Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2340 (27.8.1925)
- Date
- 1925-08-27
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien, Donnerstag reite 6 Der Feldherr der Tragödie. —y. Wien. 27. August. rti*au] Conrad v. Hohendorf ist Dienstag nachmittags gestorben. Zein Ableben Mt in eine Zeit, die ü)u gerne vergessen hätte. Mer die Tendenzen, denen Höhendorf mit seiner ganzen reichen Persönlichkeit gedient hatte und die den Weltbrand entfachten, sind Ijcutc noch sehr stark wirksam. Die Politik des Schwertes, «der ultimo ratio, deren eifrigster Repräsentant Höhendorf gewesen war, hat nicht abdiziert. Sie ringt wieder nach Geltung und sie verbindet sich mit den Strömungen, die den alten Stand der Dinge wieder Herstellen wollen. Diese Politik ist genau so mechanistisch angelegt wie der Militarismus. Ihr ist die Zahl alles, der Geist nichts. Sre will es nicht beachten, daß sie den Krieg nicht bloß aus der Ursache des militärischen Versagens, nicht bloß tvegen der Unzulänglichkeit des „Menschenmaterials" verloren hat; daß der Krieg bereits verloren war, noch che er begonnen hatte. Daß Berchtold das Ultimatum absandte, während noch England die Vermittlung vorbereitete, daß Oesterreich-Ungarn die Schlacht von Temesch-Kubin erfand, um die Kriegserklärung zu rechtfertigen, daß die deutschen Truppen in Belgien eininarschiertcn — diese nur aus dem Hochmut des Mili tarismus fließenden Akte riefen die ganze Welt gegen die Mittelmächte auf. Hinter diesen brüsken Attacken aber stand die bescheidene, zarte Figur des Chefs des Generalstabes, der seit langen Jahren als der künftige Sieger gegolten hatte. Er hatte den großen Krieg im Kopf, den Marsch au de la Mitrovica bis nach Saloniki; das Protektorat über Durazzo und schließlich den Stoß gegen Italien, die Revanche für 1859 und 1866, die Wiedererwerbung der Lombardei und Venetiens. Da in unserer patriotischnationalistisch-klerikalen Literatur die welsche Tücke und der sogenannte Verrat Italiens einen so breiten Raum einnimmt, so ist es nicht unangebracht, daran zu erinnern, daß Conrad-Hötzendorf fast ein ganzes Leben dem Plane gewidmet hatte, wie der Bundesgenosse am raschesten niederzuschlagen wäre. Dieser Plan miß-lang, wie alles mißlang, was der Beherrscher dieser Wissenschaft vom Mord in der so furchtbar ernsten Probe des Krieges unternommen harte. Dieses Mißlingen ist aus den Friedhöfen zu lesen. Es ist doch merkwürdig, daß die Männer wie Hützendorf, die Generale und Diplomaten, die doch in der Werkstatt der Außenpolitik der Monarchie standen, nicht nur in Leichtsinn, sondern noch viel mehr in Unkenntnis der wahren Verhältnisse das Wagnis des Krieges unternommen hatten. Sie waren über die Haltung Italiens und Rumäniens im unklaren, sie kannten die Bereitschaft Rußlands nicht, sie wurden von Putnik, den sie in Budapest durch magyarische Spitzel hatten einsperren lassen, vernichtend geschlagen. Sie rechneten nicht mtt der Stimmung der Slawen und Italiener; das ganze Kalkül war falsch, selbst die Mobilmachung war nicht vorbereitet. Die Zahl -der Soldaten sollte es machen. Mit Deutschland war kein einheitlicher Plan besprochen. Conrad wollte nach Rußland, Mottke nach Frankreich. Zwischen Komarow und Lemberg verblutete sich Oesterreichs erste Linie, an der Marne brach Deutschland zusammen. Die grausigen Katastrophen von Baljevo und Przemysl, denen daun so viele andere svlgten, waren nur mehr Einzelheiten ans dem zum Ernst getriebenen Dilettantismus. Jeder Korporal, dem das Leben von zehn Mann übergeben war, zeigte mehr Klugheit und Umsicht, als diese von ihrer Wissenschaft geschwellten Flaschengrünen, die 'ich überall irrten und nicyts vorher bedacht hatten. Aber die Leute dieser Klasse haben sich für ihr Versagen, für die von ihnen begangene Verschleuderung des Bolksvermögens ,den Juden als Sündenbock ausersehen. Sie haben gerüstet, zum Krieg getrieben, den Krieg verloren, die Monarchie zersprengt. Sie haben Unsummen für die Spionage hinausgeworsen und wußten nichts, was jenseits der Grenzen vorging. Sie haben über alle psychischen und materiellen Kraftquellen kontrollos und uneingeschränkt verfügen können, Zensur, Henker und Profoßen in Bewegung gesetzt. Aber am Ende ist's der Juid' gotvesen, der alles verloren und, verschuldet hat. Gerade elf Jahre ist es her in diesen Augusttagen, daß Conrads Evakuierungsbefehle viele tausende jüdischer Bewohner des östlichen Kriegsschauplatzes von Heim und Herd rissen. Unendliche Züge des Elends kamen nach dent Westen, i;t die Großstadt Wien, in die Flüchtlingslager in Rordungarn, in Mähren, in Böhmen, in Steiermark und Oberösterreich. Der Generalstab hatte sie zur Gastfreundschaft verurteilt. Jede Familie dieser Entwurzelten hatte ein Mitglied an der Front; sie zahlteu .doppelt diesem Vaterland, das sie beschimpfen und beleidigen ließ. Als der Krieg inuner weiter griff, warf man diese Flüchtlinge der Empörung des Volkes als urehrlose Prügelknaben vor. Sie waren, während Offiziere und gold-besternte Funktionäre von der Front ms Hinterland, vorn Hinterland zur Front schacherte« und schoben, die Wucherer, die Preistreiber. Nur sie. Sie bekamen die Not ziveifach zu spüren. Im Often schmetterten Conrads Kanonen ihre Häuser in den Grund, im Westen bespie sie das Wirtsvolk. Sie trugen redlich ihr Teil an dem großen Sterben, sie lvaren das einzige Ele- Wtener Moraen-eitung Soeben erschienen: Der grosse jüdische Renaissanceroman von Max Brod k Fürst der Juden Koogreupreii: Gebunden Goldmark 0*50 »vüfciifewi mm Mit dichterischer Intuition gestaltet Max Brod seinen Röubeni als den seiner Zeit vorauSeilendeu Menschen, der wie ein Strahl vom Licht der Renaissance, das damals den Hör! ont der Menschheit erweiterte, in die Trübnis des jüdischen Ghetto hineinleuchtete und der schließlich als ein Unzeitgemäßer nach heroischem Kampfe erlosch. Nm diesen Helden hat Max Vrod eine grandiose Srerrrrie gelegt, die Prag an der Schwelle des Mittelalters, dann Venedig, das üppige Nom der Medieeerpäpste, Porttrgal. den Mittelpunkt damaligen Welthandels, und Nrgrnsburg» die kampfstarke der denlschen Reformation, zeigt. Michelangelo, Nrrtino. Machiavelli treten in lebendigen Szenen auf. Der Koman wird rum farbenreichen Zeitgemälde der Rensistanre. Das Ghetto ersteht vor uns mit all seinen Typen und Charaltenren. Brod oersteht es, das Leben und die Probleme des Ghetto von ganz neuen Gesichtspunkten darzustellen. Der Roman besitzt größte Gegenwartsbedeutung: seine Helden und ihre Seelenkonflikte spiegeln die Menschen und Kämpfe unserer Zeit. Der bedeutungsvollste und spannendste Roman der letzten Zeit Die erste Kritik: In Nkubrni brsthrn wir wieder einen Baustein für das grotze Epos unserer Vergangenheit. vielleicht eines der schönsten und stärksten. (.Wiener Morgenzeitung".) Gleichzeitig sei empfohlen: Max Brod Bekenntnisbuch Heidentum Christentum * Judentum Z Bände In Halbleinen Goldmark 12* - Kongresspreis: 2 Bände gebunden Goldmark 8- 2 Bände geheftet Goldmark 5.- ln allen Wiener Buchhandlungen Das reiche, schwere, vielseitige Buch ist eine aufwühlende Tat, glänzende Verteidigung und schwere Anklage Mahnung und Anstoß, den Prozeß wieder auszunehmen und den ersten Ring am Ende doch noch heraus ufinden. und zur Geltung zu bringen. („Vossische Zeitung", Berlin.) ES ist nicht möglich, den Reichtum des Werkes in flüchtigem Umriß einzuschließen; kein Gebiet, das es nicht streift, Menschlichkeit, Kunst, Politik, soziale Wissenschaften Kultur sind gleich einer Fuge auf dem Orgelpunkt Idee aufgebaut. („Börsen-Kurier", Berlin.) DaS Dokument eigener Seelenkämpfe eines ursprünglichen Skeptikers, der nach Zweifeln zu einem unerschütterlichen Glauben sich bekehrte und sein so gewonnenes Wesen lievwerbend der Welt darvietet. („Badische Landeszeitung", Mannheim.) In unserem Lande wie auch sonst ist jetzt das Interesse für religiöse Probleme im Wachsen begriffen; Brods Schrift ist der beste Förderer dieses Interesses. („Prager Presse".) IG In allen Wiener Buchhandlungen Kurt Wolft Verlag * München 27. August 1935 Nr. 2910 ment, das vorbehaltlos und ohne Konzessionen und Kornpensakionen in selbstvergessener Treue ait «der Monarchie hing. Die Klasse, der Courad-Hötzendorf angehörte, Fjat ihnen gedankt. Kein jüdisches Haus ohne Kriegstoten, keine Familie ohne Jahrzeitlicht. Aber die Obersten und Hauptmänner und Generale schreien draußen auf der Straße im Chor: Juden raus! Hängt die Juden! Conrad-Hötzendorf hat sich von diesem Treiben wie von vielem anderen vornehm ferngehalten. Er hat die Tragik seines Lebens verstanden und als ehrlicher Mann die Konsequenz gezogen. Er trat still in das Dunkel seines Schreibzimmers zurück und verfaßte seine Memoiren, um sich vor dem Urteil der Geschichte zu entlasten. Er wußte, daß sich nichts wiederholt, daß die Zeit, der er diente, dahin ist. Sie kommt nicht mehr, sie ist beim Militär. Aber seine Berufsgenossen haben das noch nicht erkannt, und mit Auspeitschung aller Instinkte der urteilslosen, verbitterten, enttäuschten Masse suchen sie dem großen Umschwung, dem neuen Krieg, näher zu kommen. Hier und in aller Welt. Und ihr wichtigstes Mittel ist der Jud'. Komav. Höhendorf geftorbm. 73 Jahre all ist in Mergentheim, Ivo er von seinem Leiden Erholung suchte, der Feldmavschall Franz Conrad v. H ö tz e n d o r f gestorben. Der Leiter der Kriegs-! Operationen des ehemals österreichisch-rmgarischen Heeres stand in der ersten Reihe derer, welche den Untergang des habsburgiischen Großstacues herbeMihrlen. Ein Militärtheoretiker von Talent, hatte er den Ehrgeiz, seine Theorien durch die Praxis zu erproben. Solche Ambition mußte bei der explosiven Tendenz, welche der von Conrad v. Hötzendorf behaa« Vellen Materie seit je innewohnt, zu einer katastrophalen Erschütterung führen, der der durch die deutsch-magyarische Borinachtpolitik in seinen Grundfesten wankende Großstaat nicht standhalten konnte. Hötzendorfs Laufbahn ist die Illustration für seine unheilvolle, geradezu vom Schicksal dem Untergang der Habsburgermonarchie vorbestimanle Tätigkeit. Einer Mili- 'tärsamilie entstammend, erreichte Conrad v. HöHendors, der durch Begabung aufsiel, im Gcneralstab verhältnismäßig früh die höheren militärischen Grade und wurde im Jahre 1906, kurz nach Vollendung feines 50. Lebensjahres, als Feldmarschalleutnant Kommandant der 8. Division in Innsbruck. Drei Jahre später hatte er die höchste militärische Stelle inner er wurde Chef des Generalstabes der k. u. k. Armee. An diese veranttvortungsvollste Stelle hatte den General gegen den Willen des Kaisers Franz Joses die „Dhronsolgerpolitvk" des ehrgeizigen Erzherzogs Franz Ferdinand geschoben, der eine aus ein österreichisches Jnteresstnmonopol im östlichen Mittelmeorbecken. gerichtete Politische Konzeption ausgearbeitet hätte, in der die Expansionsbestrebuttgen Italiens, des damaligen ,Mmdesgenossen", im sogenannten „äußersten Falle durch Krieg äbgestelll werden sollten. Conrad, der theoretisch und durch Praktische Komm-audotätigkeit in Tirol für den bei eirrem Kriege mit Italien maßgebenden Gebirgsangriff Autorität geworden war. wurde auserschen, die Armee für diesen italienischen und Balkankriog (die beide zusammen erwartet wurden, während man Rußland als wenig gefährlich ansah) vovzubererteii. Nun war für den ehrgeizigen Militär der Augenblick gekommen, „Geschichte zu machen" und zusammen mit Franz Ferdinands Zweitem Exponenten, dem Außenminister Aehrenthal, bereitete er die Ausführung des zur Festigung der österreichisch-ungarischen Großmachtstellung entwövfenen Planes vor. Der erste Schritt war die Annexion Bosniens tutb der Herzegowina (1908), der die -militärische „Beobachtung" dos Balikarrkrieges (1911) und die Absteckung der „Interessensphäre" in Albanien folgte. Damals arbeitete Conrad aus einen raschen Krieg mit Italien hm. Tiber sein früherer Sozius Aehrenthal fiel ihm in den Arm, da er — in einem merkwürdig lichten Moment — die russische Gefahr erkannte, von der Conrad nichts verstand und nichts wissen wollte. Conrad wurde gestürzt und erst nach dem Dolde Achrentals wieder zur Leitung des Generalstabes berufen. Er entwarf nun, als der Weltkrieg ausbrach, die Pläne für den östlichen und Balkankriegsschauplatz, die, ans -Offensive begründet, beu unverantwortlichen Fehler der vernachlässigten einzigen natürlichen Verteidigungslinien am San und an der Donau in sich trugen nnd mit der Vernichtung fast der gesamten jungen Generation der Monarchie durch die Gemetzel in Ostgalizien und in der Matschva endeten. Der im Jahre 1915 erfolgte Durchbruch bei Gorlice, den die Legende Conrad zuschreibt, wurde mit deutschen Truppen unter deutschem Kommando durchgeführt. Conrad stiftete damals weiteres schweres Urcheil, indem er die Verständigung mit Italien Hintertrieb, um „seinen" Krieg gegen Italien zu füffjmi. Nicht lange nach der Katastrophe von Link wurds er, da er in seiner Berzweiftrmg gegen eine eozhcrzogliche Stupididät aufzumucken tvagte, strafweise an „seine" Front geschickt. Er sollte die Operationen der österreichischen Armee in Südtirol leiten, welche der großen A s i a g o - O f f e n s i v e gegen Italien zum vollen Erfolg der Umklammerung der italienischen Armee verhelft« sollten. Das Ergebnis war klägilch. Die Wage Episode brach, da Conrads Angriffe erfolglos blieben, vollständig zusanunen. Damit schied Conrad im Juli 1918 endgültig aus. Ihm folgte einige Monate später die Monarchie, zu deren Zusammenbruch er sein Teil beigetragen hat. Sein Ende war da? aller geschlagenen Feldherrn: Memoiren; zu ihnen gesellte sich ein spezifisch-österreichisch/?hmlwl: ein t'-allenleidei» .