Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2352 (8.9.1925)
- Date
- 1925-09-08
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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PoicnTäogi osayl Wien. 4umAoholen in der Expedition, II. rabotstr. 1-3, oder in einet Verschleisstelie <Trafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkaut in Wien durch die Kolporteure der Firma Ool dschmied, I* Wollzeile 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tschecho-Slowakel: Mon. K22. Jugoslawien: Mon. Din. 60. Pol en: Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgi en: Mon. Frcs. 18 Nachtahiungen bei Freit« erbAbaD8«B Vorbehalten Wiener Rr. 2332 Wie«. Dienstag. 8. September 1S2S iß»r««a 2Ü «I England: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 Lire: Ru nänien Mon. 170 Lei. Bulgarien Mon.IOOLew*. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. Z, Redaktion, Administration: Wien, II. Taborstr. 1 Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX. Universitätsstrasse 6-8 (D uckcrei ig. Steinmann) Oesteneichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 7. ilofirflans s MlnWmttral Berlin, Chorlottenburg, Jonchimsthoerstr. 41 1 Minute vom Bahnhof Zoo ntP>Resfauranf h Ranges Unter Aufsicht des Rabbinats der Jüdischen Gemeinde und des Hamburgei Vereines Vorzügliche Wiener Küche 1106 Mäßige Preise 2 reffounki der jüdischen Well Der Puls Sefterreichs. — b. Wien, 8. September. Die Negierung Ramek, deren führende Männer fetzt in Genf weilen, um dort Vom Völkerbund die Einlösung des im Septentlerprotokoll des Jahres 1922 ttiedergelegten Versprechens der Einstellung der Tätigkeit vdes Generalkominisfariats zu erreichen, verdankt ihre parlantentarifchen Erfolge vornehmlich gewissen Zusagen, die sie den Sozialdemokraten gemacht hat. Mit diesen Versprechungen wurde beiden Teilen gedient; den Sozialdemokraten, die einen Weg ins Freie aus ihrer faktiösen Opposition gegen Gens suchten, und der Regierung selbst, die mit der Versicherung, die Aufhebung der Kontrolle betreiben zu wollen, von der Opposition immer und inmter wieder Pardoniert, ja über alle Fährlichkeiten hinweggetragen wurde, an denen stärkere Männer als Dr. Ramek gescheitert wären. Seit Genf, da die österreichische Innenpolitik sich mangels der nötigen Einsicht auf der linken Seite auch außerhalb des Parlaments stark nach rechts und nach den Interessen des Besitzes orientierte, hatte Dr. Seipel und sein Nachfolger stets in den Beratungen mit den Herren vom Völkerbund Wiinsche dieser Bevölkerungsschichten vertreten und vom Völkerbund Aufträge übernehmen müssen, deren Autorschaft deutlich auf Wien hinwies. Die Wirtschaftskrise ließ eine andere Methode angezeigt erscheinen, mH so setzte das Kabinett Ramek in der Frühjahrstagung des Völkerbundes mit einer Sturm- Petition ein, die das österreichische Problem von der Wirtschaftsseite her, aufrollte. Die Folge war die Expertise durch die Herren Layton und Rist mit ihren sehr beruhigenden Schlußfolgerungen, beruhigend vor allem für die Anleihegläubiger, denen die Zusicherung gegeben wird, daß auch die Wirtschaftskrise den Erfolg des Sanierungswerkes nicht mehr gefährden könne. Noch liegen die Beschlüsse des Völketbundva-tes nicht vor, aber nach all dem, was man aus Genf hört, wivd der Völkerbund aus der Tatsache der gelungenen sMatsfinanziellen Sanierung den Schluß ziehen, daß die Kontrolle, nachdem das Einreißen einer finanziellen Ludevwirtschaft für alle Hinkunft durch bestimmte Maßnahmen'unmöglich gemacht wird, nicht mehr in der Form des Generalkommissariats aufrecht bleiben müsse. Es wird eine Form gefunden werden, die vielleicht noch wirksamer als bisher durch Ueberleitung deß gesamten Staatskassendienstes über Konti der Nationalbank eine Rückkehr zur AuAgabenwirtschaft der Inflationszeit verhtndert und die Interessen der Anleihegläubiger Wer Mn Zweifel sicherstellt. Das ist eine ganz nüchterne Maßttahme, an der sich auch die hemmungsloseste Phantasie nicht entzünden könnte. In Dr. Zimmerman, der wahrscheinlich bald einen anderen Wirkungskreis bekonrmen wird, wollten ewig Unbelehrbare einen Fron- Vogt erblicken, den die „unersättlichen Gläubiger" hieher gesetzt hätten, um die kleine Bundesrepublik an der Donau fremdent Willen untertan zu halten. Man Hai ihm bitter unrecht getan. In den Jahren seiner Wiener Wirksamkeit hat er sich über seine eigentliche Aufgabe hinaus immer urtd immer wieder als warmfühlender Anwalt Oesterreichs erwiesen. Ob es nun besser werden wird, fragt sich die Bevölkerung. Bis nun konnte die Regierung für alle unpopulären Maßnahmen die Person des Generalkommissärs Vovschützen, jetzt wird sie — und das ist der Sinn aller Demokratie — die Verantwortung allein zu tragen haben. Ob sie und die schwache Regierungsmehrheit auch den Mut zu dieser Ae sechste BAkerbundverlammlung. Ae wachsende Migtett der Völkerbundes. — Der Friedenspakt. — Aufforderung an Deutschland zum Eintritt i« den Völkerbund. — Die österreichische Frage. Genf, 7. September. Heute vormittags wurde die Vollversammlung des Völkerbundes vom französischen Ministerpräsidenten Painleve eröffnet. Zu Beginn seiner Rede gedachte er der Toten des Völkerbundes, namentlich des schwedischen Ministerpräsidenten Brant i n g und des Begründers der Völkerbundidee Woodrow W i l s o n. Er erklärte, daß die französische Regierung Wert darauf gelegt habe, bei der Völkerbundtagung durch ihren Chef vertreten zu sein und so zu bekunden, daß trotz der vielfachen Sorgen, die augenblicklich Frankreich bedrücken, das hohe Ideal des Völkerbundes nicht einen Augettblick aus seinem Gesichtskreis entschwinde. Painleve wies darauf hin, wie sehr der Völkerbund sich in den letzten Jahrett g e k r ä s t i g t habe, und gab sodann eine Uebersicht über die wachsende Tätigkeit des Völkerbundes. Als besonders wichtig hob Painleve'auch die Gründung des Instituts für die intellektuelle Zusammenarbeit hervor, welche die kulturelle Verbindung der Völker zum Zwecke habe und unter der Leitung Bergsons stehe, den Painleve einen Apost'el des Gedankens nennt. Sehr wichtig waren die Bemühungen des Völkerbundes, die Nachwirkungen des Krieges aus wirtschaftlichem und ethischem Gebiete zu beheben. Es handelt sich um die Fürsorge für die r u s s i s ch e n und a r itt enischenFlüchtlinge, um die Fürsorge für den Austausch der griechischen u n d t ü r k i s ch e n Minderheiten, um die Hilfe für die hungernde Bevöl k erung Armeniens sowie um die Einleitung einer internationalen Föderation, welche in Fällen besonderer Katastrophen den betreffenden Bevölkerungen zu Hilfe kommt. Das wirtschaftliche Gleichgewicht einiger neuer Staaten erforderte gleichfalls das Eingreifen des Völkerbundes. Oesterreich und Ungarn sind durch die eigenen An st rengungen und durch die L e i st u n g der Generalkommissäre zu großen Fortschritten in ihrer finanziellen Sanierung in unerwartet kurzer Zeit gelangt. Man kann für Oesterreich schon daran denken, die Kontrolle bald aufzuheben. Segensreich war das vermittelnde Werk des Völkerbundes in gewissen Streitigkeiten, insbesondere zwischen Polen und Danzig. Die Frage der Minoritäten ist nur durch die Obsorge des Völkerbundes auf eine Plattform zu bringen, welche ihre gerechte Austragung ermöglicht. Das trifft vor allem für den B alk a n und den n a h e n O st e n zu. Die Abgrenzung zwischen dem Irak und der Türkei und die Frage von M o s s u l waren ein weiteres Problem des Völkerbundes. Der Rat ist damit beschäftigt, die ^Schlußfolgerungen der Experten zu studieren. Das wichtigste Kapitel ist aber die Frage der S i ch e,r h e i t d e r Völker, und auch diejenigen, die im Felde standen, w o l l e n k e i n e n Krieg mehr. Man will einen Frieden, der auf der Gerechtigkeit basiert. Nunmehr kam Painleve auf das Genser Protokoll vom Vorjahre zu sprechen. Die Notwendigkeit, den Bölkerbundpakt durch ein gegenseitiges Sicherheitsabkommen.zu stärken, hat unablässig die Verhandlungen der Völkerbundtagungen beschäftigt. Dieses Genfer Protokoll habe leider nicht genügend Unterschriften erhalten, um in Kraft zu treten. Eine so außerordentliche Sache brauche Zeit, um sich vollständig durchzuringen. Im Vorjahre glaubte man, einen allgemeinen Friedenspakt abschließen zu können, indessen aber habe sich dies nicht durchführen lassen. Deshalb war man bemüht, ein Einzelabkommen zustandezubringen, einerseits um die bestehenden zu sichern, andererseits um dort, wo Gefahr droht, die Gefahr zu vermeiden, und zwar durch Schieds Verträge. Der Völkerbund werde zu wählfen haben, ob er das Protokoll v o m Vo rjahre noch einmal aufnimmt; vielleicht mit. Abänderungen und Zusätzen, oder ob er sich für Einzelabkomme n entscheidet. Painleve erinnerte dann an den Notenwechsel, der wegen der Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund mit Deutschland ausgetauscht wurde, und sagte, er hoffe die einmütige Zustimmung der Versammlung zu finden, wenn er an Deutschland den Appell richte, in die Gemeinschaft, die der Völkerbund darstelle, einzutreten. (Lebhafter Beifall.) Painleve schloß mit einem Appell an die Regierungen aller Länder und an alle Völker, den Frieden zu schützen und zu bewahren. Ueberall drohen noch Gefahren, noch sei das Gleichgewicht nicht gefunden, doch der allgemeine Friedenswille müsse zum Siege gelangen. Verantwortung aufbringen werden, wird sich bald zeigen. Selbst die Väter der Idee, den Völkerbund für die österreichische Wirtschaftkrise zu interessieren, werden sich kaum vorgestellt haben, daß dieser, etwa verzweifelnd an der Möglichkeit, die Nachfolgestaaten zu einer Aufhebung ihrer Hochschutzzölle zu gewinnen, ohne weiteres das Anschlußverbot aufheben oder die Bereinigung der Sukzessionsstaaten zu einem Zollgebiet dekretieren könnte. Die Ursachen der österreichischen Handels- und Jndustriekrise sind so vielfältig, daß sie nicht einmal in den sehr eingehenden Gutachten der beiden Völkerbundexperten vollständig enthalten sind. Ein allgemeines Rezept für die selbständig Erwerbenden Oesterreichs, ihren Borkriegswohlstand wieder zu gewinnen und ihnen die Sicherheit ihres Besitzes für die fernste Zukunft zu garantieren, gibt es nicht. Es mag allen Aengstlichen und Zweiflern genug sein an der rückhaltlosen Bejahung der Lebensfähigkeit Oesterreichs als eines selbständigen staatlichen und wirtschaftlichen Organismus, an der Konstatierung, daß es kein spezifisch österreichisches Wirtschaftsproblem gibt, daß die österreichische Wirtschaftskrise nicht der singuläre Fall ist, sondern der typische, und daß eine fortschreitende Besserung trotz des Rückschlages im Iahte 1924 nicht zu leugnen ist. Der „WasseÄopf Wien" wird in der Darstellung der beiden Bölkerbundexperten zum Herzen dieses tti/OL- ———————————i Staates. Wien ist am Export der österreichischen Industrie mit mehr als siebzig Prozent beteiligt, seine Banken, sein Handel und sein Gewerbe wirken weit über die Grenzen der kleinen Republikhinaus. Durch Wien sind diese Bergläuder mit der großen Well verbunden, in deren Wirtschaft dieser Kleinstaat eingeordnet ist. Wien ist noch heute eine Weltstadt und das ist wohl der wesentlichste Gegensatz zu den Bundesländern, deren Politik und Wirtschaftsauffassung dem engen Horizont ihrer Gebirgstäler angepaßt sind. Aber auch die BuWeslävder leben mit und von Wien und bilden mit ihm eine untrennbare Einheit. Es wird jetzt, da von sehr autoritativer Seite diese Feststellung gemacht worden ist, Sache der Bundesregierung sein, die mit dem Programm des gemäßigten Föderalismus ins Amt getreten ist, aus dieser Konstatierung die nötigen Folgerungen abzuleiten. Sie wird jenen Geist bekämpfen müssen, der die Weltstadt Wien mit dem Geschrei jenes Ungeistes erfüllen möchte, der sich feindselig wider alles Fremde und Ungewohnte stellt. Wenn Oesterreich das Defizit seiner Handelsbilanz durch die Steigerung seiner Men Ausfuhr, durch den Gewinn des Transithandels kompensieren will, so kann dies nunc geschehen, wenn Tür und Tor geöffnet wird jedem, der hier redlichen Erlverb sucht, der gewillt ist, mit seinem Kapital, seinem Hirn oder seiner Arme Kraft hier zu arbeiten. MineBomlsouPrel'eSchiffmann jgag 31