Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2335 (22.8.1925)
- Date
- 1925-08-22
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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" JÖE» 086 Wie«, SamStag Wiener Morgeuzeitung 22. August 1925 Seite 3 War W« i»ch immer spricht rmd „oa.L««HÄII« -leibt NsLoLMM«! -Mtte pahm der englische Delegierte Pros. Brode tzky (Leeds) das Wort. Er ist nicht der Ansicht, daß die englische öffentliche Meinung für die Idee der Opposition zu gewinnen ist. Wenn aber die Opposition meint, sich an den Völkerbund wenden zu können, so wolle Redner darauf Hinweisen, daß es vor einigen Monaten in der MandatSkonrmiflion der englischen Minister Chambe rlain war, der die jüdischen Einwanderer gegenüber der Meinung der BölkerbunidÄkommission verteidigte. Die englischen Zionisten sind nicht Anhänger Weizmanns, sondern Anhänger der Politik Weizmanns. Was die Jewish Agency betrifft, so wollen wir, .daß das jüdische Land unter die Obhut des ganzen Volkes gestellt wird. Wir wollen daher die Agency auf breiter Basis ausbauen. Wir wollen der vierten Alijah, der Mittelstandseinwanderung, alle mögliche Hilfe bringen und halten es für unsere Pflicht, sie zu regeln. Aber der Grundstein unseres nationalen Keims ist die landwirtschaftliche Kolonisation. Delegierter Dr. Ru seifen gibt die progrämmattsche Stellungnahme der tschechoslowakischen Zionistischen Organisation wieder, in deren Namen er das Vertrauen zur Politik der Exekutive und die Erwartung ausspricht, daß der fortschreitende Erfolg des schöpferischen Lebenswillens des jüdischen Volkes auf wirtschaftlichem und kulturellem Gebiet es der Exekutive ermöglichen wird, unseren auf dem Mandat begründeten Forderungen den entsprechenden Nachdruckzu verleihen. In der Frage der Agency sollen schon vor Einberufung des Weltkongresses Schritte unternommen werden, um alle Juden, die beim Aufbau der jüdischen nationailen Heimstätte Palästina mithelfen wollen, zur Mitarbeit und Mitverantwortung heranzuziehen; die Organisation in der Tschechoslowakei habe volles Vertrauen, daß die von der Exekutive in dieser Richtung geführten VerhaMungen die Unversehrlichkeit sowie die nationale Bestimmung unseres Siedlungswevles in jeder Weise gefördert haben. Wir unterstützen — fährt Redner fort — die Forderung nach einem von Initiative geführten Plane, wie in möglichst kurzer Zeit unter ökonomischer Verwendung der nationalein Mittel und durch Organisierung der privaten Initiative nach den Prinzipien der Nationalisierung und SeWarbeit die Zahl der arbeitenden jüdischen Bevölkerung erheblich vergrößert und Ausbeutung verhindert werden kann. Es soll ein Organ eingesetzt werden, das die ganze Siedlungsarbert zentral und verantwortlich! eitet. Nachdem der Delegierte Dr. Vierer (Czernowitz) gesprochen hatte, welcher Erhöhung des Budgets für das Erziehungswesen, ferner? erhöhte Aufmerksamkeit für die Juden im Gebiet von Marmaros-Sziget verlangt hatte, übevbrachte der argen tische Delegierte Gesang dem Kongreß die Grüße des Präsidenten der argentinischen Republik. Er wies darauf hin, daß in Argentinien, einer zionistischen Hochburg, die Träger des nationalen Gedankens jene Jea-Kolonisten sind, die man einstmals nach Argentinien gebracht hat, in der Meinung, die Assimilation zu erleichtern. Redner sprach sich für die politischen und programmatischen Ziele der Exekutive aus. Der letzte Redner des gestrigen Tages war Delegierter Romanow (Bulgarien). Er erklärt, mit der Araber- Politik der Exekutive einverstanden zu sein. Die englische Araberpolitik ist für unsere Interessen günstig. Hätten die Araber die Ueberzeugung, daß sie in Palästina zugunsten der Juiden unterdrückt werden, dann wäre es um uns geschehen. Bezüglich der Jewish Agency stimmt die bulgarische Landsmannschaft in Violen Punkten mit der O p p o s i t i o n überein. glaubt aber, daß wir unserem heute nur juristischen Rechte eine substantielle Grundlage geben müßten. Die Gefahr der Agency ist jedenfalls geringer als die eines Aufbaues ohne Agency. Redner beklagt, daß die Zionistische Organisation der T,rUganda unter den Sephardim bisher zu geringe Beachtung geschenkt habe. Dasselbe gilt auch bezüglich der Anfiedlnug. Das scphardische Element, besonders in Persien, lebt unter schweren Bedingungen und kann Vorzugs'che Arbeitskräfte liefern. Um viertel 6 Uhr nachmittags wird die Sitzung geschlossen; die nächste Sitzung findet Sonntag, halb 9 Uhr vormittags, mit der Tagesordnung „Fortsetzung der Gonevaldebatte" statt. Sonntag, 9 Uhr vormittags, tritt der Permanenzausschuß zusammen. Kongretzavbeit des Keren Kajemeth. Heute um 5 Uhr nachmittags findet im Heime des Kartells technischer Derbindun-gon, 8. Bez., Lerchenfelderstraße 12V, eine Generalzusammenkunft aller Mitarbeiter (nicht nur der Führer der Gruppen!) statt. Tagesordnung: Organisation der Konigreß-BüchsencmjstelluNgsaktion. Letzte Kurse. New-Tfork, 21. August. (Tel.-Komv.) Berlin 33.8V. London Kabel 4.87'/,. London Scheck 4.81'/,. Amsterdam 40.3V, Paris 4.69'/,. Brüssel 4.54«/«. Rom 3.64. Madrid 14.42. Zürich 19.40. Stockholm 26.89. Oslo 18.82, Kopenhagen 23,82. Wien 14 Budavest 14. Prag 2.96»/«. Belgrad 1.79»/,. Athen 154. Buenos Aires 40T/i«. Rio de Janeiro 12.20. Bukarest 51*/, Amerikanische Getreidemärkte. Retv-Nork, 21. August. lTel.-Komv.) Weizen rot Winter 172*/,, Weizen hart Winter 174*/,. Mais 120«/«. Hafer 49*/«. Roggen 115'/,. Thikago, 21. August. (Tel.-Komv.) Weizen per September 161*/„ Dezember 160'/,. Mai 163*/,; Mats per September 104«/, Dezember 87*/„ Mai 90«/,; Hafer per September 40«/„ Dezemer 43'/,. Mai 47«/,; Roggen per September 104'/,. Dezember 107-/, Mai 113. anatorium Guienbrunn PNYSlftAL.-BlATETrSCHE HEILANSTALT I. HANOIS EINQELElTETfi 8CHWEPELQUELLBNBÄ0ER Mi Las paMuenflsche Bürgerschaft»- gesetz. London, 21. August. (I. T. A.) Soeben wurde das palästinensische BürgerschasiLgesetz i.m Wortlaut veröffentlicht. das (wie /bereits berichtet wurde. Die Red.) a m 1. August in Kraft ge trcten ist. Laut dem Gesetz besitzen Pa lä st i u e u s i s ch e s Bürgerrecht * a) frühere türkische Untertanen, die in Palästina dauernwohnen und sich am 1. August 1925 in diesem Lande befunden haben, msoferne sie nicht in der Zeitperiode 6. August 1924 bis 6. August 1926 für die Türkei optieren; b) in gesetzlicher Ehe in Palästi na geborene Personen, deren Vater zur Zeit ihrer Geburt palästinensischer Bürger ivar; in gesetzlicher Ehe außerhalb Palästinas geborener Personen, deren Vater zur Zeit ihrer Geburt p a l ä st i n e n s i s ch e r Bürger war und ferner in gesetzlicher oder nichtgesetzlicher Ehe i n Palästina Geborene, die bisher kein Bürgerrecht in einem anderen Lande erworben haben; e) alle jene Personen, die auf Grund des Artikels 2 der Palestine Legislative Council Election Order vom Jahre 1922 ihre Absicht kundgetan haben, die palästinensische Bürgerschaft zu erwerben und im Besitz vorläufiger Bü rge rscha fl sze rtisi ka te sind und seit ihrer Erklärung in Palästina ihren Wohnsitz haben. Ter O b e r k o m m i s s ä r kann jeder Person ein Naturalisationszertifikat ausfolgen, die sich um ein solches bewirbt und (wie bereits in der „Wiener Morgenzeitung" vom 15. August kurz berichtet. Die Red.) nachweift, daß sie a) in den drei Jahren vor Einreichung des Gesuches mindestens zwei Jahre in Palästina gewohnt hat; b) daß sie sich bisher gut geführt hat und genügend Kenntnisse in der englischen, arabischen ober hebräischen Sprache besitzt; c) daß sie im Falle der Genehmigmrg des Gesuches in Palästina dauernd zu wohnen beabsichtigt. Das Naturalisationszertisikat wird erst nach der Leistung des Bürgerschaftseides des Ansuchenden ausgefolgt. , Die Erteilung eines Naturalisationszertifikate's hängt vom Belieben des O b e r k o m m i s s ä r s ab, der ein solches Zertifikat, ohne daß er Gründe anführen muß. getvähren oder versagen kann; sein Beschluß unterliegt keiner Appellation. Jede Person, die vom O'berkommissär ein Naturalisationszertifikat erhält, unterwirft sich allen Satzungen der palästinensischen Bürgerschaftsordnung, genießt alle politischen und andere Rechte und Privilegien und unterliegt allen Pflichten und Verantwortlichkeiten des palästinensischen Bürgers. AMTLICHES SCHWEIZER HERBST in der SCHWEIZ VERKEHRSBUREAU ln SCHWÄRZENBEROPLATZ18 Telephon 57.2-43 Telephon 57-2-44 Interview mit der Gasse. Bon Jakob Krausz. Nicht mit der Straße. Die Wiener Straße ist nicht anders als die Straße jeder anderen Großstadt. Sie ist träge, beharrlich und gerät erst in Bewegung, wenn unterirdische Kräfte sie in Unruhe versetzen; dann wird diese Straße von der Suggestion besessen, kommt ins Wanken, brüllt, heult, färbt sich blutrot, singt Lieder, deren Sinn sie nicht versteht, reißt Steine aus dem eigenen Leib und zerstört Güter, von denen sie selbst lebt. Zwei Tage später erkennst du sie nicht wieder. Sie Ist wieder die liebe ruhigfröhliche Straße, die dich schon so oft entzückt hat. Versuchst du dann diese ungebärdig gewordene Straße für ihre Sinnlosigkeiten znr Verantwortung zu ziehen, so redet sie sich auf die Besinnlosigkeit aus, in die sie versetzt worden sei. Von wem? Sie weiß es selbst nicht. Da's ist so in Wien wie in Berlin, Paris oder Budapest oder anderslvo. Die Straße ist an sich überall ruhig, aber auch überall unterminiert. Und genau so wie heute die Radiowelle als Künderiu höchsten Kultursortschrittes durch die Lüste zuckt und die guten Schaffensgeister auf dem kürzesten Wege miteinander verbindet, zitiert auch die unterirdische Welle unter den Straßen durch die Unterwelt und erzeugt ihre verheerenden Erschütterungen. An einem Biertisch in einem äußeren Bezirk Wiens charakterisierte mir so ein gemütlicher biederer Wiener die jüngsten Krawalle mit den Worten: „Nur keine Angst, mein Lieber! Es ist jetzt anderswo auch nicht schöner. Wir leben jetzt im Zeitalter der Wellen. Wir haben unser Radio Wien, Welle 530, und haben auch unseren Radau-Wien, Welle soundsoviel." Das sind wohl schlechte Kalauer, aber sie sind nicht unzutreffend. Mit dem Wiener Wer diese Dinge vernünftig zu sprechen, hat nicht viel Sinn. Mir erging es bei einem solchen Versuch wie jenem armen Schuster Schlajme, her im Schwitzbad auf dem Bauche lag und von Chajim Sackträger durch einen Klaps auf seine Kehrseite aus seinen Gedanken gerissen wurde. „Was sind das für Witze, Chajim?" brüllt Schlojme erschreckt. „Verzeihe, Schlojme, ich dachte, es wäre Meyer", entschuldigte sich Chajim. „Nu und wenn es Meyer wäre, schickt es sich, gleich so brutal zu sein?" meinte hierauf Schlojme schüchtern. „Das ist doch wirklich eine Frechheit von dir, Schlojme! Was nimmst du dich des Meyer an, was mischt du dich in fremde Angelegenheiten?" So ungefähr wie dem armen Schuster Schlojme ist es mir ergangen, als ich einen christlichen Bezirkspolitiker fragte, warum gegen den Zionistenkongreß so brutal vorgegangen werde. „Sie entschuldigen schon, mein Herr — antwortete mein christlicher Gewährsmann —, gegen den Zionistenkongreß? Bewahre! Das sind Fremde, wenn es auch Israeliten sind; gegen die haben wir nichts. Gegen die gehts auch gar nicht. Es geht bloß gegen die Regierung, weil sie unser christliches Programm verraten hat . . ." „Sie verzeihen schon, geehrter Herr," ivarf ich zaghaft ein, „wenn Sie bloß die Regierung meinen, iveshalb dann die judenfeindlichen Brutalitäten auf der Straße?" Mein christlicher Widerpart schlug hierauf wütend mit der Faust auf den Tisch, daß die Bierkrügel tanzten, und - schrie: „Da hört sich doch allerlei Gemütlichkeit aus! Was mischen Sie sich in unsere Auseinandersetzung mit der Regierung? Das ist doch die höchste jüdische Zkdringlichkett i , »" Aber ich wollte ja gar nicht von der Straße reden, sondern euch von der Zwiesprache erzählen, die ich in den letzten Tagen mit der G a s s e. mit meiner Gqsse, mit der Judengasse hatte. Die Gasse ist ganz anders geartet, als die Straße, die sich um jene herumzieht, Die Gasse hat ihren eigenen Geist, ihre eigene Seele. So oft die Gasse in Angst versetzt wird, klammert sie sich an ihren von den Vätern ererbten Optimismus; und da die Gasse fast stän-ig in Angst lebt, ist sie ständig optimistisch. So ist es auch jetzt, in diesen Tagen, die der Judengasse von Wien Tage der stolzen Freude hätten werden sollen, aber von den unterirdischen Geistern der Straße in Tage der Angst gewandelt wurden. Die Gasse leugnet es nicht; sie sagt mir, so oft ich ihr ins Antlitz blicke, daß sie in Angst lebte und sqgt mir auch, daß sie sich an ihrem Optimismus stählt. Die Straße von Wien hat die Gasse für einige Tage wohl zum Ghetto gemacht, aber gleichzeitig die Judenseelen in den Gassen aufgerichtet. Die Herzen in den Gassen schlagen lauter, unruhiger; aber die Köpfe denken ruhig und sind ernster geworden. «Ich sprach mit einem alten Juden, dessen Sohn als Delegierter des Kongresses in Wien weilt. Vater und Sohn hatten sich seit vielen Jahren nicht gesehen. Als sie damals aus ihrer russischen Heimat flüchten mußten, entfam der Sohn über den Ozean, der Vater brach vor den Toren Wiens zusammen. Beide, Vater und Sohn, ivaren in das Gedränge der betäubten, besinnungslosen Straße von Wien geraten. Der Vater erschrak vor dem Aufgebote des Schutzes, der ja auch ihm galt und lief, so lange ihn sein altes Herz und'Zeine schwache Lunge laufen ließen, von der Straße Zn die Gasse. Der Sohn griff nach Reisepaß und Bürgerpapier wie nach einer Schntzwaffe der Rechtsordnung und als sie in der Gasse ankamen, keuchte der Alte atemlos traurig: „Siehst du, meinKiud, so trekben sie uns immerfort weiter, weiter!" „Das Schlimmaber, Vater, ist nicht, daß sie uns treiben," antwortete der Sohn. „Sie treiben uns vorwärts, gut; wir schreiten rüstig aus. vorwärts, immer vorwärts. Wenn unsere Verfolger uns nur auch im Borwärtsschreiten folgen wollten! Aber sie schieben uns bloß Weiter, sie selbst bleiben zurück und verharren mit un« 1999999999999999