Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2345 (1.9.1925)
- Date
- 1925-09-01
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2345 Wien, Dienstag Wiener Morgenzeltirna 1. September 19SS Seite G Kongrekkehraus. Montag um 6 Uhr früh Maß der Kongreß; und noch am selben Morgen begann man im KonzerlhauS ,Mzuriisten". Das Chaos, das vor Beginn des Kongresses herrschte, scheint wieder ange>brccherr zu sein, nur ist der Prozeß jetzt der umgekehrte. Wurde früher ans dem Chaos der Kosmos, so entsteht jetzt wieder ans mustergültiger Ordnung ein großes Durcheinander, das sich bald zu einer anderen, zur gewohnten Form ballen wird. Die rasch zusammen-gestellten Verkaufs stände werden auseinander genommen und die zum Verkaufe ausgestellten Waren auf Automobilen und Wagen verladen- Einige Stände sind noch in Betrieb und bieten ihre Ausstellungsobjekte wegen „vorgerückter Saison" zu bedeutend ermäßigten Preisen an. Die Wechselstube, das Postamt und die Fahrkarteuverkaufsstelle arbeiten noch, um den Teilnehmern die Abreise zu erleichtern. Die Palästinaemsstellung schließt erst heute ihre Pforten und wies noch gestern guten Besuch auf. Das Restaurant hat bereits geschlossen und im Kaffeehaus fand gestern noch eine intime Feier zu Ehren Sokolows statt. Der große Saal, in den: die Sitzungen stattfan'den, liegt finster und verödet da. Das Kongreßbuveau wird heute aufgelöst und nur vier oder fünf Beamte bleiben, um die völlige Liquidation des Kongresses" durchzuführon, was ein bis zwei Wochen in Anspruch nehmen dürfte. In wenigen Tagen werden alle Einrichtungsgegenstände und Objekte, die für den Kongreß ausgestellt wurden, abtransportiert sein und das Konzerthaus wird wieder sein gewohntes Antlitz zeigen. Nach einer Generalrernigung wird in dem Haus der Harmonien und Klänge nichts mehr daran erinnern, daß dort eine bedeutsame politische Tagung stattgefunden hat. Obwohl es eigentlich im KonzerlhauS jetzt nichts mehr zu sehen oder zu hören gibt, finden sich dach zahlreiche Neugierige ein, denen es nicht vergönnt war, während der Kongveßzeit im Sitzungssaale anwesend zu sein. Sie wollen wenigstens die Stätte sehen, an der die gr ßen Ereignisse vor sich gingen. Einige Ordner treilben sich noch iw Hause herum, aber sie sind ihrer Würde entkleidet und dürfen nicht mehr nach Karten fragen. Auch ihnen gebiihrt für ihre aufopferungsvolle und eifrige, manchmal vielleicht denervierend übereifrige Arbeit Dank. Das! lebensvolle Ungestüm der Jugend erweckt selbst in solcher Form schließlich Freude. j Gegenüber dem Konzerthause standen gestern nach- \ mittags lange Kolonnen von Deuten, die sich ganz wie in i der ,-großen Zeit" in Zweierreihen unter der Aufsicht von! Wachleuten anstellten, um die Leiche des vorstorbenen Feldmavfchalls Eonrad v. Hötzendorf zu besichtigen, die : im Militärkasino aufgebahrt war. In: Konzerthaus be-; rieten ernste Männer und Frauen zwölf Tage und Nächte j lang, wie man für ein jahrtausendlang geknechtetes Volk! eine freie glückliche Zukunft schaffen könne; ein paar! Schritte weiter trauern freie Menschen ihrer verga genen < Knechtschaft nach. R. S. Die Bkalhfloker Fuden ehreu Sokoiow. Als Nahum Sokolow vor drei Jahren die jüdischen Städte in Polen bereiste, wurde ihm überall enthusiastischer Empfang bereitet. Besonders herzlich war die Aufnahme in B i a l y st o k, dieser alten Hochburg zionistischer Arbeit. Die gr>ße Feier in' der berühmten großen Synagoge von Bialystok lieferte damals Sokolow den Beweis der grenzenlosen Verehrung, deren er sich im jüdischen Osten erfreut. Vor der Bundeslade in der altohrwürdigen Synagoge baten die Juden von Bialystok den geliebten Führer, zur Erinnerung an feinen Besuch eine der ältcsten und wertvollsten Thorarollen als Ehrengeschenk anzunehmen. Verschiedene Umstände verhinderten seither die Entgegennahme der Sefer-Dhova, und so kam es, daß die zivei Kongreßdelegierten aus Bialystok, Nachum Goldfarb und Meier Krugmann, dieses seltene Ehrengeschenk jetzt nach Wien brachten und gestern abends im Rahmen einer kleinen intimen Feier namens der Juden von Bialystok Sokolow überreichten. Es war ein auserlesener Kreis, der sich zu dieser Feier im Easesalon des Konzerthauses versammelte, um Nahum Sokolow zu feiern und der Thora Referenz zü' erweisen. Außer Sokolow waren erschienen: Oberrabbiner Dr. CHajes, der Präsident des neugewählten Aktionskomitees Leo M o tz k i n, Oberrabbiner U s i e l (Tel- Awlw), Oberrabbiner N u b i n st e i n (Wilna), Rabbi Meier Be r l i n, Sejmdeputierter F a r b st e i n, A. P o d l i f ch e w s k i, Dr. Alfred Klee, zahlreiche Vertreter der jüdischen Presse und viele andere. Nachdem die Herren Goldfarb und Krugmann in'kurzen Reden des Besuches Sokolows in Bialystock gedacht, dem Gefeierten die Thorarolle überreicht und die hebräische Widmungsurkunde hatten verlesen lassen, dankte Sokolow in hebräischer Sprache. Er schilderte die Begeisterung, die von jeher in Bialystok für den zionistischen Gedanken geherrscht hat, in jener Stadt, wo Samuel Mohilewer gewirkt, wo Chaj a n o w i t s ch, der Schöpfer der jüdischen Nationalbibliothek, gelobt und die Liebe für Erez Israel in die Herzen der Brüder gepflanzt hat. Er übernahm die Thorarolle für den Keren Hajessod. als Zeichen des Dankes und der Hingabe für die große Idee, der er wie seine Kollegen ihr Leben widmen. Nach Sokolow sprach Deputierter Taubstein als Vertreter des Bialystoker Wahlkreises im Sejm. Er meinte, daß auch diese Thorarolle, die nach Erez Israel wandere, im Lande gewissermaßen Pionierdien sie leisten werde; denn die jüdischen Siedlungen leiden Mangel an Thorarollen. Las Selb für die Pogromhetzen Die SiiensivplSne der Halenlremier. DaS Berliner „Achtuhrabendblatt" der „Nationalzeitung" erfährt von gut unterrichteter Seite: Die Anhängerschaft der W u l l e, G r a e f e und Ludendorff war bei den letzten Reichstagswahlen erheblich zufammengeschmolzen, weil es den völkischen Agitatoren an den flüssigen Mitteln zur Belebung ihrer Propaganda gefehlt hat. In den letzten Wochen hat sich die völkische Propaganda aber wieder recht rührig gezeigt. Die Herrschaften haben neues Geld erhalten. Der alte große Geldgeber der Völkischen, der Landbund, ist freiwillig mit einer neuen erheblichen Spende von Propagaudageidern an die Führung der Völkischen heranqetreten. Nach der Anahme der Zollvorlage und der damit Parallel laufenden Teuerungswelle hält der Landbnnd eine stark beleibte Tätigkeit der Völkischen wieder einmal für dringend erforderlich. Es ist den Herren vom Landbund auch durchaus recht, daß neben der nationalliistischen auch eine antisemitische Hetze herlauft. Durch die Politik des Landbundes und der Doutschnationaleen ist die ungeheure Teuerung erzeugt worden, die die Regierung zwar bekämpfen will, die aber jetzt schon von der Bevölkerung getragen werden muß. Di« Völkischen sollen nun dafür sorgen, daß die Erbitterung der breitesten Volksschichten sich nicht g'gen den Landbund und seine Gefolgschaft entlädt, sondern auf die Franzosen und Engländer, also aus das Ausband, abgelenkt wird, daß ferner aber auch rm Inneren für die Teüerungspolitik de's Landbundes die Prügelknaben gefunden tverden. Die erste Propagandarate an die Völkischen war di» stattliche Summe von 150.600 Mark. Di« erste „Zinszahlung" der Völkischen erfolgte vor wenigen Tagen am Kurfürstendamm und wurde dann in Wlen anläßlich des Zionistenkongresses fortgesetzt. Nach dem Muster ihrer mnerpolitischen Offensive vom 1922, die in dem darauffolgenden Winter in einer Pogromhetze gipfelte, mit traurigen Erfolgen, wie sie in Deutschland bis dahin niemals beobachtet waren, soll auch in diesem Jahr eine Propaganda entfaltet werden, um die Bevölkerung über die wahren Urheber der Teuerung aller Lettens- und Gebrauchs- Mittel hmwegzutäuschen. Der Gewährsmann der Zeitung teilt noch mit, daß es hinter den Kulissen zu . einem scharfen Ringen des dentschnatronalen Generaleinpeitschers und der Führung der Völkischen um das Portemonnaie des Landbundes gekommen war. Es kam dabei zu sehr horten Auseinandersetzungen zwischen Graefe und dem deutschnationalen Abgeordneten Lawerenz, aus denen Graese als Sieger hervorging, da er offen ankündigte, die Verabschiedung der Zollvorlage durch den Aus-marsch der Völkischen aus dem Reichstage zu verhindern. Die Zeitung schließt: „Ganz leicht wird den Völkischen der Wog zu diesem Ziele heutzutage ja nicht mehr fallen; denn die Bevölkerung ist inzwischen sehr viel kritischer geworden und fällt nicht auf jedes Täuschungsmanöver der Völkischen herein." I— 1« Kleiderhaus M. NEUMANN I. Kärntnerstraße 9 VI. Mariahllferstraße 35 HERREN- UND KNABEN ANZÖGE ' WASCHE SCHUHE n bester Qualität und zu mäßigen Preisen ttü KLEEDERHAUS M. NEUMANN I. KKRNTNERiTR. 19/ VI. MARIAHILFERS M. 35 * Die jüdische Vertretung auf dem „Kongreß für das ind". Am 24. August wurde m Gens m Anwesenheit von ehreren hundert Delogierten der Regierungen und Kinder- Mtzoraanrsattonen der erste allgemeine Kongreß für Kinder- »utz roffnet. Mehrere jüdische Organiiattowen aus vergebenen Landern sind, wie I. T. A. berichtet, auf dem Kan- :qß vertreten; so die Jüdische We-lHilfÄonfevenz durch Ge- »ralsokvetär Efvoikin, Prof. Max EiÄer, Dr. Z. Tiomkin, . Abevsan, Brenner, Dr. Peter. Liobenhaft, Katzenbögen. Doktor Noin, Dr. Schiffmann Und Ehrenfeld; die Aaudas Jisroelieltorganisation durch Sally Guggenheim und Dr. Woill; der üblich« Frauenbund durch Berta Pappe «henn. Ferner waren rtroten die Jüdische Frauenliga und die Kinderfürsorge in ngarn. Aheron und Dr. Tiomkin hielten Rvferäte. Dem hvenpräsidium des Kongresses gehören an: Oberrabbiner von rankreich. Israel Levi. Prof. Dr. Simonfon (Kopenhagen) und tr. Freiman (Kanada). Di« jüdischen Vertreter hielten eine »'«infam« Beratung ab, in welcher ein geme'uvsames Bor- :n m Fragen, die die jüdische Kinderfürsorge bereu, beschlossen wurde. Es sprachen noch die Herren P o d l i s ch e w s k i und Rabbiner R u b i n st e i n, worauf Sokolow in einem Schlußwort darauf hinwies, daß auch damals, als er mit Weizmann von den historischen Beratungen in San Remo nach London zurückgekehrt war, bei der Empfangsfeier in der Viktoria-Station in London die Thora den Mittelpunkt der Feier bildete. Das Rabbinat mit dem , Chiefrabbi an der Spitze stand mit der Thora im Arm . unter dem Baldachin; Tausende von Menschen standen auf j dem großen Platze entblößten Hauptes und huldigten der Thora, die auf die Gesittung der Menschheit den größten Einfluß geübt hat. Die Thora von London war ein Symbol; die Thora jedoch, die jetzt die Juden von Bialystok gesandt haben, wird nach Erez Israel gehen. Hoffentlich wird nicht nur die Rolle, sondern auch der G e i ft ihres Inhaltes in Erez Israel seine wohltuende Wirkung ansüben. Mit wiederholtem Dank Sokolows an die Bialystoker Juden schloß die kleine, eindrucksvolle Feier. ' Das Sefer Thora ist 125 Jahre alt. Sowohl die Beingriffe als auch das Mäntelchen tragen Inschriften, die den Anlaß der Widmung betreffen. Die in Silber ausgeführten Stickereien sind eine Arbeit des zionistischen Frauenvereines Agudath B'noth Zion in Bialystok. B'nai B'rlth und PalWnaarbeit. Zu einer bedeutfa-men Kundgebung für den Paläst! nage danken gestaltete'sich ein Abend der Wiener B'uai- B'rith-iLogen, der während des Kongresses im Großen Festsaal des Niederösterreichifchen Gewerbevereines stattfand. Die vereinigten vier Wiener Logen, an der Spitze der Groß logen Präsident, Professor Dr. Ehrmann, hatten die anläßlich des Zionistenkongresses in Wien anwesenden Mitglieder des Ordens B'nai B'rlth * * zu einer Feistsitzung eingeladen. In dem festlich geschmückten Raum präsidierte Professor Ehrmann, umgeben von den vier Präsidenten der Wiener Logen. Unter Harmoniumklängen betraten die auswärtigen Gäste den Saal. Begrüßungsansprachen hielten Professor E h r m a n n und in hebräischer Sprache Dr. Knöpfmacher, worauf Rabbiner Dr. Feuchtwang die Festrede hielt. Alle Reden gingen dahin, daß es die Aufgabe der B'nai-B'rith-Logen sei, nicht nur den Palästinaaostbau zu fördern, sondern auch dafür Sorge zu tragen, daß der Aufbau im Geist der Brüderlichkeit und Einheitlichkeit erfolge. Für die Begrüßung dankte als Gvoßpräsident des rumänischen Ordens der Oberrabbiner von Bukarest Dr. Niemirower, indem er ans die Wandlung in den Anschauungen hinwies. Dr. Alfred Klee (Berlin) sprach über die Bedeutung Wiens, der Wirkungsstätte Theodor Herzls, für die zionistische Entwicklung. Er verlangte, daß der Orden B'nai B'rith sich nicht nur äußerlich dem Aufbauwerk in Palästina freundlich und fördernd gegenüberstelle, sondern es sich innerlich zu eigen mache und rm Gei>st jüdischer Brudergenreinfchaft und Solidarität es als seine ureigene Sache betrachten möge. Der Großpräsident des paläftinenstschLN Distriktes des Ordens, der Vizebürgcrmeister von Jerusalem Dr. David Aellin sprach hebräisch. Dr. Balaban (Warschau) schloß als Mitglied einer polnischen Loge mit einigen herzlichen Worten, in denen er die Verhältnisse in den polnischen Logen besprach, die Reihe der Festredner. Die Feier verlief außerordentlich stimmungsvoll und hinterließ einen nachhaltigen Eindruck. . Biblische Strategie km Weltkrieg. In der letzten Nummer des in Washington erscheinende« „Reserve Officers Organ" wird eine anmutige Geschichte erzählt, wie im Weltkrieg die in Palästina operierenden britischen Streitkräfte sich die in der Bibel beschriebene Strategie Jonathans gegen die Philister mit Erfolg gegen die türkische Armee nutzbar gemacht haben. Es war in der Nacht der großen Eirtscheidtlngsschlacht bei Jericho, in welcher das Schicksal von Erez Israel besiegelt wurde. Der englische Angriffsplan war bereits in allen Einzelheiten ausgearbeitet und es bedurfte bloß des Signals zum Sturmangriff. In dieser Nacht — wird in dem genannten Offiziersblatt erzählt — saß ein englischer Stabsoffizier und las die Bibel. Er war gerade bei der Stelle im ersten Buche Samuel, wo berichtet wird, durch welchen Kriegsplan Jonathan die Philister besiegt hatte. Einer Abteilung israelitischer Krieger gelang es, unbemerkt hinter Bergfelsen Deckung zu finden, von hier ans gegen die Philister, die den Angriff von dieser Seite gar nicht vermutet hatten, überraschend vorzudringen und so den Feind vernichtend zu schlagen. Der englische Offizier dachte nun, daß dieser vom Feldherrn Jonathan vor Jahrtausenden erfolgreich angewendete Kriegsplan auch heute noch mit der gleichen Wirkung Anwendung finden könnte und meldete seine Entdeckung dem Armeekommandanten. Dieser ließ sofort das fragliche Terrain rekognoszieren und es ergab sich, daß die strategische Bedeutung jener Stelle seit der Schlacht gegen die Philffr«! keine Aenderung erfahren hatte. Der Kommandarrt habe sich nun — schließt die Washing« toner Militarzeitung die E^hlung — rasch entschlvffen, -LUK/«,