Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2342 (29.8.1925)
- Date
- 1925-08-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Teile 2 Wien, Samstag Wiener Moeftenzeitunft 29. August 192.", Nr. 2342 CAFE ATLASHOF ASP£RNf»U4YZ * DAS RENDEZVOUS DER ZIONISTEN unruhig und es mag schon so sein, daß wir Schwicrigtciteu überschätzen oder zu sehen glauben, wo sic gar nicht vorhanden sind. Wir leben im Malstrom .der Geschichte. Tausend Einflüsse aus der nichtjüdischen Umgebung stürmen, auf uns ein. Wir haben jeder unsere kleinen, Privaten Sorgen, wir nehmen am wirtschaftlichen und politischen Leben unserer Wohnländcr Anteil, müssen kämpfen und uns verteidigen. Wir stehen als einzelne und als Volk in einem niemals aussetzenden Kampf gegen die Ungunst und die Mißstimmung, das Land, das wir erstreben, liegt geographisch an der Peripherie jüdischen Lebens. Das alles pulst in den Debatten unseres Kongresses und darin liegen die Komplikationen seiner Session, die sich immer an ihrem Schluß in' der Frage der Leitung komprimieren. Die Formel hat Weizmann selbst ansgestellt: Ein schweres Volk, ein schweres Land, ein schweres Leben. Die Frage, die der Kongreß heute und niorgen beantworten muß, ergibt sich von selbst. Sie wird gelöst werden, weil sie gelöst werden muß. Die Krise wird am Sonntag zu Ende sein. i * * Permaoenzansschitb und Kommissionen. Gestern waren den ganzen Tag über die Kommiss i o n e n versammelt, um gemäß der Weisung des Präsidiums bis zum Abend das gesamte Material aufzuarbciten, ihre Abstimmungen durchzuführen und die Berichte für das Plenum verhandlungsreif zu machen., Im Konzerthaus herrschte bereits Abschiedsstimmung. An den Schaltern der Wechselstube und des Reisebureaus war der Andrang sehr stark. Der Permanenzausschutz iixn: den ganzen Tag über beisammen. Am Vormittag nahm Präsident We i z m a n n an der Sitzung teil und griff mit einer längeren Rede in die Beratungen ein. Er verwies auf die Resultate der 2lbstirnmung von Mittwoch nachts und erklärte, daß er aus diesem Resultat und den Einzecheiten der Abstimmung die Konsequenz des Rücktrittes ziehen müsse. Am Nachmittag tauchte dann wieder der bereits mitgeteilte Vorschlag auf, die Krise dadurch zu lösen, daß der Präsident den Auftrag erhalte, eine Exekutive selbst'zu bilden. Im ganzen wurde am Abend die Situation etwas ' optimistischer beurteilt, doch wird'man erst heute zu Beginn der Nachtsitzung ersehen können, ob die Beilegung des Konflikts gelungen ist. " ' Heute abends sollen die Berichte der Kommt >fs i o n e n vor den Kongreß kommen. Ta komplizierte Abstimmungen nottvendig sein werden, so wird die Sitzung bis weit über Mitternacht geführt werden. Die nächste Sitzung dürfte dann am Sonntag um 9 Uhr vormittags beginnen und ohne Mittagspause bis zum endgültige n A b s ch l u ß d e s K o n g r e s s e s dauern. Die schwierigste Frage wird das Budget an den Kongreß stellen, zumal sie in direktem, Zusammenhang mit der Frage der zukünftigen Leitung steht. Daneben werden die Resolutionen der politischen Kommis-' s i o n über die Jewish Agency und ihre Erweiterung die große Aufmerksamkeit auf sich lenken. Diese Vorschläge wurden in unserem gestrigen Morgenblaft bereits mitgetcilt und entsprechen in dieser Fassung — mit Ausnahme der Einleitung — den Londoner Beschlüssen des Aktionskomitees. (Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 24.. Juli.) Bemerkenswert ist im Punkt 6 die starke Betonung des Jesthaltens am Artikel 4 des Mandats, daß die Zionistische Exekutive als jüdische Vertretung zu gelten hat, und die in Punkt 6 angedemete Eventualität der A e n d e r u n g d i e s e r B e st i m m u n g. In der gestrigen Sitzung der politischen Kommission haben nun die Pvale Zion und die Hitachduth die folgenden Aenderungen und Ergänzungen dieser Vorschläge beantragt: 1. Die in der E i n l e i t u n g (Präambel) enthaltenen Grundsätze betreffend die Sicherung 'der na-tionalen Forderungen in löezug aus Auslösung 'des Bodens als Bolksbesitz, jüdische Arbeit, hebräische 'Sprache und Kultur, sind in den Text der Resolutionen aufzunehmen und nicht bloß in der P r ä a m b e l zu belassen. 2. Ze h u P r oz e n t jener Hälfte des zu bildenden Councils der Jewish Agency, welche aus Vertretern jüdischer, nichtzionistlscher Gemeinschaften aus verschiedenen Teilert der Welt zu bestehen hat, sind V e r t r e t e r n v o n Palästina vorznbohalten. (Nach dem Vorschläge der Kommission' sind 40 Prozent der Sitze, die änderet! Körperschaften als der Zionistischen Organisation znac sproche.lt wurden, f ü r die I u d e n der Vereinig t c n S t a a t c n von Nordamerika zu reservieren. Da nach dem Vorschlag der Arbeiterparteien zehn Prozellt der nichtzionistischen Sitze auf Palästina zu entfallen haben, ntü ßte ein e K ürzn ng de r vovgesch lag e n e n a mc r i ka n i s che n Quote v o rge n o mmen werden, da ansonsten für die Vertreter anderer Länder kein einziger ,Platz zrtr Verfügung stünde.) 3. In dem Satze der Resolution 1, welcher zum Ausdruck bringt, daß die Methoden, durch welche die verschiedenen Gemeinschaften ihre Vertreter bestellen werden, „s o w e i t a l's in ö g l i ch die Form demokratischer Wahlen haben sollen, sind die Worte „so lveit als möglich" zu st r c i ch e n. 4. Hingegen ist in die betreffende Resolution eine Klausel aufzuuehinen, welche ungefähr folgendes besagt: e n n die G c sa m t j n d e n s cha f t eines L a ndc s z u sa m m e n t r i t-t, um D c l e g i e r t e i n den Council zu cntse n de n, so Habelt die von c i nzelnen Körperschaften des betreffenden Landes entsendeten Delegierben sofort z u r ü ck z u t r e t e n und den Mandataren der G e s a m t j n d e nschaft des betreffenden Landes ihre Sitze e i n z ur ä u m e n. 5. Für die organisierte jüdische Arbeiterschaft ist eine entsprechende Vertretung im Beirat der erweiterten Jewish Agency sicher zu stellen. * Die Deklarationen. Vor der am Mittwoch nachts erfolgten Abstimmung über das Vertrauensvotum wurden, wie bekannt, von seiten des Misrachi, der Hitachduth und der Poale Zion Deklarationen verlesen, in delieil diese Parteielt ihre Enthaltung von der Abstimmung begründen. Wir geben int folgenden den Text dieser Erklärungen. Der. Misrachi. Dr. A. Barth:.Im Namen der Föderation Äl-israchi habe ich die Ehre, folgendes zu erklären: Die Exekutive der Zionistischen Organisation hat die Kongreßbeschlüsse, die auf eine Besserung bn religiöse n Verhältnisse in Palä'ftina Hinzielen, ihrer Verwirklichung noch immer nicht näher gebracht. In zahlreichen Siedlnngen. Kwuzoth und Institutionell tu Erez Israel herrscht derselbe Geist der V e r n e i n u n g gegenüber den Heiligtümern Israels. Das Verhalten der Exekutive gegenüber dett im Misrachi organisierten Ehaluzim nndÄlrbcitern.läßt d e bescheidensten Forderungen nach Gleichb e r e ch t i g u u g außer acht. Aus allen diesen Gründen sieht' sich der Misrachi nicht nicht in der Lage, den.Bericht der Exekutive zur Kenntnis zu nehmen, sondern wird.sich der Abstimmung über die Entlastung enthalten. ' - Arbeitspavtei Hitachduth. Dr. Abr. K a tz e n e -l s >o n: Im Namen «der Fraktion der Arbeitspartei Hitachduth habe ich «dem Kongreß folgende Erklärung vorzulegen: < Unsere allgemeine Beziehung zur Politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Tätigkeit der zionistischen Leitung hat ihren Ausdruck in den Aeußevungen unserer Vertreter in der Ge neraldebatte gefunden. Die Fraktion Hitachduth sah es als richtig an, dem Permanenzausschuß die Abschaffung dev 'bisherigen Gepflogenheit des Vertrauens- oder Mißtrauensvotums an die Exekutive vorzuschlagen, da dieselbe in den Verhältiffen des zionistischen Kongresses nicht Ibegvündet ist, der die Aufgabe hat, jedesmal eine neue Leitung zu wählert. Dieser Vorschlag hat aber llicht die Zustimmung des Permanenzausschusses gefunden. Mit den Grundlinien der politischen Tätigkeit der Leitung einverstanden, können wir doch nicht die Augen verschließen vor den Rückschlägen der zionistischen Politik im Verlauf der letzten Periode, wie auch vor der Tatsache, daß unsere finanzielle Leitung nicht die genügende Initiative in der Arbeit an den Tag gelegt hat. Darum kann die Fraktion Hitachduth nicht für den Vorschlag des Pertttanenzausschusses stimmen und wird sich der Abstimmung enthalten, , .' Poale Zion - Zeire Zion. Bert Locker: Die vereinigte sozialistische Fraktion Poale Zion-Zeite Zion schätzt in gehöriger Weise d i e zahlreichen Schwierigkeiten in Palästina und in England ab, denen die politische Tätigkeit der Exekutive begegnete. " In Anerkennung der angestrengten und aufopfernden Arbeit des Präsidenten der Zionistischen O r g a n i f a 11 o 1t erklärt die Fraktion, daß sie der poilitischen Linie, die die Exekutive eingeschlagen hat, nicht zustimmen kann. Die Fraktion Mt es für ihre Pflicht, auf die Schwäche der jüdischen Vertretung in entscheide üben Frageil der palästinensischen Administration, im Weitevbestehen der schlveren Eiuwandernngsbeschräntungelt und im Fehlen einer systematischen Tätigkeit und eines systematischen Kampfes der Exekutive gegen diesen Instand hiuznweisen. Hollanditratie 14 Gleichzeitig weist die Fraktion auf das Fehlen einer entsprechenden Tätigkeit der Exekutive gegen die Bodenspekulation hin, welcher Umstand die nationale Kolonisation in Gefahr bringt, ebenso auf das Fehlen einer Richtlinie für die Ueberführung der Einwanderer zu produktiver Arbeit. Besonders verzeichnet die Fraktion die Tatsache, daß ein Teil der Zionistischen Exekutive sich an der feindlichen Haltung gegen die 'Arbeiterschaft, die Arbeiteralijah und -.Kolonisation beteiligt und gegen den Bestand der A r beite rinstitntionen im Lande intrigiert, wie auch deren Autonomic angegriffen hat. Deshalb beteiligt sich d i e Fraktio n n i ch t a tl der A b st i nt m u n g über das Absolutorinin. Die Fraktion drückt ihr Bedauern aus über die Demission Dr. Ruppins, der lange Zeit treu und erfolgreich an der Spitze der kolonisatorischen Arbeit der Zionistischen Organisation in Palästina gestanden ist. Die Erklärungen der radikalen Koltferenzgeme in schuft (Dr. Israel W a l d m a n ll) imd der Revisronisten (I aibv tinsk Y) haben wir bereits veröffentlicht. Sokolow» Referat über de» Wert der hrbröischen krziehuvg. In der DonnerStagnachtfitzung, über deren Verlauf wir bereits kurz berichtet haben, wurde die Erledigung des Punktes „Die Erzichungsfrage in Palästina" in Angriff genonrmen. Diese Sitzung, welche hinter dem Vorsitz Dr. Klnmcls staltd, war die 'bisher einzige des Kongresses, in welcher ausschließlich in hebräischer Sprach« verhmtdelt wurde. Das gedankentiöfe Rofevat Sokolows über die Erzichungsfragen, ans dem wir wegetr der borge-- rückteir Stunde gestern mrr einige charaktevistiische Sätze bringen konnten, geben toir nunmehr ausführlich wieder. Sokolow führte unter anderem ans: > Ich werde über den Wert der Erziehung und, nicht über Eingelheiiten sprechen, für welche dve SpeziaWovt-» tmsflonett bestimmt sind. Ich will nur kliaristellen, daß die. Erziehung in Palästina Ausgabe und Pflicht in dieser Zeit und gerade in dieser Zeit ist, wo das Land eine so rasche Entwicklung durchmacht. Es Mt hier das Bibelwort: „Ziehe deine Schuhe ob von deinen Füßen, denn dieser Ort ist heilig." Und wenn die ganze Arbeit heilig ist, so ist die Erziehung das Allierheiligste. Früher wurde oft diskutiert, ob ErFiehung Ausgabe des Zionismus sein kann. Wan befaßte sich damals nur mit materiellen Dingen. Diese Auffassung .ist seit langem anfgogeben worden. * Die Erziehung ist eine Sache der Allgemeinheit. ErFiehttltg «ist im allgemeinen eine wichtige Sache, aber rat Palästina ist sie wichtiger als überall. Die Erziehung in Palästina 'beinhaltet nicht nur die Erziehultg im engeren Snne, sondern etwas BeifpiMases, was sich in keinem Lande und zu kenrer Zeit wiederholt. Die Frage der Ergichung hängt mit der Wiederbelebung der hebräischen Sprache innig zusE^ men..Wenn auch alte materiellen Vorbedingungen für ein Gedeihen gegeben wären, aitch dann wären im innersten Weseil der Sache Lücken, sie wäre seelenlos, wenn wir sprachliche Parasiten gMieben wären. Es handelt sich hier um eine nationale Frage ersten Ranges, siir die das ganze Volk O ps e r b r i n gen intlß. Wir können uns feine Renaissance des Volles ohne die ' ' Wiederbelebung der hebräischen Sprache vorstellen. Ohne Sprache wären wir in Palästina kein Volk. Ms die Juden aus dmn babylonischen Exil zurückkehrten, halben sie sich llicht uüt den nichtigen Fragen befaßt, mit denen wir tllls jetzt befassen, ob unser Staat vollkommen ist oder nicht, ob .uns die Persolten .genügen oder nicht. Auch bei ihneit gab es Widersprüche und Gegensätze, ilnd auch sie kämpften untereinander. Bei ihnen war die elemeirtavste Frage die Frage der Sprachenverwirr-'un.g. Die eine .Miste sprach hebräisch mW die andere babylonisch. Ein jedes Volk schasst sich seine Sprache tn feinem Geist, und die Sprache dient ihm als Atittel für feine Schöpfungen. Bedient es sich anderer Sprachen, so nimmt er von anderen und gibt ihnen nichts. Wir wollen jetzt Neues schaffen, müssen daher unsere Sprache wieder beleben. Glauben Sie nicht, ivenn Sie auf denn Kongreß in einer antdeveit Sprache sprechen, daun tverden. es die anderen Völker hören und der Messias wird kommen. Man hört Sie nicht. Wenn toir von der Renaissanoe sprechen, dürfen wir uns nicht mit der Geldfrage anshalten. Einem jeden objektiven Befllcher des Landes prägt sich der unbedingte Eindruck ein, daß die Sprache wieder zu leben beginnt. Und ich weiß uicht, mit welchein Betrag man diese Erscheinung bezahlen kann.?!? ^ttt,ttc.u.rJ»Älfee Mnb Handgepäck während des Kongresses und der Ä hat. imd bet der Versicherung« 'binlimc, des K. K.L. erhältlich Versicher,mgSstmid imFoyer des Kongreßgcbänbes, Wien, Ul. Lothringerstr.20