Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2346 (2.9.1925)
- Date
- 1925-09-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Wien, Mittwoch Wie«, r M r ..'r eUunst 2. September 1926 die Juden schuld, welch« noch immer Dauben, sich mit der „Bodenständigkeil" österreichischer Sommerfrischen abfindeu und dabei ihre Würde wahren zu können. Die Folgen des „avisierten" Fremdenverkehrs. Wie die Korrespondenz Herwei berichtet, erzählten gestern Ne Abgeordneten, die aus der Provinz eingetroffen sind, daß man in den Ländern Heuer sehr enttäuscht über den Fremdenverkehr sei, der den gehegten Erwartungen nicht entsprach. Nach vorläufigen Schätzungen sollen im Salzkammergut und anderen größeren Fremdouverkehrsorten Oberösterreichs und Salzburgs im heurigen Sommer einige tausend Betten nicht vermietet worden sein. Dies' bedeutet einen finanziellen Verlust sowohl für die Fremdenvebkehrsorte als auch für die Lanidesflnanzen. In Salzburg hoffe man noch, diesen Verlust durch die Festspiele und den damit verbundenen Besuch von Amerikanern und Engländern einigermaßen wettzumachen (Wcyu zu bemerken ist, daß S a l zburg der Zemvalpunkt der antisemitischen Hetze ist und daß der Besuch der für die Fremden eingerichteten Festspiele u. dgl. schon deshalb den Fremden verleidet wird, da in Salzburg auch wahrend der Fremdenfaison eine starke Boykottpropaganda betrieben wird. Die Red.) Ale Wische G 'rt-ierko'onle ' ei Budapest. Unbekümmert um Numerus clausus und sonstige noch immer nicht völlig gutgemachte Rechtsverletzungen an den Juden, blüht nicht weit von Budapest, an der Bahnstation Ra kos, kräftiges, auch für die Zukunft vielvevheißendes jüdisches Leben. Ein Reporter des zionistischen „Zsido Szemle" nennt die Siedlung, die in Rakos besteht, in seinem Ueberschwang ,Mein-Palästina". Das ist die jüd isch e Lehranstalt für Gartenkultur mit ihrer Musteranlage sicherlich nicht, aber immerhin eine erfrischende Oase in der verdorrten Wüstenei des jüdischen Lebens in der ungarischen Harrptstadt. Die Gärtnerei in Rakos, die von der „Ungarisch-israelitischen Vereinigung zur Förderung der Handwerke und Landwirtschaft unter den Juden" im Jahre 1909 gegründet «wurde, umfaßt 'einen Besitz von 90 Joch Gartenland und wurde durch intensive, rationelle Arbeit auf ein Niveau gebracht, das diese Anstalt zu einer der bedeutendsten und angesehensten in Europa erhebt. Alle Zweige der Gärtnerei werden hier kultiviert. Prachtvolle Obst k ul t u re n wechseln mit Baumschulen, Weint u Huren und Blumengärten ab. Die mit den mordernsten Mitteln ausgestatteten japanischen Glashäuser werden, da die teuren Pflanzen es erfordern, sogar im heißen Juli geheizt. Die Anlage besitzt einen eigenen Wasserturm, der mit mächtigem Druck die große Gartensarm mit Wasser versorgt. Die Schüler der Gärtnerschule wohnen in dem in der Farm errichteten I n -t e r n a t. Die Produkte der Anstalt (Blumen ausgenommen), wie Edelobst, Gemüse- und Küchenpflanzen, finden auf dem Budapester Platz Absatz. Diese jüdische Gärtnerschule steht mit sämtlichen bedeutenden öffentlichen Kurvstgärtnereien der Welt in Verbindung. Gegenwärtig zählt die Anstalt 31 Zöglinge, die bei ihrem Eintritt den Nachweis einer Vorbildung von zumindest vier UnteEassen einer Mittelschule erbringen müssendes gibt unter ihnen aber auch mehrere Schüler, die bereits die Mittelschulmatura gut bestanden haben. Die Schüler erhallen nicht nur praktischen, sondern auch gediegenen theoretischen Unterricht in allen einschlägigen Fächern. Erwähnenswert ist, daß es in der Anstalt — ohne Numerus clausus — auch christliche Zöglinge gibt, da die Lehranstalt einen ausgezeichneten Ruf genießt. Die mefften Schüler werden unentgeltlich unterrichtet und verpflgt, es gibt aber auch solche, die einen Monatsbeitrag von l,200.0oQ K. leisten. Alle in der Anstalt absolvierten Gärtner haben, zumeist im Ausland, leicht Stellung gefunden. Der gegenwärtige Qbergärtner von Jerusalem ist auch Absolvent dieser Gärtnerschule. Ueberhaupt tendieren fast alle jüdischen Zöglinge der Anstalt nach Erez Israel. Am Sabbat rnht der Unterricht und die Arbeit. Wie alle jüdischen gemeinnützigen Anstalten kämpft auch die Budapester jüdische Gärtnerbildungsanstalt mit Geldschwierigkeiten, die immer von neuem durch Spenden und Widmungen behoben werden müssen. Me Pflanzenwelt der Bibel.' Im Rahmen der Veranstaltungen, welche um den Kongreß herum stattsanden, verdient ein Projekt besondere Beachtung, welches von dem bekannten Botaniker Ephraim Reubeni und seiner Gattin, die ihm in seinm wissenschaftlichen Arbeiten immer zur Seite steht, am Samstag vormittags einer speziell interessierten Hörerschaft vorgeführt wurde. Es handelt sich um die Errichtung eines Bibel- und Talmudgartens, das heißt einer Gartenanlage in Palästina, in welcher die Pflanzenwelt des biblischen und talmudisch-midraschischen Schrifttums leibendig vor Augen gestellt werden soll. In geistreicher Weise setzte Herr Reulbeni auseinander. wie eine abstrakt gewordene Forschung vielfach falsch« Uebersetz-ungen der hebräischen und aramäischen Pflanzennamen entstehen ließ und wie erst die liebevolle Naturbeobachtung m Verbindung mit dem Eingehen auf den Än«. zum Beispiel der b'blischen Bilder und der agadischen Gleichnisse auf richtige Spuren führt. So kann zum Beispiel „Eharol" nicht „Nessel" bedeuten, weil diese nicht wie i» dem betreffenden Bibelvers ganze Felder bedeck. Auch die berühmte ,Mose zwischen den Dornen" im Koheulick sei in WKLichkeit kein« Rose, sondern eine Narzisse. Manchmal lassen sich in der Bibel bei paarweise austrerenden Namen aus der Kenntnis des einen Schlüsse auf den anderen ziehen. Hie und ga gebe dann auch der arabische oder landesübliche Name, aber auch die Form gewisser Pflanzenteile (so zum Verspiel wenn die „Meerzwiebel" als ,^rug" bezeichnet wird) Anhaltspunkte. Die unmittelbare Vorführung des leberdigen Pflanzenmaterials in sinnvollen Anordnungen, sei es nach Landschaftstypen, sei es nach literaturhistorischen Gesichtspunkten, hat nun in der Idee der Begründer des Projektes (welche auf den englischen Shaflspearc-G.irten als ein entferntes Analogon Hinweisen) nicht nur wissenschaftliche. sondern auch pädagogische Bedeutung, indem in lebendiger Vorführung das ganze biblische Bild dem Kinde vor Augen treten soll; auch Künstler können — was in einem speziellen Falle schon geschehen ist — von hier Anregung holen. Daß übrigens die Leiden überaus rührigen Persönlichkeiten den richtigen wissenschaftlichen und künstlerischen Sinn der Sache entgegenbringen. hat unter anderem die vor eineinhalb Jahren hier veranstaltete Ausstellung gezeigt, ebenso wie die vorliegenden prachtvollen farrbigen Tafeln des von ihnen vorbereiteten botanischen Werkes. Zum Projekte selbst sei noch bemerkt, daß es außer dem zentralen Garten noch mannigfache Filialen, ein Museum, Schulgärten mtb Sammlungen in Europa und Amerika vorsieht. Es wäre gewiß wünschenswert, wenn sich in der Epoche der Ausgestaltung unserer nationalen Universität auch für das originelle Projekt, den pflanzlichen Hintergrund der Bibel systematisch und doch Mendig darznstellen, werktätiges Interesse fände. E. M. StelNmetzarbett in PsMiua. Von Architekt Emanuel Neubrunn. In der Palästinaausstellung sind verschiedene Steinmuster aus den Vorkommnissen in Erez Israel zu sehen; es srud dies durchwegs Kalkgesteine, farbige Marmore und sogenannte harte Kalksteine. Die Marmovmuster sind ähnlich den in Oesterreich unter dem Gattungsnamon „Salzburger Marmor" bezeichneten Qualitäten, also mit gelblicher und rötlicher Färbung. Die harten Kalksteine kommen in der ausgestellten guten Qualität in Oesterreich nicht vor und entsprechen in der Struktur den Steinen» welche unter dem Namen ,-Karftmarmove" bekannt sind und hauptsächlich in der Nähe von Nabvesina gebrochen werden. Diese letzteren stellen eine außerordentliche gute Qualität von Bau st einen dar, sie sind vollkommen wetterbeständig, die -Bearbeitung ist auch eine verhältnismäßig leichte und daher eine wenig kostspielige. Dagegen kann man aus den ansgestellten kleinen Marmormustern nicht sofort den Eindruck gewinnen, daß in diefein Materialien die für Bauzwecke notwendigen großen Dimensionen, gesund und ohne Risse, erhalten werden können. Diesbezüglich könnten die in diesen Materialien arbeitenden Organisationen am besten Auskunft geben. Bei den meisten Mustern kann man konstatieren, daß sie nicht vollkommen gesund sind und Sprünge ausweisen. Sehr interessant ist ein Marmor mit hellgrüner Farbe, ein Stein, der in Fachkreisen bis nun unbekannt war. Aus den Abbildungen, welche in der äußerst übersichtlichen Photographiemnappe des „Solelboneh" zur Ansicht ausiiegen, ersieht man, daß einige Steinbvüche bereits moderne maschinelle Anlagen aufweisen. Es sind dort Bohrhämmer in Tätigkeit, welche mit komprimierter Dust angetrieben werden. Trotzdem gewinnt man aus den Bildern nicht den Eindruck, daß diese Brüche sachgemäß behandelt sind, sondern, wie es im Fachausdvuck heißt, sogenannter Raubbau betrieben wird. Es ist ja klar, daß eine derartig junge Industrie Jahre benötigen wird, um allen Forderungen nach bester Gewinnung vollauf gerecht zu werden. Die größten Kosten, welche einem Steinbruch erwachsen, bestehen in der Wegschasfung des.gewonnenen Materials. Es sind dabei Hebezeuge und gute Straßen das wichtigste. Ja, es gilt sogar als Grundsatz, daß die Rentabilität eines Steinbruches von diesen Dingen abhängt. So gibt es fast überall Steinvorkommen, welche nur wegen der zu großen Transportkosten nicht ausgebeutet werden können. Die Einrichtungen zur Verbilligung des Transportes können nicht genug mvdernst ausgestaltet werden und sind wichtiger als maschinelle Anlagen zur Steingewinnung. Aus einer Anfrage entnahm ich, daß für dortige Steinbrüche Betrieb Zweiter gesucht werden. Soweit ich die Verhältnisse auf dem Gebiete der ehemaligen Monarchie kenne, ist es leider nicht möglich, einen besonders geeigneten jüdischen Fachmann hie für namhaft zu machen. Es gibt wohl viele jüdische Steinmetze, doch haben diese alle nur Werkstättenpraxis und keine Erfahrung in der eigentlichen Steinbrucharbeit. Die daran interessierten Kreit« müßten sich dazu entschließen, gut auÄgeibildete Steinmetze aus eine mindestens zwölfmonatige Praxis in solche Steinbrüche zu entsenden, welche ähnliche Steinvorkommnisse aufweifen wie Palästina. Die Kosten einer solchen 2lusbildung waren nicht zu hoch, da die betreffenden Deute ja sehr bald für ihre Tätigkeit in diesen Brüchen einen Verdienst erhalten, so daß der Hauptsache nach nur Reisespesen und vielleicht der Lebensunterhalt für zwei Monate zu bezahlen wäre. Am geeignetsten wären die Steinbrüche im Kavstgeibiet in der Nähe van Nabr «- sina, welche immer gut beschäftigt sind und gut geleitet tvevden, oder die berühmten Steinbrüche ui Ca rr a r a, die sicher den modernsten Betrieb in der ganzen Welt auf diesem Gebiet« davstellen. Es wird jedem klar fein, daß diese geringen Kosten der Ausbildung vielfach aufgehciben werden durch den Stock solcher Leute, die man heranbrldet und dann verwenden kann. Di« besondere Ausgestaltung der farbigen Marmorbrüche und die Gewinnung solcher Blöcke halte ich im gegenwärtigen Zeitpunkte für den Aufbau Palästinas für vollkommen unwichtig. Dies« Marmore stellen ausschließlich ein Luxusprodukt dar und wir glauben alle, daß. Luxusbedürfnisse in Palästina vorläufig nicht zu befriedigen sind. Müßten solche Marmore dennoch jetzt zur Verwendung kommen, dann wird di« Einfuhr von italienischen Marmoren billiger frt« als die Erzeugung solcher .mit primitiven Mitteln im Lande selbst. Die Marmore, soweit die Muster in der Ausstellung zu sehen sind, können mit Ausnahme des gründlichen Steines, nicht als wertvolle Exportware bezeichnet werden; ähnlich« Marmore gibt es in allen Stet »Hegenden der ganzen Welt und sie Haben ikeinen besonderen Marktwert. Anders wäre es, wenn edlere Marmorsorten oder gar weißer Marmor in Palästina gefunden werden könnte. Ich hatte Gelegenheit und halbe sie noch heute, Chaluzim in unserem Stein metzbetriebe a u s z u b i l d e n. Die Lehrzeit ist in Oesterreich mit vier «Jahren festgesetzt, doch war es uns schon möglich, den Chaluz, welcher eifriger und ernster an seiner Ausbildung arbeitet, als der bedeutend jüngere normale Sbeinmetzlehrling, nach zwölf Monaten als 'befähigt zu entlassen. Es soll auch hier das Bestreiben sein, wirklich die beste Arbeit von dem Steinmetz zu verlangen, da nur eine solche den Arbeitenden befriedigt und ihn das edle Handwerk schätzen lehrt. Mit Genugtuung können -wir alle feststellen, daß bereits viele Bauten in Erez Israel zum größten Teil von jüdischen Steinmetzen ausgefühirt wurden und wenn ich an dieser Stelle meine besonderen Wünsche aussprechen dürfte, so mögen eS folgende -fein: Di« Qualität .der Arbeit unter allen Umständen Hochhalten und um deren Ausgestaltung unentwegt weiter bemüht sein. Nicht in den -Fehler verfallen, alte Stile zu kopieren. Jede gute Avbeit spricht für sich und die nckie Steiumetzkunst in Palästina wird sich im Laufe der Jahre selbst ihren Stil bilden. Nie Sude« i« Argentinien. Der Führer der Zionisten Argentinien-, Herr Nathan Gesang, hatte die Liebenswürdigkeit, einem unserer Mitarbeiter eingehende Informationen über das jüdische Leben m Argentinien zu erteilen; wir geben diase interessanten Darlegungen nachstehend wieder: Die Geschichte der Juden Argentiniens erstreckt sich auf einen Zeitraum von 35 Jahren. Di« schon früher dort ansässigen Juden, hauptsächlich aus England, Frankreich und Deutschland, hatten weder den Willen noch waren für sie die Umstände gegeben, sich als ausschließlich jüdisches Element zu fühlen. Die wirkliche Geschichte der Juden Argentiniens beginnt also Mit der Kokomsattonstätigkeit durch Baron Hirsch, so daß di« jüdische Siedlung Argentiniens als die jüngste der Welt angesahen werden kann. Die jüdische Kolonisation in Argentinien ist eine Erscheinung, d'^e das Judentum der ganzen Welt interessieren sollte, zumal doch die von der I. C. A. für diese Kolonisation verwendeten Gelder jüdische Bvlksgelder sind und die Tatsache, daß jüdische landwirtschaftliche Kolonisation m Argentinien blüht, für alle Welt die Beglaubigung ist, daß sich Jude» im höchsten Maße zur Landwirtschaft eignen. Argentinien ist überdies das einzge Land, das für alle diejenigen, die nicht nach Palästina gehen können, als Einwa-uderungsland in Betracht kommt. Es ist aus dem Grunde befremdend, zu beobachten, wie wenig die führenden^ Persönlichkeiten des Judentums und die maßgebende jüdische Presse der Welt sich mit dem jüdischen Argentinien befassen. Noch peinlicher ist eS, daß Mi schen, die in den exotischesten Dingen sattelfest sind, über Argentinien die unglaublichsten Boxstellungen haben. Um einen Begriff vom Leben der Juden Argentiniens zu bekommen, muß man vor allen! die jüdische Kolonisation kennen. Bon der I. C. A. sind bis heute ungefähr 30.0 0 jüdische Familien angesiedelt worden. 25.00 0 big 3 0.0 00 jüdische Seelen sind ans Land gebunden und mit dem Boden verwachsen. Die Siedlungen sind an ihrer Peripherie von einem Kranz von jüdischen Mark 1flecken umgeben, deren Bevölkerung als Handwerker von 'den landwirtschaftlichen Siedlungen lebt. Die Hauptkolonisationspunkte der I. C. A. sind E n tre R:‘ o§ und Santa Fe. Die Kolonisation wird hier extensiv betrieben. 30 Prozent des Getreides des gesamten argentinischen Exports stammen aus den jüdischen Kolionien. Die Kolonisten der erstgenannten Provinz E n t r e RioS haben das meiste zur Entwicklung dieser Provinz beigetvagen und fast ausschließlich ihre finanzielle Basis geschaffen, «was von der Regierung und von der Presse Argentiniens auch allgemein anerkannt wird. Un«geheure Strecken brach liegenden Bodens wurde von Juden bebaut, so daß es notwenoig wurde, in dieser Provinz e!« ausgedehntes Eisenbahnnetz zu schaffen. Neue Städte wuchsen rasch empor und kleine Städtchen Vevgrößerten sich. Die Kolonien der Juden machen kn jod« Beziehung einen Eil'druck. In landwirt» schaftlicher Be,;!-'* ' r‘ Mistete Arbeit musterhaft.