Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2342 (29.8.1925)
- Date
- 1925-08-29
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
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^citc 4_ Dien, Samstag _Dttener Morftenzeitung_ Sie Demonstrationen gegen den Zionistenkoagreß. Aittellongm der VoNieiPrLfideute« Schober. Der Süddeutsche Zcitungsdienst veröffentlicht eine Unterredung Kirnet Wiener Vertreterin, Iran Tr. Grete Dona u, mit dom Polizeipräsidenten Schober, der sagte: „Auf die Frage, tvarum der Zionistenkongreß in Wien abgehalten wurde, gibt es nur eine Antwort: Wien ist der natürliche Mittelpunkt Europas, und es war daher nicht außergewöhnlich, daß die Wahl auf Wien als Kongreßort gefallen ist. Die zwei letzten Kongresse der Zionisten wurden meines Wissens in Karlsbad abgehalten. Die Leitung hat bei der österreichischen Regierung angefragt, ob sie Wien als Kongreßort wählen fömtc, die österreichische Regierung hat dieses f e l bstv e r st ä n dl i ch bewilligt und, wie es die internationale Höflichkeit gebietet, auch wi llko m me u geheißen. zugleich aber die Versicherung des zuverlässigen Schutzes durch die Buudespolizeibehörde für Wien in Aussicht gestellt. Offenkundig auf Bedenken der Zionistenkreise in E n g l a n d und A m er ika hat die österreichische Regierung ungefähr einen Monat vor Beginn des Kongresses neuerlich, und zwar durch die diplomatischen Vertreter, den ungestörten Verlaus des Kongresses zugesichert. Für die Polizeidirektion in Wien, zu deren Aufgaben es an und für sich gehört, nicht nur Eigentum und persönliche Sicherheit der eigenen Staatsbürger, sondern auch die aller Fremden zu gewährleisten, hat über diese primitivste Aufgabe einer Sicherheitsbehörde hinaus auch noch den besonderen Schutz aller Veranstaltungen des Kongresses sicherzustellen gehabt. Dieser Aufgabe ist sie in jeder Form, soweit als notwertdig, nachgekommen. Was nun die Protestkundgebung gegen die Veranstaltung des Zionistcnkongresses anbelangt, hat die Polizeidirektion sofort, als der Plan - einer solchen Kundgebung aufgetaucht ist, mit den Veran-! staltern Fühlung genommen, und zwar ist ihr garrzes Bestreben daraus gerichtet gewesen, diese Kundgebung keines- , wegs von vornherein zu unterbinden, sondern ihren Verlauf in einer solchen Weise zu regeln, daß daraus dem | guten Ruf Wiens als einer aus den Fremdenverkehr aus gewiesenen Stadt kein Eintrag geschehe und auch, daß die j der Polizeidirektion obliegende Pflicht, den Zionistenkongreß und seine Teilnehmer zn schützen, nicht verletzt wird. Aus diesen für jeden ruhig Denkenden selbstverständlichen Erwägungen heraus habe ich nicht nur als Polizeipräsident persönlich, sondern durch alle verantwortlichen Funktionäre der Polizeidirektion auf die Veranstalter in diesem Sinne eingewirkt und, um unliebsame Zwischenfälle auszuschließen und einen ruhigen Verlauf der Kundgebung zu garantieren, die Veranstalter der Protestkundgebung in den Tagesstunden und deren Führung durch eine vertrauenswürdige Organisation zur Bedingung genracht. Das vielköpfige Organisationskomitee wurde darüber nicht in Zweifel belassen, daß ein Mweichen von diesen Bedingungen, insbesondere eine Denwnstration zur Abend- oder Nachtzeit ebenso wie das Fehlen einer verläßlichen Führung, das Verbot der ganzen Veran st altung zur Folge hoben müsse. Als ungeachtet aller Ermahnungen das Komitee an der Absicht einer Abenddemonstration festhielt, hat die Polizeidirektion diese Kundgebung verboten und das Verbot bereits am 14. August, nachmittags, zugestellt, so daß reichlich Zeit geblieben wäre, die für den 17. August geplante Kundgebung in einer den Borschristen der Polizeidiröktion entgegenkommenden Weise zu veranstalten. Die Polizeidirektion hatte in ihrem Untersagungsbescheid noch ausdrücklich ihre Bereitwilligkeit erklärt, eine ihren Bedenken genügende neuerliche Versamniilungsanzeige in Verhandlung zu nehmen. Ungeachtet dieses Anerbietens wurde einfach die Parole ausgegeben, das Verbot nicht zur Kenntnis zu nehmen und trotz des behördlichen Verbotes zu dieser Kundgebung zu erscheinen. Gleichzeitig hatten einige der' veranstaltenden Vereine an ihre Mitglieder auch die Weisung ansgegeben. mit Waffen zu erscheinen. Die Polizeidirektion hatte den für die Versammlung in Aussicht genommenen Platz rechtzeitig abgesperrt. Dennoch sammelten sich in dessen Umgebung ungefähr 3000 Demonstranten, die, als die Polizeidirektion bei Einbruch der Dunkelheit ^n die Räumung der Straßen schritt. Widerstand leisteten, .so daß an mehreren Stellen der Gebrauch der Seitenwaffen notwendig wurde und insgesamt 120 Personen verhaftet werden mußten. Bei Violen der Arretierten fand man scharf geladene Schußwaffen, bei anderen Dolchmesser, Schlagringe, Totschläger, Gnntmiknüppel und auch faustgroße Steine. LI Sicherheitswachmänner wurden verletzt und 15 Pferde, darunter auch einige durch Messerstiche verw-undet. Die nach der Veranstaltung bei mir vorgebrachten Beschwerden richteten sich gegen die vovgenommenen Verhaftungen von beteiligten Personen und gegen ein angeblich in vielen Fällen zutage getretenes brutales Vorgehen der Sicherheitslvache. Die Untersuchungen aller vorgcbrachten Beschwerden sind im Zuge. Von den Verhafteten wurden sofort, als wieder Ruhe eingetreten tvar, dtc leichteren Fälle entlassen und nur diejenigen Personen in .Haft behalten, die mit Schußivafsen an der Demonstration teilgenommen haben. Wie immer die Untersuchmig auch aussatten mag, eines ist sicher: Die Ruhe ist in Wien weiter nicht gestört worden und auch die samstägige Protestkundgebung gegen den Ziouistenkongreß, die entsprechend den Vorschriften der Polizeidirektion von einer verantwortlick^en Organisation — dem Verband völkischer Vereine — und um halb 5 Uhr nachmittags veranstaltet worden ist, verlief ohne Zwischenfall. Hatten sich die Veranstalter auch bezüglich der Kundgebung am 17. August den Weisungen und Ratschlägen der Polizeidirektion gefügt, dann wäre es zu keinem Zwischenfall gekomnren und die der Pollzeidirektion gewiß ebenso wie den Betroffenen unerfreulichen und unerquicklichen Szenen, die sich auf dem Freiheitsplatz abgespielt haben, wären uns erspart geblieben. Aus dieser Darstellung geht hervor, daß der Wiener Polizeidirektion, die keine Politik macht und einfach und praktisch ihre Pflicht erfüllt, sowohl lvas den Zionistenkongreß anbelangt als auch bezüglich der Gegerikundgobungen jede Stellungnahme pro oder kontra ferne liegt. Sie geht nur ihren geraden Weg, den der Pflicht, und sie hat nur eine Ausgabe, die Ordnung und Ruhe aufrecht zu erhalten." J. KREPPEL JÜDEN UND JUDENTUM VON HEUTE 91 % Seiten Grossojdav mit ZOO Porträts Geheftet S 4Z.50 / Ganzleinen $51.- * Ein Handbuch von Weltbedeutung! *> Zum ersten Male ein großangelegtes Werk, das in rein sachlicher Darstellung ein alle Lebensgebiete umfassendes Bild des zeitgenössischen Judentums aufzeigt. Der Verfasser blickt auf eine 30jährige publizistische Tätigkeit zurück, hat wieder* holt jüdische Zeitungen in hebräischer, jiddischer und deutscher Sprache geleitet und am politischen Leben der Juden aktiven und führenden Anteil genommen. Er kennt somit wie kaum ein zweiter alle erdenklichen Seiten des Problems aus eigener Anschauung und darf beanspruchen, im Streit der Meinungen über diesen aktuellsten aller Gegenstände als Autorität gehört zu werden. Wer immer sich in Hinkunft mit dem weltumfassenden Problem des Judentums als Freund oder Feind auseinandersetzen will, muss dieses Werk befragen AMALTHEA-VERLAG, WIEN III. Zu beziehen durch: Kongressbuchhandlung (Wiener Konzerihaus) und durch Jede gute Buchhandlung öo» Kongreßteilnehmer Verkehret nur in jenen Lokalen (Kaffeehäusern und Restaurants), in denen die „WIENER MORGENZEITUNG" und die KONGRESS-ZEITUNG aufliegen l 607 _29. August 1925_ Nr. 2342 Sie dritte Front. Die Weife« von Zion in der Leo-Gefellfehnft. Der Grundgedanke der zionistischen Bewegung, die Errichtung eines nationalen Heimes in Palästina, begegnet drei Zentren heftigster Gegnerschaft: Dem antisemitischen Ring, der, auf vollstärldig« Vernichtung der Juden ausgehend, den Gedanken einer LobenSgrnndlage für bas Judentum nicht ertragen kann; der bolschcwikischeu Front, welche eine Stärkung des Enropäismirs au dem Brennpunkt dreier' Welten für seine politischen Ziele fürchtet; und in den letzten Iah' reu immer stärker der dritten Macht: dem Vatikan, der seine geistige Großmachtstellung gerade von Palästina aus öm nahen Orient festigen will und dem es darum geht, nichtkatholische politische Positionen nach Möglichkeit anszuschalten. Ter Kampf gegen den Zionismus wird vom Vatikan in den letzten Jahren mit um so größerer Aktivität geführt, als dar Aufbau Palästinas unter englischer Patronanz erfolgt und Nt.it oemt Widerstand gegen den ZioniömnS auch England getroffen werden soll. Nicht umsonst haben sich in der letzten Zeit Fäden voil Rom »ach Moskau gesponnen, für tvclche als Piätext die Anerkennung Roms durch die griechisch orienl rassische Kirche gilt. Diese Kampsstellnrrg des Vatikarls gegen den Zionismus ist, wie die „Vossische Zeitung" in einem gc - stern an leitender Stelle erschienenen Artiffatz hervorhebt, auch der Schlüssel dafür, wieso gerade in Wien, der Hauptstadt eines Landes, das an den Fragen des Zionismus fast gänzlich uninteressiert und deshalb wahrhaft neutral zll sein schien, die Abhaltung eitles Zioiliste-nkongresseS ein so stürmisches Echo wecken konnte. „Don Schlüssel zur Lösung dieser Frage" — heißt es in dorn Aufsatz der „Bosfischen Zeitung" tvört'lich — „gibt das Verhalten des früheren Bundeskanzlers Seipel. Eric Staatsmann tvie Seipel ist gewiß nicht bereit, den» Mob Vorschub zu leisten. Wenn Seipol und das von ihm inspirierte Organ der chvistlichifozialen Partei, die „Raichspost", dennoch gegen den Ziouistenkongreß und sogar gegen die — nichts weiter als korrekte — Haltung des Polizeipräsidenten Schober Stellung nehmen, so fön nun diese Angriffe nicht einfach als ein taktisches AblerckungSmanöver aus irgendwelchen innerpolitischen Gründen gewertet werden. Es ist ,licht der österreichische Politiker, sondern der Prälat Seipel, der tiofgläübige Kleriker, in dem sieh etwas gegen die Bestrebungen des Zionismus a-uflchnt. Etwas, was außerhalb der österreichischen Politik, außer-, halb des Partei engegensatzes, außerhalb europäischer Probleme liegt: Der Kampf um das Heilige Land. Das Land am Jordan, in dem die zionistischen Inden ihre ,/Heimstätte" finden wollen, ist das Ursprungsland dreier Weltreligionen, ist drei Religionen heiliges Land. Die Juden, die dort, mit englischer Unterstützung, ein Staatswesen begründet halben, haben bereits im Kampf mit den ■ Arabern erfahren, daß kein Boden ihnen so streitig gemacht wird, wie oben dieses Land. Nun tritt auch als dritter Glanbensbund, dem Jerusalem das Symbol einer Gwigkeitslehve ist, Rom auf den Kampfplatz, um seine Rechte zu wahren. Was sich jetzt in den Aoußernngen der österreichischen Christlichsohialen {mt$M tut, ist erst ein Anfang." 1 1 - > Hier liegt auch die Evklärung des Umstandes, daß das Organ Dr. Seipels, die „Reichspost", alles getan hat, um gegen die Intentionen der eigenen Partei, die sie vertritt, ja gegen die Intentionen der hauptsächlich dieser Partei ent-, nonrmenen österreichischen Regierung, gegen die Abhaltung des Zionistenkongress-es, gegen seine Verhandlungen, seine Zwecke und Ziele alle Schleusen dvr Entstellung unk Verdrehung zu öffnen. Im Auftrag des Vatikans wird nicht allein mit den billigen Propagandaarglmcenten der Straße gearbeitet, sondern mit den weit tückischeren der verdrehten Tatsachen. Dafür gibt wiederum ein Vortrag Zeugnis, welcher in der letzten Sitzung der sozialen Sektion der österreichischen Leo-Gesellschaft, jenes Verbandes für katholische Wissenschaft, gehalten wurde, und über den die „Reichspost" mit liebevoller Ansfiihvlichkoit berichtet. Ein cand. chent. Wenzel Mrazek hieilt m der Leo-Gesellschaft einen Vortrag über Ach ad H aanr. Was dieser Herr Mrazek vorbrachte, ist das abgedroschene Geschwätz der „Protokolle der Weisen von Zion" über den jüdischen Philosophen und Essayisten: Er wird wieder einmal als der Theoretiker eines jüdischen Imperialismus hingestellt: zu diesem Zwecke weiden Zitate aus seinen Schriften erfunden, die gefälscht sind und zur Beglaubigung dieser Fälschung als aus nicht der Ooffentlichkeit zugänglich gemachten Schriften stammend, ausgegeben werden. Die Mrazek-Antorität, lvelche am Rednerpult einer angelblich wissenschaftlichen Bereinigung erscheinen durfte, und an deren Ausführungen, wie sich die „Reichspost" in freundschaftlicher Anlehnung all die Sprache des Hakenkreuzes ausdvückt, eine lebhafte Wechselrede (de,lisch: Debatte) schloß, hat nun bell Kreis der von Kreuz und Hakenkreuz verbreiteten Achad-Haarn-Leg-e»den um eine vermehrt: Alls dom Gegensatz, in welchen Achad Haams Formulierung eitles kulturel'le n Zentrums für die J-udenhelt in Palästina zu Herzls politischer Konzeption des Zionismus geriet, einem Gegensatz, lvelcher iu der der ganzen jüdischen und nichtjüdischen Leserwelt durch den bekannten, auch in deutscher Sprache erschienenen Aufsatz Achad Haams über detl pMiischen Zionismus zugänglich ist, konstruiert die neueste katholischwissenschaftliche Autorität einen angeblich von Achad Haom gepredigten Grundsatz rücksichtslosester Sel-bsthiffe, also ein« Art Ueber-Jabotiirskylnm, welches Achad Haam ganz fern liegt. Aus diesem Geiste seien auch, wie besagter Mrazek erklärt, die „Protokolle der .Weise), von Zioit" abgefaßt, woher