Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2334 (21.8.1925)
- Date
- 1925-08-21
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2334 Wien, Freitag Wiener MorgenHeitung 21. August 1925 Seite 3 Es sitzen ja nur 3000 junge Juden in den Kerkern, ein paar hundert sind in Kirgisien und auf Sachalin verkommen. Der Bürgermeister und Landeshauptmann von Wien bleibt bei seiner religiösen Einstellung; das Zentralorgan bei der kapitalistischen. Es wird sich empfehlen, daß die beiden Faktoren ein Kompromiß schließen. Das wird freilich schwer sein, da zum Beispiel in der Vorwoche der Abgeordnete Deutsch in einer Zeitung erklärt hat, seine Partei kümmere sich nicht um den Zionistenkongreß. Das ist doch ein bißchen dilettantisch geredet. Eine Partei hat die'Verpflichtung, die Vorgänge aufmerksam zu verfolgen, da ja ihre taktische Haltung auch von der Entwicklung der Umwelt bedingt wird. In dem vorliegenden Falle müßte sie dies aus zwei sehr gewichtigen Gründen tun. Sie besitzt das Rathaus und das legt ihr denn doch die Aufgabe näher, die Pflichten der Großstadt, der Kulturmetropole zu erfüllen. Dann aber besteht doch die Tatsache, daß sich nujr dem Zionistenkongreß drei sozialistische Fraktionen befinden. Wir föttneu freilich darauf verzichten, so wie ein Fußballklub aus Südamerika behandelt und begrüßt zu werden. Wir wissen, daß alles, was in dieser Stadt ehrlich und loyal denkt, unser Werk als ein Werk des Friedens zu schätzen weiß. Ae „Arbeiterzeitung" und der zionifteukongreß. Die Herren von der /-Arbeiterzeitung" scheinen, obzwar wir mitten im Hochsommer stecken, den Winter ihres Mißvergnügens zu durchleben. Der Zionistenkongreß hat nicht nur das Mißfallen der bluterprobten, deutsch geeichten Arier erregt, sondern auch derer, die solche gerne wären. Es ist amüsant, festzustellen. daß in Judaicis bei der „Arbeiterzeitung", ein Wechsel der Taktik Platz greift. Nach dem seligen Benedikt, der das Totschweigen geübt hat, war es der „Arbeiterzeitung" beschieden, unserer nicht zu gedenken, auch »licht der von ihr, allerdings mit süß-saurer Miene plötzlich protegierten Poale Zion, für die die österreichischen sozialdemokratischen Juden in der Internationale wahrlich nicht mit besonderer Wärme eingetreten sind. . ■ i,j , i Die „Arbeiterzeitung" Hot also das Schweigen aufgege?ben und es gegen ein Reden eingetauscht, das ein Gemisch ist von stolz zur Schau getragener Unkenntnis und Entstellung. Ihr Verhalten anläßlich des Rummels der Hakerlkreuzler ist ein Musterbeispiel von mit Haß gepaarter Blindheit. Der liebliche Aufsatz über die Regierungserklärung und die dumm-dreiste Koppelung von Gattermeyer und eines angeblichen Zionistensührers (der nur in den Gefilden der „Arbeiterzeitung" bekannt ist) hat wohl dem blödesten Auge das Manöver offenbart, das Assinrilanten, mögen sie auch rote sein, üben, um sich einer menschenwürdigen Einstellung zur Judenfrage zu entziehen. Was dabei herauskommt, ist ein Zwittovding von nahezu antisemitischem Gefasel und „Loyalität" gegenüber jüdischen Proletariern, die seinerzeit bewiese»» haben in der schonungslosen Austreibung der bedauernswertesten, ehrlich erwerbenden ostjüdischen Arbeitenden, sie, die mit einstirnmen in den Chor der Aufheber der Freizügigkeit.; Die Situation steigert sich zur Drastik, wenn in derselben Nummer der „Arbeiterzeitung" der Zionismus beschimpft und eine Seite weiter lobend über die Konferenz der Poale Zion, die doch ein Teil von ihn» ist, berichtet wird. Der sozialdemokratische O. L. hat gestern Eindrücke vom Zionistenkongreß gehabt, die ein unsinniges Geschwätz von „kapitalistischer Expansionspolitik", „der Elitwicklung einer englischen Kolonie" und ähnlicher Gescheitheiten darstellen. Es ist sonderbar, daß es draußen Leute gibt, »»nt denen die „Arbeiterzeitung" jedenfalls etwas zu tu»» haben sollte, die ihr bezeugen könnten, daß in Palästina Dinge geschasst,» wurden, die mit wirkliche»»» Sozialismus mehr zu tun haben als selbst die „Arbeiterzeitung". Nun »nuß mm sich nicht erst ' auf die Existenz der Poale Zion berufen, vor» deren Konferenz hoffentlich Herr To ms ch i k berichtet hat. auch nicht aus'Leon Blum, Oskar Coh»», Mac Do»»ald und Henderson, sondern einfach auf das von den jüdischen Händen und Köpfen in Palästina geschaffene Werk, das mit echte»»», aufrichtigem und menschlichen» Sozialismus jedc»»falls »»»ehr zu tun hat als sogar die „Arbeiterzeitinn'g". Der Antisemitismus dieser Marke hat seine Front in die Richtung des Zionismus verschoben. Die „Arbeiterzeitung" ist natürlich sehr besorgt um die Araber. Sie weiß genau, daß ihnen Weizrnam» und Sokolow die Freiheit in Arabien gönnen. Der Vatikan uixb die Efstndis werden diese Bundesgenosse,»- schuft gerne begrüßen. Wozu zerbricht sich dieser O. L. aber gar so sehr den Kopf. Es kommt ja schließlich doch'nur die „Utopie" heraus. Davon haben wir schon vor 30 Jahren gehört, Für die landwirtschaftliche Versuchsstation. Wie wir erfahren, hat Baron Louis Rothschild (Wien) dem Keren Hastssod den Betrag von 6000 Pfund gewidmet »nst der Bestimmung, daß diese Sun»n»e für den Ausbau der unter Leitung von Professor Otto Marburg stehenden landwirtschaftlichen Versuchsanstalt in Tel- Awiw verwendet lverde. Die Jüdische Telegraphenaflentur hat ihre Tätigkeit lvähre»ch des Kongresses nach Wie»» verlegt; ihre Bureaus befinden sich im Kongreßgebäude (Konzerthaus). Der Direktor der Jüdischen Telegraphenagentur, Mr. Grobmann, ist persönlich in Wien arttvesend und leitet hier die Tätigkeit der Agentur. -* - 1 Lie Parteien der Kongresses. Es ist an der Zeit, die einzelnen Gruppen, welche am 14. Zionistenkongretz vertreten sind, genau kennen zu lernen und ihre Programme klar zu umschreiben. Nur so wird die Oeffentlichkeit ein Bild der Strömungen innerhalb des Zionismus erhalten. Wir werden auf Grund von Gesprächen mit den Führern der einzelnen Parteien und Fraktionen von rechts und links dieses Bild zu zeichnen versuchen. 1. Vereinigung radikaler Zionisten (16 Mitglieder). Die ehemalige Konferenzgemeinschaft radikaler Zionisten, welche in Berlin zum Zwecke einer gemeinsamen Aktion auf dem Kongreß gegründet wurde, hat he Wien ernste Beratungen abgehalten, deren Ergebnis in der „Wiener Morgenzeitung" vom 20. d. veröffentlicht wurde. Es ist festzuhalteu, daß Jabotinsky und seine Gruppe an dieser Konferenzgemeinfchaft nicht mehr teilnehmen. Die Revisionisten der Richtung Jabotinsky schieden ans, nachdern sich seit beit letzten Erklärungen des Aktiv nskonritees in Sachen der Jewish Agency die Grundlage der Konferenzgemeinschaft verschoben hat. Die neue oppositionelle Gemeinschaft führt jetzt den offiziellen Titel „B e reinigung radikaler Zionisten". Das Präsidium besteht aus den Delegierten Grünbaun», Soloweit s ch i k und W a l d m a n n (Wien). Herr Dr. Israel Wald mann äußerte sich über die wichtigsten ihm ' von einem Mitglied unserer Redaktion vorgelegten Fragen wie folgt: In Sachen der Jewish Agency stehen wir nach wie vor auf dem Standpunkt, daß die Erweiterung der Agency, wie sie vonunserer Zionistischen Exekutive bisher betrieben wurde, eine Schwächung des zionistischen Bewußtseins involviert und öle Bedeutung der Zionistischen Organisation herabzudrücken geeignet ist. Wir sind nach wie vor der Ansicht, daß die Erweiterung der Jewish Agency nur auf demokratischer Basis möglich ist, so zwar, daß die gewählten Mitglieder des Council eine kollektive Verantwortung ihren Wählern gegenüber übernehmen. Sollte die Exekutive in der Frage der Erweiterung der Agency im Sinne der letzten Erklärungen des Mions- ---. Pelzwen / Fürs / Fourrures Hautes NouveautSs Moriz FLEISCHMANN WIEN. I.. GRABEN 28 Telephon-Nummer 68-4-79 51 komitees Vollmacht verlangen, so werden wir dagegen stimmen, daß die Vollmacht in bianco erteilt werde. In Konsequenz unseres Standpunktes müssen wir fordern, daß die Konstitution des Councils von dem hierzu allein legitimierten Zionistenkongreß ratifiziert wird. Dem möglichen Einwand, daß hiezu allzu viel Zeit nötig wäre, setzen wir folgende, gewiß zutreffende Erwägung entgegen: Angesichts der. langsamen Behandlung des Problems seitens der nichtzionistischen amerikanischen Palästinafveunde, angesichts des Umstandes, daß auch in den anderen sechs in Betracht kommenden Ländern erst die Voraussetzungen für die Zusammensetzung des Councils geschaffen werden »Nüssen — Verhandlungen, die bestimmt längere Zeit in Anspruch nehmen —, ist nicht zu ertvarten, daß der Council vor dem Ablauf von weiteren zwei Jahren wird zusammentreten können, also zu einem Termin, welchen» der nächste Zionistenkongre ß, welcher jedes zweite Jahr tagt, vorangehen wird. Es ist daher auch zeitlich die Möglichkeit vorhanden, ohne Schaden für die gedachte Jnstitlltion die Konstitution derselben dem nächsten Kongreß vorzubehalt e n. Sollten sich die Dinge rascher entwickeln, was gewiß zu begrüßen wäre, dann kann ja, um eine Verzögerung zu verhindern, ein außerordentlicher Kongreß oinberufen werden. In Sachen der zionistischen Politik stehen wir auf dem eigentlich selbstverständlichen Standpunkt, daß wir die uns unter völkerrechtlichen Garantie im Mandat eingeräumten Rechte auch tatsächlich ausüben müssen, das heißt, daß die uns zugestcherten Letzte Kurse. Nerv-Aork. 20. August. (Tel.-Komv.) Berlin 33.8b., London Kabel 4.857g, London Scheck 4.82, Amsterdam 40.28. Paris 4,72, Brüssel 456*/., Rom S.61‘/„ Madrid 14.42. Zürich 19.39, Stockholm 28.88, Oslo 18.86, Kopenhagen 22.95. Men 0.14. Budapest 0.14. Prag 2.96»/«. Belgrad 1.79'/., Athen 166»/,. Buenos Aires 407„. Rio de Janeiro 13.25. Bukarest öl*/«- Amerikanische Getreidemärkte. New-Boch» 20. August. (Tel.-Komv.) Wetzen rot Winter 1707., Wetzen hart Winter 176»/.. Mats 1207,. Hafer 497„ Roggen 1167». v m , _. , „ «Mgo, 2a August. (Tel.-Komv.) Weizen pW September 1597.. Deze»nber 159-/.. Mai 1887,: Mai? per September Ml/,. Dezember 87»/. Mai 89»/°* Hafer per September 4Q*/4J ber 43»/g, Mai 47'/,; Roggen per September 104»A, B« 4«, »MWI UI /J, 107»/,. Mai US. FRAN2 ZELLER LCOtRWARE N* FABRIK WIEN VW - TIGERGA«E l/tz SPEZIALIST IN ECHT VULKAN-FIBER-KOFFER politischen und wirtschaftlichen Möglichkeiten in vollstem Ausmaß einzuräumen sind. Der gegenwärtigen Leitung ist vorzuwerfen, daß sie ein System des Berzichtens beobachtet. Wir vermissen die konsequente, nachdrückliche Betonung unserer Rechte sowohl vor dem Forum der ö f f e n 1 l i ch e n M e i n u n g als auch ganz besonders bei den für die Durchführung der Beschlüsse des Völkerbundes verantwortlichen Regierungen. Persönlich glaube ich, daß die der gegen- -wärtigen Leitung zur Last fallende Entpolitisierung der Zionisten bereits viele Möglichkeiten vernichtet hat. Sehr bedauerlich ist es', daß zum Beispiel der Beschluß des 13. Kongreffes, in Amerika eine zionistische politische Expositur zu schaffen, nicht durchgeführt wurde. In der Ernennung des Lord Plumer znnr High Commissioner, ohne zuvor die Zionistische Exekutive zu Rate gezogen zu haben, ist eine Verletzung des Mandats zu erhlicken. Der Kongreß ist nicht, wie das Parlament eines Landes, eine Zwangsorganisation, sondern eine freiwillige Körperschaft. Wir müssen verlan-- gen, daß sich der Führer dieser freiwilligen Obersten Behörde der Diagonale anpaßt, welche sich aus den Anschauungen der einzelnen Gruppen ergibt. Weizmann, der zionistische Führer, kann sich nicht auf den Standpunkt stellen, daß er mit der von ihm vertretenen Ansicht steht und fällt. Es ist außerordentlich erfreuliche daß Weizmann in fernem Verantwortungsgefühl die Fähigkeit gezeigt hat, sich der Diagonale der Meinungen anzupassen. Er hat es durch die Aenderung feiner Haltung in der Frage der Jewish Agency bewiesen und durch die Rode bekräftigt, welche er anläßlich seines politischen Berichtes in der zweiten Sitzung des 14. Zionistenkongvessts gehalten hat. Wir «weisen daher die Meinung zurück, als ob es sich bei der Bildung der neuen Opposition um die Frage „Für und gegen Weizmann" handelte. Es ist vielmehr ein Kampf grundlegender Auffassungen, und es geht darum, daß die von uns vertretene Richtung in der zukünftigen, unter Weizmann stehenden Regierung berücksichtigt wird. Die komplizierte Frage de's Aufbaues würde eine gesonderte Behandlung in diesem Blatte beanspruchen. Ich verweise auf unser programmatisches Communique und glaube durch folgende Feststellung unseren Standpunkt umschreiben zu können. Rentabilität des Aufbaues und Mißwirtschaft sind zwei Begriffe, zwischen welchen nicht mit der erforderlichen Deutlichkeit unterschieden wird. Für Rentabilität um jeden Preis" sind wir nicht zu haben. gibt sehr Wohl unrentable Ausgaben, welche im Hinblick auf den Endzweck zu billigen sind, ja unumgänglich nötig sind. Mißwirtschaft hingegen, auch die geringfügigste, ist nicht zu billigen. Wir sprechen ferner der Privat! n'itiave das Wort. Aber wr verlangen, daß je»»e Privatinitiative, welche von zionistischer Seite auch nur moralische Unterstützung genießt, durch die Zionistische Organisation kontrolliert wird und bleibt. 2. Die Stellungnahme der Fraktion Misrachi (45 Delegierte). Der Obmann der misrachistischen Gruppe gm Kongreß Herr Dr. Barth äußerte sich über die Äellungnahme seiner Fraktion, die sehr eingehende Beratungen in Wien gepflogen hat, zu den Kongreßfragen wie folgt: Als die beherrschenden Probleme des Kongresses halten wir die Frage der Jewish Agency sowie die Erledigung de's Budgets. In bezug auf die Jewish Agency .sind wir unbedingte Anhänger der raschesten Erweiterung der Jewish' Agency, so daß sie einen möglichst großen Teil des jüdischen Volkes repräsentiert, also eine wirkliche „jüdische Agentur" ist. Wir werden für alle Anträge stimmen, welche eine möglichst breite Basis bezwecken. Es ist deshalb auch für uns die Frage eines Provisoriums gar nicht wesentlich. Wir sind.mit jedem Definitivum einverstanden, sofern alle Kreise und alle Schichten zur Bildung der erweiterten Ageneh herangezogen werden und nicht bloß einzelne. Allerdings war es nach unserer Meinung sin Fehler, von dem geplanten Weltkongreß abzukommen, für dessen Einberufung wir uns mit allen Kräften eingesetzt habtzn. Da der Weltkongreß nlK zussssmmrm'