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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-23 · Heft 2336 (23.8.1925) · p. Seite 5

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2336 (23.8.1925)
Date
1925-08-23
Page
Seite 5 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 2336 Men, Sonntag Hikolasch-Llköre! folnsto Cremai und polnisch« SchnSps« Stammhaus: iambarfl ZwelfnledetlaBBnnf! 15 WIM» XVIII., Staudga*»« Nr. 13 Tafaphdn Nr, 26-2-33 Sie Wirtschaftsfragen auf dem Kongretz. Bon Dr. Fritz Georg Steiner. Es scheint mir ein erfreulicher Fortschritt gegenüber früheren Kongressen, daß in den Debatten des 14. Kongresses die wirtschaftlichen Fragen, die sich beim Ausbau Palästinas ergeben, einen breiteren Raum evnnehmen. Da zeigt es sich, daß wir in unserer Bewegung noch nicht zur Klärung wirtschaftlicher Grundfragen gelangt sind und daß insbesondere die zwingenden Erfahrungen, die sich aus dem Scheitern zahlloser gemein-wirtschaftlicher Experimente der Nachkriegszeit in Europa ergeben, bei den führenden Männern unseres Kolonifationswerkes keine Beachtung gefunden haben. Wenn man sich mit den Enunziationen des sozialistischen Teiles unserer Wirtschaftspolitiker befaßt, vermißt man häufig die Zusammenhänge mit den Realitäten des Wirtschaftslebens, und nmn kann sich des beklemmenden Gefühles nicht erwehren, .daß die wunderbaren ideellen Leistungen unserer Pioniere vrele dazu verleiten, unbarmherzige Realitäten zu übersehen oder gering zu achten, die schließlich für das Ob und Wie des Gelingens in Erez Israel ausschlaggebend sein müsien. Man vermißt dieses Erwägen der Realitäten, wenn Kaplan sky von unserer Arbeit geraden verlangt, daß sie der Linie des größten Widerstandes folgen müßte. Hier haben wir es noch mit naiven planlwirtschaftlichen Ideen zn tun, mit der Ansicht, daß die Einwanderung nach Palästina auf die Linie des größten Widerstandes gezwungen werden könnte^ etwa so, wie man einen Fluß durch gewaltige und überaus kostspielige technische Einrichtungen auch zwingen kann, bergauf zu gehen. Ruppin unternimmt in seiner zum Kongreß erschienenen Schrift über die landwirtschaftliche Kolonisation in Palästina (ß. 191) einen Vergleich zwischen den Kosten der Ansiedlung eines landwirtschaftlichen und eines industriellen Arbeiters, und kommt zu der Behauptung, die ich angesichts der Autorität Ruppins nicht diskutieren will, daß die Ansieidlung eines industriellen Arbeiters den gleichen Aufwand erfordert hätte wie die eines landwirtschaftlichen. Praktisch liegt das Problem natürlich grundverschieden. Die Ansiedlungskosten des Landarbeiters müsien von unserer Bewegung bestritten werden, die des industriellen Arbeiters fließen aus Quellen, die eben nur für diesen Zweck der privatwirtschaftlicheA industriellen Anisiedlung zur Verfügung stehen. Arioso r o ff hat in seiner Kongreßrede der Exekutive Passivität gegenüber den Problemen der vierten Alisah dorgeworfen, und doch kennt er die Grenzen des Budgets und steht nach Wie vor auf dem Standpunkt einer entschiedenen Fortsetzung der bisherigen Politik einer Subventionierung der iinnerhalb des SiMungs Werkes angestMen gesellschaftsreformatorischen Experimente. versammelt waren, kein einziger Freimaurer sich befand. Die jüdischen Freimaurer standen dem Zionismus von Anbeginn ablehnend gegenüber. Erst im Jänner 1925 haben einzelne Gruppen jüdischer Freimaurer in Amerika sich bereit erklärt, an dem wirtschaftlichen Aufbau Palästinas mitzuarbeiten, nicht aber den zionistischen Organisationen Leizutreten. Die Verquickung von Zionismus und Freimaurertum ist eine der unsinnigsten und frechsten Lügen der Hakenkreuzler. Herr Lambelin versichert uns, daß der Oberrabbiner von Wien, Dr. Z. P. Chajes, Mitglied der Freimaurerloge „Masiadok" sei. Vielleicht weiß uns jemand zu verraten, was das Wort bedeutet, wie man es mit hebräischen Lettern schreibt und wo diese Loge ihren Sitz hat? Das Pikanteste an der Sache ist aber, daß die ganze Geschichte von den Zionisten, die zugleich Freimaurer seien, das ganze Freimaurertum den Zielen des Zionismus untertan gemacht und mit diesen zusammen den in den Protokollen beschriebenen Welteroberungsplan verfolgen, auf einer Reihe von Fälschungen beruht, die der deutsche Uebersetzer Beek an dem rnssischen Text des Nilus vorgenommen hat. In den Protokollen kommt zwar der Begriff Zion und die Weisen von Zion vor, allein diese haben mit dem modernen Zionismus und seinen Bestrebungen nicht das geringste zu tun. Der andere Herausgeber der Protokolle, Butmi, betont ausdrücklich, daß man die Weisen von Zion nicht mit den Führern der zionistischen Bewegung verwechseln dürfe. Nilus verficht nämlich eine merkwürdig geistvolle und tiefsinnige Geschichtstheorie. Danach hat der weise König Solomon, der auf Zion residierte, im Jahre 929 vor Christi Geburt die Gesellschaft der Weisen von Zion gegründet, die den Zweck verfolgt, die ganze Welt auf unblutigem Wege dem Judenvolk zu unterwerfen, und zwar mit Hilfe eines geheimnisvollen mystischen Tiers, welches Mus kurz als die „symbolische Schlange" bezeichnet, ohne uns näheren Aufschluß darüber zu geben. Diese Schlange rutscht nun, mit dem Kopf voran, von Zion ausgehend, seit dem genannten Jahre über die Weltgeschichte dahin und verwandelt alle, unterwegs ein- _Wiener Moraerizeiturrg_ Wenn wir mit den Realitäten unseres Budgets rechnen, wie sie durch die Zuflüsse zu unseren Fonds auch bei vorausgesetzter Steigerung derselben gegeben sind, dann liegt eben das Dilemma n'cht so, wie es unsere Linke formuliert: Industrielle oder landwirtschaftliche Siedlung. Wenn wir wie bisher jährlich eine nennenswerte Zahl von Landwirten unter voller Bestreitung ihrer Ansiedlungskosten anzusiedeln unternehmen und diese Aufgabe noch durch sozialistische Experimente komplizieren, dann blechen keine Mittel dafür übrig, die allgemeinen Grundlagen für eine Masseneinwanderung zu schaffen. Wir brauchen diese Masseneiuwanderung, um die Majorität im Lande zu erlangen. Sie hat vor kurzem begonnen, ohne daß wir sie erwartet haben, aus der Macht wirtschaftlicher Tatsachen heraus und gewiß als Ueberraschung für unser Unentwegten Planwirtschafter. Wir müsien uns aber darüber klar sein, daß wir im Rahmen der verfügbaren Mittel alles tun müssen, um diese Einwanderung durch allgemeine Einrichtungen (Ausgestaltung der Wanderungsämter, Berufsberatung und Berufsschulung, Krediteinrichtunigen, kulturelle Einrichtungen insbesondere zwecks 'Helbraisievung usw.) in die Richtung zu lenken, die der allen Zionisten gemeinsamen Idee einer gesunden Entwicklung unseres Nat'onalheimes entspricht. Nun hat allerdings Dr. Avlosoroff, der sich nunmehr auf Ruppins Autorität stützen kann, den Plan einer Anleihe bereit, die die Mittel zur Fortsetzung der landwirtschaftlichen Kolon'sation nach bisheriger Methode bieten soll. Herr Dr. Ruppin hat bisher Näheres über sein Anleihe- Projekt nicht mitgete'lt; ich fürchte, dieses Pvojekt, wie das Arloforofss, sind ein weiterer Beweis dafür, wie weit sich unsere links gerichteten Wirtschaftspolitiker von den realen Gegebenheiten des Wirtschaftslebens entfernen können. Wer den weitgehenden Einfluß, den sozialistische Gedankengänge und Zeitströmungen auf den praktischen Ausbau unseres Kolonisationswerkes gehabt haben, in seiner Tragweite und in seinen Folgen erckemrt, wird mit lebhaftester Befriedigung dem Programm folgen, das Doktor Georg Halpern in seinem 'Kongreßreferat aufgestellt hat. Man kann nur wünschen, daß seine Uebersiedlung nach Palästina den von ihm vertretenen Ideen, die die Ideen aller praktischen Wirtschaftler sind, in unserem Kolonisationswevk entsprechenden Einfluß sichert. Doktor Halpern hat Aar ausgesprochen, daß nach wie vor eine gesunde jüdische Landwirtschaft die erstrebenswerte Grundlage unseres Ausbauwerkes sein muß und daß wir uns bemühen müssen, die Ansiedlung in diesem Sinne zu beeinflussen. Aber als Praktiker, der auf dem Boden der realen Tatsachen steht, erkennt Halpern die Grenzen der ■ Planwirtschaft und spricht es offen aus, daß wir uns doch den Tat f a ch e N anpasien müsien, die sich ans der Pelzmeii / Fürs / Foiirrures Hautes Nouveautis Mowz FLEISCHMANN WIEN, L, GRABEN 28 . Telephon-Nummer 68-4-79 5 getroffenen Staaten und Völker in Staub und Asche, bis sie reif werden, dem Volke Israel als Beute auheimzusallen. Auf diese Weise sind alle großen Reiche und Völker seit alten Zeiten bis auf den heutigen Tag untergegangen. Dieses Zerstörungswunder vollbringt die symbolische Schlange, indem sie überall — auf eine mystische Weise — „liberale Institution" einführt, als da sind: Konstitution, Parlamentarismus, bürgerliche Gleichheit usw. Sobald der Kopf der symbolischen Schlange wieder auf Zion angelangt ist und sich dort mit dem Schwanz vereinigt hat, ist der ganze Erdkreis dem Judenvolke unterworfen, nach dem alten Plane der Weisen von Zion. (Bekanntlich führen die Freimaurer ihren Ursprung auf König Salamon zurück und ihre Symbole sind seinem Tempel entlehnt.) In diesem Moment wird aber auch der Antichrist auf Erden erscheinen und das Reich des Teufels begründen. Er wird von jüdischem Geblüt sein, von den Juden als Messias anerkannt werden, er wird mit Hilfe geheimer Gesellschaften ein Weltreich gründen. . . Diese Philosophie entwickelte Nilus 1901 in seinem Buche „Das Große im Kleinen", in welchem er nachweist, daß der Antichrist vor der Türe stehe, denn Freimaurer und Juden — so wurden in Rußland alle Liberalen geschimpft — forderten mit Ungestüm eine Verfassung. Erst im Herbst 1905, mitten im Sturm der ersten russischen Revolution, spielte der heilige Geist, mit dem der Mystiker Nilus in ununterbrochenem Verkehr steht, dem Berfasier die (inzwischen von dem Ochrana General Ratschkowski fabrizierten) Protokolle m die Hand, aus denen ersichtlich war, daß die Juden tatsächlich mit den Freimaurern zusammen eine Wellverschwörung bildeten und ein Weltreich zu gründen strebten, immer nach dem Plane der Salomonischen Weisen von Zion aus dem Jahre 929 vor Christi Geburt. Erst 1917, im Jahre der Balfour-Deklaratiön, wurde dem Nilus die Erleuchtung zuteil, daß der Kopf der symbolischen Schlange auf dem Punkte stand, alsbald nach Zion zurückzukehren, daß die Zionisten von Basel eben die Verkörperung der alten Weisen von Zion waren und daß H e r z l eben der von ihm vorausgesagte Antichrist war! Alle diese Zusammenhänge verschwiegen die europäischen Uebersetzer 23. August 1925 Seite 5 Altesse'Ghaza A. 6. Wion, lll«f Rennwog 7l-81,Tel.914W,#14M Zigarettenpapiere u.-HQIsen Sämtliche Kartonnagen und Drucksorten für die Zigarettenindustrie _sib Art der Eintvande-rurrg und der Begrenztheit nuferer Mittel ergeben. Für ihn steht im Mittelpunkt seiner Ausgabe die Notwendigkeit, rasch eine Majorität im Lande zu erlangen, und er spricht es mit einer erfrischenden Deutlichkeit aus, daß wir Juden, eine arme kleine Nation, im Anfang der Entwicklung zn einer selbständigen Heimstätte nicht auch noch die Aufgabe lösen können, alle Probleme der Arbeit, und ich möchte hinzusetzen, alle gesellfchaftsrefovmatorischen Probleme, die cs irgendwo in der Welt gibt, zu lösen. Dr. Halpern wird keine leichte Aufgabe haben, seine Ansichten gegenüber den bisherigen Methoden der Aufbauarbeit durchzusetzen. Vom Gelingen seiner Absichten ist aber abhängig, ob wir überhaupt imstande sein werden, das weitere Aiflbauwerk zu beeinflussen, oder ob es sich, wenn die verfügbaren Mittel wie bisher verwendet werden, unabhängig von unserem Willen in einer Weise vollzieht, die unseren zionistischen Idealen zuwiderläuft. Ich möchte noch zu zwei konkreten Wirtschafts- Problemen Stellung nehmen, vor deren Behandlung wir uns schon in naher Zeit gestellt sehen werden. Man scheint mit der Idee zu spielen, in Palästina Schutzzollpolitik zu.treiben, um unsere in ihren Anfängen stehende Industrie zu entwickeln. Man betrachtet mit besorgten .Mienen die ungünstige Handelsbilanz Palästinas.' Hier liegt ein weitverbreiteter Irrtum wirtschaftlichen Denkens vor. Die passive Handelsbilanz Palästinas ist das selbstverständliche Spiegelbild der starken Kapitalseinslüsse vom Ausland. Bekanntlich zieht jeder Kapitalsstrom von außen eine Wareneinfuhr nach sich. Das ins Land gekommene Kapital tritt kaufend aus dem Markt auf und bewirkt dadurch, daß Waren ans den Markt strömen. Wenn dieses Kaufbedürsnis infolge eines Zollwalles an den Grenzen nur durch inländische Maren befriedigt werden kann, so kommt es zu starken P r e i s st e i g e r u n g e n, die schließlich den Zollschutz illusorisch machen und wieder ausländische Importe ermöglichen. Was bleibt, sind die hohen Preise. Wir haben naturgemäß das größte Interesse, daß das Preisniveau in Palästina möglichst niedrig sei, denn hohe Preise müsien zur Senkung des Reallohnes und damit zu Lohnsteigerungen führen und unsere Industrie ihrer Exportfähigkeit berauben. Es wäre das größte Verhängnis, wenn wir veralteten Ideen, die eine ungünstige Handelsbilanz als schlechtes Zeichen ansehen, nachjagen und dem nach Palästina einströmenden Kapital seinen natürlichen Einfallsiveg verrammeln wollten. Man denke, welche schwere Hindernisse die Schutzzollpolitik Frankreichs, Englands, Amerikas und der neugebildeten europäischen Staaten dem Einströmen der deutschen Reparationsleistungen bereiten. Das sogenannte Transferproblem, das erst kürzlich den Brüsseler Handelskammerkongreß beschäftigt hat, besteht ja in nichts anderem als in der Frage, wie man ohne schwere wirtschaftliche Schädigung die deutschen Reparationszahlungen (der Normalbetrag, an den man zunächst denkt, ist 125 Millionen Pfund jährlich) in die Wirtschaft der Siegerstaaten überleiten kann. Denken wir nur daran, ihren Lesern. Der deutsche Uebersetzer Beek fälschte nun in den Text der Protokolle den modernen Zionismus hinein, er fälschte auch den Weltkrieg und den Völk e r b u n d hinein, von denen die im Jahre 1905 fabrizierten Protokolle noch keine Spur aufweisen. Dcklrurch erst konnte in der Welt der Glaube entstehen, daß die- Protokolle mit dem Basler Zionistenkongreß im Zusammenhang standen und Weltkrieg und Völkerbund vorausgesagt haben... Herr Lambelin schreibt ein Buch „Le regne d'Jsrael chez les Anglo-Saxons", in welchem er haarklein beweist, daß die Anglosachsen, insofern sie nicht selber Juden sind, im Joch der Juden seufzen. Von den zur Bekräftigung dieser These in den: vorliegenden Werk angeführten Tatsachen möge hier wenigstens folgende wiedergegeben sein: an einer englischen, also christlichen Universität darf ein namhafter hebräischer Dichter, der den Revolutionär Bar K o ch b a in einer Tragödie verherrlicht hat, die Würde eines Professors bekleiden. An der Universität in Johannesburg wirkt nämlich der Chief Rabbi von Südafrika, Dr. I. L. Landau, dem Mr. Lambelin das Zeugnis ausstellt, daß er in seinem Lande für den Palästinagedanken nicht nur die Seelen der Juden, sondern auch die der Christen gewonnen habe. Mit seinem glühenden Haß beehrt Lambelin den New-Aorker Reverend, Dr. Stephen S. W i s e, den er „eminence grise" Wilsons und der ganzen Friedenskonferenz nennt. Das will heißen, Dr. Wise habe in Paris zugunsten Deutschlands gearbeitet, was natürlich in den Augen des Mr. Lambelin ein arges Verbrechen ist. Folgendes ist nun sehr pikant: eben derselbe Dr. Stephen Wise wurde 1919 von der ganzen antisemitischen Meute in Deutschland angcbellt, weil er die ^,eminence grise" Wilsons und der ganzen Friedenskonferenz gewesen und zuungunsten Deutschlands tätig war. Ein Unparteiischer könnte daraus schließen, daß Dr. Wise, der in diplontatischen Kreisen sich tatsächlich eines hohen Ansehens erfreute, in Versailles 1919 im Sinne der Gerechtigkeit und der Versöhnung wirkte . . . Lambelin cheruft sich auch vielfach auf Ford und seine Propaganda. Aber Konrtz Ford ist ein Problem für sich. vi. ',L-rv- ■_ {>; ,. . ,-^Jj .,"'

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