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Wiener Morgenzeitung · 1925-09-02 · Heft 2346 (2.9.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2346 (2.9.1925)
Date
1925-09-02
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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!M< Aksm.mimmmmmmujm 4um». Nr. 2946 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitunft Las jüdische Leben in MaroNo. An» einem Sesprilch mit Heer« Jonathan Thursz, dem Kongreßdeleglerten für Marokko und rank«. Unter den vom Zionisienkoltgreß am Sonntag an-genommenen Rös-olutionen befindet sich bekanntlich auch eine Entschließung, in welcher die Executive aufgefordert wird, für die Legalisierung der Zionistischen Organisation in Französisch-Marokko Sorge zu tragen. Der Delegierte für Marokko und Tunesien. Herr Jonathan Thnrsz, gibt uns hiezu die. folgenden Erklärungen: Ich Vln der Meinung, daß unsere Schwierigkeiten auf mißvevständKche Auffassung des Charakters unserer Bewegung seitens der lokalen Behörden zurückzusühren sind. Trotzdem kann man nicht leugnen, daß unsere Tätigkeit nicht geringelt Schwierigkeiten gegenübersteht, wenn auch die Lage in Französisch-Marokko nicht mit der in Rußland oder Ungarn zu vergleichet: ist. Ich hatte Gelegenheit, in dieser Frage jüngst Rücksprache mit dem französischen Gesandten in Wien, Herrn de Beaumarchais zu nehmen, welcher das regste Interesse für die zionistische Bewegung zeigt und schon mehrfach seine Sympathien ausgesprochen hat. Ich habe den: Herrn Gesandten über die dortigen Verhältnisse berichtet und bin in der erfreulichen Lage, Mitteilen zu fömtcit, daß er seiner Regierung über unser Gespräch referiert hat. Ich zweifle nicht daran, daß dank dem Eingreifen des Herrn Gesandten die französische Regierung, die schon so oft und sogar schon vor der Baiftmr^Deklaration den zionistichen Gedanken offiziell begrüßt hat, einen tri'?.nötigen Einfluß auf die lokalen Behörden zur Beseitigung der «bestehenden Mißverständnis^ ausüben wird. Der marokkanische Jude wäre gewiß einer der eifvigst.u Anhänger des zionistischen Idca-.s. Man muß jedoch sein Wesen berücksichtigen. Er ist wie '« religiöser. so auch in pol't'scher Hinsicht l-'hr leicht lenkbar und bestimmbar. Die Stellungnahme der Behörden uns gegenüber, ein" Geste der Förderung oder der Mißb'll:- gnng bleilbt durchaus nicht ohne tiefen Einfluß auf seine eigene Stellungnahme. Ettvas mehr Ermutigung seitens dieser lokalen Behörden in der Zukunft würde also unsere Freunde nur zu stärkerer Aktivität für unsere Sache a-nspornen. Die allgemeine Lage der Juden ist in ökonomischer Hinsicht zufriedenstellend. Die Zahl der Juden ^beträgt ungefähr 200.000 und sie leben zumeist in den Küstenstädten Casablanca, Rabat, Mazagan, Saffi, Mog a d o r, M a r r a k e s ch, F e 's und M e k n c s. Sie beschäftigen sich hauptsächlich mit dem Handel, vielfach auch mit Landwirtschaft, und in letzter Zeit sind auch einige Fortschritte irr der Industrialisierung erzielt worden. Sie EteAuns der Fuden zu den Leibesübungen. Bis zur: Gründung der jüdischen Tuen erschuft. Bon Dr. Snßmanrr-Mirntlier. Wie Essen und Trinken die Materialien für die Körperkräfte schaffen, so sind Bewegung, Licht und Luft notwendig, nm dieselben zur Entfaltung zu bringen. Der Talmud macht die Körperbewegmtg den: Menschen zur Pflicht. „Wer gegessen hat und nicht für Bewegung sorgt, der gleicht dem Aas, das verwest." Scholl irr den ältesten Zeiten, als das Leben ein steter Kanrps mit der Natur und gegen die Tiere und übrigen Menschen war, suchte sich der Mensch instinktiv zu schützen und abzuhärten. Hauptsächlich war es damals die Jagd, welche Anlaß dazu gab. Wer mit Kettle tlnd Schleuder, mit Begen und Spieß gegen das Wild allein anikämpfen muß, der muß über hohe Körperkraft und Gewandtheit verfügen, will er Sieger bleiben. Dazu gehört auch Lauselt und Springen, Bäume erklettern, Flüsse durchschwimmen, Kräfte zum Ringkampf u. dgl. Wo diese Dinge oft ausgeführt werden, wird der Körper allseitig geübt und gleichmäßig kräftig allsgebildet. Neben der Jagd ist es der Krieg gelveseu, der die Menschen zur körperlichen Tüchtigikeit auhielt. Bort -alten diesen Dingen erzählt itns die Bibel aus Schritt und Tritt, sie zeigt uns also, über welches Maß körperlicher Uebungeu unscre Borfahren verfügten. In jedem Menschen wohnt der Trieb, sich irgendwie körperlich zlt betätigen, er strebt nach Raum irlld weitere Ausdehnung, Entwicklung und Vervollkommnung. Das Killd hat seine Freude daran, seilte Gliedmaßen zu bewegett, zu spielen und die in ihm schlummernden Euergien zu entfalten. Daltach strebt auchder Erlvachsene; tut er das nicht, so nehmen seilte Kräfte ab, er wird faul, untätig widerstandslos unidem Krankwerden zugänglicher. Dröselt Trieben zur Betätigung entsprangen später, zu Zeitelt, als Jagden und Kriege vorüber waren, der Wettkaplpf, die Mastllltd Gewandtheitsspiele sowie die Tänze, welch letztere den Körperübnngen außerdent noch einen gewissen seelischen Ausdruck verleihen. Bon dert kriegsfähigelt Männern des alten Israel wird gevühlnt, welche kolossal kriegerische,t Nebllllgen sie vollbracht haben und lvie geivalldt sie ini Rudern, Schwimnren, Bogenschießen und Schleudern gewesen sind; gerühmt werdert oft außevdout die Tänze und Reigen, mit denen die hohen Festlichkeiten, speziell das Snkkvthansgesüllt waren, Dic französische Sprache wird selbstverständlich von allen gesprochen oder verstanden. In der Familie bedienen sich viele der spaniolifchen oder arabischen Sprache. Hebräisch v e r st e h c n alle. Das Judentum bildet gemäß dem französischen Gesetz eine K u l t u sg e n os s e n s ch a f t, welche unter der Kontrolle des von der Regierung ernannten Vorstandes von Casablanca, des Herrn Daya Saguri, steht. Ueber die Gesundheitsverhältnisse der Juden läßt sich leider nicht viel Günstiges sagen. Es wäre in dieser Hinsicht viel zu tun, obwohl die Verhältnisse dank der Maßnahmen des Marschalls Lyautey sich sehr geibessert haben. Das gesamte jüdische Schulwesen wurde in der letzten Zeit der Alliance Jsraelite übergeben. Man kamt sagen, daß die Methode dieser Körperschaft sich sehr modernisiert hat. Es lverden hygienisch einwaltdsreie Schulen gebaut und ich glaube, daß die ersten modernen Gebäude, die jetzt in Casablanca und in Marrakesch für die jüdische Jugend errichtet und im nächsten Jahre fertiggestellt werden, die erste!, dieser Art im ganzen Land sind. Es gibt ungefähr 20.000 jüdische Schulkinder. Der Unterricht ist französisch, doch lernen die Kinder auch hebräisch. Die früheren Melamdim werden allmählich durch modern ausgebildete Lehrer ersetzt. Was die zionistische Arbeit anbelangt, so ist es zunächst interessant, mitzuteilen, daß schon seit H e r z l s Zeit ganz unabhängig von der übrigen zionistischen Bewegung organisatorische Bersuche gemacht wurden. So stand zum Beispiel Herr Abraham B o hb o t in M oga dor in Korrespondenz mit Herzl. In den drei Jahren, die ich dort ansässig war, gelang es mir, einzelne Gruppen zusammenzufassert, die jetzt die Grundlage einer starken Landesorganisation bilden könnten. Es bestehen in allen Städten Komitees, an deren Spitze zumeist marokkanische Juden stehen, so in Tanger Herr Moise I. A z a n cot, in Casablanca die Herren S. D. L e v i, Sentob Chan a, Raphael B e n a z e r a f, in Saffi die Herren Rabbi B e r ch e ch a t, Gabriel AI l o nche und Juda Murssiano und in Fes Josef H. Lev y. In jeder Stadt wird für den Keren Kajemeth und den Keren Hajessod gearbeitet und an jedem jüdischen Festtag wird für diese Institutionen gesawmelt. Die Tätigkeit : für den Keren Hajessöd wird seit einem Jahr von dem Delegierten des .Zentrallbureaus Herrn N. H a l P e r n geleitet, der in Tanger sein Bureau mit Zustimmung des französischen Ministers in Rabat errichtet hat. Er befindet sich gegenwärtig in Spa u isch - M ar >okko und Als die Menschen allmählich von dein kampsreichen Nonradenleben und von der Jagd zu Viehzucht und Ackerbau, später sogar zu Handel und Gewerbe übergingen, trat die Wichtigkeit leiblicher Abhärtung, Kraft und Gewandtheit in den Hintergrund. Die Gewohnheit von früher her, Leibesübungen zu treiben, wurde im Höchstfälle ein Vergnügen, an dem man sich selbst oder andere ergötzte. Ein Volk, das diese Hebungen nicht nur zu Kriegszeiten und zu Belustigungen trieb, sondern auch eiu klares Bewußtsein von der Notwendigkeit systematischer Leibesübungen für die Gesundheit und gesunde Entwicklung des menschlichen Gesamtorganismus gehabt hat, finden wir eigentlich nirgends im Orient. Ein solches waren nur die Griechen. Nur bei ihnen kann man in Wahrheit von einer e r z i e h l i che n Gymnastik sprechen. Bei allen anderen Völkern findet man zwar eine gewisse Geschicklichkeit für besondere Uebungeu, aber ohtte daß sie sich des Zusammenhanges mit dem Zwecke harmonischer Körper- und Geistesbildung bewußt gewesen wären. Sie wußten, daß gleichmäßige körperliche Ausbildung mit der geistigen Hand in Hand gehen müsse, um körperliche Gesundheit, Kraft, Gewandtheit und die aus ihnen entsprießende Leibesschönheit, >die sich in Wuchs und Haltung offenbart, ferner um Mut, Tatkraft itnd Besonnenheit zu erzielen. Ihr Jdealmeusch sollte nach Plato schön und edel sein. Sie wußten, daß sie die einzigen in dieser Anschauung fiitb, und das war -and; ihr Na t i o na lst o lz, der sie erhaben über das Leben 'der anderen Völker machte, ebenso wie die Ethik der Thora und des Monotheismus die Juden über alle sie nicht verstehen könnenden Völker erhaben und zu einem „auserwählten Volke" machte. Ihre Uebungeu führten die Griechen nackt aus. Das hat seine besonderen Vorteile. Stets hatten sie der: Zweck der Nebungen, die Erzielung voll Gesundheit, voller Lebenskraft, Gewandtheit, Ausdauer, Abhärtung gegen Witterung, Schmerz, Hunger w. dgl., die Bildung blühender Hautfarbe, schöner Gestalt, Anmut in allen Bewegun-- gen, Sittlichkeit, Eillsachheit, Frohsinn, geistige Gewecktest und die Liebe zur Gemeinschaft im Auge. Daß sie dieses Ziel in »der Tat erreichten, davon zeugt die Geschichte, ihre geistigen Werke und ihre ideal schönen Skulpturelt. Es soll nicht gesagt werden, foa§ die alten Hebräer nicht auch dafür einen Sinn gehabt hätten. Zu bestimmten Berufen, wie zum Beispiel zlt dem priesterftchelh wurden m$ Menschen von schön gelvachs-ener Äa- 2. September 1925 Seite 3 bereist die Städte Tetuan, Larache, Centn und Meli Na. Wie schon erwähnt, spricht die jüdische Bevölkerung in der französischen Zone französisch. Es ist von diesem Standpunkt ans sehr zu bedauern, daß bis jetzt seitens der Zionistischen Organisation nichts unternommen wurde, um die klassischen Werke der zionistischen Führer ins Französische zu übersetzen, obwohl schon aus einem früheren Kongreß eilt dahingehender Antrag der französisch sprechenden Länder eingebracht worden loar. Dies ist auch von einem anderen Gesichtspunkt ans bedenklich. Im französischen Sprachgebiet, also in Frankreich, in der französischett Schweiz, in Marokko, Tunesien, Algerien und auch in Ägypten leben etwa 600.000 französisch sprechende Juden, die infolge dieses Versäumnisses mit der zionistischelt Literatur nicht in Verbindung kommen. Es ist zu begrüßen, daß aus dem Wiener Kongreß zwischen dem Keren Kajemeth, -dem Keren Hajessöd und der Exekutive eine Verständigung des Sinnes -rzielt wurde, in Palästina ein Propagandabmeau zu eröffnen, und ich hoffe, daß sich dieses Bureau ehestens mit dieser höchst bedeutsamen Frage befassen wird. Es ist Mannt, daß der ,<Haolam", nnfer hebräisches Zentralorgan, im vorigen Jahr von den lokalen Behörden verboten wurde. Ich hatte Gelegenheit, mich mit den Behörden int Namen der Exekutive in Verbindung zu setzen und es wurde mir vor meiner Abreise seitens eines leitenden Beamten erklärt, daß die Maßregel ans allgemein politischen Gründen erfolgt, jedoch nicht gegen die zionistische Bewegung gerichtet sei.' Ich hoffe, daß das Verbot bald wieder rückgängig gemacht werden wird. Es ist zum ersten Male, -daß Marokko aus dem Kongreß direkt vertreten ist. In Marokko, wo man allgemein den zionistischen Kongreß als das jüdische Parlament ausieht, erwartet man seine Beschlüsse mit der größten Spannung. Die lokale Presse berichtet nur sehr unvollständig, aber die fraltzösischen Zeitungen aus Frankreich gelangen immer einige Tage nach ihrem Erscheinen zum Verkauf und sind sehr stark verbreitet. Es wäre deshalb sehr notwendig, ein zionistisches Organ in französischer Sprache zu schassen, u>m auch unseren Brüdern in diesen Gebieten -direkte I n s o r m a t i o n e u über den Stand der zionistischen Bewegung zu geben. Im Juli hat in Paris eine Keren-Kajemeth-Konferenz der französisch sprechenden Länder stattgefunden, in welcher diese Frage erörtert und angeregt wurde, daß die beiden großen Fonds zusammen ein Blatt dieser Art Herausgaben, welches speziell für die nordafrikanischen Juden von großem Wert wäre. Vom zionistischen Standpunkt a>ls ist die Lage in Tunesien und Algerien bei weitem schlechter und es wäre ratsam, daß seitens der Exekutive alle notwenditur, die kräftig getvestn sind, zugelassen. Von einer stattlichen Anzahl talmudischer Weisen wird besonders gerühmt, über tvelche Körperkräfte und Gewandtheit sie neben ihren geistigen Berufen verfügt haben. Die Kräfte des Sinnbildes unseres Volkes, des Ahnen (Israel—Jakob) und seiner Söhne, später die zahllosen Helden täte u in der Richter- und Königs zeit bis zu Simson und David beweisen, wie man die Körperkräfte und die Körpergestalt verehrt hat. Ohne Leibesübung sind, diese nicht möglich, darum beweisen diese Verehrung und -das Streben nach körperlicher Vollendung gleichzeitig das hohe Interesse für die Leibesübungen. Nicht alles, was Assimilation heißt, ist schlecht. Wenn sich kulturlose' Völker den kultivierten anpassen, wenn die Welt sich -den Gesetzen und der Moral Israels anpaßt, so ist dies nicht schlecht; wenn Israel wiederum sich Vorzügen, die andere haben, anpaßt, so ist dies auch nicht schlecht; wenn aber ein Volk Dingen nachzueifern glaubt und in Wirklichkeit nur den Schein, die kernlose äußere Hülle nachahmt, so ist dies ein Degenerationszeichett. Mit A l exander dem Großen hielt der HelleniSimts auch seinen Einzug nach Asien und Aegypten. Mit ihm Mlch die Gymnastik. Ein großer Teil assitnilationsluftiger Jude» warf sich auch auf die Nachahmung der griechischen Gymnaftif. Ich sage „Nachahmung", denn 1. war die Leibesübung bei ihnen, wenn auch in anderer Form, schou zu Hans, und sie brauchten sie nicht erst nachzumachen, 2. machten sie in Wirklichkeit nur den äußeren Schein nach, a>bgeseherl davon, daß die Tätigkeit der damaligen Griechen bereits selbst nur eiu inhaltloses Nachmache>r früherer zweckdienlicher Uebuugerl war. Denn zur Zeit des alexandrinischen Hellenismus war die griechische Gymnastik bereits zur „A t h l e t i k" -ege u er i e r t; darunter versteht man folgendes: Seit uralter Zeit tvar es bei den Griechen Sitte, auf dert vievjährlich stattfindenden o l y -n: pische u Spielen die Sieger mit Kränzert aus Oelbaumztveigen zil krönen und ihnen wurden die höchsten staatlichen Ehren zuteil. Aus der Bedeutullg, welche mau den Siegern in Mt öffentlichen Spielen jener Zeit zulegte, entstand die Athletik, eine überflüssige Kunst, welche bereits schwere Zeichen der Entartung in sich trug. Die hohen Ehren forderten viele auf, mit allen Kräften danach zu streben» einen solchen Sieg zu erlangelt. Auf die Art, auf die gleichzeitige geistige Ausbildung, wie es früher der Fall war, kam es nicht mehr an. So bildeten sich die „Athleten" als ein ha-ndwerksntäßiger, die Leibesübungen betreibender Stand herauf deren einziger Zlveck es Uxu, in! f I {!'! l l i I i

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