Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2343 (30.8.1925)
- Date
- 1925-08-30
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Sonntag wiener MoiüCttzektung 30. August isss Seite 3 Altesse-Ghaza A. k. Wlan, III., Rannwag 79-81, Tal. 81479,81478 Zlparettenpapiere u.-Hülsen Sämtliche Kartonnagen und Drucksorten für die Zigarettenindustrie eib Bor dem Bericht der Mandatskommission. -y. SB i e n, 30. August. Der Rat des Völkerbundes wird am Mittwoch in Genf zusannnentreten. Der französische Ministerpräsident Painleve wird irr der Eröffnungssitzung den Vorsitz führen, der englische Außenminister Chamberlain reist morgen in Begleitung Lord Cecils, des eng-. Irschen Vertreters beim Völkerbund, und eines Stabes von Beamten des Auswärtigen Amtes nach Genf ab. Die starke Delegation Englands gilt irr erster Linie dem Umstand, daß diesmal die Mossulfrage zur Entscheidung kommt. Aus diesem Anlaß wird auch der türkische Außenminister an der Spitze die Abordnung seines Staates persönlich führen. Das Programur der Beratungen umfaßt außerdem noch die Berichte der Kommissionen für die Sanierung Oesterreichs und Ungarns, die Angelegenheiten der magyarischen Minorität in Rumänien, der griechischen Minorität in Konstantinopel, der türkischen in Westthrazien, aller Minderheiten in Litauen, den polnischen Postdienst in Danzig, die Abgrenzung des Danziger Hafens; ferner die Berichte der Ausschüsse gegen die Sklaverei, den Opiumhandel, zum Schutze der Frauen- und Kinderarbeit und der Einstein-Kommission für die ^ganisierung der Intellektuellen. Volt ganz besonderem Interesse für uns im Hinblick auf den heilte abschließenden Zionistenkongreß wird der Bericht der Mandatskommission sein, der sich mit Palästin beschäftigt. Es ist noch erinnerlich, daß die Behandlung der jüdischen Angelegenheiten durch diese Komntission in der Dezembertagung in allen Kreisen der Zionistischen Organisation stärkstes Befremden erregt hat. Die Kommission hatte den Bericht der jüdischen Vertretung nicht vorgeleat erhalten. Präsident Weizmann hat in der Vorwoche über diesen Vorgang Aufklärung gegeben. In merito aber hatte die Kommission. geglaubt, ausdrücklich einen Doppelcharakter des Mandates konstatieren zu müssen, wobei die Berücksichtigung der arabischen Forderungen weitaus stärker betont wurde als das durch den Völkerbund garantierte jüdische Recht. Was die Kommission sagte, war weniger wegen des Inhaltes bemerkenswert, als vielmehr wegen des gänzlichen Mißverstehens des Prinzipiellen an der Frage. Die Kommission war von dein Grundirrtum ausgegangen, daß es sich um eine einfache landwirtschaftliche Kolonisation in einem orientalischen Land handle, das unter dem Protektorat einer europäischen Macht steht, und sie glaubte darunt, die mangelhafte unzweckmäßige Vorbildung der Einwanderer tadeln zu müssen. In Wirklichkeit ist es eine nationalpolitische Kolonisation zu dem inl Mandat ganz gerrau definierten Zweck, eine nationale Heimstätte für das jüdische Volk zu schaffen, das nach Palästina auf Grund eines historisch begründeten Rechtes geht, nicht aber, um dort geduldet zu werden. Der englische Außenminister hat diese falsche Prämisse sofort und energisch richtig gestellt und die Haltung der Kommission hat denn auch keine weiteren Folgen gehabt. Aber es ließ sich nicht vermeiden, daß dieses Mißverstehen auf die zionistische Oeffentlichkeit sehr tief wirkte. Die Debatten auf dem Zionistenkongreß geben eine unmittelbare Projektion dieser Stimmung. Die Art der Ausübung der Verwaltung in Palästina wurde auch mit den Genfer Beratungen in Verbindung gebracht. Inzwischen hat, wie aus dem auf dem Kongreß erstatteten Bericht des Herrn Dr. Jakobsohn als des zionistischen Vertreters beim Völkerbund hervorgeht, die Aufklärungsarbeit eingesetzt. Sie muß aber ausgebaut und in ein großes politisches System gebracht werden. Die Haltung der französischen Regierungskreise, der Kabinette von Bukarest und Warschau zeigt, daß auch an diesen Stellen mit Erfolg gewirkt werden konnte. Dies auszudehnen, ist Sache der Zionistischen Organisation, die ihrer Exekutive die Mittel für diesen Zweck in solchem Ausmaße zur Verfügung stellen muß, daß ein politischer Apparat geschaffen werden kann. Sie muß die zionistischen Zentralinstituttonen, die zionistische Presse und — wir nennen dies absichtlich zuletzt — die zionistische Leitung in den Stand versetzen, diese Aufgabe zu erfüllen. Die Kritik, die an der politischen Arbeit geübt wurde, ist in vielen Punkten fehl gegangen und zwar hauptsächlich in den Dingen, in denen die Leitung mit gutent Recht auf das mangelnde finanzielle Verständnis der Organisation Hinweisen konnte. Das muß anders werden. zwischeukölle an der Moffulgrenze. Berliu» 29. August. (Tel.-Komp.) Ueber den Ausbruch von Kämpfen an der Grenze des Mossulgebietes berichtet die „V o s s i sch e Z e t t u u g" aus Konstantinopel: Reguläre Truppen aus dem Irak, die durch irreguläre Banden verstärkt sind, überschritten von Mesopotam en her die Grenze. Die Negierung von Angora trifft millitärische Gegenmaßnahmen und hat bereits eine sehr energisch gehaltene P r o t e st n o t e an den V ö l k e r b u n d abgeben lassen. k. Pelzwaren / Fürs/ Fourrures Haules Nouveuntis Moriz FLEISCHMANN WIEN, I., GRABEN 28 Telephon-Nummer 68-4-79 51 Die öeutsch-russischen Verhandlungen vor dem Abschluß. Berlin, 26. August. (Tel.-Komp.) Die dentsch-russischen Hmtdeisvertragsverhandlungen stehen nach fast zweijähriger Dauer nunmehr vor ihrem Abschluß. Der gesamte Vertrag zerfällt in zirka 10 größere und kleinere Verträge über die einzelnen Wirtschaftsgebiete. * Der deutsche Botschafter in Moskau hat die Vollmacht erhalten, sobald die Verhandlungen zu Ende geführt sein werden, den Vertrag zu unterzeichnen.? it «ft Cr* OE* 1«S1. FRANZ Ä ZELLER LEOFRWAREN- FABRIK WIEN VN, - TlGERGAiSE i/tz SPEZIALIST IN ECHT VULKAN-FIBER-KOFFER Set Ausstand der Stufen. äonffantinopcli 29. August. (Tel. der „Wiener Morgenzeitung".) Die Drusen führen ihre Aktionen gegen die Franzosen weiter. Sie haben gestern fast kampflos K h t r b e t e l .G l azali eingenommen- und dann G h 0 t t a, ein Dorf zwei Meilen vor Damaskus, besetzt. Bei einem scharf geführten Kampf gelang . es den Drusen, in die Vorstadt Damaskus, D e t r e z z 0. einnrdrtngen. Die dortigen Truppen und Gendarmerie haben sich in die Hauptstellungen Zurückgezogen. Damaskus nicht gefallen. Paris, 29. August. (Havas.) Eine Note des Minister- Präsidiums erklärt: Seit den Ereignissen vom 2. August ist der einzige militärische Vorfall in Syrien die Niederlage der Drusen- und Beduinen--Kolonne, die am 24. August gegen Damaskus Marschierte. Die letzten aus Beirut am 29. August mittags abgesandten Depeschen des Generals Sarrail dementieren in aller Form die zahlreichen in der englischen Presie erschienenen Depeschen, die aus dem arabischen Agitationszentrum in Kairo stammen und blutige Niederlagen der Franzosen sowie die Einnahme von Damaskus durch die Drusen melden. General S a r r a' l fügt hinzu, daß'in Därnäs k u s v 0 llständige Ruhe herrsche. „Kongleßzettung." Die heutige Nummer der „Kongreßzeitung" entfällt. Die nächste Ausgabe erscheint morgen Montag den 31. August zu Mittag. Letzte Kurse. RuV-Aork, 29. August. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80. London Kabel 4.85*4, London Scheck 4.51*4, Amsterdam 40.29, Paris 4.69V*, Brüssel 4.51V«, Rom 3.76. Madrid 14.34. Zürich 19.37, Stockholm 26.85, Oslo 50.05, Kopenhagen 24.69, Wien 14, Budapest 14. Prag . 2.96 V«, Belgrad 2.80, Athen 143, Buenos Aires 40. Rio de Janeiro 12.80. Bukarest 49V«. . Rew-Norll, 29. August. (Tel.-Komv.) Weizen rot Winter 165V-' Weizen hart Winter I68V3. Mais 1065/s. Hafer 48, Roggen 101V.. Ehikagv, 29. August. (Tel.-Komp.) Weizen per September 153V», Dezember 153V». Mai 157*4; Mais per Sevtember 92V«. Dezember 82, Mai 85V,: Hafer per September 38V«, Dezember 41*/.. Mai 4o*/.; Roggen per September 91V«. Dezember 97'/.. Mai 103. „Flotleuvorlage." Eine Erzählung von Saul Tschernichowski. Wenn ich die Studenten unserer Tage betrachte und sehe, wie eifrig sie sich mit dem Aufbau aller Nationen und jeglicher Weltenverbesserung befassen und bis über den Hals in Politik stecken, so werde ich manchmal nachdenklich: vielleicht wäre es für sie und andere besser, wenn sie in jugendlichem Unsinn versunken wären? In meiner Erinnerung steigen wie von selbst gute und ferne Tage auf — da ich selbst noch ein Student rm schönen alten Heidelberg tvar und auch wir uns mit Politik befaßten, wir „Musensöhne", wie man uns in Deutschland nannte. Es war damals eine schicksalsschwangere Zeit, in' der die Schaffung einer mächtigen deutschen Flotte projektiert, war. Alle Zeitungen waren voll von Diskussionen: die einen sind dafür, die anderen dagegen. Im Reichstag erhitzen sich die Geister immer mehr und schließlich kommt es dazu, daß ein Abgeordneter den anderen ohrfeigt. Die Presse diskutiert wiederum eifrig: die einen Hallen diese Tat für äußerst kompromittierend, die anderen für höchst ehrenvoll. Dicke Bücher, dünne Broschüren, Aufrufe, Proteste, Gutachten, Pamphlete und Reden, Reden ohne Endo: die einen verteidigen, die anderen klagen an, die einen bauen, die anderen reißen nieder. Es gibt schlechterdings keinen Menschen in Deutschland, der nicht eine eigene Meinung über die Flottenvorlage hätte. Die ausländischen Politiker blicken auf die Geschehnisse im Kaiserreich Wilhelm des Zweiten, meditieren und prophezeien der kommenden Generation eine große Zukunft. In Deutschland selbst machen die politischen Führer ernste Gesichter, lassen vieldeutige Worte fallen und verdecken mehr als ste aufklären. Kaiser Wilhelm ist noch Beherrscher der Welt, steht die Zukunft seines Landes „ans dem Wasser" und zwingt dem gesamten Volk sein „Ich will" auf . . . Wenn es die Großen des Landes so trieben, warum sollten nicht auch vier junge Studenten den ganzen Tag an die Flottenvorlage denken und sie nachts im Traume sehen? M es denkbar, daß ste nicht beim Aujstetzen und j beim Niederlegen, auf dem Wege zur Hochschule von ihr sprechen und daß s i e nicht den Gesprächstoff bildet, wenn sie nach dem Kolleg aus dem großen Hörsaal stürzen? Wenn die bedächtigen Alten zu solcher Begeisterung! fähig waren, um wieviel mehr wir Jungen, die wir an sich leicht entzündbar sind, und vor denen sich stündlich in jedem Auditorium neue Horizonte auftaten, neue schöne und gute Welten, vor unseren Augen geschaffen durch das Schöpsungswort unserer großen Lehrer der Wissenschaft, die der ganzen Menschheit zur Zierde gereichen und deren Inneres Schätze der Weisheit und Speicher des Gedankens barg. All diese wunderbaren Großen sind Tag um Tag, Stunde um <^unde vor dir, alle Vorhöfe stehen offen vor dir, du bist bereit, auch in das Innere einzudringen, und bist im Begriffe, zum Beherscher aller dieser Speicher und Schätze zu werden zum Besten und zur Verbesserung der ganzen großen Welt. Die hohen und erhabenen Tore der Unsterblichkeit stehen weit geöffnet vor dir und es wird dir eng und weit ums .Herz, denn es gibt doch nichts, das deinem Verstand zu wunderbar, nichts, das deinen Augen verborgen wäre. Das heißt: einstweilen gibt es noch Unverständliches und Verborgenes — für deine Meister, die Genien der Menschheit. Aber sie alle sind ja auch nur dazu da, daß durch sie und ihre Lehre dein eigener Ruhm in die Erscheinung trete und wachse; und wenn sie alt geworden sind, werden sie ihre Autorität auf dich übertragen und du wirst zum Herrscher über alle Schätze der Weisheit und Speicher des Gedankens, der Menschheit werden — der „Menschheit" mit großen Buchstaben. Abends, wenn du das Kolleg von Kuno Fischer verläßt und dich seine Gestalt noch verfolgt: ein jugendlicher Greis, das Auge noch völlig frisch, das Haupt gänzlich haarlos, die vereinzelten Silberfäden auf ihm scheinen allen Kronen der Welt Platz machen zu wollen; und du, du trägst in deinem Herzen die Perlenkette mit dir, die dieser Greisenjüngling dem wunderbarsten aller Erdensöhne, Wolfgang Goethe, um das Haupt windet, vor dem nach den Worten des Dichters ,Me Sternenbücher entrollt" waren und der „mit .des Meeres brandenden Wogen J sang", und deine Seele ist vollgesogen von dem jugendlichen Uebermut. des Dichterfürsten und dem Traunr seiner Träume: Friderike, der Zierde der Frauen — da öffnen sich vor dir Pforten eines Glückes, das du. noch nicht gekostet, das dir aber allein seit Ewigkeit wie ein verschlossener, in Mysterienbalsam versunkener Garten bewahrt ist, und dein Inneres füllt sich mit unendlicher, namenloser Sehnsuchtsüße. In dieser Stunde ist deine Seele siebenfach rein und geläutert und ganz der Gotteswelt hingegeben, um ihr das in Eins verschmolzene Gute und Schöne darzubringen. Und du verspürst Titanenkraft, das All wird dir zu eng und du fühlst, daß dir jene Adlerschwingen wachsen, die Faust erträumte — derselbe Fauste der auch im schönen alten Heidelberg Student war. Und plötzlich wiederum — die Flottenvorlage; und. es scheint dir und deinem jungen Herzen, daß dir nichts zu schwer wäre, es für sie zu tun. Ungetrübt von dem Hauch eines Fehls, lauter wie die Lauterkeit des Heiligen ^scheint sie dir die leibhaftige Unschuld und Entrücktheit. Und so lebten wir. Das heißt, wir lebten nicht, sondern wir hatten die Absicht zu leben — zu wirken und zu schaffen in den Grenzen des großen dramatischen Lebens, das viel Kenntnis und eine der Tat vorhergehende große und schwere. Vorbereitung beansprucht. Und so lebten wir, genießend und sehnsuchtsvoll, wachsend und sinnend, begeistert und fleißig lernend und uns vertiefend, um nicht, Gott bewahre, in dqs Innere mit leeren Händen einzutreten, sondern nach allen Regeln der Kunst vorbereitet zu sein —• und nicht unseren Meistern, den großen Leuchten, Schande zu bereiten und nicht uns selbst im „Triklin" schämen zu müssen, daß wir int „Prosdor" uns nicht gehörig vervollkommnet hatten. * Die ganze Weilt und auch wir vier Studenten waren so mit ganzem Herzen und ganzer Seele der Mottenvorlage ergeben. Es trug sich aber etwas zu; diese Geschichte: Wenn wir von der Mühe des Tages ermattet waren oder weM wir die Stadt nicht weit hinter uns lagen it' m mjm& d