Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2338 (25.8.1925)
- Date
- 1925-08-25
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2338 .'WC 'J ■n: £VL'»f r %V n\ 25. Anauft 192"» CAFE ATLASHOF ASPEHMPLATZ 1 O>4L /?£A//5£Z^O£;^ i DER ZIO N1S 7EN In der gestrigen Vormittagssitzuttg, die um halb 10 Uhr unter dem Vorsitz MotzkrnS begann, erregte die Rede des ungarischen Zionisten Tr. Nissan K ah all die. volle Aufmerksamkeit des Kongresses. Der Redner führte aus: „U tt g a r n ist heute neben S o w j c t r rr ß l a n d das einzige Land, in welchem der Zionismus verboten ist. Diese traurige Erscheinung ist auf eine I nt e r v c n t i o n der offizielle« Führer der ungarischen I u d e n h c i t zurückzlrführen. Ich erachte cs als meine Pflicht, von dieser Tribüne ans öffentlichen Protest zu erheben gegen dieses verräterische Vorgehen von Leuten, die sich als die Vertreter der Judenheit aufzutreten erkühnen. Es ist sehr traurig/ daß in einer Zeit, da in Ungarn der N u m erns clausus herrscht, sich Juden sindeit, Präsidenten von KnltuSgerneinden, die gegen lenen Teil der Juden, welcher fü rdas Judeictum arbeitet, Stellung nehmen. Trotzdem bin ich der Meinung, daß in Ungarn eine Zeit kvnnnen wird, in der die Palästinaarbcit möglich sein wird. Ungarn hat heute noch eine jüdische Bevölkerung von beinahe einer halben Million Juden. Die ungarische Judenheit steht kulturell, wirtschaftlich und politisch sehr hoch. Wir dürfen auf sie nicht verzichten. Es mehren sich die Anzeichen der Besserung. Leitende Männer, wie der ehemalige Minister Bazsonhi, haben erklärt, daß es eine Pflicht des gesamten Judentums ist, am Palästinawerk mitzuarbeiten. Ich hoffe, daß diese trüben Zeiten verschwinden werden und daß bald die Möglichkeit bestehen wird, daß auch die ungarische Judenheit den ihr gebührenden Platz innerhalb der W e l t j u d e n h e i t einnimmt." * Zu einer Kundgebung dankbarer Verehrung für den hochherzigen Förderer der ältesten jüdischen Kolonisation im neuen Palästina, den Baron Edmond Rothschild in Paris, gab dessen Danktclegramm für die ihm vom Kongreß anäßlich seines 80. Geburtstages übersandten Glückwünsche »»laß. Das Telegramnl, welches der Präsident des Kon- .esses Nahum Sokvlow zur Verlesung brachte,, lautet: „Weizmann. Sokolow, Zionistenkongress, , Wien. Vous remercie des voeux, que *vous . m’adressez au nom congres, suis en admiration devant travail immense accpmpli par sionisme; remercie Interne! de contempler ainsi ä la fin de ma vie le relevement d‘Israel dans le pays nos ancetres; adressez votre imposante assemblöe tous mes voeux occasion son 14. Congr&s. Edmond de Rothshild.“ (In deutscher Übersetzung: „Ich danke Ihnen für die mir im Namen des Kongresses übersandten Wünsche; ich bewundere die ungeheure Arbeit, die vom Zionismus geleistet wurde und danke dem Ewigen, daß er mich an meinem Lebensabend die Wiederbelebung Israels im Lande unserer Ahnen sehen ließ. Übermitteln Sie der hohen Versammlung meine Wünsche anläßlich des 14. Kongresses.) * Irr Sitzungsverlaus. In unserer gestrigen Mittagsausgabe haben wir (bereits kurz berichtet, daß Herr S. Schocke u in der Sitzung von Sonntag nachts über Leirung urrd Berwaltung des Kolonisationswerkes referierte. Das vorzügliche Referat zeichnete sich durch jene kritische Sachlichkeit aus, die im Plenum des Kongresses nic^t allzuhäufig ist, wo getvöhulich die 'Dbimmungskrmk überwiegt. Schockens Referat verdient um so mehr Beachtung, als es denr Kongreß seine wichtigste Aufgabe, «das Problem der P a lä st i ua wände ru ng und ihre Regulierung im Sinne des produktiven Aufbaues sehr eindringlich vor 'Augen führt und der Forderung an ein ernstes Referat, voll dem zu sprecheil, tvas geändert werden soll, entspricht. Wir lassen daher die Gvundzüge des Referats entgehend foigell; Schocket! führte unter anderem aus: Die Aufgabe des Zionismus ist eine einmalige. Es handelt sich drum, eine neue Wirtschaft mit neuen Menschen ans neuem Boden einer Akkion-fomiteesitzung wurde der Antvag gestellt, auf die Liste des Budgets auch die Gelder zu setze»!, die von durch uns angeregte Organisationen »nd Institutionen ins Land gebracht worden sind. So ganz mechanisch geht das freilich nicht, aber wir tverd.',» immer die Anreger solcher Kombattanten sein müssen. Wir müssen, abgesehen von der Privatinitiative, rrach und »»ach alle Unternehmungen als zentrale Stelle in die Hand bekommen. Dies ist,nicht möglich durch Politik, sondern durch eigene Leistung im Lande. Unsere .Hauptaufgabe ist der Aufbau einer gesunden und rentablen Landwirtschaft und Uebc r führn ng de r Chalnz i m zu prod uktivcr Arbeit. Das erste Problem ist die Schaffung einer Leitung. Bisher wählte der Kongreß eine eht Mniaturbild des Kongresses darsteilettde Leitung. Ma»l wird aber auf das Prinzip der Expertenkommissionen zurückgreisen »nüssen. Sic schaffen eine Entlaslni.g und entbillden von Verantwortlichkeit. Direkte Eingriffe des Kongresses sind f ü r P a l ä st i n a nachteilig; legitime Einflußnahme ist das Budget. Wesentlich ist, daß »vir jetzt eine gebundene Exekutive vor uns sehen, die passiv ist; sie kann ihre Hauptfunktion nicht ausüben; den richtige»r Gegendruck gegen den D r u ck i m L a u d e, »vie dies in der ganzen Welt und besonders in der 'Wirtschaft notwendig ist. Wir hören immer wieder, daß nufere Siedler hungern. Unsere Siedler können nicht hungern, sie halben ein Jahresbndget; das kann nur geschehen, ivenn ihre Leitnng oder eine andere Stelle grobe Fahrlässigkeiten begeh!. Man spricht jetzt viel von Lehrstadium und Reifesta-iunr. Wir haben in den Moschwe Owdim das nn^eslreitbar richtige Prinzip der Atvodah Azmith. Aber das Problem der O k k n p a t i o n s p e r i o d e ist »roch ungelöst. Wenn »vir schweren Herzens dazu kommen müssen, ilXr.nS.f\»ityvrttt ittiJpvf *«• TrirttfiMt f.r\ TtJVl.f ater Schwierigkeiten auf allen ^Seiten aüfzubauen. An t ' «^7-- V V. V ~ -- I» neue Siedlnligen nicht beschließen zu können, so liegt das darin, daß »vir keine sichere Form der Okkupation haben. Professor Mead erklärte vor drei Jahren bei seiner Expertise in Erez Israel, es müßten bemittelte Landwirte kommen, um zu zeigen, tvas in diesem Lande möglich ist. Cs ist traurig, daß wir im ganze Lande solche Siedlungen nicht haben. Jetzt haben wir wohl bemittelte Reflektanten auf unsere Böden, aber-wir haben-sie mit neuen großen Fragezeichen, die den Vorteil.des Geldes aufheben. Und »viederum stehen wir vor einer schweren Aufgabe. Ich erinnere an das Problem der Bauernfrau, die in diesen bürgerlichen Moschwim da sein m u ß. Es gibt auch noch keine wirklich klare Ergebnisrechnung, auf Grund deren n»an Verträge schließen könnte. Man wriß heute nochntcht, wer eigentlich Kontra heni des Keren Hajessod ist. Die Frage des Kontrahenten ist ein zentraler Punkt. Die Anleihe . ist nur! möglich bei einem klaren,' juristisch gesicherten! Rentendienst, und - dazu gehören sichere Vertragsvoraus- Setzungen. Daß wir in unserer Wirtschaft auch ivirtschaftlich Aktiven haben, ist uns doch klar. Aber eine gute Wirtschaft muß ausreichend fin anziert sein. Der Kongreß darf seine Exekutive nicht der Not und der Sorge ausliefern. Die Exekutive, die wir zu wählen halben, muß so konstruiert sein, daß sie eine h o m.og eneDreuhänder schuft darstellt, die nicht in sich den Keim zu dauernden Jnteressedebatten, hat. Und wenn der Kongreß diese seine Pflicht rmd Schuldigkeit tut, dann stehen wir. am Ende einer sechsjährigen Epoche, die alles in allen: einen anständigen Abschluß ergibt. Nach dem Referate Schockens wurde die GeneraldebaLe fortgesetzt. Delegierter Cor cos (Paris) übermittelte im Anschluß an seine in französischer Sprache gehaltene Rede, welche die Politik der Exekutive billigt, die Versicherung, daß die französische Regierung den Kongreß, die Arbeiter am großen Werke der g e i ft igen jüdischen Renaissance, herzlich begrüßt. Der Rede des Rabbi Meier Berlin (Misrachi, Amerika) folgte als letzter Debatteredner der Nachtsrtzung Delegierter Elieser Jojfe (Palästina), welcher, von den Ausführungen Schockens ausgehend, den SoSkinschen Kolonisationsplan mit dem Hinweis darauf, daß dieses Siedlungsshstem nicht billiger sei als das alte, sowie auf den Mangel an Exportmärkteu für Obst und Gemüse und auf die Konkurrenzunfähigkeit mit den Nachbarländern, die billigere Arbeitskraft haben, bekämpfte; er trat für die Wirtschaftspolitik der Selbstversorgung ein, welche Palästina die Unabhängigkeit vom Arbeitsmarkt gewährleistet. Die Sitzung wurde um viertel 12 Uhr nachts geschlossen. MIkoIasch-Llköre! feinste Cremes und polnische Schnäpse Stammhaus s Lemberg Zweiftnitderlaebung: 15 Wien, XVlll,, Staudgeeaa Nr. 13 Telephon Nr. 2S 2 S3 Die Montag-Bormittagsißung, die um hold 11 Uhr begann, brachle in Fortsetzung der Debatte die Ausführungen des dem Misrachi in Galizien angehörcnden Sejmdcputicrten F e d c r b u s ch. Der Redner gab der Ansicht Ausdruck, daß die Ziouistische Organisation die Leitung der kolonisatorischen Arbeiten aus der Haild verloren habe. Wenn sie bloß Transportgesellschaft sei und nicht auch auf die soziale Gesundung des jüdischen Volkes bedacht ist, so drohe die Gefahr, daß sic auch den Einfluß auf die jüdische Gasse verliere. Die La»:dwirtschaft sei durch die Kürzung des Budgets in ihrer Enttvickluug schlver gehemmi worden und das jetzt vorgeschlagenc Budget genüge in keiner Weise weder für die Ansiedlung von Ehaluzim noch auch für die vierte Alijah. Für die Ueberleitnng der Mittelstandselenlento in die Landwirtschaft müßten die Mittel aufgebracht »verdcn. Redner erhebt sodann gegen die Histadruth Haawodah (Gcsamtorganisation der jüdischen Arbeiter) heftige Vortvürfc, daß sie die religiöse Arbeiterschaft, ivelche der Histadruth, da diese eine politische Organisation ist, nicht angehören kann, furchtbar verfolgt. Die zionistische Kolonisation sei heute eine Fiktion, da die zionistische Leitung hinter der Kolonisationsdiktatur der jüdischen Arbeiterorganisation" stehe und nur das Geld hergebe. Nach der Protesterklärung des Delegierten Dr. K ah a n (Ungarn), die wir eingangs im Wortlaut veröffentlichen, spricht Delegierter Felix RofenvlÜth für die Freie ziottistische Vereinigung, die aus der deutschen Laudsmaurrschaft und kleinen Landsmannschaften besteht. Der Redner schließt sich im Namen seiner Gruppe den wirtschaftspolitischen Grundzügen an, die Schocken in seinem gestrigen Referat entworfen hat. Delegierter Neiger (Westgalizien) erinnert daran, daß nicht bloß Mittel und Wege zu finden sind, um die nichtregulierte Alijah in das Wirtschaftslebcu Palästinas cinzugliedern, sondern daß auch an jene Zeit gedacht »verden muß, die eintreten kann, wenn die Einwanderung eingestellt werden müßte. Wenn zu dieser Zeit eine Krise in: Lande einträte, könnte sie dem Zionismus gefährlich werden. Es muß daher eine Reserve geschaffen werden. Redner wendet sich gegen die Parteipolitik, die in den Llrbeitsäintern und Palästinaänltern getriebeir wird und tritt schließlich für Abschaffung deS Fraktionsschekels ein; es müsse ein allgemeiner Schekel eingeführt werden. Hierauf ergreift im Namen der Vereinigung radikaler Zionisten Dr. Nahum Goldmann das Wort; seine Ausführungen, welche die prinzipiellen Einwände der. von ihm vertretenen Oppositionsgruppe .gegen die gestrige Ausführung W e i z m a n n s darstellen. nnd deshalb vom Hause mit großer Aufmerksamkeit angehört werden, legen u. a. dar: Es ist sehr zu begrüßen, daß uns nach der Rede von Weizmann Gelegenheit geboten wurde, Stellung zu nehmen. Wir freuen uns, daß in der Frage des Palästinaaufchaues Dr. Weizmann eine so klare und eindeutige Stellung eingenommen, hat. Es muß deutlich gesagt werden und es gilt zu verhindern, daß die zionistische OessentUchkeit den Eindruck davonträgt, als ob etwaige Aenderungett an Budgetposten darauf zurückzuführen wären, daß ein Shsteniwechsel stattgefunden hat. Es besteht keine Notwendigkeit für einen neuen Kurs, die Prinzipien der Kolonisation bleiben unverändert dieselben. Wir sind doppelt gezwungen, das zu betonen, weil für den Man»», der symbolisch und faktisch die ganze Arbeit getragen hat, weil für Dr. N u p P i n ein Nachfolger gewählt werden muß. Das darf keinen Systemwechsel bedeuten. Von ihm ist in einer vorbildlichen Weise das Werk durchgesührt worden. (Lebhafter Beifall.) Es ist notwendig, ganz kurz die entscheidenden Prinzipien dieses Systems herauszuarbeiten. Es beruht auf drei großen fundamentalen Prinzipien: 1. Das Prinzip eine« starken einheitlichen zionistischen Leitung des Aufbauwerkes. Wenn die vierte Alijah manche Gefahr gezeitigt hat, ist das weniger ihre Schuld, als auf den Un»- stand zurückzusühren,. daß sie unserer Leitung über den Kopf gewachsen ist, die nicht stark genug ivar, um den Jrnmigrationsstrom zu regulieren. 8. Es besteht die Gefahr, daß man unter einer starken Leitung die Einsetzung eines administrativen Systems versteht; daS wäre die größte Gefahr. Bisher hatten die Men« r schen, die Palästina gebaut haben, das Gefühl, daß sie die I Subjekte des Ausbaues seien. Sie dürfen auch in Zukunft ieute viensta^äen 25. Anguss»,'8 Uhr abends, Hotel „Bayrischer Hof“, Wien, 11., Taborstrasse Nr. 39 JÜDISCHES MASSENMEETING „Der Wes zum Judenstaat" Redner. Wladimir labot'nsky, Dr. Julius Brutzkus, Mark Orossmann, Dr, Josef Schechtmann Beginn 8 Uhr abends Reslebeitrag S 1