Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2340 (27.8.1925)
- Date
- 1925-08-27
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite fl Wien, Donnerstag Wiener Moraenzettung 27. August 1926 N r. Mü Der Zionismus im Reiche ö. H. S. Tie Anfänge der zionistischen Arbeit reichen in Jugoslawien bis in das Jahr 1840 und noch lveiter zurück. Rabbi I e h u da H a j A l ka l a y anS Zemun (L-emlin). Großvater unseres heutigen Präsidenten Tr. David Alkalay, schrieb damals mehrere hebräische Bücher, bereiste Palästina und die wichtigsten Städte Europas und entwickelte eine lebhafte Propaganda für eine großzügige jüdische Kolonisation in Erez Israel. Seine Ansichten und sein Programm bedeuten fast den TKrztschen Jndenstaat. Vielleicht ist das auch eine Erklärung dafür, daß Theodor Herzl den politischen Jionisnrns begründet hat. Bekanntlich stammt Theodor Herzl väterlicherseits aus Zemun. Rabbi Alkalay gründete auch einen zionistischen Verein in Beograd, ähnlich den späteren Chowewe-Ziou-Vereinen in Rußland. Im Jahre 1898 gründeten in Zagreb Oberrabbiner Dr. Hosea Jacobi und di« damaligen Mittelschüler Lavoslav ^:k, Lav Fischer und andere den ersten jüdischen I u g e n d v e r c i n, welcher schon damals ftor* zionistisch ttwr und die künftigen Führer des jugoslawischen Zionismus herangebildet hat. Die Studenten ans den jugoslawischen Gebieten litten sich schon in den ersten Tagen des Zionismus der Besorgung angeschlossen. Sie tvaren Mitbegründer und Mitglieder der zionistischen studentischen Vereine in Wien. In: Jahre 1902 wurde der Verein ,/L a r G i o r a" in Wien gegründet, welcher alle in Wien studierenden Zionisten aus Kroatien, Slawonien. Bosnien, Herzegowina, Serbien uttfr Bulgarien (also ohne Rücksicht ans Staatsgrenzen) umfaßte. Die Gründer des Vereines, Jochanan Than, David Fuhrmann und Max Lederer, haben, wie auch der Verein ,^öar Giora" überhaupt, lebhaften Anteil an der zionistischen Arbeit in Wien genommen. Während der Ferienzeit propagierten sie den Zionismus in ihren Heimatsorten. Die Anfänge tvaren natürlich recht bescheiden, das Terrain sehr schwer. Im .Jahre 1904 wurde in Wien der zionistische akademische Verein „Espe ran za" gegründet, dem nur die sephardischen Studenten aus den jugoslawischen Gebieten angehörten. Im Jahre 1905 wurde von Alexander Licht in Zagreb d:e vornehme Revue „Z i d o v s k a S m o t r a" gegründet, welche einen stärkeren Einfluß auf die Zionisierung der hiesigen Judenheit und insbesondere der Jugend gewonnen hat. In Beograd und Vinkovci wurden die ersten zionistischen Vereine gegründet. Im Jahre 1906 wurde die erste zionistische jugoslawische Landeskonferenz in Osijek veranstaltet, welche im nächsten Jahre wiederholt wurde. Die Bewegung wurde stärker, in Zagreb, Osijek, Brod, Zemun, Sarajevo, Bijeljina und in anderen Orten wurden zionistische Vereine gegründet. Im Jahre 1906 wurde auf Initiative von Dr. Hugo Spitzer, Osijek, Erwin Kraus, Osijek, und Lav Stern, Zagreb, die zionistische Landesorganisation mitdem Sitze inZagreb anfder Landeskonferenz in Brod gegründet. In den meisten Orten wurden kleine zionistische Ortsgruppen gebildet, die zionistische Arbeit organisiert und der Keren Kajemeth popularisiert. Frau Klara Barmaper, Zagreb, Hernmnn Licht, Zagreb, Gustav Seidemann, Prijedor und Lav Stern, Zagreb, gründeten die Landes sammel st eile des Keren Kajemeth für Jugoslawien unter Leitung der Frau Klara Barmaper. Später übevsiedelte Frau Barmaper nach Wien und leitete von dort aus die Landessammelstelle des K. K. L. für Jugoslawien. Im Jahre 1913 übernahm die Leitung der Landessammelstelle Lav Stern, Zagreb, lvelcher auch heute Obmanin der Landessammelstelle ist. 1908 Gründung des jüdischakademischen Vereines „Judeja", Zagreb, 1913 Gründung des Makkabi, Zagreb. Während des Weltkrieges mußten die meisten jungen Zionisten einrücken, die Organisation funktionierte eine Zeitlang nicht. Eine Zeitlang versuchte Hermann Licht ganz allein, so gut es ging, die ganze Arbeit zu leisten. Ms er erkrankte und bald starb, übernahm Lav Stern im April 1916 alle Agenden. Die „Zidovska Smotra", welche schon früher wiederholt nach Osijek übersiedeln mußte, hörte auf zu erscheinen. Ende 1916 wurde das noch heute erscheinende offizielle Organ „Zidov" von Dr. Edmund Fischer. Prof. Alexander Semnic, Dr. Schick, David Spitzer, Sime Spitzer. Lav Stern und Mirjam Weiller gegründet. Trotz aller Schwierigkeit geht die Arbeit vorwärts. Es wird ein bescheidenes Bureau eröffnet. Die Balfour-Deklavation gibt stärkere Impulse. In Sarajevo wird der Jüdische Nationalverein für Bosnien und Herzegowina und das zionistische Wochenblatt „Zidovska Svijest" gegründet. Bei Kriegsende ist hier ein gut vorbereitetes Terrain. Es wird ein jüdischer National r a t gegründet, welcher der Revolutionsregierung in Zagreb ein wirkungsvolles Memorandum übergibt, worin gegen die Ausschreitungen des Pöbels protestiert und wirksamer Schutz für die Gleichberechtigung der Juden und Anerkennung der Nationaljüdischen Postulat« verlangt wird. Die politischen Verhältnisse haben sich sehr rasch konsolidiert, zumal die starke Zentralregierumg in Beograd bald Ordnung schaffte. Zur Weltkonferenz der jüdischen Nation«träte in Paris rmd zur zionistischen Konferenz n a ch L o n d o n, Februar-März 1919, wurden Dr. David Albala und Lav Stern entsendet. Dr. Alba la aus Belgrad war während des Krieges in Amerika und lpt dort vom Vertreter der serbischen Regierung Dr. Vesnic ein Schreiben erhalten, womit die serbische Negierung als erste Baljour-Deklaration sehr syntpathisch begrüß. Sie müssen Ihre Nerven von Grund aus besser ernähren, nehmen Sie sechs Wochen lang regelmässig das altbewährte, durch mehr als 24.000 schriftliche Gutachten hervorragender Aerzte empfohlene KörperkMigungr- und Rerve«nShr«ittel Sänatogen schafft einen Kräftevorrat, ans dem jeder Mehrverbrauch an Körper- und Nervenkraft ersetzt werden kann. J ES ist vielfach preisgekrönt und auf dem Internationalen Medizinischen Kongrm London 1919 erhielt es den Groben Preis als einziges Präparat in der Gruppe der N ä h ru nd Kräftigungsmittel Prob« und aufklärende Druckschrift über Sanatogen als Kräftigungsmittel für Rervenleidende „ Lungenleidende , Magen- und Darmkranke * Frauen und Kinder „ Wöchnerinnen bei Bleichsucht und Blutarmut „ Ernährungsstörungen „ Schwächezuständen aller Art m auf Wunsch kostenlos und postfrei durch Bauer & Eie., Berlin GW48, Friedrichstr.231 Sanatogen ist in bekannter Güte in allen Apotheken und Drogerien erhältlich. Die erste zionistische Landeskonferenz im vereinigten Königreiche S. H. S. im Jahre 1919 erweiterte das Gebiet der jugoslawischen Landesorganisation durch Eintritt der Juden, des früheren Königreiches Serbien und der ungarischer: Juden aus der Vojvodina. Während es in Serben trotz sehr schwacher Organisation ein volksbewußtes Judentum gab, welches, wenn auch bescheiden, schon vor dem Kriege für den Zionisnms arbeitete (Doktor David Alkalay, Beograd, ivar schon am ersten zionistischen Kongreß in Basel Delogierter von Serbien), waren die ungarischen Juden der Vojvodina stark ungarisch-assimilatorisch orientiert. Die Gesamtzahl der Juden auf dem großen Gebiet des vereinigten Königreiches S. H. S. beträgt nur 66.000 Seelen, welche zufolge der großen Gebietsausdehnung, schlechten Kommunikationen und Verschiedenheiten der Mentalität und der Sprache (kroatisch-serbisch, deutsch, ungarisch, spaniolisch, sogar etwas französisch) schwer zu bearbeiten und zu organisieren sind. Größere jüdische Gemeinden mit mehr als 2000 Seelen gibt es nur nt Beograd, Zagreb, Sarajevo, Subotica, Osijek, Novisad, Bitolj mit insgesamt zirka 36.000 Seelen, während 30.000 Juden in zirka 100 Orten in Gruppen von 20 Seelen aufwärts wohnen. Im Dezember 1920 begann die Arbeit für den Keren Hajess o d, welche von Julius Berger eingeleitet wurde. Außer ihm kamen noch zu uns von der Keren-Hasessod- Zenträle, London, die Herren Dr. Leo Hermann, Dr. Felix Rosenblüth und Dr. Adolf Friedemann. Erst im Jahre 1924 konnte die Arbeit für den Keren Hajessod systematisch in den sephardischen Gemeinden unter Mitwirkung des Delegierten der Keren-Hajessod-Zentrale Herr Schalem Pazi Goldmann, beginnen. Angesichts -der vielfachen Schwierigkeiten, da eine Werbearbeit nur unter Mitwirkung von Delegierten der Keren-Hajessod-Zentrale gemacht -werden konnte, können die bisherigen Erfolge befriedigen. Es wurden auch Nichtz io nisten für den Keren Hajessod gewonnen. Im Jahre 1920 entwickelte sich bei uns die CHaluzbeweg ung. Zirka 100 junge Leute beiderlei Geschlechts registrierten sich als Chaluzim. Die besten 25 wurden durch zwei Jalhre landwirtschaftlich ansgebildet bei Oekonomen in Tuzla, Bilovo und Gjurgjevac und auf der von uns errichteten Lehrfarm in Mostar, wo insbesondere Gartenbau betrieben wurde. Im Jahre 1922 gingen 16 Chaluzim nach Erez Israel, ivo sie zeitweise in den Kolonien, zeitweise au: Kwisch arbeiteten. Der Keren Kajemeth stellt unseren Chaluzim 1000 Dunam Boden zur Verfügung, tvo die Chaluzim als Erbpächter im Herbste dieses Jcchres als Mo sch aw Ingos law i ja angesiedelt werden. Unsere Chaluzim haben keimen Anspruch aus Takziwe aus den: Keren Hajessod, da die jugoslawischen Juden für Jnstallationer: und Investitionen, totes und lebendes Inventar und Lebensunterhalt für das erste Jahr über 3000 Pfund in Geld und Naturalien aufgebracht haben. Wenn diese Farn: gegründet sein und gut prosperieren wird, wofürwir alle Garantien haben, versprechen wir uns hievon eine sehr gute Wirkung auf die jugoslawischen Juden. Die jüdische Jugendbewegung entwickelte sich sehr kräftig. Die Jugend hat ihren Verband, in welchem über 50 Vereine sind, mit 2000 Mitgliedern organisiert. In neuerer Zeit entwickelt sich die Bewegung .Hazofim, welche den Anfang einer Wanderbewegung darstellt, Die Jugend tzat ihre gutgeleitete MnatsrMle „Gide o n", Zagreb, welche schon in: 6. Jahrgang steht, die sehr guten Monatsblätter für Kinder „H a a v i v", Oedaktion Pros. Alexander Semnie, Zagreb), von Zeit zu Zeit erscheinen die Bulletins des Jugendverbandes, außerdem steht dem Jugendverband auch das offizielle Organ „Zidov" zur Verfügung. In: Anschlüsse an die Jugendvereine entstanden in viele,: Orten besondere Turnn n d S p o r t v c r e i n c. In neuerer Zeit setzte von hier aus eine stärkere Tvnristenbewegung in Erez Israel ein, und es zeigt sich bei unseren Leuten Interesse für Kapitalsinvcsticnmgen in Erez Israel ans privatwirtschastlicher Basis. Bon zionistischen Blättern sei noch erlvähnt, daß erscheinen: in Sarajevo „I evrejSki Z i v o t" und „N ar o d n a Zidovska Svijest" (letztere anstatt der früheren „Zidovska Svijest"), in Beograd „Jevrejsk: G l a s n i 1" von David H. Azriel und das Bullet: u des Keren Kajemeth l'Jfrael, in Baeka Topola das einzige deutschgeschriebeive jüdische Blatt Jugoslawiens „I s r a e l" von Marches (alle anderen Blätter suld in kroatischer Sprache), während das deutschgeschriebene „Jüdische Volksblatt", Novisad, wegen Geldschwierigkeiten cingegangen ist. (Also für unsere Verhältnisse ein ganz netter Blätterwald, fast zn viel des Guten.) Die Zahl der Schekelzahler beträgt 6000 mit 45 organisierten zionistischer: Ortsgruppen und 60 Nationalfonds-Ortskonnnissären. Die I a h r c s c i n n a h m e n des Keren Kajemeth betragen 700.000 Dinar, ebensoviel die I a h r e s e i n n a h m e n des Keren Hajessod. Für den politischen Fonds der Exekutive und Goldenen Schekel wurden 300 Pfund ansgebracht. EHrerrpräsident der Zionistischen Landesorganisation ist Dr. Hugo Spitzer, Osijek, lvelcher seit Gründung der Landesovganisation bis zun: Jahre 1924 Präsident der Landesorganrsation ivar. Präsident des Exekutivausschusses war durch einige Jahre Dr. Alexander Licht, Zagreb, der jetzige Präsident ist Dr. Benno Stein, Zagreb. Sekretär der Organisation der Redakteur des „Zidov" ist der Sekretär des Keren Kajemeth l'Jsvael Dr. Alfred Singer, Zagreb. Kassier der Laudesorganisation und Schekelkommissär ist seit einigen Jahren David Spitzer, Zagreb. Anläßlich der U n:v e rs: t äts er Öffnung fanden in: ganzen Lande große Manifestationen statt, welche von der ganzen Öffentlichkeit, der Regieruirg und den nicht-jüdischen Blättern sehr syntpathisch begrüßt wurden. Die Jude:: genießen volle Gleichberechtigung, .und nicht nur vor den: Gesetze. Volk und Regierung sind liberal, der Antisemitismus ist schwach und wird nur von Zeit zu Zeit künstlich aber erfolglos von einzelnen „Intellektuellen" zu schüren versucht. * Die Kuktusge me iude n sind ösfüntlich-rechtlich Erkannte Körperschaften mit weitgehender Autonomie und Steuerhoheit. Seit 1920 besteht ein von der Regierung als Vertreter der Jndenschaft anerkannter Gemeinde-- verband mit Dr. Hugo Spitzer, Osijek, als Präsidenten und Dr. Friedrich Pops, Beograd, als geschäftsführenden Vizepräsidenten. Die -meisten Gemeinden und der Gemeindeverband. sind in Händen von Ziouistem Es besteht auch ein behördlich anerkannter Rabbi nerve rb and mit Dr. Jsaac Alcalay, Beograd, als Präsidenten. In Anerkennung seiner Verdimrste, insbesondere für die serbische Sache in der Schweiz, England und Amerika während des Krieges, wurde Dr. Alcalay ein hoher Orden verliehen, auch wurde er vom König zum Grandrabin ernannt und bezieht als solcher von der Regierung ein bischöfliches Gehalt. Der Grandräbin ist ein alter Zionist. Der Rabbinerverband hat in allen Kultusangelegeuheiten starken Einfluß. An der Spitze des K a n t o r e n v e r b a u d e s steht Herr Josef Rendi, Obevkantor der Kultusgemeinde Zagreb. In Beograd besteht die Loge B'n a i B'r i t h „Srbija", welche beginnt, ihre Tätigkeit auf das ganze Staatsgebiet auszstchehnen. Fast in allen Orten, wo es jüdische Gemeinden gibt, existiere:: auch besondere Vereine, Chevrah Kadischah, Gmilus Hasodim, Frauenvereine, in einigen Orten auch Feriakkolonien. Besonders viel Vereine gibt es in Zagreb und Beograd, an der Spitze nmrschiert Sarajevo mit zirka 40 Vereinen. In einigen Orten gibt es jüdische konfessionelle Schulen, welche jetzt im Einklang mit dem neuen Schlllgesetz berstvatlicht werden sollen. In Zagreb gibt cs ein jüdisches Alters- und Siecheühein: (unterhalten vor: der Kultusgemeinde), in Subotica ist ein jüdisches Landesspital gegründet und unterhalten von einem Kuratorium jugoslawischer Jude::. Der Gemeiudeverbaud Plaut die Gründung einer jüdischen Mittelschule als Seminar zur Heranbildung von jüdischen Kultusangestellten. Zu der: Unterhaltungskosten dieser Schule würde der Staat wescntlich beitragen. Die wirtschaftliche Lage der Jltden ist in: allgerneiueil nicht schlecht. Sie haben. Handel und Industrie in Jugoslawien gegründet und hochgebrächt. Sie leiden stark uutp.r der wirtschaftlichen Krise, welche seit drei Jahren im Zusammenhang nnt der Dnrärbewegung rmd sonstiger: Momenten herrscht. Zieirrlich viel Armrtt gibt es nuter der: Sephardirn in Sarajevo, Beograd, Skoplje rmd BitoH. Ju letztem Orte ist ein starker Drang zur Auswaniderung nach Palästina. Es ist ein Gesetz zur Regelung der luterkorvsesfwr:ellert Berhältrrisse in Vorbereitung, welches unleabsichtigteriveise die Interessen der jüdischerl Külltusgeureiiider: bedrohen könnte. Es wird voraussichtlich geliregeu, die Gesetzesvorlage mit den Interessen der Judenheit in Eirrklang zu bringen,