Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2342 (29.8.1925)
- Date
- 1925-08-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2342 Wien, Samstag Wiener Moraenzeltuna 29. August 1925 Seite 3 Kindersanatorium DCAlll ICH für Kinder ohne Begleitung |J y U Prospekte auf Wunsch 33 »> Telephon Nr. 280 W> BADEN BEI WIEN TRENCIANSKfe TEPLICE, Slovakei von überragender Heilkraft bei Rheuma, Gicht, Ischias, Neuralgie^ Herrliche öebirgalage ganzjährig Rituelle Restaurants Prospekte durch die Badedirektion 500 rH er feMcllt, daß sich die Autorschaft Achad Haams, die ihm vmt „Juldougeguern" zugeschriebon w'ivd, nickt beweisen läßt. Alle diese Sawiernngen aber hckseu nichts, denn der soziale Gheinickaudidat -am Vortvagstilsch der Leo-Geselvschaft war genötigt, mtd; einmal auf eine Tatsache hiuzuwsisen: und da iveist er sofort feine Unwisseicheit nach. Er behauptet nämlich: „Auf denk ersten Ziouistenkongreß, der im Jahre 1900 -in Basck stattfand, poleani-sierte Girrzbur-g scharf gegen Herzl." Mit dieser Behauipt-uug gcht cs lvie i'M zerbrochenen Topf: Erstens hat Achad Haam mit Herzl nicht ans dem Kongreß polemisiert; zweitens hat er am ersten Kon-greß nicht toilgeuommen; drittens fand der erste Zionistenkougreß nicht im Jahre 1900 sta-tt, und viertens fand im Jahre 1900 überhaupt kein Zionistenkou-gveß in Basel statt. Denn der erste Ziomstenwugreß wurde 1897 in Basel aibgehal-ten, in den Jahren 1898 ittfe i899 waren die nächsten zwei Kongresse in Basel nnd der vierte Kongreß, der im Jahre 1900 abgchalten wurde, fand in London statt. So sehen die wiffenfchastlichen Darlegungen eines cand. chem. Mrazek aus. Es lvürde sich evülbrigen, aus sie näher einzug-ehen, wären sie nicht ein Symptom dafür, daß die dem Vatikan genehme „Wissenschaft" jetzt dahin dirigiert wird, alles, selbst das Unmö.glichste und Unglaulbwürdigste auifzubieten, um den Zionismus zu diskreditieren. Dafür ist allerdings cand. chem. Mrazek ein brauchbares Werkzeug; denn sein Bortrag über Achad Haam enthält schon im ersten Satz eine handgreisiliche Lüge; denn Achad Haam, von dom der katholische Jüngling behauptet, daß er heute auf dem Zionistenkongreß eine bedeutende Nolle spickt, war bei dem gegenwärtig in Wien tagenden Zionistenkon-greß überhaupt nicht anwesend, sondern hat Palästina, wo er wohnt, in den letzten Jahren überhaupt nicht verlassen. Aber solche kleine Schönheitsfehler tun nichts zur Sache; denn dort, wo solche Wissenschaft besohlen wird, weiß man, daß der Zweck die Mittel heiligt. Die Solidarität der Mluzim. Ein Streik -er Ausgespeiften. Ein recht eigenartiges Ereignis spielt sich derzeit in Wien ab, von dem nnr die wen'gsten etwas wissen. Diese Tragik desLebens wird im Herzen der Leopoldstadt mit 250 Akteuren auf geführt, sie ist interessant, doch traurig zugleich, hat die schönsten, feinsten psychologischen Züge und doch kein Publikum. . . . In der Schiffamtsgasse 20 speist der Verein Machsike Habath alltäglich 100 bis 120 Chaluzim, die auf der Durchreise in Wien weilen, aus. Für mehr langt es nicht, und auch diese Leistung kann der Verein nur mit den größten Anstrengungen, vor allem seines Präsidenten, des KullusrateS Jakob Marz, dem der rührige Vorstand helfend zur Seite steht, vollbringen. Und so mußten denn auch vor ungefähr zwei Wochen mehr als die Hälfte jener oberwähnten Chaluzim abgewiesen werden- Da ereignete sich das Merkwürdige, der Streik. Diejenigen unter den Zweihundertfünfzig, die essen hätten können, weigerten sich entschieden, an den Tisch zu gehen, wenn ihre Kameraden hungrig blieben. Seither hält der Streik noch an, trotz der vielen anderen «Abnehmer", die der Verein naturgemäß stets hat. Wir sind neugierig, ob die jüdische Oeffentlichkeit dem Verein hilft, die Forderungen der Streikenden, es ist ja nicht" viel: ein warmes Mittagessen für sie und ihre Kollegen, zu erfüllen, was ja der Verein gerne täte, wenn ihm die Mittel bereitgestellt würden. A- T« fieonore Smolensltz. Eine Erinnerung von S. Abeles. Als sich vor einigen Jahren mehrere junge jüdische Menschen nt attutteitfaitbcit, um eine Institution für Kinder zu gründen, welche später zum Verein Jüdische Kinderfreunde heranwuchs, erklärte sich eine fast 70jährige Dame bereit mitzuarbeiten. Da die Dame die Witwe des bekannten hebräischen Schriftstellers P e r e z S m o l e « s k y war. hießen auch die, welche sie vorher nicht gekannt hat en, trotz aller Zweifel an ihrer Arbe tslraft, fie herzlich willkommen nnd räumten ihr eine Ekrenstelle im Kuratorium ein. Doch kräftig schien in dieser Greisin das Gefühl der Mütterlichkeit zu walten nnd nicht minder kräftig der Wrlle, am Aufbau des Judentums mitzuarbeiten. Aus der Ehrenstelle wurdn sehr bald ein arbeitsre ches Amt. Mehrere Heimstätten des Vereins Jüdische K'nderfreuvde betrachtete Frau S m o l e n s k y als ihr spezielles Arbeitsfeld nnd es gab kein seelisches Leid der Kleinen, kein materielles ihrer Eltern, das der umsichtigen Frau nicht bekannt war und dem sie nicht abzuhelfen versuchte. Aber lveiter ging ihr Blick! Die Verbreitung der Sprache, zu deren Belebung ihr Gälte so viel beigetragen hatte, war ihr ein teures Vermäütnis. Nicht zum geringen Toll ist eS ihren Intentionen H danken, daß der Verein Jüdische Kinder freunde heute liebrätsche Kindergärten und hebräische Heimstätten besitzt. Doch nicht nur der genannte Verein wird die hervorragende Frau schiver vermissen; manches Kind, daihr heute nachweint, kannte nie vorher eine andere Mutter... Henriette Szold. Von Minna Freund-Barst (Haifa). Vor einigen Jahren veröffentlichte eine amerikanische Zeitschrift die Rundfrage: „Welche sind die zwölf bedeutendsten Juden der Gegenwart?" Es entbrannte ein Kanipf von Meinungen und Ansichten, wie immer, wenn ein führendes amerikanisches Blatt eine solche Frage als Zündlunte ins Publikum wirft. Und aus diesem Kampfe ging als Siegerin auch eine Frau hervor, die es mit Energie und Geschick viele Jahre hindurch zu vermeiden wußte, daß ihr Name in der breiten Oeffentlichkeit genannt werde: Henriette Szold, die Begründerin der Zionistischen Frauenorganisation in Amerika und Schöpferin der „Medical Unit for Palestina", die unter dem Namen Hadassah heute die populärste jüdische Institution in Palästina darstellt. . Henriette Szolds Zionismus wurzelt im fruchtbaren Boden der Thoratreue und basiert auf tiefgründigem, jüdischen Wissen. Als älteste Tochter des aus Ungarn nach Amerika eingewanderten Baltimorer Rabbiner Benjamin Szold hatte sie von früher Jugend auf Gelegenheit, sich im Studium der Lehre zu üben. Ihr Vater war ein bedeutender Gelehrter und da er schon früh die außerordentliche Begabung seiner Tochter erkannte, erzog er sie zu seiner Mitarbeiterin. Er ließ sie an seinem Werke über das Buch Hiob intensiven Anteil nehmen, „lernte" mit ihr, wie eben ein großer jüdischer Rabbi mit seinem Lieblingsschüler lehrt, und in einem Alter, da andere Mädchen an ihren ersten Flirt denken, bezog die wohlvorbereitetc Henriette das Jewish Theological Scminary in New-Aork. Ich glaube wohl als erste Nabbinatskandidatin der Gegenwart. Und sie fügte sich in stiller, emsiger Gelehrtenarbeit immer fester in die Kette jener jüdischen gelehrten Frauen ein, die von den biblischen Zeiten her bis in die Gegenwart in ununterbrochener Folge die Gleichberechtigung der Frau durch ihr Dasein und ij^: Werk eindringlicher propagieren als die enragicrten Frauenrechtlerinnen. Ihre sensitive Scheu vor der Oeffentlichkeit ist auch ein Erbteil ihres Vaters. Benjamin Szold hat als Baltimorer Rabbi für die Reformierung des Judentums auf thoratreuer Grundlage wichtiges geleistet. Allen — voran! Ktetderhuus GERSTl MlMWisk! S»r»U-L-t0dia»zua Berskl-UKtir . .. . Gsrstl-eportaniua Geretl-SBattmroof Gersll»Ütb*tted . . Oaretl-iüummimanle G»r»U-Modehoje . . Q«r»tl-Knabenanzug 3 Stockwerke «Gegründei HUHREN.KLEIDER DAM KN-KLEIDER HER REN-WÄSCHE 25 Schaufenster Ein ganzes Archiv von Briefen, die er an die bedeutendsten Autoritäten auf diesem Gebiete schrieb, und vom interessanten Antworten der Anhänger und Gegner seiner Idee, zeugt von langjähriger, fruchtbarer Arbeit in diesem vielumstrittenen, wichtigen Zweige jüdischer Entwicklung. Aber er vermied es immer, seine Fragen den großen, breiten Massen vorzutragen, denn die Beantwortung dieser Fragen setzt gründliche wissenschaftliche Kenntnisse voraus. „Schaaloth und Teschuboth" (Fragen und Antworten), diese traditionelle Kampfesart unserer Lehrer und Meister übte auch Rabbi Szold. Auch in diesem Lebenswerk erstand dem glücklichen Vater eine Helferin in seiner Tochter. Nnd während sie mit ihrem Vater zusammen arbeitete, ertüchtigte sie zu selbständigen Leistungen. Sie verfaßte wertvolle Uebersetznngen aus der hebräischen, talnmdischen Literatur, verpflanzte deutsche und jiddische Werke ins Englische und wurde die Mitbegründerin der „Jewish Puhlication Society", die für die Wiedererweckung des jüdischen Bewußtseins in Amerika Hervorragendes leistet. Dann kanr eine Zeit, da die schüchterne Henriette Szold ihre Gelehrtenstube verließ. Der Zionismus hatte von ihr Besitz ergriffen. Und mit der Leidenschaftlichkeit großer Naturen gab sie sich ihrem Ideale voll und ganz zu eigen. Schon lang vor dem ersten zionistischen Kongreß gehörte sie einer Chowewe-Zion-Gruppe an. Im Jahre 1909 gründete sie einen kulturellen zionistischen Frauenkreis in New-Iork, aus dem 1912 die Frauenvereinigung „Benoth Zion", die Stammutter der Hadassah hervorging. Diese Gesellschaft bestand aus drei Gruppen und hatte in sechs Städten etwa 500'Mitglieder. Zu Beginn des großen Bölkermordens, im Jahre 1914, setzte die große soziale Arbeit von Miß Szold ein. Sie baute die Frauenvereinigung, die nunmehr den Namen Hadassah erhielt, weiter aus und hat es bis heute auf eine Mitgliederanzahl pianos f. EHRBAR pianos ^IEN Niederlage: . I. Parkring 18 - Tel. 73234 Sb Hauptbureau: IV. Mühlgasse 30 — Tel. 83468 Von 27.000 Frauen gebracht. In 211 Städten arbeitet diese Armee jüdischer Frauen für den Zionismus. Diese größte jüdische Frauenorganisativn der Welt verfügt über einen Stab begabter Organisatoriuncil und über eine große Masse arbcitsfreudiger und ihre Aufgabe klar erfassender Mitarbeiterinnen. mq * WEM Miß Henriette Szold, Vizepräsidentin des Zionistenkongresses. Es wurde Miß Szold nicht leicht, die Organisation auf diese Höhe zu bringen. Sie mußte in allen Gesell- ' schaftsschichten für den. Zionismus werben und wenn es j schon schwer war, im Schepper von New-Iork unter Arbeiterinnen und Frauen von Arbeitern Freundinnen zu gewinnen, so war es noch viel schwerer, die Frau der upper ten thousand, die weitab von allem jüdischen Wesen standen, zum Zionismus zu erziehen. »Aber ihrer Energie gelang es, die „fremde Bewegung", wie man die Hadassah in den hohen, jüdischen Kreisen nannte, in Amerika heimisch zu machen. Nach dem Kriege konnte sie es schon wagen, die Hadassah Medical Unit für Palästina zu organisieren, und sie selbst fuhr mit einem ganzen Stab von Aerzten und Krankenpflegerinnen nach Palästina und zog über alle Städte und Kolonien ein Netz von Spitälern und hygienischen Stationen. Bald gab es keine jüdische'Kolonie im Lande, ohne Hadassaharzt und Krankenschwester. Die Araber begrüßten diese medizinische Hilfe, die ihnen ebenso zugute kommt wie den Juden, mit ungeteilter Freude. Und es darf ruhig gesagt werden, daß Miß Szold den Grundstein legte zu den freundlicheren Beziehungen zwischen'Juden und Arabern in Palästina. Auch die englische Regierung konnte Henriette Szolds Werk ihre Anerkennung nicht versagen. Nachdem die'Hadassah in ihren Grundzügen organisiert war, ging Henriette Szold daran, eine Schwesternschule zu begründen. Sie ging von der richtigen Voraussetzung aus, daß einheimische Krankenschwestern für den Dienst an den palästinensischen Spitälern notwendig seien. Weil sie, im Lande geboren und erzogen, den klimatischen Verhältnissen besser gewachsen sind und ihre Einstellung zu beit sozialen Verhältnissen im Lande eine günstigere ist als die der importierten Krankenschwestern. Bisher wurden 63 Pflegerinnen an dieser Schule ausgebildet. Sie arbeiten zum größten Teile bei der „Hadassah", einige gingen nach Amerika, um sich an der Universität für spezielle sozialhygienische Arbeit auszubilden, und einige fanden gutdotierte Stellungen an syrischen und ägyptischen Spitälern. Die Tipat-Halaw-Stationen, die ans Anregung des Jerusalemer Kinderarztes Dr. David Barst im Jahre 1922 von Miß Szold ins Leben gerufen wurden, erfordern von Jahr zu Jahr mehr Schwesternpersonal. 'Und je größer der jüdische Jischuw in Palästina wird,' um so begehrter werden die jüdischen Privatpflegerinnen. Derzeit gibt es in Jerusalem vier Tipat-Halaw-Stationen (Säuglingsfürsorgennd Milchverteilungsstellen). In Jaffa haben die Newzeelander Frauen die Erhaltung der Tipat-Halaw-Stationen übernommen, die eine Haifer Station wird von den französischen Frauen unterstützt, denn die einheimischen Frauen können noch nicht für den Bedarf aller Stationen aufkommen. Die Hadassah stellt auf allen Stationen die ärztliche und Pflegchilfe bei. Hand in Hand mit der Säuglingsfürsorge geht die Schwangerschaftsfürsorge, deren medizinische Hilfe gleichfalls von der Hadassah geleistet wird. . Sv wächst Henriette Szolds Werk von Jahr zu Jahr, und es. ergeht ihr mit ihrer Hadassah wie es immer den Müttern blühender Töchter ergeht. Sie werden von ihren eigenen Kindern in den Schatten gestellt. Das wäre noch nicht schlimm; denn wir Mütter wünschen nichts sehnlicher, als daß alle Lichtstrahlen der Bewunderung ans unsere Töchter fallen. Aber wehe, wenn jemand an .• schönen Tochter etwas auszusetzeu findet — da wird gleich die Mutter aus dem dunkelsten Schatten ans grellste Licht gezerrt. Und es wird gar nicht gefragt, : das Töchterchen nicht erst seit es flügge geworden und sei", zum Verdruß seiner Mutter sich diese Fehler cmaeeignet hat.