Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2343 (30.8.1925)
- Date
- 1925-08-30
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981429--23906-3011398- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 2843 Merr, Sonntag Wiener M »aeneUuna 30. August 1666 Seite 8 3n der Krise. Bon dev Galerie des Kongresses. Auf dem Hause lastet schwer wie ein Bleiklumpen die Demission äs Gesamtministeriums. In den Parlamenten der europäischen Länder kein allzu seltener und nicht allzu tragisch genommener Fall. In wenigen Tagen, ja oft sogar in einigen Stunden steht eine neue Ministevgarnitur bereit und präsentiert sich dein -Hause. Dauert die Krise länger, so wird ein Jntevimsministerium gebilät, das provisorisch die Geschäfte führt. Der einzelne Staatsbürger merkt es kaum. Ganz anders liegen die Dinge im Kongreß, dom jiidifchen Parlament, das nur einmal in zwei Jahren ein bis zwei Wochen lagt. Krisen fntd auch dort immer vorgekommen, aber ein Vakuum in der Führerschaft darf nicht eintreten, denn das jüdische Volk «braucht in seiner bedrängten Lage jederzeit eine rasch entschlossene Führung. Der Horror vor einem solchen Vakuum ist so groß, daß er die Gemüter bi's zur Siedehitze aufpeitscht. Donnerstag in den ersten Nachmittagsstunden gab Präsident W e i z m a n n und mit ihm die ganze Exekutive ihre Demission. Wohl kam dieser Schritt nicht allzu überraschend, denn der Präsident hatte am Borabend nach dom Ergebnis der Abstimmung über die Decharge in einer zurückhaltenden Erklärung seine Absicht durchblicken lassen. Dennoch platzte seine Erklärung wie eine Bombe in einen überfüllten Saal. Die seit einigen Tagen schleichende Krise ist mit einem Male akut geworden. Für 8 Uhr abends ist die nächste Plenarsitzung anberanmt. Einige Stunden vorher schon drängen sich die Leute in das Konzerthaus, um Zeugen der Ereignisse zu fein. Die Kontrolle bei den Eingängen muß verschärft und der Ordnerdienft verstärkt werden. Zur festgesetzten Stunde kann die Sitzung nicht eröffnet werden, denn die Mitglieder der Exekutive, des Permanenzausschusses und der Parteiklubs sitzen noch in den Beratungszimmern und suchen einen Ausweg. Das Publikum steht erregt auf den Gängen und debattiert. Auf den Gesichtern liest man tiefe Sorge um die Zukunft und rege Anteilnahme an allen Vorgängen im Hause. Die mannigfachsten Kombinationen werden Laut, die alle sofort wieder in sich zusammenfallen. Im ganzen Hause ist kein führender Delegierter zu sehen, den man um seine Meinung fragen könnte und so ist der Phantasie des einzelnen der breiteste Spielraum gelassen. Endlich, fast eine halbe Stunde nach der festgesetzten Zeit, „rührt sich etwas". Die Leute strömen in den Saal. Präsident Motzkiu eröffnet mit drei Hammerschlägen die Sitzung. Alles harrt der kommenden Dinge. Das Wort erhält ein Referent, der über wirtschaftliche Fragen berichtet und Resolutionen vorschlägt. Weizmann und die Exekutive sind nicht zu sehen. Das große Schweigen um feine Person wird durch kein Sterbenswörtchen gebrochen. Nach Beendigung des Referates erklärt der Präsident, eine Pause von 15' Minuten eintreten zu lassen, weil die Kommissionsberatungen noch nicht beendet sind. Noch eine Viertelstunde. Wieder strömt äs Publikum aus den: Saal und tut sein Interesse an den Vorgängen auf der politischen Tribüne des jüdischen Volkes in lebhaften Debatten kund. Wieder nur vage Vermutungen. Unterdessen finden die entscheidenden Beratungen in den Ausschüßen und Unterausschüssen statt, wie man im parlamentarischen Jargon 5" sagen pflegt. Die 15 Minuten, die jedem wie ebenso viele Stunden Vorkommen, sind um und die Galerien füllen sich mit Leuten, die „es nicht mehr erwarten können". Aber die Sitzung beginnt noch immer nicht. Da ereignet sich etwas Sonderbares, in anderen Volksvertretungen wohl ganz Ungewöhnliches. Die Atmosphäre ist elektrisch geladen und eine Explosion muß eintreten. Das ungewisse Warten muß ein Ende finden. Das Publikum klatscht: es will endlich auf der Estrade Bewegung sehen. Der Höhepunkt ist erreicht. Die Quecksilbersäule, die das Ervegungsfieber anzeigt, ist auf 100 hinaufgeschnellt. Ruhig, mit gemesienen Schritten und unbewegter Miene, aus der inan nichts, rein gar nichts entnehmen kann, betritt Weizmann den Saal und bezieht seinen gewohnten Platz. Man hätte wirklich ohne Ueöertvekbung eine Stecknadel Men hören können, in solche lautlose Stille wandelte sich mit einem Schlage die Unruhe, die sich eben noch in Mißfallsklatschen gelöst hatte. Alles hall den Atem an. Diese Situation dauert wenige Sekunden und dann erhebt sich ein nicht enden wollender Sturm des Beifalles, dessen Klangfarbe eine ganz andere ist als die des eben gehörten Mißfallensausbruches. Weizmann rührt sich nicht, er sieht starr und unbeweglich in den Saal. Bald .darauf betreten Sokolow und die übrigen Mitglieder der Leitung das Podium und werden ebenfalls mit lautem Beifall begrüßt. Der Moment der höchsten Spannung ist erreicht, jetzt muß die Kathavsis kommen. M tzkin übernimmt den Vorsitz und teilt unter ungeheurer Spannung mit, daß die Kommissionsberatungen noch nicht beendet sind und deshalb der Kongreß verlängert werden müßte. Endlich ist es heraußen. Die Krise ist noch nicht beendet. Das Eis ist gebrochen; kein Sonnenstrahl ließ cs bersten. Sokolow betritt die Rednertribüne und hält ein hebräisches Referat über -das Erziehungswesen. Während seiner ganzen Rede sitzt Weizmann, den Kopf auf einen Arm gestützt, sichtliche Spuren von Ermüdung zeigend — es ist mittlerweile die zwölfte Stunde herangerückt — und spielt nachlässig mit seiner Hornbrille. He und da lächelt er einem Bekannten zum Gruße zu. Man sucht vergeblich. in feinen Mienen zu lesen; es gelingt aber nicht, die unleserlichen Buchstaben zu entziffern. . . . Robert Schreier. Kleiderhaus M. NEUMANN I. Kärntnerstraße '9 Vf. Mariahiiferstraße 35 HERREN- UND KNABEN ANZÜGE WASCHE SCHUHE tn bester Qualität und zu mäßigen Preisen no KLEIDERN AUS M. NEUMANN I. KKRNTNERSTR. 19/ VI.MARIAHILFERSrR.33 die Flotte eben völligen Sieg. Welches Herz lvare da nicht von den Matrosen gefangen genommen worden? An diesem Tage fanden wir für den lieben Engel mit den blauen'Augen und den: blonden Haar, der uns entglitten war, einen passenden Namen: „Flottenvorlage"... ...... % Die Tage wurden kürzer, die Abende kühl, die Regengüsse häufiger. Die alten Kastanienbäume waren während des ganzen Frühlings am Tore des Schlosses mit frischer Krone in Reihen gestanden, Mitenveich, wie ehrwürdige' Väter, die Gott mit Kindern und Kindeskindevn gesegnet hat, welche in ihrem Schatten Schutz such:::. Jetzt begannen ihre Blatter abzufallen und ihre Weihe schivand. Auch wir besuchten seltener den Schloßgarten und waren häufiger im Stadtgarten zu finden; das heißt, in den Garten selbst gingen wir selten, denn die sechzig Pfennig Eintritt fielen uns zu schwer; so ergingen wir uns längs der Französischen Straße und labten unser Ohr an dem Streichkonzert m Garten. Die ,-Flottenvovlage„ hielten wir für verloren. Einmal, gegen Abend, gingen wir, wie immer, in der Allee spazieren — und siehe da, nahe am Garten eine lange Bank, auf der zwei Frauen sitzen. Im Nn richteten wir unfeve Schritte auf die Bank, baten mi Erlaubnis und setzten uns. Die beiden Frauen waren — die Me und ihre Tochter, die ,^lottenvorlage". Gin Mick aus ihren Augen genügt, um uns zu beruhigen. Das war die erste Gelegenhsit, um mit dem Mädchen bekannt zu werden. Wir wußten, daß wir dies« Gelegenheit keinesfalls verpassen durften. Aber wie? Lustige Schälke temzten in den Augen des Mädchens, Was soll das bedeuten? Eine Erlaubnis zum M. Auch über uns kam der Geist des Alles — das heißt, er erwacht« nicht, sondern er lauerte stets in unserem Innersten auf den passenden Augenblick, m\ in diese Erscheinung zu treten. Man mutz die Aufmerksamkeit des Mädchens auf sich lenken, koste es was es wolle. Die Streichinstrumente er- Mngev — M HoHaurri aus der Otze« „Was ist das für eine Arie?", fragte der Philosoph unserer Gesellschaft gekünstelt naiv. „Eine der Arien aus ,Sraviata". „Steht, sondern aus ,Mmson und Delila".. gewähre! Ans „Tan-nihäufer" ist sie." „Nicht aus „Tannhäuser", sondern aus Tristan und Isolde". seines von beiden, sondern aus „Novma". ,^Jetzt Hab' ichs!" unterbricht der zukünftige Bunfen: — „diese Arie ist von Meyevbeer". ,^bewahre, von Hälevy ist sie". „Mit Nichten! Bon Rnbinstein". Unsere List glückte: die Kleine ivandie uns ihr Gesicht zu. Wir fuhren fort, Ulk auf Ulk zu hänfen, unsere Augen lugen verstohlen nach den ihren aus und wir erkennen, daß unfeve Schlaue Erfolg hat. Auch die Me horcht bei unserem Dispuiwechsel auf, ober ihre Augenbrauen lassen erkennen, daß sie chr Lebtag noch keine solche Gesellschaft von Narren und fürchterlichen Ignoranten wie uns gesehen hat. Gescheiter ist ihre kleine Tochter. Ihr kleines Herz, das Herz eines schönen und lieben Mädchens, sagt ihr, was dieser Ulk bedeutet und die Funken ihrer liebreizenden Augen verraten wie hundert beredte Zeugen, daß sie gewaltsam das hevvovbvechsnde Lochen unterdrückt. ,Mber meine Lieben," entscheide ich, „keine Ahnung: diese Arie ist aus ,Zaust", den ... den ., . der große deutsche Dichter Schiller versaßt hat!" „Nicht Schiller, sondern Keine," schlägt mich mein Kollege. ,Mine von beiden," wendet der Philosoph ein, /Wieland hat „Faust" geschrieben". Einer kam auch auf Lessing. Die Augen der Alten stehen starr in ihren Höhlen. Wenn man ihr erzählt hätte, daß es in der Welt eine Gesellschaft so ungebildeter Studenten gebe, sie hätte es nicht geglMbt. pianos F. EHRBAR p|ANOS WIEN m Niederlage: Haupfboreatir I. Parkring 18 - Tel. 73234 IV. MOhlgaaae 30 - fei. 63486 Die hebrSI che Tagespreise in der Salut-. Ein Appell an den Kongreß. Aus Dol-sgiertenkreiftn wird rns geschrieben: Nicht lauge ist es her, beinahe 20 Jahre, daß die hebräische Dagespreffe eine dominierende Rolle im jüdischen Leben spielte und die soziale und nationale Aufwärtsentwicklung der jüdischen Massen tu den großen Galuchländern beeinflussen konnte. Der „Hamelitz", die „Hazefira", der „Hazofeh^, der „Hasman" r. a. — es ist eine Reihe von Namen, die fast Epochen bedeuten. Als wir den sechsten Kongreß hatten, erschienen in Warschau zwei hebräische Tagesblätter, ,Hazefira" und „Hazofeh", die täglich längere telegraphische Berichte aus Basel druckten, die große Geldopfer erforderten. Herzls Eröffnungsrede, die von geschichtlicher Tragweite war, " wurde ttt extenso telegraphisch nach Warschau übermittelt und vom „Hazofeh" in einer Extraausgabe andemselben Tage verbreitet. Diese telegraphische Sendung kostete mehr als 1000 Goldrrbel, eine sehr große Summe für jene Zeit. Die hebräische Presse war damals von einem Schwung, der als' großzügig und gewagt bezeichnet werden kann. In den Spalten -der hebräischen Zeitung kam das Beste, was die jüdische Gclscllschaft vermochte, zu>m Ausdruck. Die hervorragendsten Köpfe des jüdischen Denkens, die sich erst aufknospeuden Blüten der jüdischen Poesie — sie kamen auf diesen hebräischen Tribünen zum Vorschein, sie sprachen von hier aus zum Volke. Mi t einem mal kam ein rascher Rückgang. Die junge — jiddische — Presse, zugänglich in Form und pikanter im Inhalt, hat die hebräische Presse gänzlich aus der Osfsentlichkeit verdrängt. Dies soll kein Vorwurf gegen die jiddische Presse sein. Die jiddische Journalistik, die sich in so kurzer Frist zu so ansehnlicher Höhe empovgearbeitet hat, ist wahrhaftig zu bewundern und. zu begrüßen. Es soll auch nicht verschwiegen werden, daß die jiddische Presse für ihre so erfolgreichen Leistungen auf dom Gebiete der nationalen Erziehung der jüdischen Massen sich große Verdienste erworben hat. Aber es ist auch - verständlich, daß es im Galuch keine hebräischen Lehrer mehr gibt oder daß die Lebenskraft der hebräischen Sprache nicht in Anspruch genommen werden kann? Dürfte es, vom nationalen Standpunkt aus betrachtet, geschehen, daß in allen Ländern der großen, 15 Millionen starken jüdischen Diaspora keine einzige Tageszeitung in der hobräischen Sprache, die wir als die einzige nationale Sprache der jüdischen Zukunft proklamieren, erscheint? U-nd ist es nicht auffallend, daß es zu eine-r Zeit der steigenden Ern-' Wanderung in Palästina , wo'Tausende von Juden monatlich die Häsen des jüdischen Landes aufsuchen, keine einzige Tageszeitiung gibt,' die in der Sprache ihrer neuen Heimat, an die „Olim" spricht, sie allmählich zum täglichen Gebrauch, zur hebräischen Lebensauffassung erzieht? Nun haben einige hebräische Schriftsteller aus Polen diese Sacheanders ausgesaßt. Mit kargen Mitteln, unter äußerst schweren Verlagsbodingungen haben sie im Jänner dieses Jahres eine große hebräische, Tageszeitung unter dem Namen ,Ha>jom" ins Leben gerufen, die feit dieser Zeit regelmäßig erscheint und sich zu einer bedeutenden Tribüne des jüdischen Gedankens entwickelt. Die Gründer glauben, daß, obgleich scheinbar -das Bedürfnis nach einem hebräischen Tagblatt im Alltag von -den breiten Massen nicht empfunden Wirte Wir.stritten, noch immer, miteinander: der eine ruft Uhland, ein zweiter tendiert nach Herder, ein dritter forscht und widmet „Faust" dem Jean Paul. ... S>eid still! — brachte uns plötzlich Nachfolger Jelli-neks zum Schweigen — jetzt enffinne ich mich: diesen „Faust" hat Kuno verfaßt .... / Hier sprang die Alte von ihrem Sitze auf. Studenten, die nicht zwischen Meyerbeer und Rubinstein unterscheiden, die Schiller und Heine, Wieland und Uhland in einem Topf werfen — alles dies ertrug sie ruhig, verzieh sie stillschweigend. Aber sie ist eine Heidelbergerin und Exzellenz Knno Fischer ihr Stolz, da kennt sie kein Verzeihen, keine Vergebung mehr... Im Augenblick vergaß sie die guten Sitten einer Kleinbürgerin, sprang auf und begann wie foilgt: „Aber, meine Herren! . . . Diese Oper hat Gounod verfaßt und den „Faust" Goethe geschrieben, aber den schönsten Kommentar, den treffendsten Kommentar zu ,Zaust" -hat Kuno geschrieben, Exzellenz Kuno ..." Hier sprangen auch wir auf, zogen m aller Ehrfurcht unsere Hüte, machten eine bescheidene Verbsugnng und dankten ihr ergebenst für ihre Aufklärung. Und indem wir ihr dankten, kamen wir mit ihr, wie man man sagt, in Fühlung, und indem wir mtt ihr iu Fühlung kamen, fand sich auch der Borwand, den wir suchten. Und indem sich der Vorwand fand, den wir suchten, begannen wir zu sprechen. Und indem wir mit der Alten zu sprechen begannen, horten wir nicht wieder auf, bis wir auch mit der „Flottenvorlage" Bekanntschaft geschloffen hatten. Und das »rar die Hauptsache! * Nach «irrigen Tagen, alls ich aus der Synagoge ging — es war gerade Rosch-Haschanah —, begegnete ich wieder der „Flottendorlage" und ihrer Mutter. Auch sie kamen aus der Shnagoge. Da begann für mich ein gutes, gesegnete- Jahr. Ich wünsche manchem Studenten unserer Tage ein Jahr wie dieses! <Aus dem Hebräischen übertragen von Dr. Max Mayer.)