Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2341 (28.8.1925)
- Date
- 1925-08-28
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2341 Wien, Freilag Wiener Morgenzeitttttg 28. August 1925 Seite 8 Nahum Sokolow (X) spricht in 'der Konferenz zionistischer Frauen. M - .. von Menschen, die politische Rechte erwerben, dadurch noch keinen Wert haben und keinem Zweck dienen, wenn sie nicht gleichzeitig einen Positiven Beitrag für das Wohl des Ganzen liefern. Die Meinung der großen Mehrheit solcher Frauen ist, daß sie diesen Anteil am besten leisten könne, wenn sie ihre Energien auf jenen Teil des sozialen Lebens konzentrieren, der in elfter Linie die Wohlfahrt von Frauen und Kinder betrifft, mit welcher ja die Wohlfahrt des großen Ganzen miss engste verbunden ist. Daher haben es Frauen für notwendig gefunden, sich in dieser oder jener Form zu organifiern, entweder um im nationalen oder internationalen Rahmen für Fmuen und Kinder einzutreten, oder um positive konstruktive Arbeit im Interesse von Frauen und Kinder zu leisten. So haben sich in England die weiblichen Mitglieder aller Parteien des Parlaments vereinigt zur sogenannten Six-Point-Group. Jede Sektion befaßt sich mit einer anderen von den Frauenfragen. Sie wollen mit aller Macht und über alle Parteierwägungen hinweg diese Frage in den Vordergrund bringen. In Amerika ha'ben die Führerin der Frauenstimmrechtbewegung und ihre Genossinnen es für nötig Pfunden, die Frauenorgan ilsation, die ursprünglich zur Schaffung politischer Rechte gegründet worden war, auf die Bahn ähnlicher Zwecke hinzulenken. Auch internationale Frauenorganisationen haben sich in ihrer Programmstellung ähnlich verhalten. Auf dieselbe Weise hat eine Anzahl aktiver Zionistrnnen in Palästina und in der Diaspora gefunden, daß sie ihr Bestes dadurch zum Ausdruck bringen könnten daß sie ihre Kräfte auf Frauen- und Kinderfiirsovge in Palästina, dies im weitesten Sinne des Wortes verstanden, konzentrieren. Sie sahen voraus, daß in der allgemeinen Entwicklung des zionistischen Problems und des Aufbaues diese lebenswichtige Frage unbeachtet Weiften werde, daß nur die vereinten und organisierten Bestrebungen von den am Aufbau des jüdischen Palästina interessierten Fmuen Berücksichtigung dieser Lebensfragen des Landes durchsetzen könnten. Diese Ueberzeugiung war es, die im Jahre 1920 zur Bildung der W, J.'Z. O. führte und die erste Konferenz veranlaßte, ein Programm praktischer Palästinaavbeit aufzustellen, im Einvernehmen mit den tätigsten Frauen des Jifchuw und Außenstehender, die Gelegenheit hatten, die Verhältnisse in Palästina zu studieren. Alle diese stellten fast ausnahmslos fest, daß der Jifchuw vor und während des Krieges darunter gelitten hatte, daß der Standpunkt der Fmuen zu 'den Problemen des Jifchuw als Ganzen weder geklärt, noch gar irr Aktivität verwandelt worden, war, sondern daß die Frauen den Theorien und Aufgaben bloß eitizelner Parteien sich Unterstellt hatten. <25ie entschlossen sich daher, sich nur von den pmktifchen Erforder- . nissen des Landes leiten zu lassen und alle ihnen zur Verfügung stehenden Kräfte dorthin zu lenken. Es wird nicht der Zweck verfolgt, die Details des ArbeitSPvogramms oder der Verfassung der W. I. Z. O. darzustellen. Es sei nur gesagt, daß ihre Tätigkeit auf rein praktische Erwägungen hin eingeleitet wurde und dreierlei umfaßt: Landwirtschaftliche Ausbildung von Mädchen, Unterricht in der Hauswirtschaft, Kinderfürforge. Ein großer Teil dieses Programms ist in den letzten vier Jahren durch die Errichtung des Hostel in Tel-Awiw durch die landwirtschaftliche Mädchenfarm in Nahalal und durch die Säuglingsfürsorgestelleu in Tel-Awiw verwirklicht werden. Es ist natürlich nicht die Absicht der W. I. Z. O., sich fortan Äoß auf die Erhaltung der bereits erhaltenen Institutionen zu beschränken. Die Organisation will ihr Programm möglichst weit ausdehnen, soweit als es die moralische und materielle Unterstützung aller Frauen der Diaspora erlauben wird. Das ist möglich nur durch vereinte Arbeit, Es sei hier die Hoffnung^ ausgesprochen, daß diese Wiener Frauenkonferenz uns einen Schritt weiter führen und die Möglichkeit vergrößern wird, in stärkerem Maße am Aufbau des Jifchuw in Erez Jsmel tei'lzunehmen. Kleiderhaus M. NEUMANN i. Kärntnerstraße *9 VI. Mariahilferstraße 35 HERREN- UND KNABENANZÜGE WASCHE SCHUHE Jn bester Qualität und zu mäßigen Preisen 110 KLEIDERMAUS M. NEUMANN I. KXRNTNERSTR. 19 / VI. MARIAHILFERSTR. 35 Leonore Smolemktz. Ein Nachruf von Mathilde Vogelbaum-Weidenfeld. Die Freundschaft, die mich mit dieser gütigen und klugen Frau verband, gibt mir das Recht, ihr einige Worte herzlichen Gedenkens widmen. Als Mensch, als Gattin, als Mutter; vor allem aber als jüdische Frau war sie allen denen, die sie kannten, ein Vorbild. Diese Frau hat es noch in ihrem achten Jahrzehnt wie keine andere verstanden, sich ihre Jugendfvische zu bewahren, im logischen Denken, im arbeitsfreudigen Handeln und im starken, echten Fühlen! Eine sonnige Jugend in wohlhabender, geistig anregender Umgebung, eine schöne, harmonische Ehe mit dem Manne ihrer Wahl, mit Perez Smolensky, haben ihrem Denken idealen Schwung und festen Willen gegeben, wie ex bei Durchschnittsmenschen nicht anzutreffen ist. Diesem geistigen Niveau, das einer reichen schönen Kindheit entstammte, entsprach ihr Handeln, entsprach die Arbeit, die dem Tage galt — der Gegenwart. Wie sehr sie aber bei alldem an ein Morgen dachte, wie sehr sie, die prächtige Jüdin, in ihrem ganzen Fühlen einer glücklichen Zukunft sicher lvar, bewies ihr durch keine Unbill zu erschütternder Glaube an Menschlichkeit und an ein Judenvolk im eigenen Judenland. Leonore Smolonsky war das Muster strengster Pflichterfüllung, ein treues Weib, eine aufopferungsvolle Mutter und ein hilfsbereiter, unbedingt verläßlicher Menfch. Schwer wogen die Jahre, die sie der Erziehung.ihrer unmündigen fünf Kinder, der Waisen nach Perez Smolensky, widmen mußte. Sie durfte sich nicht einmal der Trauer um den von ihr abgöttisch geliebten Gatten überlassen. Jung, nur aus sich selbst gestellt und in einer freunden Umgebung (war sie doch zu ihrer .Hochzeit erst aus Warschau nach Wien gekommen), tat sie das menschcnniöglichste, den Kindern den früh verstorbenen Vater zu ersetzen. Und das nach jeder Richtung hin: Volks- und Mttchchule, hebräischer Unterricht, Vorbereitung zur Barmizwah, diverse Anschaffungen und all die kleinen und großen Sorgen, die mit den Kindern wachsen und die von beiden Eltern oft schwer genug zu tragen sind, sie trug, sie ganz allein und aufrecht. Leonore Smolensky blieb immer die alte. Zwei Antworten dieser Frau kennzeichnen ihr Denken. Einem Beileidbesucher sagt sie knapp nach dem Tode ihres Mannes: „Man muß sich bescheiden. Ich bedarf des Beileids nicht, ich habe Sonne genossen. Ich lvar die Frau des Perez Smolensky!" Und die müßige Frage einer Nachbarin, warum sie nicht öfter ins Bethaus komme, wies sie zart und doch kräftig mit den Worten zurück: „Ich habe fünf Kinder und bin allein, ich muß sic zu Menschen machen. Meine Arbeit für sie ist mein Gebet, und Gott j wird mich evhörcn." Sie fand Echörnng, denn ihren fünf j Kindern, denen sie alles gab, war sie alles. 1 Mit ihnen trauern viele Kinder und junge Menschen ‘ des jüdischen Volkes! Ob Leonore Smolensky treu und; verläßlich den hilfs- und trostbebürstigen Brüdern und i Schwestern, den Zöglingen der .seinerzeitigen Toynbeehalle diente, ob sie als Kuratoriumsmitglied der Jüdischen Kmderfreunde die Arbeitskraft ihrer letzten sieben Lebensjahre der Erziehung und Pflege der jüdischen Kinder widmete, ob sie als Ehrenpräsidentin der Frauensektion der westlichen Bezirke ihre Tätigkeit in den Dienst der zionistischen Weltorganisation stellte oder ob sie in den reifsten Jahren ihres Daseins den Chaluzim mit Rat und Tat zur Seite stand und noch vom Krankenlager ans für sie stets tätig war, in all ihrem Tun und Lassen, in ihrem ganzen Wesen blieb sie die gütige, vertrauende, Liebe erweckende Leonore Smolensky. Der sehnlichste Wunsch ihres Lebens aber, in Erez Israel wrrken und sterben zu können, in dem Lande und mit dem Volke, dem sie sich mit Leib und Seele, mit. ihrer ganzen reichen Persönlichkeit zu eigen gab, der Wunsch blieb ihr leider unerfüllt. Sie starb in der Fremde. Ihr Vorbild aber wird Früchte zeitigen, die reifen werden in dem Lande der Verheißung, der Erfüllung — in Erez Israel! A. 8H. Rosenberg. Der am 5. d. im Alter von 87 Jahren in New-Aork verstorbene Gelehrte Abraham Chaim Rosenberg, dem Präsident Sokolow in einer der letzten Kongreßsitzungen einen warmen Nachruf hielt, gehörte zu den interessantesten Gestalten der jüdischen Immigration in Amerika. Ein Landsmann des Präsidenten W e i z m a n n, wurde Rosenberg im Jahre 1838 in Pinsk, Rußland, geboren, und zeichnete sich schon in seiner frühesten Jugend durch seinen scharfen Geist und seine Kenntnisse auf allen Gebieten der talmudischen Literatur aus. Einer seiner Mitschüler war der spätere Gaon von Lida und Begründer des Misrachi, Rabbi Jakob R e i n e r s Rosenberg studierte auch profane Wissenschaften, und da er auch die russische Literatursprache in Wort und Schrift vollkommen beherrschte, wurde er nach Ablegung der vorgeschriebenen Prüfungen am Zitomirer Rabbinerseminar zum Kronrabbiner in seiner Geburtsstadt und später in Nikolajew und Poltawa ernannt. Rosenberg hat sich sehr früh auch literarisch betätigt, schrieb wissenschaftliche Artikel in russischer und hebräischer Sprache unter anderem. „Die Geschichte der Juden" in russischer Sprache. In allen seinen staatlichen Stellungen fiel Rosenberg wegen seiner unerschrockenen, aufrechten Art, sich für jüdische Angelegenheiten einzusetzen, auf. Müde aller Verfolgungen, die ihn in seiner wissenschaftlichen Arbeit hinderten, leistete er einer Einladung seines Schwagers, des bekannten jüdischen Romanschriftstellers Nachum Meir S ch a j k e w i t s ch Folge und wauderte 1891 nach Amerika aus. Hier vollendete er sein Hauptwerk, den „O z a r Hasche m o t h", eine Enzyklopädie über die zwölf Bücher der Bibel in zehn Bänden. Dieses große Werk, das einen unermeßlichen Wissensschatz für die jüdische Geschichtsforschung bilde:, sichert schon allein dem Dahingeschiedenen einen unvergänglichen Namen in der Geschichte jüdischer Geistesarbeit. Paul Axelrod 78 Fahre alt. Paris, 26. August. (I. T. A.) Der bekannte Theoretiker der russischen sozialdemokratischen Bewegung, Paul Axelrod, einer der Gründer der russischen soziäldemokratischen Partei und ihr anerkanntes geistiges Haupt, beging am 26. d. in B e x I i n, wo er jetzt wohnhaft ist, feine« 75. Geburtstag. Paul Axelrod entstammt einer armen jüdischen Familie in Südrußland und hat sich aus bitterster Armut zum russischen Freiheitskämpfer und Führer der Sozialdemokratie entwickelt. Er lvar zuerst Propagandist des Sozialismus im Sinne der einstigen „Volkstümler" und wurde nach seiner Flucht ins Ausland einer der Gründer der „Gruppe der Befreiung der Arbeit" (1883), die die geistigen Grundlagen für die russische sozialdemokratische Bewegung schuf. Er galt als Meister der politischen Taktik und Organisation. Schon früh kam er irr eilten scharfen Gegensatz z u m Bolschewis nt u s Lenins und schott zu Beginn dieses Jahrhunderts wies er in einer Warnung aus die Gefahr Hill, die der Bolschelvismus der. russischen wie der internationalen Arbeiterbewegung für fteu Fall seines Sieges bringen würde. Der gegemvärtig in Marseille tagende international« sozialistische Kongreß hat eine Entschließung angenommen, Axelrod die herzlichsten Glückwün'che zu übermitteln. Die sozialdemokratische Presse Frankreichs und Deutschlands widmet dem Jubilar herzliche Glückivunschartikel,