Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2349 (5.9.1925)
- Date
- 1925-09-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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Leite 4 Wien, Samstag Nie Diskussion über Mossul. Einsetzung eines neuen Komitees. Genf, 4. September. (Schweiz. Dep.-Ag.) Der Mkkerhundvat hat vormittags unter Vorsitz des französischen Ministers des Aeußern, B r i a n d, die Erörterung der Mos'fulfrage fortgesetzt. Tewfik Ruschdi Bei erklärt« in Erwiderung der gestrigen Ausführungen des britischen Kolonial,niniisters Amery, daß die britischen Darlegungen ihn in seiner Ansfassung nur 'bestärkt hätten, und fügte bei. er könne nicht zulasten, daß hier die Probleme -er Minderheiten in der Türkei irgendwie aufgeworfen rverden. Diese Materie sei bereits im Friedensvertrag von Lausanne geregelt worden, und es wäre sehr gefährlich wenn sich der Rat auf Dinge einließe, die gar nicht zur Erörterung stehen. A-me ry erklärte, aus dem Bericht der VölkerbundkommWon gehe zwar hervor, daß aus geographischen und wirtschaftlichen Gründen die Zuteilung von Mofsul zum Irak nottvendig sei. M o ssu l sei seit Jahrhunderten von Bagdad aus regiert und verwaltet worden. Die Kurde n, die die Mehrheit der Bevölkerung bilden, seien keineswegs Türken, sondern eine besondere Rasse. Auch die Handelsbeziehungen zwischen Mossul und der Türkei seien zurzeit sehr gering. Tie .Hadelswcg« gingen nach Bagdad und nach Syrien. In ethnischer Hinsicht ist zu wiederholen, 'daß die Kurden und die Araber die Ha up te le me nte der Bevölkerung darstellen. Die Türken selbst bilden eine kleine Minderheit von nur 3 Prozent. Mossul ist eine ausgesprochen arabische und nicht türkische Stadt. Es handelt sich hier nicht um die Schaffung einer neuen Situation, sondern um die Fortdauer einer unter der Kontrolle des Völkerbundes stehenden Verwaltung, die im 'Interesse des Landes selbst gelegen ist. Das Mandatshsteul, Las der türkische Vertreter gestern -beanstandet 'hat, muß als eine vorzügliche und fortschrittliche Einrichtung angesehen werden. Die Nationalversammlung vom -Irak hat, wie bereits bekannt, den Wunsch ausgesprochen, daß der Freundschaftsvertrag zwischen dein Irak und Großbritannien, der das britische Mandat sanktioniert hat, nach deffen Ablauf im Jahre 1928 im Interesse der Wohlfahrt des Landes erneuert werde. Ter Irak hat unter der britischen Verwaltung sehr bedeutende Fortschritte gemacht und ist auf dem Wege zu einer neuen Blüte. Mchmittags antwortete der türkische Ättmister T e wf i L Ruschdi Bei auf die Ausführungen A -merh 's. Er betonte, daß Großbritannien das Mossulgebiet zu seinem Gedeihen und zu seiner Sicherheit nicht benötige und daß die Zugehörigkeit dieses Gebietes zur Türkei für dielse von größter Bedeutung sei. Die türkische Regierung sei deshalb nicht gewillt, aus -ein Gebiet zu verzichten. das ihr von Rechts ivegen gehöre. Tewfik Ruschdi Bei lehnt« es andererseits ab, über innerpolitische türkische Angelegenheiten zu diskutieren, stellte aber fest, daß die Kurden die gleichen bürgerlichen Rechte besitzen wie die Türken sebst. Die Bewohner des Mossulgebietes hätten es also nicht nötig, unter britische Verrvaltung zu kommen, um im Besitze staatsbürgerlicher Rechte zu sein. Da weder der türkische noch der -britische Vertreter weiter das Wort verlangten, schloß -der Borsitzende Brrand die Diskussion. Hierauf trat der V-ölkerbundrat im Beisein der türkischen Vertreter, des Außenministers Tewfik Ruschdi Bei in welchem die Lehren des Verfassers der „Evolution Creatrice" fein analysiert und zusammenfassend dargelegt werden. Bergson bietet keine Religionsphilosophie, aber seine Lehren münden in Sätzen, die auf. das religiöse Denken und Empfinden unserer Zeit einen starken, geradezu umgestaltenden Einfluß auszuüben berufen sind. Man spürt auch schon diesen Einfluß in allen Lagern. „Im Absoluten sind wir, kreisen wir, leben wir. Unsere Erkenntnis von ihm mag lückenhaft sein, nicht aber äußerlich und relativ. Vielmehr das Lebe» selbst in seinen Tiefen ist es, zu dem wir Vordringen" sagt Bergson einmal m einer „schöpferischen Entwicklung". Gott erleben heißt also für Bergson zunächst die echte Wirklichkeit der Welt erleben. Wir erleben aber nach ihm die echte Wirklichkeit nicht durch den Verstand, sondern mittels der Intuition. Der Verstand begreift nur die einzelnen Teile der Wirklichkeit, er vermag immer nur ein Auseinander fest umgrenzter, totex Teile zu erkennen. Ueberatt, wo es Teile von solcher Beschaffenheit gibt, wird er am Platze sein. Das ist in der chemisch-physikalischen Welt der Fall. Aber schon beim Erfassen der Bewegung, also dem Fortfchreiten in der Zeit, ist der Verstand genötigt, zu der Raumvorstellung zu greifen, um sie anschaubar und vorstellbar zu mache». Die Zeit wird durch den Raum ausgedrückt, aber die Bewegung in der Zeit selber bleibt für den Verstand schlechterdings unfaßbar. Noch mehr versagt die mechanische Betrachtungsweise bei der Erkenntnis des Werdens in der lebenden Welt, und erst recht vor dem Begreifen des Geisteslebens, das sich nicht in Qualitäten zerlegen läßt. Hier tritt die Intuition in ihre Rechte, die das Leben und den Geist als eine Integrale schaut und zum Absoluten vordringt. „Und sie hat eine sichere, feste Unterlage, un» vor bloßen Phantasielügen bewahrt zu bleiben. Bergson bindet sie an die Wissenschaft, läßt sie ganz auf deren Ergebnissen fußen." Die Intuition schaut Wiener Morgett-etturrg OTTO OTTO Zur Ausübung meiner Tät'gkeit haba len mich in Earlin niedergelasmn und bahandle In dem ärztlich geleiteten iiioialorii Teli BLsm. Mi« G. tn. b. H. Tel. BUm. J«J5 Berlin, Kurfürstendamm 62 Behandelt werden mit ärztlich nachgawlesenen Erfolgen selbst angeblich hoffnungslose Erkrankungen psychogener <*rt, wler IfdtlM / Neuralgie Neurosen Nervöse Kopffchmersen Uhmanim niw. Voruntersuchung durch ärtzl. Autorität täglich von 10—i Uhr Meine Broschüre »Die Heilung der Seele" 1094 ist zum Preise von M. 2.— bei obiger Adresse beziehbar und des türkischen ^sandten in Berlin, Mnhir Bei. zu einer vertraulichen Sitzung zusammen, um über das Verfahren der melieren Be- 'Handlung der Miissolfrage zu verhandeln. Es wurde ein aus U n de n (Schtveden), Qninones de Leon (Spanien) und G ua ny (Urugauy) bestehendes Komitee eingesetzt, das den Auftrag erhielt, dom Volkerbnndrat Bors chlage üibe r das; u r L ö s u ng d e r Mo s su lfrage einzuschlagende Verfahren zu unterbreiten. Das Komitee trat sofort zu einer Beratung zMmmen und wird dem Rate baldmöglichst seinen Bericht unterbreiten. Wie sie Hinvenburg feiern. Amnestie für Synagogenschänder. Berlin, 4. September. (I. T. A.) In Schlochau (Schlesien) wurde, wie bereits berichtet, die Wahl Hindenburgs zum Reichspräsidenten dadurch gefeiert, daß eine Bande von Teutschvölki scheu sämtliche Fenster der Synagoge e i n s ch l n g. Die völkischen Helden zogen, das Lied „Hakenkreuz und Stahlhelm" gröhlend, durch die Strafen der Stadt. Vor der Synagoge wurde „Haiti" kommandiert und auf Kommando ein S t e i n b o m b ardement gegen die Synagoge eröffnet, so daß keine Scheibe ganz blieb. Bei der Vernehmung sagten fünf der verhafteten Heldenjünglinge aus, sie seien so betrunken gewesen, daß sie sich nicht erinnern könnten, tvas sie getan hatten. Die Führer aber sagten ans, sie seien dem Zuge vorausgeeilt, als dieser an der Synagoge gewesen sein dürfte. Gegen die Täter ivar die Anklage wegen Beschädigung von Sachen, die dem Gottesdienste gewidmet sind, erhoben worden. In der Hauptverhandlungregte ' der Vorsitzende, Landesgerichtsrat Held »vom Landgericht in Schneidemühl, au, die Frage zu klären, ob die Tat nicht unter die preußische A m n e st ie falle, die bekanntlich die Niederschlagung von Strafverfahren Vorsicht, die bei öffentlichen Kundgebungen im politischen Kampfe begangen find. Daraufhin beantragte der Vertreter der Staatsanwaltschaft, Staatsanwalt I a c o b i, ohne jede.weitere Begründung die Einstellung des Verfahren s. Das Gericht beschloß nach längerer Beratung in diesem Sinne. In der Begründung wird unter anderem ansgeführt: Die Tat, wegen der die Angeklagten zur Verantwortung gezogen waren, ist bei. einer öffentlichen Kundgebung im politischen Kampfe begangen worden. Me Angeklagten sind Mitglieder der deutschvölkischen Freiheitspartei. Sie sind also im politischen Kampfe ge- '..gJllgWBWaW','. IM den werdenden Gott, der die Schwungkraft des Lebens (elan vital) ist. Man findet hier sehr lebhafte Anklänge an die Metaphysik der jüdischen Mystik des 13. und des 16. Jahrhunderts, aber auch der ganz neueren des 18. Jahrhunderts, wie sie sich im esoterischen Chassidismus auf primitive Weise bildete. Zum Schluß macht der Verfasser auf den ausgesprochen französischen Charakter der Bergsonschen Philosophie aufmerksam. „Bergson ist zwar geborener Engländer, scheint sich aber der französischen Stammesart vollständig angepaßt zu haben", versichert Dr. Ott. Diese Anpassung war für Bergsvn umso leichter, als seine Wiege nur ganz zufällig in England stand, da sein Vater damals für kurze Zeit in einem englischen Städtchen die Stelle eines Chazzan (Kantor) in der Synagoge innehatte. Henry Bergson ist nämlich ein polnischer Jude, Sohn eines kleinen Warschauer Kantors, der anfangs der Dreißigerjahre geboren wurde. Er wunderte nach der Schweiz aus, wo er eine Zeit als Kantor in Genf fungierte, dann ging er nach England, wo ihm sein Sohn Henry geboren wurde. Nachdem der Vater eine Stellung in Paris angenommen hatte, erhielt der Sohn eine vollständig französische Erziehung und entwickelte sich zu einem der ersten Denker der Gegenwart, der nebenbei als der größte französische Stilist bewundert wird. Pfarrer Ott, wie so viele, die über Bergson geschrieben, erwähnt nicht mit einem Wort dessen jüdische Abstammung, die doch wohl auf seine GeisteSart von einigem Einfluß gewesen sein dürfte, zumal Bergson (um eine französische Wendung zu gebrauchen) ein „Jüif pratiquant" ist. Als dagegen Maurice Barres im Jahre 1915 die Aufnahme des berühmten Philosophen in die französische Akademie bekämpfte, erittnerele er an dessen Judentum sehr nachdrücklich . . , 5. September 1985 Nr. 2649 standen, wenn sic das Eigentum ihrer politischen Gegner verletzt härten. Wozu zu bemerken ist. daß die Feststellung, eine Synagoge sei ein politisches Objekt, die unerhörteste Auslegung des Gesetzes ist, die sich die preußische .(mkeusreusiustiz feit langem geleistet hat. _ StaarMe Siibven lon für Die Wischen Gemeinden in Preußen. Berlin, 4. September. (I. T. A.) Ter preußische Landesverband jüdischer Gemeinden hat aus Anlaß der Beratungen über das Budget an den .Hauptausschuß des preußischen Landtages den Antrag gerichtet, es mögen für Zwecke der geistlichen Versorgung leistungsunfähiger Synagogen gemeinden in Preußen unter Ausschluß einer rechtlichen Verpflichtung des Staates 510.000 Mark aus^owendet werden; die Auszahlung des Betrages solle an den Preußischen Landesverband jüdischer Gemeinden und an den preußischen Landesverband gesetzestreuer Synagoge »gemeinden nach Maßgabe der Seelenzahl der den beiden Verbänden angefchlofsenen Gemeinden erfolgen. Der Antrag, welcher von den Demokraten, den Sozialdemokraten, dem Zentrum und der deutschen Volks- Partei unterstützt wurde, wurde im Hauptausschuß gegen die Stimmen der Deutschnationalen und Kommunisten a ng e n o mm e n, nachdem der preußische Kultusminister Dr. Becker erklärt hatte, cs sei gegen die Bewilligung von Staatsbcihilsen an die Synagc.gengemeinden, wenngleich eine rechtliche Verpflichtung nicht best e h t, aus Gründen der Billigkeit und Parität nichts einzuwenden. _ Re Katasttovhe der „Shenandoah". In drei Teile geknickt. — 15 Tote, 19 Verletzte. Wie aus New-Aork gemeldet wird, hat die Katastrophe des Luftschiffes „S h e n a n d o a h" 15 Tote und 19 Verletzte gefordert. Oberst Hall, der als Vertreter der amerikanischen Armee an Bord des verunglückten Luftschiffes war, berichtet, daß das Luftschiff, das in etwa 1000 Meter Höhe in westlicher Richtung flog, plötzlich vom Sturm in eine Höhe von 1800 Meter emporgerisien wurde. Durch Oeffnen der Ventile gelang es, das Schiss wieder etwas zum Sinken zu bringen, das nun mit einer Stundengeschwindigkeit von fünfzig Meilen vor dem Wind flog. Plötzlich wurde es vom Sturm geknickt und zerbrach in drei Teile. Sämtliche Teile wurden beini Landen vollkommen zertrümmert. „Associated Preß" erklärt, von allen Offizieren werde als ein Glück im Unglück betrachtet, daß die „Shenandoah" nicht mit entzündlichem Hydrogengas gefüllt war. Der Erbauer der „Shenandoah" ist der Ansicht, daß das Unglück nicht auf einen Konstruktionsfehler oder auf eine unzweckmäßige Führung während der Fahrt zurückzuführen sei. Zur Untersuchung der Ursache der 'Katastrophe ist eine Kommission von Marineoffizieren aus Lakehurst an die UnglückAftätte abgesandt worden. Die Untersuchung gestaltet sich durch den Umstand sehr schwierig, daß die Ueberreste -des Luftschiffes gestern und im Laufe der Nacht in großem Umfange geplündert worden sind. Es werden unter anderem die Kontrolluhren, der Barograph sowie wichtige Maschinenteile vermißt. Ein Marineflugzeug verschollen. Aus New-Aork wird gemeldet: Das auf dem Fluge nach Hawai verschollene amerikanische Marineflugzeug konnte trotz eifriger Nachforschungen von zwölf Unterseebooten, einem Zerstörer und einem Minensucher nicht gefunden werden. Man hat in Marinekreisen nunmehr jede Hoffnung aufgeg ebcn, das Flugzeug und seine Besatzung zu retten. MenbahunnMcke in aller Welt. 14 Tote und 2 Schwerverletzte in England. Aus London wird gemeldet: In der Nähe von Hope ist -der Schnellzug M a u che st e r—Sh e f f i e ld vorgaster» nachmittags um 3 Uhr 45 Minuten mit einem im Bahn- Hof stehenden Zuge zusammengestoßen. Man zählt 14 Tote und 2 Schwerverletzte. Bon letzteren schwebt einer, der Lokomotivführer, in Lebensgefahr. 3 Tote und 2V Verletzte in Frankreich. Ans Paris wird berichtet: Der Pevsonenzug frischen Sa i n t Ie a n—P i e d de Po rt und Ba y on n c ist um 5 Uhr nachmittags 31 Kilometer von Bayonn« entgleist. Alle Wagen sind aus den Schienen g «sprungen. Drei Wagen wurden umgsworfen und zertrümmert. Nach den ersten Motdungen sollen nre'hr als drei Personen getötet und über 20 verletzt worden sein, davon sechs schiver. Wie der ,Matin" aus Bordeaux mrtteilt, ereigneivsich der Unfall an einer Kurve, etwa zwei Kilometer von: Bahnhose von Bidarray. Der Zug soll im Augenblicke des Unglückes mit einer Geschwindigkeit von 70 Kilometer gefahren sein, loÄhvend die zugeilassone .Höchstgeschwindigkeit an dieser Stelle 50 Kilometer beträgt. Die im Zuge befindlichen zahlreichen Kinder einer Ferienkolonie Rieben unverletzt. Furchtbare Bergwerksexplosion in Korea. ' Eine Meldung aus Tokio besagt, daß in P i n g j a n g auf Korea bei einer Explosion in einem Bergwerk bei Teihaku 15 0 M e n f ch e n u m S Leben gekommen sind. p-