Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2335 (22.8.1925)
- Date
- 1925-08-22
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2335 Wien, Samstag Wiener Morgenzettrm- 22. August 1925 Set»« v tterren- und Damen*Wä4che-Fabrik Otto Taussig L Co. Wien, XII., Dunklergasse 13 Fernsprecher 82-0-92 _ Telegramm-Adresse Comptoir 82-3-27 °'° Wäschetanssig Spezialabieflong für exqtdtfie Kragen, Mamdieiien und Pkutront Ae osteuropäische Jüdin und 6m SM. Von Rosa Melzer-Pouieranz (Lemberg), Mische Sejmdeputierte, Cs gibt zwei Typen derselben: die „russische" und die „Jwlnifcfje" Jüdin. Die politischen Verhältnisse vor dem Kriege, besonders die Paßschwierigkeiten seitens Rußlands nach hüben und drüben, die Unberechenbarkeiten eines Aufenthaltes für Fremde in dem Zarenstaate hatten die beiden großen Judengruppen Osteuropas einander entfremdet und im Laufe der Jahrhunderte ziemlich tiefgehende Gharakterunterschiede gezeitigt. Besonders die russische Jüdin bot ein Bild extremen Wesens. Entweder: schon mit 16 bis 18 Jahren, ganz unwissend, geistig unentwickelt, verheiratet, in dem engen und oft trüben Bezirk des Hauses, der Familie, des Kleistadtlebens aufgehend, keiner geistigen und sozialen Entwicklung teilhaftig. Oder: als „russische Studentin" in den Hauptstädten des Westens heimisch — einem vertrockneten, schmachtenden Boden gleich, gierig die reichen Fluten westlicher Kultur in sich ausnehmend, wissenschaftlich gebildet, beruflich geschult, politisch — oft den extremsten Ideen Verständnis und Interesse entgegenbringend. So die russische Jüdin. Ein stark divergierendes Bild bi'etet die sogenannte ,polnische" Jüdin und speziell die „galizische". (In Galizien, dem größten Kronlande Oesterreichs, lebten vor dem Kriege zirka £000.000 Juden.) Das kulturelle Durchschnittsniveau dieser Jüdin war ein ungleich höheres, das Streben nach Bildung in allen Frauenschichten lebendig — auch allen zugänglich. So, rm Lande bleibend, hatte eben die polnische Jüdin den größten Einfluß und den hervorragendsten Anteil an dem kulturellen Aufstieg der Familie, der jüngsten Generationen. Die polnische Judenheit war stets viel, viel schwächer in wirtschaftlicher Beziehung denn die russische und weltfremder, da das milde österreichische Regime keine Veranlassung zur Auswanderung gab, zum Hin-und-her-Fluten, und die oft weniger als bescheidenen materiellen Verhältnisse der jüdischen Masse wie des Mittelstandes Bildungsreisen und damit Weltkenntnisse und Lebenserfahrung ausschlossen. Dagegen sorgte und strebte jede jüdische Mutter hier, ihren Kindern mehr Bildung und Wissen zu geben, als ihr selber einst im Elternhaus zuteil geworden. Die jüdischen Frauen Deutschpolens nahmen reichen Anteil an deutscher Kultur. Daher iur heutigen, wieder vereinigten Polen der so ansehnliche Prozentsatz gebildeter jüdischer Frauen. Welches war nun von Anbeginn die Stellung der osteuropäischen Jüdin zu dem gewaltigen Problem der jüdischen Renaissance? Entsprechend den psychischen und geistigen, den politischen und wirtschaftlichen Unterschieden im Wesen und Leben dieser beiden Gruppen war die Haltung beider dem Zionismus gegenüber lange Zeit eine verschiedene. Das autokratische — und das bedeutet stets: fortschritts- und bildungsfeindliche — Rußland lastete vor'allem.auf dem Juden,/diesem/ältesten Enthusiasten für Fortschritt.und Wissen. Dazu kamen seit 1882 die furchtbaren Verfolgungen Sie fügten dem Drange nach unbehinderter kultureller Entwicklung die Sehnsucht hinzu: nach nationaler und politischer Freiheit, nach Sicherheit von Ehre und Leben, nach unbehinderter' wirtschaftlicher Betätigung. Die erlösenden Worte der Pinsler, Smolenski ufw. bis zu dem Dormerwort ,/Judenstaat" mußten den furchtbarsten Boden im Denken und Fühlen just der russischen Judenheit finden. Und sie fanden ihn auch! Wir alle wissen, wie viel der neue Jifchuw in dem Abschnitt bis 1914 der russischen Judenheit zu danken hat. Wie viele bedeutende F ü h r e r, wie viele herrliche, jugendliche Pioniere der realen, täglichen, schweren Arbeit in Erez Israel dem großen russischen Reservoir entstammen. Mit dem Manne trat auch die Frau — von der. Jugendlichen bis zur Matrone — in die Reihen der national Gläubigen, Hoffenden, Wirkenden. Und wenn man heute überall in Erez Israel, in den bedeutendsten wie in den bescheidensten Arbeitsstellen des Landes, russische Juden und Jüdinnen antriifft, so ist die einzig richtige Erklärung für diese — manchmal leise aufreizende — Erscheinung die, daß die russischen Inden und Jüdinnen eben vor allen anderen dort waren, vor allen anderen ihr seelisches, geistiges, phyfssches und materielles Scherflein beigetragen haben zu Jifchuw Erez Israel. „Not lehrt beten" und lehrt auch so lange vergessene oder gering eingeschätzte Güter wieder ehren und erstreben. Die polnischen Juden kamen ein Weilchen später. Sie kamen mit mehr theoretischem Kultuveinschlag, sie waren bedächtiger in der Auswanderung nach der historischen Heimat, weil nicht getrieben von seelischer Not, sie brachten' —- gemäß ihren Verhältnissen — weit geringere finanzielle Htzjer jüx Erez. Die Einwanderung, speziell aus Gallien, war eine minimale. Die Renaissancebewegung in diesem Lande hatte ein vornehmlich geistiges Gepräge mit schwachem, praktischem Untergrund. Die Frauen schufen Vereine und Organisationen, die hebräische und Geschichtskurse einrichteten, MaKaibäer-. und andere nationale und historische Gedenkfeiern veranstalteten, ihre Groschen für den Rationalfonds spendeten. Die wohlhabenden Zionisten kauften, meist auf Anregung der Frauen, einen oder mehrere Dunam Boden im Väterlande. Voila tout! Der Krieg brachte, den großen Umschwung, kehrte das Unterste zu oberst. In dem gewaltigen Zarenreiche reduzierte sich die Judenheit auf weniger denn die Hälfte. Der schier endlose Zug russisch-jüdischer Flüchtlinge durch säst die ganze Welt gleicht einer blutigen Trasse, auf der alljährlich tausende hinsinken, um sich nicht wieder zu erheben. Ein Bild, das an die schwersten Tage des Mittelalters/ an den grausigen Zug aus dem Spanien der katholilschen Jsabella gemahnt. Die zweite, sich unablässig vermindernde .Hälfte der Juden Rußlands hat in den letzten acht Jahren eine Hölle durchlebt, die jeder Beschreibung spottet. Sie ist leider solange — und wer weiß wie lange noch — für jede ernste finanzielle Mitwirkung am Aufbau der Heimat ausgeschaltet, sowohl infolge politischer Hemmungen lute aus wirtschaftlichen Gründen. Dagegen tritt allmählich die I u deuheitPolens auf den Plan und damit die jüdische Frau dieses Reiches. Es sind Aussichten vorhanden, daß Polen die Bedeutung Erez Israels für die wirtschaftlichen Interessen dieses Staates richtig einschätzen wird, und damit ist auch eine freundlichere Haltung gegenüber der zionistischen Tätigkeit hier, als: Organisation, Emigration, finanzielle Hilfeleistung für das Aufbauwerk ufw., gegeben. Damit ist ferner -er P r o p a l ä st i n a f r a u e n a r b e i t im ganzen Reiche ein weites Feld eröffnet. Das Bewußtsein der Pflicht ihrer historischen Heimat gegenüber mußte im Hintergründe bleiben, solange die Nachwirkungen des Krieges (der speziell in Galizien ein zweijähriges blutiges Nachspiel fand in dem Bruderkrieg zwischen Polen und Ukrainern) die geringen materiellen Mittel, das ganze reiche Gemüt, Zeit und Kraft der jüdischen Frauen Polens in Anspruch nahm: für die tunliche Heilung der schwersten Schäden, durch Jmmediathilfe sowohl wie durch Schaffung von Dauermstitutionen sozial-humanitären Charakters. Das Dringendste auf diesem Gebiete ist nunmehr getan und der Ausbau der einheimischen Fürsorgearbeit fetzt sich quasi mechanisch fort. Die Zionistin, die Jüdin in Polen überhaupt, darf von der „Momentavbeit" zur „Gwigkeitsarbeit" zurückkehren. Daß sie dies redlich will, beweist der rapide Auffchwung der Spenden für Keren Kajemeth in. Polen, der eben dem neu erwachten Eifer der Frauen zu danken ist. Schon im Herbst dieses Jahres soll die organisatorische Zusammenfassung —hoffentlich aller — jüdischen Frauen Polens erfolgen, ohne Unterschied der religiösen Äer sonstigen Anschauungen, für eine fruchtbringende, segensreiche Arbeitern Gcreg Israel. Der feste Entschluß, die geeigneten Propagandrstiunen der Idee, der Arbeitsplan, die Stimmung in der Masse unserer Frauen — alles ist vorhanden und zugerüstet, um ein neues, starkes Element dem Wiederaufbanwevk zuzuführen: die Opferwrlligkeit der Jüdinnen Polens und das moralische, geistige und materielle Ergebnis dieser Bereitschaft für Erez Israel. ~~ : : ~k Pelzuoren / Fürs / Fourrares Hautes Nouveautis Moriz FLEISCHMANN WIEN, I., GRABEN 2S Telephon-Nummer 68-4-79 bi Baron Rothschild» 80. Geburtstag. Paris, 21. August. (I. T. A.) Baron Edmond de Rothschild, der große jüdische Philanthrop und Begründer der jüdischen Kolonisation in Palästina, hat seinen 80. Geburtstag im Kreise seiner Familie in stiller Zurückgezogenheit begangen. Aus der französischen Judenheit sind dom Jubilar zahlreiche telgraphisch und brieflich übrmittelte Glückwünsche der Mischen Gemeinden, Rabbiate und Organisationen zugegangen. Auch aus der ganzen jüdischen Welt äugten Glückwünsche ein. Aus Jerusalem lief ein Telegramm ein, welches „An den Vater des jüdischen Jifchuw in Erez Israel" adressiert war und in welchem ausgedvückt wird, daß die gesamte Judenheit Palästinas diesen Tag als ein Fest begeht. Weltkonferenz der hebräischen Lehrer. Die weiteren Verhandlungen der Weltkonferenz finden heute um 7 Uhr abends im Probesaal, Lochringerstraße Nr. 18—20, statt. Es wird dann über die Beschlüsse der Konferenz abgestimmt. * Der Nestor der deutschen Kantoren gestorben. Im Alter von nahezu 64 Zähren verstarb dieser Tage in München, wie I. T. A. berichtet, der frühere Kantor von Jchenhausen, Haimann Perlmutter. Er galt als ein Meister des traditionellen Synagogengesanges, beherrschte ebenso die süddeutsche wie die polnische synagogale Musik und Tradition. Von ihm selbst eristieren im Manustript schätzenswerte synagogale Kompost* tisnen. piANOL F. EHRBAR PIANOS WIEN «* Niederlage: Hauptbureau: I. Parkring 18 — Tel. 73234 ,v. Mahlgasse 30 - Tel. 834« Ae Parteien des Kongresses. 3.*) Die Stellungnahme der Fraktion Hitachduth. Einer der Führer der Hitachduch, Arlosoroff, der in der Genevaldebatte bereits mit einer prägnanten und temperamentvollen Rede zu Wort gekommen ist, äußerte sich über die Stellungnahme der Hitachduch zu den wichtigsten Kongreße fragen wie folgt: . Die große zionistische Politik unserer Exekutive war in bezug auf chren K u r s einwandfrei, hingegen hat der Mauget an Aktivität Rückschläge gebracht. Wir ver-langen unter Beibehaltung des Kurses, dem wir znstimmen, größte Aktivität gegenüber der Mandatavmacht und dem Bölkevbunde, ganz besonders natürlich loas die Administration in Palästina anbelangt. Es genügt nicht, daß man uns in Palästina „Arenafveiheit"' gewährt. Es muß nachtrücklichst jene aktive Politik gefordert werden, welche Las nationale Heim im Sinne des M a nd a t t S sichert, seinen Au fb a u gew ährleiste t. Was die Jewish Agency anlangt, haben wir auch schon früher dem Plane der Erw-.uerung durch Hinzuziehung nichts zionistischer Palästinafreunde zugestimmt, jedoch unter f«» genden Voraussetzungen: 1. In der Verfassung der Agency muß eine Reihe von Grundrechten gewahrt bleiben, welche sich auf die Nationalisierung des Bodens, der Atbeit und der Kultur beziehen und ferner dürfen die nicht-zionistischen Mitglieder der Agency nicht als Einzelpersonen bestellt werden, sondern müssen durchaus Vertreter von Gruppen sein. Schließlich fordern wir, daß die Erweiterung der Jewish Agency zunächst p r o v U sorisch bleibt und daß demnach die Ratifikation der Erweiterung im Mandat erst nach Ablauf des Provisoriums erfolgt/ . . Die wichtigste Frage, aus deren glückliche Äsung die Hitachduch natürlich das Schwergewicht legt, ist die Wirtschaft s f r ä g e. Wir unterscheiden diesbezüglich Augenblicks^ •fragen und die Vorbereitung der Zukunst. In bezug aus die Augeilblickssragen fordern wir mit größtem Nachdruck, daß der Hauptteil unserer Mittel aulf die Landwirtschaft verwendet wird und daß in der Landwirtschaft das Prinzip der Selbstarbeit gewahrt bleibt. Was in der Landwirtschaft an Arbeiterkolonisation.bereits besteht, muß konsolidiert werden, aber darüber hinaus sind mit aller Beschleum«. gung neue Siedlungspunkte der Arbeiterkoilomsation zu schaffen. In diesem Sinne fordern wir, daß eine entsprechende Quote des Budgets für Teile der vierten Alijah verwendet wird, und zwar für Zwecke der landwirtschaftlichen Ansiedlung. Zur Konsolidierung der bereits bestehenden Kolonisationsavbeit gehört auch die A u s g e st a l t u n g d e r A r«. b e i t e r w i r t s ch a s t s i n st i t u t e i n den Städten, insbesondere des Solel Boneh und des Hämaschhir. Das Bodenproblem ist brennend. Wir. verlangen, baß die zentrale Bodenkauss-Agency der Zionistischen Organisation so gestärkt, wird, daß sie eine zentrale Position auf dem Bodenmarkt behaupten kann. Unerläßlich ist eine schr weitgehende Kontrolle der Organisation. über die s e m i n a t i o n a l e n Wirtschaft skörperschaften, wie sie z. B. der „Meschek" ist. Was die Vorsorge für die Zukunft anlangt, ist die Gefahr zu bannen, daß wir das Gewicht als kolonisierender Faktor verlieren. Wir müssen msseve Finanzmethoden den Koloirisationsmethoden anpassen. Die FraktiouHitachdu th hat den Anleiheplan ausgenommen. Wir stimmen 'dem Prinzip zu, daß die Jewish Agency als rechtlich anerkanntes Instrument des Mfbaues unter der Ausnützung der Basis.beim Völkerbund unter einer kollektiv organisierten G a r a n t i e die Anleihe ausnimmt. Nur so ist eine großzügige Kolonisation möglich. Schr ernst ist die Frage der Leitung. Wirer warben, daß d e r K o n g r e ß sich nicht in das Fahrwasser eines reaktionären Blocks wird drängen lass e n. Wir fiub der Meinung, daß die nationale Heimstätte auf den Schultern des jüdischen Arbeiters ruht und daß die Weltorganisation alles Interesse daran haben muß. sich die Mitverantwortung der Arbeiterschaft an beut Schicksal der jüdischen nationalen Heimstätte zu sichern. Selbstverst ä ndl ich kann die Hitachduth' unter den jetzt verschärften Umständen an de« Exekutive nur dann teil nehmen, wenn ihr genügender Einfluß auf den Kurs der Exekutive gesichert wird. Die Gruppe Et Liwnoth (28 Delektierte). Diese neue Gruppe, welche sich „Et Liwnoth" („Zeit zu bauen") nennt, wird Won den polnischen Delegierten Doktor G o 1 t l i e b und L. L e w i t e geführt. Eines der hervorragendsten Mitglieder dieser Gruppe, Herr Dr. Hindes, äußerte sich über die progvcmrulatischen Grundsätze seiner Freunde wie folgt: Ich schicke voraus, daß wir innerhalb der polnischen Landsmannschaft stehen, die gemeinsam mit Ostgalizien und dem Wilnagebiet eine Gemeinschaft von 4o Delegierten zählt. Wir sind uns darüber klar, daß die Zionistische Organs sation zwei Funktionen erflillen muß: Ms P a r t e i d e r j ü- *) Siche „Wiener Morgenzeituna" tzom 8t $. '*#, 'U - .*»• 4- •.