Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2342 (29.8.1925)
- Date
- 1925-08-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2342 Wien, Samstag Exportartikel für Kontinent und Uebersee sind unsere Stempel waren~Erzeugnis$e Eingeführt bei Papier- und Spielwarengeschäften, sowie Graveuren und Stempelerzeugern PQr Grossisten hohen nebatt Tüchtige branchekundige Vertreter mit prima Referenzen gesuclu Stempelwarenfabrik M. Hammer, Gei.m.b.H. | _Wien» 11» Laulnglelthnerplats %_ Dieser Wert Mfrt sich in Geld nicht abschätzen. Wenn es gelungen ist, Erklärungen verschiedener Minister zum Mandat zu erlangen, so hat die Sprache dabei eine große Rolle gespieitt. Dieses kolossale Werk ist die Frucht der treuen und aufopferungsvollen Arbeit nrnferor Lehrer in Palästina. Sie haben das Wunder der Wiedevbelelbung der Sprache vollbracht. Auch in Irland gibt es eine Nenaissancebewogung zur Wiederbelebung der Sprache. Wir haben in wenigen Jahren und mit unseren wenigen Mitteln .hundertmal mehr getan als die Irländer. Ich bin nicht stolz daraus, daß wir viele Schriftsteller, Redner und Literaten in der hebräischen Sprache haben. Es gibt auch solche außerhalb des Landes, die die palästinensischen t'ber.reffen. Mer waZ mir nicht hatten, das ist das * Leben der Sprache, nicht nur m Bereich von Geistesmenschen, von Schriftstellern lobt die Sprache, sondern sie herrscht in Schulen und Kindergärten. Ein jeder muß anerkennen, daß wir auis dein Wege zum Ziele sind. Wir werden nicht mehr der -nehmende Teil sein, sondern auch ein gebender. Biele unter uns lehnen sich nach einem jüdischen Staat. Ich verstche diele Sehnsucht und weiß sie obzuschätzen. Wenn wir das in gewöhnliche Sprache übersetzen, so bed eut et die jüdische Freiheit nicht eine eigsene Armee oder eine andere Aeußerlichkeit. Wir halben schon einen großen Teil des Staates. Wir haben eine Erziehung und wir halben vor allem unsere Sprache wieder erobert. Es wäre mein Ideal, wenn wir umsonst allen Kinbern Unterricht erteilen könnten, wenn wir überall, in jedem kleinsten Dorf Schulen errichten könnten. Und wenn wir ein großes Netz von Schu'len mit den basten Lehrkräften, mit den fortschrittlichsten Lehrmethoden schon hätten, dann dürste hier keiner sagen, wir haben noch keinen Staat. Ein Teil des Staates ist schon unser, der jüdische Teil, alle anderen Teile entsprangen unjüdischem Geist. Ans dem Gebiete der Erziehung sollte es keine Partei'kämpse gelben. Wahrlich, unsere Lehrer sind Chaluzim, und ihre Schüler Helsen den Lchrern bei ihrer schöpferischen Arbeit. Es wird ein Band um Land, Kindev und Eltern geschlungen, das die Herzen einander nähert, das eine heilige Atmosphäre schafft, und diese Epoche scheint mir viel wichtiger als jene, die mit Kämpfen über Einzecheiten ausgefüllt wird, die nicht hieher gehören. Man versteht nicht, daß gerade ans diesem Gebiet die Bedeutung Palästinas liegt. Tausende Deklarationen hätten keinen Wert, wenn wir kein blühendes Schulwerk _Wiener Morgenzeitung_ in Palästina hätten. Wir gehen nicht dorthin, um unsere wirtschaftliche Lage zu verbessern; das kann man in anderen Ländern viel besser, sondern um zu schassen, und das hängt zu innerst mit der Frage der Erziehung und des Schulwesens zusammen. Wenit hier darüber auf dein Kongreß gesprochen wird, soll man wissen, daß es die zentrale F r a g e d e s Ausbaues ist. Dieser Kongreß ist ein Kongreß der Al'ijah. Mit den Massen sind nicht nur Ledige gekommen, sondern auch Familien mit Kindern. Wir beftirchten, daß wir den Strom nicht in das System der früheren Alijoch ainordnen können, der ersten Olim, die Lehrer und Schriftsteller waren, Idealisten ersten Ranges. Wenn aber die Sprache im Munde der meisten Ol-im und ihrer Kinder leben wird, so werden wir keine Angst mehr zu haben brauchen. Die Arbeiterschaft hat bisher den teuren S ch atz der Sp-ra che gewissenhaft gehütet und fürchtet nun eine Schwächung ihrer Position durch die Masseneinwanderung, weil sie nicht vorbereitet war, ihr zu begegnen. Ich sordcr Sie auf, bei der Abstimmung über das Schulbudget nicht sparsam zu sein, sondern der Pflicht der Zionistischen Organisation gegenüber der Renaissancebewegung zu gedenken. Das Licht der Wissenschaft möge ungetrübt und ungehindert in die hebräischen Schulen eindringen! Aus diese Art und nur auf diese Art ivollen wir 'das Haim des jüdischen Volkes bauen. Langanhaltender, tosender Beifall bedankte die eindringlichen Mahnlivorte Sokölows. Diesen Dank brachte auch der nächste Redner, David Aellin, zum Ausdruck. Seine kurzen Ausführungen, deren wesentlichsten Teil wir bereits wiedevgegdben halben, gipfelten in dem Hinweis, daß die Organisation auf ihre Schulen stolz sein kann, die 13.V00 jüdische Kinder -. Pelzvnren / Fürs / Fourrures Haules Nouveaut&s Moriz FLEISCHMANN WIEN» I.» GRABEN 28 Telephon-Nummer 68-4-79 si Letzte Kurse. Amerikanische Getreidemarkte. New-Bork, 28. August. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80. London Kabel 4.85'/«, London Scheck 4.81"/^. Amsterdam 40.29, Paris 4.70, Brüssel 4.52'/„ Rom 3.76, Madrid 14.38. Zürich 19.33. Stockholm 28.86. Oslo 19.64. Kopenhagen 24.43. Wien 14. Budapest 14, Prag 2.961/,, Belgrad 1.79, Athen 147*/,, Buenos Aires 40#/i«, Rio de Janeiro 12.80. Bukarest 49'/,. New-Aork» 28. August. (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 1675/s, Weizen hart Winter 170-/,. Mais 106*/,. Hafer 48'/., Roggen 105*/». Chitago, 28. August. (Tel.-Komp.) Weizm per September 1655/g. Dezember 155'/,. Mai 1591/,: Mats per September 92*4 Dezember 82V4, Mai 857/8 : Hafer per Septeinber 38V», Dezember 42, Mai 46; Roggen per September 951/». Dezember 100, Mai 105. 29. August 1925 Seite 3 Was man auch immer spricht und schreibt, zigaretten-psplvr „OLLESCHAU“ bleibt umfassen. Es ist ungerecht, wenn man sagt, daß dieser Erziehung die Seele fchlt. Man lasse ab davon, die Lehrer, die materiell, so viel gelitten haben, durch solche grnMose Anschuldigungen zu erbittern. Die gerechten Forderungen des Misrachi habe Redner immer unterstützt; er vevlange erber, daß auch der Misrachi unseren Schulen gegenüber n i ch t illoyal sei. Rabbi B e r m a n n (Palästina) legte sodann den Standpunkt des Misrachi dar. Er erklärte: Die Frage de« Erziehung ist nicht nur eine Frage der Schulen, sondern von größter kolonisatorischer Bedeutung. Palästina kann nicht ausgebaut werden, wenn nicht unjsvren Söhnen und Töchtern eine würdige Erziehung gegeben wird, und es wird nicht unser sein, wenn wir nicht die Kulturträger sein werden. Redner findet es merkwürdig, daß wie schon zu einer Zeit, da cs nur 80.000 Juden 4m Lande gab, 13.000 jüdische Kinder in unseren Schulen hatten, eiben so viele wie jetzt bei 160.000 Juden. Wo sind die Kinder? Es ist Pflicht der Organisation, der Leitung der Erziehung den ihr gebührenden Platz oinzuräumen. Wie Palästina nicht ohne Erziehung gebaut wird, so wi-vd es auch nicht ohne Religion und Thora gebaut werden. Die Religion ist unser historisches Recht, unsere eigentliche nationale 'Schöpfung, die nicht nur dom Mischen P-Äike, sondern durch uns allen Völkern gegeben wurde. Redner wendet sich dann, wie bereits berichtet, gegen die Methoden des Bibelunterrichtes in den allgemeinen Schulen; er bezeichnet die Bi'beilkkr itik als A'ssimilationserscheinnng, die aus der Gaktth mitgenommen wurde. Es genüge nicht, daß man alle Zweige der Wissenschaft in hebräischer Sprache vortvägt, wenn man in allem deutlich den Spiegel der Assimilation sieht. Rabbi Bermann schließt nrit dem Wunsche, der Kongreß möge nicht vergessen, daß die Bibel eine große politische Macht bedeute, eine Macht, die uns bei der Durchsetzung unserer Forderungen sehr weit unterstützt hat. Massenmeeting. Die Frauengruvpe der zionistischen Sektion Prater veranstaltet heute um */,8' Uhr abends im Heim, Juugstraße 8, ein Massenmeeting. Redneriuuen: Frau Dr. D. Thon (Palästina) und Frau Maifel-Schochat (Palästina). Jugendvertvetevkonfevenz Anläßlich der Anwesenheit eines Delegierten des WeltverbandeS der jüdischen Jugend in Paris, findet morgen den 30. d., um 9 U h r vormittags, im Probesaal der Musikakademie, Kongreßgebäude, 3. Stock, eine Konferenz sämtlicher in Wien weilender Vertreter von Jugendverbänden statt. Die Vertreter der Wiener Jngendgruppen werde» auf diesem Wege ersucht zu erscheinen. Nachtsitzung. Das Konzerthaus leuchtet. Um die Eingänge drängen sich Begeisterte, Zuseher, Neugierige. Da stehen die jungen braven Ordner, meist noch Gymnasiasten. Mer keiner, keiner kommt durch, der sich nicht ausweisen -kann! Da stehen zwei, drei Knaben wie eine Mauer! Ströme von Menschen fließen zu, fordern Entlaß, suchen durchzudrängen, durchzuschlüpfen, aber die beiden Wächter strecken die Arm« aus: Zurück! Das Vestibül strahlt tu Tageshelle. Licht strömt aus die Verkaufsftände, ans den Basar mit seinen bunten Waren, ans Bücher, Teppiche, Kanditen, Bilder. Die Stiegen, die Gänge sind voll, der Ordnungsdienst siebt. Wieder hält ein junger Mann zurück: „Karte?" Die strenge Kontrolle ist notwendig: das Interesse an dieser Debatte, die von der Arbeitslast des Tages in die späten Nachtstunden gedrängt wurde, ist umfangreich, intensiv, lvächst von Minute zu Minute. Keine Debatte im alten österreichischen Parlament hat so tief ergriffen, war, man möchte sagen: so populär. Gewiß: der Zuzug wird verstärkt durch „Publikum", das die freien Nachtstunden benützt, um das ungewohnte, freinde Bild des Kongresses zu betrachten, aber es zeigt sich — später, während der Debatte —, daß die Oeffentlichkeit mitagiert; daß sie, von der Erregung der Debatte erfaßt, mit dem Kongreß und im Kongreß lebt; daß das ganze Haus bis zum letzten Platz auf der Galerie, bis in die letzten Reihen der Stehplätze an den Ereignissen dieser Sitzung Anteil nimmt. Die Nachtstunden sinh nichts anderes als eine Verteilung der Geschäftsovdmttlg. Ein Symptom für das Uebermaß an Arbeit, das der Kongreß zu bewältigen hat. Dennoch: die nngeivöhnliche Zeit steigert die Erregung, die Spannung, die Zahl der Einlaßfordernden. Es ist gut, vorzeitig zur Stelle zu sein, vorsichtig auf seinem Platz zn sitzen,' denn Tausende drängen sich erfolglos um Karten» und während der Eröffnungsakt, konventioriell und zeremoniell, ein Festpublikum einlud, sind es jetzt — in der großen Mehrheit, so daß nmn sagen §ann: ausschließlich beinahe — Anhänger der politischen Parteien, Interessierte, Alliierte und Opponenten, Menschen, die den Lauf des Kongresses verfolgten und vom Wechsel seiner oft sttirnrischen Wellen mitgetragen wurden. Die große Debatte hat noch nicht begonnen. Daß die Stehplätze, die Galerien wehr als überfüllt sind, daß sich dort Leute jeden Alters, beinahe Knab^t, Männer, Frauen immer mehr anhäufen — bereitet dies die baldige Eröffnung vor? Die Sitze der Delegierten sind vorläufig noch leer, dunkelvot, rei^nweise unbesetzt. Die Nebenräume, die Salons, die Kunstausstellung, der man nichts Befferes als einen Massenbesuch wünschen kann, haben bewegten Verkehr. Man sammelt sich um die Statuen, die Bilder, um die Symbole und Embleme. Im Rauchsalon porträtiert ein ambulanter Maler, der den Kongreßen zu Fuß nachzieht. In Samtrock, gelockter, dunkelbrauner Perücke, nvit hellgrünem Riesenschlips, welcher täglich seine Farbe wechselt, eine Groteske, eine Karikatur des spanischen Granden des Belasquez. Während ringsum die erregte Begeisterung brandet, der Kaffeeraunt zu klein, zu eng wird, die Tische und Stühle ausgohen, eilt er mit seiner Mappe herein, brütet feine Werkzeuge aus und ... Porträtiert. Es regnet nicht nur draußen, sondern auch im Saale. Und zwar hier erheblich heftiger: Keilschriften, Drucksorten, Bervielfäliigungen strömen herab und türmen sich zu Haufen. Die Delegierten sind erschienen. Wer kann sagen: Sie sind erschienen? Sie erscheinen fortwährend, obgleich jetzt, da die Uhr den Beginn anzeigt, die Reihen gefüllt sind, nahezu ohne freie Lücke, ziehen sie toeiter durch die rote Samtschnur, die der Ordner nach strenger Kontrolle öffnet, zu ihren Sitzen, viele alte Leute, viele Greife unter ihnen, welche die Nachtruhe opfern, weil die Wicht und der Herr Präsident ruftn. Kein Plätzchen scheint mehr frei, aber noch immer strömt es, scheinbar endlos, und die Stehplätze wachsen aus dem hierfür reservierten Raum in den Saah hie KegMerung wirkt überfüllend, wirft drängend; aber die Ordner greisen ein, die freien Durchgänge und Zugänge bleiben ungestört; nicht nur die bestellten Organe, auch die Selbstdisziplin hilft, vor den Delegierten treten die Ansammlungen zurück. Die Menschenrimssen, welche die Nachtsitzung umlagern, sind eingeteilt, sind geordnet worden. Die Sitzung beginnt. Sie beginnt mit Jubel. Beifall braust durch das Haus. Die Köpfe wenden sich nach links, die applaudiererrden Hände klatschen nach links, wo der Dichter Tfchernich o w s k i diese jubelnden Glückwünsche 31t seinem 50. Geburtstag empfangt. Die Ruhe ist kurz. Und in der mit zehn Minuten bemeffenen Pause werden die Debatten aus dem Saal in die Couloirs verlegt. Es wird debattiert und kommentiert. Die Galerie kritisiert. Die Sitzung nimmt ihren Fortgang. Jabotinsky besteigt die Tribüne. Und nun melden sich die Zuschauer zum Worte, die ,^Oeffentlichkeit" greift ein — Schmähruse schreien durch den Saal, von Beifallssalven niedergedonnert. Ein Delegierter evhebt sich, unr den Ausschluß der Oefferttlichkeit zu beantragen. Aber diese Oeffentlichkeit, tausendköpfig, tausendstimmig, ohne Stimmrecht, ist stark. Die Oeffentlichkeit siegt und schweigt, während Jabotinsky seine Erklärung abgibt. Noch einmal dröhnt der Beifall durch das Haus. Die Abstimmung^ hat 136 gegen 17 Stimmen ergeben. Präsident Weizmann, bisher kühl, phlegmatisch zurückgolehnt, nur gelegentlich die Brille in den nervösen Händen, verlangt das Wort und verkündet in feierlicher, beinahe demonstrativer Stille die Erklärung der Exekutive. Die Sitzung wird — kurz vor Mitternacht — geschlossen. Kurz vor Mitternacht batten sich im heftigen Sturzregen die Menschen zusammen, die Studenten und Greife, Opponierer und Debattierer. Das Konzerthalls veAöscht, die Wachleute zerstreuen die erregte Bevsammlung. Aber das Kielwasser der hochgehenden Stimmungs- Wellen beruhigt sich nur langsam, langsam. Lange nach der letzten Elektrischen . . . D—n. UPP