Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2332 (19.8.1925)
- Date
- 1925-08-19
- Page
- Seite 7 (sequence 7)
- Language
- German
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9tt. 8332_Wien, Mittwoch Sie Verkörperung der Idee. Von Ludwig Baio. Die Juden, dieses alte Wandervolk, besitzen in ihrem Schrifttum eine reichhaltige Reisebibliothek. Schon im Mittelster, als das Reisen mehr als beschwerlich war,'greifen öeujamin aus Tudcla, Petachja aus Regensburg, Owadja ms Bertinoro und viele andere mehr zur Feder, um über hre interessanten und abenteuerlichen Fahrten zu berichten. Oer Wandertrieb ist auch später nicht ansgestorben. Eine Vst unübersehbare Reihe von Reiseschriftstellern reicht »on diesen Reisenden bis Ludwig August Frankl, der guten, titelt liberalen Zeit und bis Elkan Adler am Eingang tteses Jahrhunderts. Gewissermaßen im Mittelpunkt all dieser Schilderunsen ftcht unverrückbar Erez Israel, das mit magnetischer Ikvast seine über den Erdball zerstreuten Kinder anzieht. Luch in der neuesten jüdischen Literatur fehlt es nicht an Suchern über Palästinareisen. Das mächtig vorwärts- Ichreitende Aufbauwerk vervielfacht die Zahl der Palätinafahrer, und so mancher, der die Feder meistert, hat ms ein Rei-sebuch über das jüdische Land beschert. Die neisten von ihnen gingen mit leichtem Reisegepäck, unbechwert durch Ideologien und Kenntnisse, in das Land, über ns sie zu schreiben beabsichtigten. Einen ganz anderen Typus des Reiseschilderers stellt Hugo Herrmann dar, ideffen Palästinabuch „E i n e verde n d e W e 11" *) vor kurzem erschienen ist. Ihn niterscheidet von den meisten anderen vor allem das Wissen um die Dinge. Hugo Hervmann hat zwansig Jahre seines Lebens der zionistischen Sache gewidmet, lnd als er an einem schönen Sommtertag des Vorjahres rach Erez Israel fuhr, da war ihm das Land, das er mit einen.leiblichen Augen noch nie gesehen hatte, durchaus licht fremd. Er kannte es, ohne es je erblickt zu haben, ritt seinen Bergen und Tälern, Menschen und Ideen, Problemen und Krisen. Er betrat nicht ohne Vorausetznng palästinensischen Böden, er war vorbereitet und 'orderte gewissermaßen Rechenschaft von dem Lande, dem nc die besten Kräfte seiner Jugend geopfert hatte. Er wollte ich mit eigenen Augen davon überzeugen, in welcher Weise ich die Idee, der er dient, im Lande verwirklicht hatte. Es sei gleich vorweggenommen: Er hat kerne Entäuschuug erlebt. Im Gegenteil. So gewann Palästina tt Hugo Herrmann einen sachkundigen Führer, der uns nit sicherer Hand durchs Land geleitet. Nicht nur durch seine Fluren und Aecker, seine Werkstätten und Siedlungen, auch mrch seine Jdeoen und Perspektiven für die Zukunft. Nichts mtgeht seinem liebevoll spähenden, aber strengen Auge, kein ftcktor des jüdischen Lebens bleibt unerörtert, alles findet n seinem Buche eine anschauliche Schilderung. Mit lebensiger Kraft läßt er das Leben im Lande vor uns entstehen: km dem alltäglichen Wohnen und Essen bis zur Frauentage, von dem Araberproblem bis zur Geselligkeit, von der bvÄswirtschaft bis zu der bei uns so ungemein verwickelten ssrage der Religiosität, von dem Leben der Chaluzim bis >Um Sabbat in Tel-Awiw. Er ist bestrebt, sachlich zu sein, ja, er wird manchmal, nie in der Arabersrage oder bei der Beurteilung des Vertes der Politik vielleicht zu sachlich. Aber seine Kritik st immer gerecht, auch wenn er nicht ansteht, die neue aläftinensische Baukunst oder das Theater aufs schärfste n verurteilen. Er ist nirgends überschaumend, himmeLhochjauchtzend, »ielleicht aus Selbstdisziplin, vielleicht weil er den ganzen liufstieg des Landes von den Anfängen Dag für Tag m ier Diaspora miterlebt und miterkämpft hatte. Aber durch äs ganze Buch zittert seine verhaltene Freude an dem, vas er im Lande miterleben durfte, er ruft seine Bejeisterung nicht in die Welt hinaus, er läßt sie fast unbenorkt durch die Kraft feiner Schilderung den Leser mitrleben. Nur wenn er über die Kinder des Landes, die ünftige Generation in Palästina, spricht, verlaßt ihn die Sachlichkeit; da geht ihm das Herz über. Niemand, der dieses Buch zur Hand nimmt, wird sich einem Einfluß entziehen können. Jedem, auch dem Skeptichesten, wird es — außer einer Fülle von Wissenswertem rnd ausgezeichnetem Material — etwas von dem Glauben »es Autors schenken, von dem Glauben an die Zukunft des taandes und seiner Menschen. Und jeder wrrv tyn oeireisen, wie er aus der Rücksährt mit Ingrimm und Wehuut der reichen Juden gedenkt, die, ach! so wenig für die Zukunft des Judenvolkes, die in der. alten'Heimat erbaut vird, übrig haben. Es dauert ihn, daß sie nicht begreifen iönuen, daß sich in Palästina vor unseren Äugen etwas mechört Großes vollzieht: Die Verkörperung einer Idee. Aas Technikum. Bon Leo Kohn (London),. Sekretär des Kuratoriums des Technikums. Das Lehrprogramm des Technikums in Haifa in der 5ovm, in der es in diesem Frühjahr eröffnet, wurde, stellt den irftcn größeren Versuch zur Losung des PrMems der beruflichen Fortbildung der schulentlassenen Jugend des jüdischen Palästina dar. Gemeinsam mit der in ihrem Lehrplan bereits ins diie technische Berufsbildung eingestellten Realschule wird jier ein Erzichuugssystem geschaffen, das, mit dem schulpflichtigen Aller beginnend und bis an das Berussalter hinfiihrend, Daraus hinzielt, der neuen Generation Palästinas eine Berufs- und Charakterschulnng zu geben, die sie zur produktiven llrbeit am Aufbau des eigenen Landes befähigen soll. Das Bildungsziel der Anstalt ist gegenwärtig ein -doppeltes. Sie besteht ans einer Oberstufe, in der in dreijährigem *) ./Sine werdende Welt", Reiseeindrücke ans Pa- Mma. 19R, Verlag Dr. Joses Flesch, Prag. Wiener Morgenzeltitrrs Pianos p. EHRBAR pianos WIEN >d Niederlage: Hauptbureau: I. Parkring 18 — Tal. 73234 IV. Mdhlgasse 30 — Tel. 53468 theoretischen, durch praktische Ausbildung ergänzten Lehrkurs eine systematische höhere Ausbildung in den technischen Hauptfächern, beginnend zunächst mit dem Baugewerbesach, gewährt wird, und einer Unterstufe, die den Charakter einer Werkschule für bereits im Berufsleben sichende Arbeiter trägt. Man ist bei der Festlegung dieses Lehrprogramms naturgemäß von den aktuellen Bedürfnissen des Landes ausgegangen. Es ist aber klar, daß sich diese in einem neuen Lande, das sich sehr rasch und unter der Einwirkung sehr verschiedenartiger und oft gegensätzlicher Faktoren entwickelt, nicht immer eindeutig bestimmen lassen. Als man vor zwei Jahren bei Beginn der Dorbereitungsarbeiten die Bedürfnisse der Landesentwicklung aus dom Gebiete des technischen Erzichungswesens durch eine Enquete unter den Techniker- und Ar'beiterkveisen feftzustellen suchte, ergab diese, daß das dringendste Bedürfnis des Landes nicht so schr in der Heranbildung hochqualifizierter Techniker und Ingenieure als vielmehr in der Schulung tüchtiger Werkmeister und Vorarbeiter und Herausbildung guter und den Verhältnissen des Landes an gepaßter Arbeitsmethoden bestehe. Weitere Nachprüfungen haben erwiesen, daß das Bedürfnis nach gut ausgebildeten und insbesondere aus die lokalen Arlbeitsprobleme und Arbeitsbedingungen eingestellten Ingenieuren nicht weniger dringend ist als das nach geschulten Werkmeistern. So hat die Anstalt in ihrem Hauptlchrziel doch schließlich den Charakter eines Technikums in dem hergebrachten Wortstnne angenommen, während dem Bedürfnis nach der Ausbildung von Werkführern und Vorarbeitern durch eine gemeinsam mit der Realschule geführten, zunächst auf das Baugewerbefach beschränkten Fachklasse Rechnung getragen wird und die berufliche Fortbildung der Arbeiter in Form von Abendkursen nach dein Prinzip der Arbeits- und Werkschule organisiert ist. Die Anstalt, die heute eine Reihe 'der tüchtigsten Männer Palästinas in chrom Lehrkörper vereinigt, ist sicher eine der zukunftsreichsten des Landes. In dem Maße, wie Palästina und die Nachbarländer des nähen und mittleren Ostens sich wirtschaftlich entwickeln, wird das Bedürfnis nach gut qualifizierten Technikern aller Zweige und Grade ständig wachsen, und das Haisacr Institut ist zweifellos dazu bestimmt, durch seine Zöglinge auf ötefe Entwicklung einen entscheidenden Einfluß auszuüben. Entscheidender aber noch wird gerade im ersten Stadium ihr volkserzieherischer Einfluß in der Gestaltung des neuen jüdischen Menschen Ar Palästina sein. Sie ist das <5rste wirkliche höhere Lehrinstitut in'Palästina, das erwachsene Menschen zur beruflichen Betätigung im technischindustriiellen Aufbau -des Landes erziehen will. Berufserziehung ober ist mehr Äs bloße Fachausbildung. „Der Berns ist kein Sektor, der aus dem Kreise der ganzen Kultur herausgeschnitten wäre, sondern er liegt Amerhatb des Kultuvgcmzsn, rm8 in stets sich erweiternden Kreisen führt von der speziellen Kulturaufgabe diie Bildung zu einem umfassenden Kulturverständnis. Dadurch wird die Bildung für den Beruf zugleich eine Bildung durch den Berufs (Spranger.), Offener noch als in der Universität Kafft in dem Bildungswevk des Technikums der Gegensatz zwischen Ost und West. So erwächst auch hier die gleiche Forderung geistiger Synthese, die aus diesem Spezialgebiet vielleicht noch viel problematischer sein wird als in der rein geistigen schäre der Universität. Palästina kann -gewiß nur mit den Methoden moderner Technik erschlossen und wiederaufgebcmt werden, aber sein Aufbau verlöre jeden Sinn und bedeutete nur eine Steigerung unserer nationalen Tragödie, wenn er uns zu Trägern der Mechanisierung des Ostens machte. The Jewlsh Hlm Je Mess City“ Der Jüdische Film Die Stadt ohne luden The plctare whtch m«de money In all moTiea To shoN the monopol-rights, kor the various terrltorles of the world To ask for the manager: Mr. Joseph Ronrönyl Vienna, II., KomBdlengaase 1 Der Film der in allen Kino> iheatern, In welchen Ä vortfe* Kihrt wurde, aasverkaufie Häuser machte Monopolrechte für verschiedene Staaten und Länder der Wett, noch zu verkaufen Details bei: 426 Direktor Josoph Remönyi Wien, II., KomHdlengasse 1 Re Jude« in Alt-Rumönie». (Aus einem Gespräch mit Dr. Jchuda Wilenski.) Ich freue mich, konstatieren zu können, daß die Juden Rumäniens trotz alter WiderUvörtigkeiten der letzten Zeit nicht den Kopf verlieren. Einerseits wird mit gehörigem Nachdruck bei der Regierung und dem Parlament interveniert, andererseits wächst, was wichtiger ist, die Zahl derer unter den Inden, die den Ursprung des rumänischen Antisemitismus wohl verstehen und ihn noch aus andere Weise äls mit den gewöhnlichen Abwchvnritteln bekämpfen. Es macht sich bei den Juden Rumäniens ein intensives nationales Empfinden bemerkbar, das bei aller Loyalität gegen den Staat die nativnalte Organisierung der Judenheit Rumäniens auf dem Gebiete der jüdischen Kultur und der sozialen Selbsthilfe ermöglicht. Das Judentum in Rnnväirien ist ja noch jung, ihm fehlt noch diejenige politisch-nationale Schulung und Differenzievung wie etwa im gewesenen Rußland. Die Juden Rumäniens sind gute Juden mit eineni wachen Gefühl für jüdische Dinge und den Ausbau Palästinas. Wir sind jetzt Zeugen einer jüdischen Renaissance in Rumänien, wie wir sie seinerzeit in Rußland erlebt haben. Der Wiedergeburtsgedanke findet nicht nur bei der Jugend, sondern rn fast eben demselben _i9. August 1925_ Maße auch bei der älteren Generation Widerhall. Es existiert eine verhältnismäßig starke Tarbuth-Bewegung, es besteht ei« starker Drang nach einer guten zionistische« Orgattisation, was alles ein Beweis ist, daß sich -das r»nOnischtz Judentum auf dem richtigen Woge befindet. ■> Sind Sie mit dem Erfolg Ihrer Arbeit füv den K sr^e« Hajeffod zufrieden? Obzwar ich mit dem Erreichten nie zufrieden und' der Ansicht bin, daß wir mit besseren Pvopagandamitteln und mehr Menschen weit mehr erreichen könnten, so muß ich dennoch, sagen, daß die Juden Rumäniens bei den gegebenen Verhältnissen für den Keren .Hajcssod sehr viel geleistet haben. Wenn das kleine Altrumänien mit 260.000 Juden in der Tabelle des Keren Hajessod an siebenter Stelle der Länder der Welt steht, wenn es in einer Zeit noch nie dagewesener Krisen in diesem Jahr um 3 Prozent mehr als im vorigen Jahr (207 Millionen Lei gegen 200 Millionen im vorigen Jahr) aufgebracht hat, so ist das ein schönes Attest für die rumänische Judenheit. Diesen Erfolg habe ich den Hunderten von Damen und Herren, die sich freiwillig in den Dienst der Sache gestellt haben, und im allgemeinen der Opferfteudigkeit und Begeisterung der rumänischen Judenheit zu verdanken. Es gibt ein PrMem, das seiner Lösung harrt, das ist die Verbindung der Juden Altrumäniens mit denen der neuen Gebiete (Bessaralbien, Bukowina und Transsylvanien). Wenn das geschieht, wird eine Judenheit Großrumäniens von beinahe einer Million Jude« erstehen. Diese Judenheit wird einen wichtigen Platz im jüdischen Leiben Europas einnehmen und ein bedeutender Faktor beim Wiederauflau Palästinas werden. Ier Kries in Marokko. Besinn einer französischen Offensive. Paris, 18. August. (Tel. der ,Wiener Morgenzei» tung".) Die Umgruppierung der französischen Streitkräfte in Marokko ist nahezu vollendet. Nach einer Mitteilung des „Echo de Paris" werden sich die französischen Streitkräfte in Marokko bis Ende August auf 100 Bataillone belaufen, von denen 72 sich in der vordersten Linie, die übrigen 28 in der Reserve befinden werden. Im Norden von Taza ist unter Einsetzung von 29 Bataillonen eine Säuberungsaktion im Gange, um das Gebiet der T s u l wieder zu gewinnen. Artillerie und Flieger begannen in den ersten Morgenstunden mit einem intensiven vorbereiteten Feuer auf die Hauptpunkte der Feinde. Marschall P e t a i n ist heute von Paris na'ch Marokko abgereist; er wird in Algeeiras eine Unterredung mit Prim o de Ribera haben. Der Aufstand der Drusen. Paris, 18. August. (Tel. der ,Wiener Morgenzeitung".) General Sarrail hat gestern die Regierung benachrichtigt, daß Vertreter der Drusen Lei ihm öingetroffen seien, die behaupten, zu Friedensverhandlungen ermächtigt zu sein. Diese Delegierten hätten aber keine gültigen. Ausweise vorzoigen können, weshalb er mit ihnen offizielle Friedensverhandlungen nicht beginnen könne. London, 18. August. Die „&ime§" berichten aus Beirut, daß Vorbereitungen zur Zusammenziehung frischer Truppen getroffen werden, um einen entscheidenden Angriff auf den Dschobel Dvus zu unternehmen. Eine Sachverftöndigeulonferrnz Wer die Sicherheitskraae. Unter Teilnahme Deutschlands. Paris, 18. August. Der ,Memps" meldet ans London: In offiziellen Kreisen glaubt man, daß noch v or Eröffnung der Völkerbundsesfion eine.Konferenz von Sachverständigen Frankreichs, Eng-, lands, Belgiens und Deutschlands in der Sicherheitssvage zustande kommen werde. Aussprache Baudrrvrlde» mit Chamberiain. Paris, 18. August. (Del.-iKomp.) Nach einer Meldung des „Jntmnsigeant" wird sich BanderveIde am 7. September nach Gens begäben, um mit Cham'berl a i n Rücksprache zu >nohmen. Er wird sich jedoch nicht an den Arbeiten des Völkerbundes beteiligen. Re Türkei fordert die Rückgabe Moffuls. Konstantinopel, 16. August. (Tel. der ,Wiener Morgenzeitung".) Das türkffche Kabinett unter dem Vorsitz Kemal Paschas beschloß, in Genf gegen jede Verlängerung des englischen Mandats über den Irak zu opponieren urÄ die Rückgabe Moffuls an die Türkei fordern. - Sie Borkriegsschuldenkouferenz. Prag, 18. August. „Narodni Lisch" dementieren die Nachricht über eine angebliche Verlegung der Borkriegsschuldenkonferenz auf März 1926 und teilen auf Grund von Informationen mit, daß die Konferenz am 3. November in Prag beginnen werde. Die Berliner Gemeinderatsvahle» am SS. Moder. Berlin, 16. August. (Tel. der /Wiener Morgen« zeitung".) Im Ständigen.Ausschuß des preußischen Äüm tages sprachen alle Parteien den Wunsch aus, daß die StM-i verordne tenlvahten in Berlin, die im Oktober stattflnden müssen, für Sonntag den 26. Oktober festgesetzt werden sollen.