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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-19 · Heft 2332 (19.8.1925) · p. Seite 8

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2332 (19.8.1925)
Date
1925-08-19
Page
Seite 8 (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Dien, Mittwoch Wiener M-e-enzeitttns 19. August 1925 «b Lyoner Seidenbaus s""" """ I I, ROHLMISS1RQASSI ) (vit«ä-vis Hotel Metropole) 472 > Sommer tünmangf verkant > Chröpe de Chine, BohseldenMe, Fonlarde, H&rocalne In herrlichen Farben und Dessins zu ko&knrrensloaen Prelaen f Spe^ Stet» reichhaltiges Lager aller Arten Seldeneehal» Der Tttaßenradau der Hakenkreuzler. Neuerliche Lemouftratiousverfuche. — Ae Krrrdeute« vom Montag verurteilt. Die am Montag versuchten antisemitischen Demonstrationen wurden auch gestern abends fortgesetzt. Gegen 6 Uhr begannen sich völkische Elemente, meist Jugendliche, darunter auch viele Mädchen, vor der Votivkirche, der Universität, bei der Bellaria, insbesondere aber am Sch.varzenberg-Platz, anzufamurciln. Die an allen Straßenkreuzungen postierte SicherheitÄvache sorgte für die Aufrechterhaltnng der Ruhe und Ordnung und duldete keinerlei größere Ansammlungen. Einzelne Gruppen versuchten wiederholt, gegen das Konzerthaus, wo der Zionistenkongreß tagte, vorzudringen, wurden aber an diesem Vorhaben durch die Wache, dir um den Platz vor dem Gebäude einen Kordon gezogen hatte, immer wieder znrückgewiefen. Einzelne Personell, die Widerstand leisteten, wurderr verhaftet. Die angesammeltelr Demonstranten zogen dann, das Aussichtslsose ihres Beginnens erkennend, über die Ringstraße zum Votivpark, wo sie die Wache zum Auseinandergehen aussordcrte. Auch hier wurden viele Demonstranten wegen Widersetzlichkeit gegen die Wache arretiert. Die Völkischen beschimpften die Wachleute, gingen auch gegen sie vor, machten auch sonst viel Radau, wobei sie sich mitgenommener Pfeiferl und Sirenen bedimtm. In der Babenberger st r a ß e. hinter dem R a thause sowie am Getrerde markt kam es zu stürmischen Austritten zwischen den Demonstranten und der Wache, die auf Lastautomobilett nach den gefährdeten Punkten gebracht wurden. lieberall gelang es der Wache bald, die Exzedenten ause-inanderzutreiben. Insgesamt wurden gestern 70 Personen von der Polizei verhaftet. Der amtliche Polizei bericht besagt hiezu: Gestern in den Abendstunden kam es an verschiedenen Stellen der Ringstraße als auch auf dem Karlsplatz und auf dem Schillerplatz wiederholt zu Ansammlungen von Zumeist jugendlichen Personen. Die Sicherheitswache war stets zur Stelle, drängte die Demonstranten ab und zerstreute sie. .Hiebei wurden 70 Personen wegen Auflaufes, Wachebeleidigung und polizeiwidrigem Verhalten angehalten. Die Angehaltenen wurden dem Bezirkspolizeikomm iffariat Innere Stadt überstellt, woselbst gegen sie die entsprechende Polizeiliche, beziehungsweise gerichtliche Strafamtshandlung eingeleitet wurde. 132 Verhaftungen. Die Zahl der anläßlich der vorgestrigen Acrsschreitun-- gen Verhafteten ist rm Laufe der Nacht auf 132 augestiegen. Me Verhafteten wurden, unbeschadet der Anzeige, an die zuständigen Gerichte polizeilich zu acht bis vierzehn Tage verurteilt, die sie ohne Stvastmjischub sofort abfitzen müssen. Bei mehereu Arretierten, unter denen sich awch Ausländer befanden, wurden Revolver, Schlagringe, Eisenslücke und große Steine vovgefunden. Einer ckrug zwei geladene Retzolvex.samt.ResevvsmuMtion bei sich. * r- Die Verletzten. Unter den Verletzten befindet sich keiner, der lebensgefährlich verwundet wäre. Die von einem Blatt gebrachte Nachricht, daß zwei der Verletzten gestorben seien, bestätigt sich nicht. Soweit bisher festgestellt werden konnte, wurden im Verlaufe der Demonstration 21 Sicherheitsbeamte durch Stoinwürse, Fußtritte, Stockhiebe, Messerstiche verletzt. Außerdem erlitten 15 Dienst- Pferde der Sicherheitswache durch Gteinwüvfe und Messerstiche Verletzungen. ' " -' Cine Erklärung Dr. Rameks. Bundeskanzler Dr. R a m c! hat abends die Vertreter der Presie zu einer Konferenz gebeten, in dev er folgendes ausführte: „Ich habe Sie heute zu mir gebeten, um der Presie Mitteilung zu machen, welchen Standpunkt die Bundesregierung zu den Ereignisien der letzten Zeit einnimmt, die in der gestrigen Demonstration ihren Schlußpunkt — hoffentlich ist es der Schlußpunkt — gefunden haben. Die Bundesregierung hat die Abhaltung des diesjährigen Zion ist enkongresseS in Wien genehmigt. Als das Ansuchen des Exekutivkomitees um Abhaltung des Kongreßes in Wien bei der Bundesregierung einlangte, hat der Mini st er rat diese Angelegenheit wohl erwogen und beraten und mit Rücksicht ans das Vorhandensein gewichtiger Gründe dem Ansuchen einmütig Folge gegeben. Die zionistische Bewegung hat 'heute internationalen Charakter und ist eine Angelegenheit, die unter dem Schuh des BSttervundes steht, dem ja auch unsere Republik als Mitglied angehört. Alle Staaten bringen dem Zionismus großes Interesse entgegen und haben daher in früheren Jahren nie die Aohaltuirg des Kongresses in ihren Hauptstädten abgelehnt. Aus diesen Gründen hat die Regiermig dem Ersuchen des Exekutivkomitees Augestimmt. Hierbei konnte die Bundesregierung dem friedliebenden Charakter der Oesterreicher, vor allem der Bevölkerung Wiens, in dessen Mauern der Kongreß tagen sollte, vertrauen, wpferne nicht in die Bevölkerung künstliche Aufregung hineingetragen würde. Leider ist dies geschehen. Meine Herren, ich will jetzt lediglich Tatsachen anführen, wie sie vorgefallen sind. Nur registrieren will ich sie, um aus ihnen Schlußfolgerungen für das weitere Verhalten unser aller abzuleiten. Ich brauche dabei nicht zu betonen, daß es mir ferne liegt, Oel ins Feuer zu gießen, ist will lediglich als der verantwortliche Leiter der Regierung in ernster Zeit Beruhigung schaffen. Zuerst halben die Nationalsozialisten planmäßig eine Erregung in der Bevölkerung Hervorrufen wollen. Ich erinnere daran, daß man von dieser Seite die Behauptung ausgestellt hat, cs würden 90.000 Juden, darunter 25.000 aus den östlichen Ländern, nach Wien zum Kongreß kommen, von den letzteren würden 20.000 gar nicht in ihre Heimat zurückkehren, sondern hier blei^ii, um in Wien die Herrschaft über Oesterreich zu gewinnen. Nie ist eine so riesige Teilnehmerzahl in Frage gekommen, kein Unberufener hat arr eine I in nt igrati 0 n von Juden aus -diesem Anlaß gedacht. Später griff diese Erregung auch auf andere Kreise der Bevölkerung Wiens über, die sonst mit den Nationalsozialisten nichts gemein ha^n. Die Ursache hierfür liegt honte klar zutage. Die Angriffe der Nationalsoziali st engegen den Kongreß wurden nämlich in eiuenl Teile der Wiener Presse n> i ch t m i t entsprechender Ruhe ausgenommen. Vielfach wurde von einem Teil der Presse erklärt, daß die Bundesregierung mit den Mehrheitsparteien die Fühlung verloren habe und daß vor allem ein Teil der christlichsozialen Partei, insbesondere Dr. Seipel, den. Versuch unteruohnre, durch eine intrigant« Politik die Stellung der gegenwärtigen Regierung zu unterwühlen. Ich stelle fest, daß diese Behauptung vollkommen haltlos ist und jeder Begründung entbehrt. Zwischen den Mitgliedern der Regierung und den beiden Mehrheitsparteien besteht eine aufrichtige Freundschaft. Dies gilt vor allem von dein Verhältnis zwischen Dr. S e i p c I und m t r. Mit allem Nachdruck inache ich darauf ausmersam, daß gerade dies« Kampagne von breiten Kreisen meiner Partei mit dem stärksten Unwillen verfolgt worden ist. 0ie erklärt zum guten Teil die Erregung, die sich dieser Kreise in der letzten. Zelt bemächtigt und auch in der ch r i >st l i ch s o z i a l e n Presse Ausdruck gefunden hat. Gesteigert wurden alle diese Erscheinungen durch den tragischen Do-d des armen Josef Mohapl, den alle anständigen Leute aller Parteien aufs ttefste beklagt «haben. Die Bundesregierung war jederzeit unablässig bemüht, die 1 Stimmung aus allen Seiten zu besänftigen, dalbei vollste Objektivität -walten zu lassen und den Boden des Gesetzes und der Demokratie nicht zu verlassen. . Ich stelle fest, daß auch die gestrige Kundgebung keiner Partei-und keiner BevölkevungSklasse zuliebe, sondern ausschließlich um der Ruhe und Ordnung willen verboten 'worden ist. CÄ haben trotz des Verbotes Ansammlüngen stattgefunden-. , WaS sich dabei zugetragen hat, brauche ich nicht erst a-uSzuführen. Ich -verweise auf den Gericht der Wiener Polizeidirektion. Es sind gegen die Polizei in der Presie Vorwürfe erhoben worden. Ich habe mir hierüber vom Polizeipräsidium Bericht erstatten blassen und kann feststellen, daß die erhobenen Anschuldigungen unbegründet sind und die Polizei im Interesse der Sicherheit dieser Stadt-nur ihre Pflicht «getan «hat. Unrichtig ist es auch, daß die Bundesregierung jemals die Organisatiotten der verschiedenen Parteien und Gruppen unterschiedlich behandelt hätte. Gesetzwidrigkeiten, die ihr zur Kenntnis gelangen, ist jederzeit mit den gesetzlichen Mitteln entgegengetreten worden. * lieben wir diese Enthaltsamkeit, 'elvatzren wir Ruhe und Disziplin, bestätigen wir den guten Ruf, den wir im Ausland glücklicherweise immer als sin friedliebendes Volk genossen haben, und bereiten wir so eMich den Boden vor, auf dem sich hoffentlich Md die Parteien zusammenfindeu können, um iur Interesse des inneren Friedens und im Sinne wahrer Demokratie Meinungsverschiedenheiten nur mit den Waffen des Geistes Und des Wortes auszutragen. OTTO OTTO Zur Ausübung meiner Tätigkeit habe Ich mich in Berlin niedergelassen und behandle In dem firztlloh geleiteten Tel. Bis«. 3M< O. a». b. H. Tel. Blsu. J6SS Berlin, Kurf Untendamm 62 Behandelt werden mltfirztlioh naohgewleeenen Erfolgen selbst angeblloh hoffnungslose Erkrankungen psychogener Art, wie« GernQU-Leldcn Sprach-Lelden SextuUtfirunden JP1aA**BäsF Im Neurosen Nervfite KopfAft merzen ^jjQgy^usjjr^ Voruntersuchung duroh ärtzl. Autorität tfiglloh von 10—) Uhr Meine BrosdtOre „Die Heilung 4er Seele" 1094 Ist zum Preise von M. 2.— bei obiger Adresse beziehbar Zu diesem gewiß bedeutsamen und edlen Zweck rufe ich die Mitarbeiter der gesamten Presie auf und ersuche Sic, auf die Beruhigung der Bevölkerung mit vollem Ernst hinzuwirken." An die Aussührüilgen des Bundeskanzlers schloß sich ein« Diskussion, in der Bundeskanzler Dr. Ramek die an ihn gestellten Fragen beantwortete. Scharfe Stellungnahme der „Limes". London, 18. August. (Tel. der ,Wiener Movgenzeituug".) Die gesamte heutige Presie berichtet ausnahmslos über die gestrigen Exzesse in Wien, die als schwere Schädigung d c ö Rufes der D o u a u st a d t bezeichnet werden. Die „Times" enthalten einen ausführlichen Bericht ihres Wiener Korrefpondenteu, der die hoffnungslosen Versuche der duldsamen Polizisten beschreibt, die Ordnung aufrechtzuerhalten gegen den Pöbel der Stadt, der unter dem Vorwand des Antisemitismus zusammenströmt. Eine Stunde lang tat die Polizei ihr Möglichstes, um Zusammenstößen vorzubeugen und die Verbindung der verschiedenen Gruppen zu verhindern, aber gegen 8 Uhr wurde die Bewegung den Polizisten ztl stark, da der Pöbel zahlemnäßig iveit überlegen war. Der Korrespondent sagt, der Kongreß selbst sei noch unbehindert, aber einzelne Personen seien wiederholt belästtgt worden, und er lbe zeichnet cs als außerordentliches Ereignis, daß in einer Stadt wie Wien hauptsächlich der aus jungen Leuten bestehende Mob trotz der Regierung und der Polizei Herr der Straßen sein könne, der Autos und Straßenbahnwagen a n h a l t e n und -daraufhin untersuchen könne, ob sich Inden -darin befinden. Die vom Polizeipräsidenten zugesagte Strenge und die von Ierzahek versprochene Rühe fehlten. Die Teilnehmer der Kundgebung seien jünge Leute, Studenten, aber es seien auch viele darunter, die bloß aus die Gelegenheit des RaubenS lauern. Zwar wird jetzt die ganze Polizei konfigniert, aber wenn das Verbot,, die Kundgebungen äbends zu vevanstalten, vor einer Woche ausgefertigt'wovdeu ivärc, hätte dies den Konflikt unmöglich gemacht. Eine Wiederholung des Bolkstages? Der Vollzugsausschuß der -deutschvölkischen VeMnde Hai beschlossen, allen christlich-deutschen Parteigängern dringendst zu empfehlen, v>on wilden Kundgebu-ngen abzusehen, da diese zumeist von Gegnern der dcutsch-christlichen Bewegung zu ihren Zwecken auSgenützt werden. Eine Wiederholung des am Montag geplanten Wiener PoMtages ist für einen der allernächsten Tage in Aussicht genommen und e's wird die für heute anberaumte Sitzung des Vollzugsausschusses darüber noch endgültig Beschluß fassen. Eine antisemitische Lüge der „Wiener Stimmen". Die Wiener Stimmen" bringen in ihrer Besprechung der Ereignisse des gestrigen Abends unter dem Titel „Die Erregung det Bevölkerung" folgende Mttteilnüg: „Insbesondere wird Beschwerde gesiihrt über das Vorgehen des Kommandanten der berittenen Wa-che, des Hofrates Pvllak, der immer als erster in die -dichtesten Meuschenmassen hineins'prengte und das Zeichen zum Angriff der berittenen Wachen gab. Sein Vorgehen wird als nu-crhört brutal b^eichnct, und zahlreiche Zeugen, welche sich deu Vorgesetzten Stellen des Hofrates Pollak bereitwilligst zur Verfügung stellen, machen diesen Polizeisunktionär direkt für die gestrigen Zusammenstöße verantwortlich. Es wird überhaupt als Herausforderung «bezeichnet, daß man bei antisemitischen Demonstrationen ausgerechnet einen Indetr a!ls obersten Kommandanten der Wa>che fungieren läßt. Hoftat Pollak ist Angehöriger einer als radial bekannten -judenliberalen Verbindung." Gegenüber dieser tendenziösen Meldung stellt die Polizeidirektion fest, daß Hofrat Dr. Pollak überhaupt nichtin derSicherheit'swache dient,.seit Jahren keinen Exekutivdienst versieht und sei-t dem 1. d. auf U r l a u b weilt. Die kaisertreue Bolkspartei. Von Oberst Wolfs, dem Führer der „kaisertreneü Völkspa-rtei", erhalten wir folgende Mitteilung: Während gestern abends der Bürgerkrieg in Wieir tobte und -die Polizei gezwungen war, gegen zahlreiche Exzedenten einznschveiien, nahm die von der „kaisertreuen Volkspa-rtei" -vemnstaltete Gedächtnisfeier anläßlich des 96. Geburtstages des früheren Kaisers Franz Josef des Ersten einett ebenso stillen wie würdigen Verlauf. Eingeleitet wurde -die Feier durch einen Besuch im Schloß Schönbrunn, wovatt sich daun eine Festversammlung im Dreher-Saal anschloß, bei der Oberst Wolfs in seiner Festrede auf die große Bedeutung de's Friedenskaisers hinwies und ausführte, daß damals schon der Radauantisemitismus Dr. Schönerers und Konsorten das Ung'lück des Staates gewefettsei. Hettie fand in der Kapuzittergrust eine Gedüchtnismesie statt, bei der Oberst Wolfs an die zahlreiche Versammlung eine Ansprache hielt, in der er ausführte, daß der herttige Tag int Sinne der Tradition Franz Josefs des Ersten eine Versöhnung aller Rassen und Klassen etnleiten Mög«e, was um so nottvendiger wäre, als gerade in letzter Zeit selbst aus konservativen Kreisen in unverantwort« licher Weise eine Straßen Hetze inszeniert werde.

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