XIV. Zionistenkongress Painleve, der mit stürmischem Beifall begrüßt und auch mehrfach von Beifall unterbrochen wurde, wurde auch am Schluß der Rede lebhaft aMamiert. In der Nachmittagssitzung wurde zunächst der erste kanadische Delegierte Raoul Dandurand mit 41 von 47 abgegebenen Stimmen zum Präsidenten gewählt. Dandurand dankte in einer kurzen Ansprache für die ihm und seinem Lande erwiesene Ehre, gab sodann Kenntnis von dem Ableben d:s ehemaligen ftanMschen Ministevpräsidenten Bviani und sprach der fvanZösischen Delegation das herzlichste Beileid aus. Ministerpräsident Painleve' dankte chm 'N bewegten Worten. Hierauf wurden die sechs Kommissionen gebildet, d-e noch heute chre Arbeiten aufnehnren werden. Damit war die Tagesordnung der Sitzung erschöpft. Der Präsident schloß hierauf die Sitzung. Die nächste Sitzung findet morgen um 12 Uhr mittags statt. Bundeskanzler Dr. N a m e k und Bundesminister für Aeußeres Dr. Mataja hatten heute zahlreiche Unterredungen mit den maßgebenden Persönlichkeiten, insbesondere mit dem britischen Außenminister Chamberlain. Das Finanzkomitee tagte heute vormittags und nachmittags. Gegenstand der Beratungen war neuerlich die Kontrollfrage. Ueber die Anträge des Finanzkomitees wurde ein Entwurf vorbereitet, der morgen vormittags dem Bundesfinanzminister Dr. A h r e r vorgelegt werden wird. Eine Abordnung des Komitees, bestehend aus dem Vorsitzenden Dubais, dem Delegierten Chalandard und dem britischen Vertreter Sir Otto N i e m e y e r sowie dem Generalkommissar Dr. Zimmerman, wird zu diesem Zwecke dem Finanzminister morgen um halb 10 Uhr vormittags einen Besuch abstatten. Es wird allgemein angenommen, daß die Verhandlungen in der Kontrollfrage etwa Donnerstag zu Ende geführt werden, und zwar ist der Vorgang der, daß die Vorschläge des Finanzkomitees, sobald über sie eine Einigung erzielt wird, dem österreichischen Komitee vorgelegt werden, das über sie an den Völkerbund Bericht erstatten wird. Hiermit wäre der erste Teil der Verhandlungen abgeschlossen. Der Bericht der Experten Rist und Lahton ist auch für diesen ersten Teil besonders wichtig, weil für die Aufhebung der Kontrolle naik dem Genfer Protokoll eine auch für die Zukunft v e r t r a u e n S e r w e ck e n d e Stabilitat Voraussetzung ist. Es werden dann die Beratungen über die Frage beginnen,'die in dem Bericht der Experten besonders ausführlich behandelt' ist, nämlich über die Wirtschaftslage. Sie Beschlüsse des 14. Sioniftett* fonsteffes.*) 5. Der Erfolg des Aufbauwerkes in Erez Israel, welcher am sichtbarsten vn die Erscheinung tritt, ist das hebräische Schulwerk. Dieser Erfolg ist erzielt worden, ohne daß ausreichende Mittel für den organischen Ausbau des Er-zichungswefens zur Derlfügung standen. Die aufopferungsvolle Pionierarbeit der Lehrer in Ereg Israel hat cs ermöglicht, daß viel mehr erreicht wurde, äls mit den vorhandenen Mitteln hätte erreicht werden können. Aber aus die Dauer ist der Zustand unhaltbar, ein SchMvorE auf dem Idealismus hungernder Lehrer aufzu!bauen. Die organischen Schäden beginnen sich auch bereits zu zeigen; die Schließung einer Reihe von Schulen iist unvermeidlich, wird nicht eilt Weg gesunden, upr dem hebräischen SchuNverk in Erez Jls-raeil ausreichende Mittel zuzuführen, welche einen methodischen Aufbau und -eine systematische Organisation desselben sichern. Der Kongreß, der in seinem Pallästinakmdget 8 4.0 0 0 P f u n d s ü r d a s S ch u lwerk eingestellt hat, kam infolge der Wechten Organisation der Abwicklung der Tagesordnung, welche, hauptsächlich dem Präsidium zuzuschreiben ist, nicht dazu, die aktuellen Fragen des ErziehungSprMems in Erez Israel zu erörtern, vor allem die Frage, ob und wie es möglich ist, bei verstärkter Einwauderung nichthebräisiertvr Elenrente das Werk der hebräischen Erziehung methodisch durchgusühren. So beschränken sich denn die l Beschlüsse des Kongresses aus die Aufbringung von I Mitteln für das SchuLwsrk durch Heranziehung von außerhalb der Zionistischen Organisation stehenden Kreisen. Der Kongreß erhob einen Antrag von Dr. Klee zum Beschluß, der vielleicht Aussicht bietet, den: Schulwerk reichliche Mittel zu-' zuführen. ES wurde beschlossen: Unter AuAechtechaMng des Prinzips, daß daS heibräifche EvsiehungSweff-eu rn Erez Israel bem Wesen nach nur der Vevwaltirm, der Zionistischen Organ ifatwn untersteht, ist dalfür Sorge zu -tragen, für. die Erweiterung des Schulwevkes die materielle Mithilfe der jüdischen Gemeinden der Diaspora zu gewinnen. Die Exekutive wird beauftragt, in kürzester Zeit «inen Plan auszuarbetten, um die Heranziehung der jüdischen Gemeinden zur weiteren Ausgestaltung deS Schulwerkes in systematischer Weise duvchzufühven. Former würde beschlossen, die j ü d i s ch e E i n w oh n e rschast Erez Israels selbst zu Beiträgen für. di« *) Siehe „Wiener Morgerizertung" vom 3., 4., 6. und Ä EiMtemßtzM hebräische Erziehtlng heran)izichen» indem folgende Anträge vwn Kongreß angenommen wurden: Der Kongreß fordert alle Teile und Gomeinden des südechrn Jrschuw, alle Einwohner in Stadt imb Dorf auf, sich an den Ausgaben für die hebräische Erziehung im Lande zu beteiligen. Die Zionistische Leitung wird verpflichtet, die diesbezüglichen Beitrage für Zwecke der Erziehung seitens der Eltern, der Gemeindevertretungen, der Stadirate und der Komitees der Kolonien festzusetzen. Die Zionistische Leitung erhÄt da- Recht, die Schulen derjenigen Gemeinden und Kolonien zu schließen, die die ihnen auferlegten Beiträge zugunsten des Erziöhungsbudgets nicht rechtzeitig entrichten. Träger des EDzichungNvesens m Erez Israel soll in Hinkunft eine zu schaffende legale Körperschaft sein, in der die Zionistische Exekutive ausschlaggebende Stimnre haben soll. Da die Zionistische Exekutive für die auch bisher schon aus nichttziymstischen Quellen stammenden Teile nicht vorantwortlich sein kann, ivurde der dlntrag der Erzichungskommissiön, durch den die Zionistische Organisation alS Eigentümerin deS Palästinaschullwofens und als verantwortlich für dasselbe erklärt wird, vom Kongreß abgelehnt, dagegen eine p r o v i> so rische Seitumg des Schulwerkes durch das ErziehungSdepartmnent der Exekn-tive beschlossen, bis «in neuer Waad Hachinuch gebildet ist. Ter diesbezügliche Beschluß des Kongresses lautet: Die Exekutive setzt sofort nach Kongretzschluß eine besondere Kommission in Palästina ein, gerne infam mit Vertretern des Iischuw und der Lchrer, die ein Programm für die Organisierung eines neuen Waad Hachinuch auf denwkratischer Grundlage auSarbeiten soll und alle erforderliche:! Aenderungen hinsichtlich der . Ordnung des Erziehungs-Wesens durchzuführen hat. Die Anträge dieser Kommission bedürfen der Bestätigung des Aktionskomitees. Bis die Anträge der genannten Konmrission durchgesührt sein werden, wird die Exekutive die gesamte Grzichungsavbeit im Lande nach ihrem Ernressen durch die Machlakath Hachinuch leiten. Auch im Sanitätswesen soll die koordinierende Zentralstelle, der Waad H a b r i u t h, aus ' Vertretern der palästinensisch-zionistischen Exekutive, des Waad Lenmi und der in Gre-z Israel bestehenden sanitären Organisationen zusammengesetzt werden. Der kulturelle Ausbau inErezJsrael wurde im letzten Jahre durch die Eröffnung der hebräischen U u iversität in Jerusalem gekrönt, die nicht nur ein bedeutender kultureller, scmdorn auch evn politisch--demonstrativer Erfolg war. Das. jildaistische Institut diostr Universität hat bereits seine Arbeit begonnen. Man kann darin ein Symbol erblicken. Denn nichts kennzeichnet dsn anormalen Kulturznst-and der Iudenheit in der. Galuth besser als der Umstand, daß Wissenschaft des Iudentinms in wirklich wissenschaftlichen! Sinne zumeist von Nichtjuden betrieben wurde und wird. Die Errichtung des judaistischen Institutes in Jovufalem hat nun jene MornungSv-erschie-daicheiten entfesselt, die man mit einem populären Schlagwort als .^Kulturkampf" bezeichnet. In merkwürdiger Verkennung der Tatsachen, daß es für die' Wissenschaft des Judentums, welche an unserem judaistischen Institut betrieben werden soll, nur eine einzige Methode gelben kann, wenn die jüdische Universität wirklich einen Kultuvsaktor bilden soll, hat die Zionistische Exekutive vor der Eröffnung dieses judaistischen Institutes, anscheinend der Finanznot gehorchend, ein Kompromiß geschlossen, tvelches mehr als schädlich ist, weil es geeignet ist, daS Fnndament des kulturellen Aufbauwerkes zu untergraben. Es wurde bereits in der „Wiener Morgenzeitung" noch vor dem Kongreß und auf demselben dom Delegierten Stricker darauf.hingewieseu, daß das Zugeständnis an Baron Rothschild, durch welches die moderne wissenschaftliche Bibelforschuug am judaistischen Institut ausgeschaltet werden soll, ein schwerer Fehler war. Aus dem Kongreß gab diese Frage Anlaß zu lebhaften Debatten über die Bibolkritik, die mit einer gewissen .Heftigkeit von links und rechts geführt wurden. Es rmrß betont werden: Nicht um die BibeMrit-ik geht es, sondern darum, wie es möglich ist, eine jüdische Kultur aus» zn'bauen, welche dauernde Werte schafft. Die jüdische Kultur war lauge Zeit eine religiöse Kultur und es ist ohne Zweifel aiMerkenneu, daß Vovtviegend sie dem Judentum daS Rüstzeug für seine Erhaltung in der unaushörlicheu Bedrängnis der Galuth gab. Aber eine schöpferische Erneuerung des jüdischen Knlturinhaltes ist ohne dessen Erweitevmig auf das Gebiet der Prafankullur nicht möglich. Das zeigen jene Ansätze zur kulturellen Erneuerung des Judentums, die seit der ztveiten Häöfte des 10. Jahrhunderts aufkeimen, -das zeigt aber auch die innner stärker werdende S t e r i l i t ä t der reinreligHsen Kultur im Judentum seit fast ztvei Iährhurrderten. Gerade diese Sterilität der religiösen Kulvu-r und die Unmöglichkeit, lebendige erhaltende Werte an ihre Stelle zu fetzen, hat zu der unheimlichen Raschheit beigetrageu, mit welcher die sogenannte Assimilation innerhallb verältnismäßig kurzer Zeit eine geistige Cntjudung deS Judentums vornihauen konnte. Die Kulturkontinuilät zu tvahven, bedarf eS keiner Einschränkungen und Umzäunungen, sondern einer organischen Verbindung dor kulturellen Entwickittttgsstadien. Deshalb sind die Resolutionen des Kongresses über die Universit ä t sehr zil begrüßen. Sie stellen den eindeutigen Willen der zionistischen Bewegung dar, die Bestrebungen auf den geistigen ttuftoii de» IjrcheytM«, tq«W M zenttipotal nach Erez Israel gerichtet sind, im Sinne der Er loeiterung, nicht der Beschränkung des jüdischen Kulluriuhalter in seiner Entwicklung zu erfassen. Die Resolutionen lauten: Der 14. Kongreß begrüßt die Eröffnung der höbräischen Universität in Jerusalem und sicht in ihr ein epochales Ereignis in dem historischen Prqzeß der Renaissance der he>bräischan Sprache und Kultm. Er dankt all denen, die an der Begründung der Universität mitgewirkt haben, insbesondere Herrn Dr. Weiznra-nn für seilte vieljährige, zi-Mowußte und hingebungsvolle Avbeit zur BerwirLichuug des Gedankens der hebräischen Universität. Der Kongreß beschließt, daß da§ von der Zionistischen Organisation verwaltete Universitätseigentum einschließlich der verschiedenen Universitätsfonds denr neu gegrünbeten Kuratorium nicht vor der Festlegung der endgültigen Verfassung der Universität übergeben werden darf. Die endgültige Entscheidung über die Verfassung der Universität bleibt denr Aktionskomitee vorbähailten. In der Verfassung dor Universität ist für die Sicherung des bestinrnvenden Einftusses der Zionistischen Organiisation in den Ver-valtnngsikvrpern der Universität Vorsorge;u treffen. Der Zentralsitz des Kuvatoriunrs soll sich vorerst außerhalb Palästinas befinden; sein ausführender Berwalturdgsairsschuß soll in Palästina veribleibear. Der Kongreß fordert: Die hebräische Universität soll in allen ihren Abteilungen und Instituten auf dem Prinzip der. unbcschrärrkten Lehrfreiheit aufgebant worden, lvobei die vevschradenen geistigen Strönrnngen nn jüdischen Volk ihren vollen Ausdruck finden müssen. Auf der Basis dieses Prir^ips soll der Ausbau des judaistischen Instituts, welches die Gesamtheit des jüdischen Lebens in Vergaugenheit »ud Gegenlvart zu umfassen har, entschoidend bestimurt sein von >dem Dastrebeu, -das Institut unter Wahrung seines wissenschafttickteu Charakters zu einem vollen Ausdruck des jüdischen Geistes zu gestalton, wie er sich in den großen Kulturgütern der jüdischen Bergaugeuheil und den schöpferischen Kräften der jüdischen Gegenwart mauifostiort. Die schöpferischen Kräfte der jüdischen Gegenwart rnüssen frei wirksam tverden können, um aus >den großen Gütern der jüdischen Vorgangenheit jenes Licht wieder erstrahlen zu lassen, das dom Judeutirm stets GÄtnng und damit auch Erhaltung sicherte. Das ist der Sinn n-icht bloß einer Univevsitätsrasobt« tion, sondern jener ganzen bewußten jüdischen Entwicklung, ans die die zionistische Bewegung und damit die Kongresse und ihre Beschlüsse Hinstroben. Sberrabbiner Sk. Shajrs Wer den 14. zionisteukongreß. Donnerstag den 10. d. um 8 Uhr abends findet in den O l y m p i a s ä -l e «, 1. Bez., Rotgüsse, ein M a f s e n- :n e e t i n g statt, bei welchem Qberrabbiner Dr. Chajes über den beendeten 14. Zionistenkougreß sprechen wird. Hans Herr! gegen de« Zionismus. Der getaufte Sohn Dheodor Herzls ist nunmehr unter die Mitarbeiter der antisemitischen und antizionistischen Wiener ,MeichsPos^ gegangen. Er veröffentlicht in der letzten Sonntaguummer des klerikalen Organes nachstehenden Artikel: „Der heutige Zionismus ist niateriell. Er ist eine rein politische Bewegung geworden und ftirres nationalistischen Gehaltes verlustig gegangen. Unter Nottonalis-mus verstehe ich da's geistige- Baud, -das eine Nation zusam'nrenhält. Er ist die Liebe zum Volk. Der Zionismus ist heute Imperial i s nt u s,Begehrlichkeit nach einem Lande. Ich meine nicht, daß der Imperialismus unter keinen Umständen berechtigt sei; er gehört aiber in eine reichere Zeit als diese mageren Jahre. Das Verlangen nach Palästina, als einem jüdischen Land, tvird geschürt durch eine Organisation, deren Lebens» blut nicht mehr das «Ideal, sondern das „geruchlose" Geld ist. Die Zionistische Organisation sucht -die Unterstützarng reicher Juden, nicht solcher, die jüdische Staatskunst üben. Darum will die längst geplante „Jetoish Agency" nicht zustande kommen — jener Körper, tvelcher die jüdischen Staatsgoschäfte führen soll. Die z i o n i st i s ch e Bewegung stützt sich heule auf die Sentimentalitä t r e i ch e r I u d e n, d i e de n Z i o n i s m u s bekämp-ften zu einer Zeit, da er eine g^roße staats man nische Idee war; und 'Dentimentalitäit ist nicht Kraft. Die Kraft verlies; den Ziollismlls, als die Betvegnng vor 20 Jahren infolge des „territorialistischen^ Schismas auseinanderfiel. Es ist eine BinseMvahrheit, daß die Sepamliftcu die größten Feinde geistiger Gemeinschaften sind. Sie zerreißen das zarte ökumenische Band, und alle Kraft muß künftig daraus verwendet tvevden, sich und anderen die geschwundene Einheit vorzutäuschen. Alle geistige Begabungschied im «Jahre 1905 aus der jüdischen Bolksbetvegung; zurück blieben wohllneinende Schwärmer, unfähig, ein Staatsschiff zu teufe». Der Riß ist noch nicht geheilt. Der jüdische Nationalismus, wie. schon gefaßt* ist nicht an ein Territorium gebunden. Die Juden 'haben sich ihre Gerechtsame in d^r Zerstreuung durch , nahezu 2000 Jahre ersessen. Der Mantel des jüdischen Patriotismus ruht nicht auf den Schultern der Zionistensührer. Die Balfour-Deklaration von der nationalen Heimstätte für daS jüdische m i» mm .* m