Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2332 (19.8.1925)
- Date
- 1925-08-19
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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©ette 2 Men, Mittwoch Mene« MotMnzeitutts IS. AuAist 1925 Nr. K3S CAFE ATLA$HOF ASPBRNPLATZ * DAS RENDEZVOUS DER ZIONISTEN Ziomstenkongreß ist, für die Ruhe und Ordnung, die jeder internationalen Tagung gewährleistet sein muß. Ruhe und Ordnung, Disziplin urch Arbeitsorganisation waren das Kennzeichen des Eröffnungstages. Nirgends im Kongreßgebäude und in dessen ivcitem Umkreis ergab sich auch nur das geringste Hindernis, die kleinste Stockung in der Abwicklung des KongreßprogrammeS Das Gewühl und Gewimmel des Saales haucht irgend wie 'stets den Atem von Verantwortlichkeit und Be wußtsein einer ernsten Arbeitsaufgabe aus. Und wie der Leiter des Kongrehbureaus, Dr. R. M. Gelber, mit den: traditionellen Kongreßhammer die allen Kongreßbesuchern wohl bekannten Zeichen gibt, welche den Beginn der Tagung ankündigen, da herrscht mit einem Male die große Stille angesanuneltcr Energie, die sich zu entscheidendem Tun vorbereitet. Und dann bricht ein gewaltiger Beifallssturm los und die ganze, riesige Menschenmenge erhebt sich, unt den: Präsidenten der Organisation, Prof. W e i z m a n n, der an der Spitze der ExÄutive den Saal betritt, ihre Ovationen darzü bringen. Das Beifallsklatschen umbraust S o k o l o it». 8ipski und die anderen Mitglieder der Exekutive und de- Großen Aktionskomitees und wellt ans und ab, je Oherrsbdlvsr Dr. Z. P. Cbaies, Präsident des Zionistischen Aktionskomitees. nach dem, ob ein besonders populärer Führer die Estrade betritt, schwillt mächtig an, als der Gelehrtenkops des Präsidenten des Zionistischen Aktionskomitees; Oberrabbiners Dr. C h a j e s, sichtbar wird, und braust lange Minuten durch den Saal, bis ihm ein Hammerschlag Weizmanns ein Ende bereitet. Weizmann spricht. Kühle, klare Sätze, zunächst deutsch, dem gastlichen Staat und seiner Bevötterung zu Ehren, abweichend von den sonst üblichen hebräischen Einleitungsworten. Der erste Beifallssturm bricht los, als der Präsident die österreichische Regierung begrüßt und ihr für die gewährte Gastfreundschaft dankt. Weizmanns weich zurückhaltendes Deutsch geht in Englisch über, die Sprache der weltbeherrschenden Nation, des international tonangebendsten Volkes der Welt. Die ersten englischen Worte gelten den: Vertreter des Königreiches Großbritannien, welches das Mandat über Erez Israel innehat, und lie gehen im Orkan des Beifalls fast unter; Ausdruck des Dankes, wie ihn nur jüdisches Empfinden auszudrücken vermag. Und allen Vertretern der Mächte wird von der Festversammlung dankbarer und echt enrpfundener Beifallsgruß zuteil. Daß der G em e i n d e Wien für gewährte Gastfreundschaft nicht gedankt werden konnte, liegt an dem Ulnstand, daß ihre Machthaber anscheinend nicht den Takt besitzen, Dank entgegenzünehmen. Der Programmatische Teil der Rede Weizmanns wird mit geradezu gespannter Stille ausgenommen. Ihre ruhige Gedankenenüvicklung hält das ganze Haus vvn Anfang bis zum Ende in Bann. Das Beifallsbrausen, welches W e i z m a n n umbrandet, geht in den Sturm der Begeisterung über, als Sokolow seine Begrüßungsrede hält. Er spricht ein geradezu eruptives, aus ungeheurem Bilderreichtum ausgebautes Hebräisch, welches mit geradezu ästhetisch feiner Ausdrucksfähigkeit die kulturelle Sphäre der Stadt, in welcher der 14. Kongreß tagt, umreißt und dann in den begeisterten Stimmungsanfbau des großen Kulturwerkes übergeht, das in Erez Israel geschaffen wird. Hier spricht nicht der gewiegte, auf allen diplomatischen Parketts heimische Politiker Sokolow, sondern jeiter junge Sokolow, der einst im stürmenden jüdischen Schaffensdrang die ersten Grundlagen der neujüdischeu, neuhebräischen Kultur aufbauen half. Er reißt auch das ganze Haus zu der großen, echten Kongreßbegeisterung mit, der Begeisterung des ersten Kongresses, dessen Bild seine Rede heraufbeschwört. Nach den herzlichen Worten der Begrüßung, die der Vertreter der österreichischen Negierung an die Festversammlung richtet, und nachdem die FrenUdesklänge der übrigen Begrüßungen verrauscht sind, spricht unser E h a j e s, der legitimierte Vertreter des neuen jüdischen Wien; sein Vortrag ist theoretische, jüdisch-soziologische Analyse des neuen jüdischen Wesens. Er fesselt und läßt jenen gewaltigen geistigen Ausbau ahnen, den jüdische Schöpferkraft noch durchzuführen hat und den ein konstruktiv schöpferischer Geist mit iveitem Blick voraussieht Dieser Ausblick in die stets vom jüdischen Empfinden erträumten Höhen menschlichen Geistes ist würdiger geradezu weihevoller Abschluß jenes Festtages, dem Tage ernster, schtverer, jüdischer Arbeit folgen sollen. * Punkt viertel acht ertönen die Hanunerschläge zum Zeichen des Kongreßbeginnes. Die Exekutive und das Aktionskomitee betreten den Saal. Nachdem der Beifall verrauscht ist, beginnt Präsident Weizmann seine Rede: Meine geehrten Damen und Herren! Meine zionistischen Freunde! t In dieser Stunde ernster Sammlung, vor neuer Arbeit an dem uns teuren Werke, heiße ich alle, Delegierte und Gäste, auf das Herzlichste willkommen. Es rst mir eine Ehre, als Präsident der Zionistischen Organisation die Regierung der Republik Oesterreich zu begrüßen. Wir danken Ihnen, Herr Bundesminister, aufrichtig für die Gastfreundschaft, die Ihre Regierung unserer Weltorganisation in dieser schönen Stadt gewährt, mit der sich für uns eine große unvergängliche Erinnerung verbindet. Bon hier hat Theodor Herzl seinen Ruf an das jüdische Volk ergehen lassen. Bon hier zog-die prophetische Botschaft seines „Judenstaats" zu den versprengten Stämmen, hier wirkte er, schaffend und leidend zugleich, in der rastlosen Eile gedrängter Jahre, und es ist hißx, wo ein schlichter Stein, abers umweht von Unsterblichkeit; Kunde gibt von einer einzigartigen Sendung. , und viel zu frühen Vollen düng ... „Eine Sache des Friedens und der menschlichen Gesittung" liebte Theodor Herzl unser Werk zu nennen^ und so empfand er es. In diesem Geiste sind wir hiehergekommen, und Wir sind sicher, daß die Bevölkerung und Regierung dieses Landes,' das ja die. Bedeutung friedvoller und fteundffcher internationaler Bande; kennt, diesen Geist und, was aus ihm an Streben und Leistung entspringt, zu würdigen wissen wird. Mit aufrichtiger Herzlichkeit begrüßen wir die Vertreter der. israelitischen Kultusgemeinde Wien und der spanisch-jüdischen Gemeinde dieser Stadt, denen wir unsere brüderlichen Grüße entbieten. (Englisch fortfahrend): Es ist mir eine Auszeichnung, auch die Vertreter der auswärtigen Regierungen willkommen zu heißen, vor allem den Vertreter Großbritanniens als derjenigen Macht, die das Mandat des Völkerbundes für die Verwaltung Palästinas auf sich genommen hat. Es ist nicht bloße Erfüllung meiner Pflicht, wenn ich bei dieser Gelegenheit im Namen der Jewish Agency den Repräsentanten der Mandatarmacht bitte, den Ausdruck unserer Dankbarkeit, unseres guten Willens und unserer achtungs- und vertrauensvollen Gesinnung entgegenzunehmen. Es sind Gefühle einer tiefen und mnrgen Verbundenheit, die das jüdische Volk seit langem empfindet für die große Nation, deren stärkste Tradition noch immer die Bibel ist. Wir wissen voll zu würdigen, daß die Mandatarmacht mit der Uebernahme des Mandats zugleich eine große Aufgabe auf sich genommen hat; wir wissen aber auch, )aß unsere Arbeit inimer inehr dazu beiträgt, die Er- 'üllung dieser Aufgabe zu fördern. Der Geist, in dem das Werk des Aufbaus der jüdischen Heimstätte geschaffen wird, gibt uns die volle Zuversicht, daß es nicht nur der Mandatarmacht und dem jüdischen Volk zur Ehre gereichen, sondern auch ein Beitrag zum Fortschritt der ganzen Menschheit sein wird. In dieser verantwortungsvollen Aufgabe des Aufbaues der jüdischne nationalen Heimstätte haben sich die Gesinnung des Mandatarvolkes und die vertrauensvolle Zuversicht des jüdischen Äolkes täglich zu bewähren. Mikolasch - Liköre! feinste Cremes und polnisch« Schnäpse Stammhaus: Lemberg Z*r«i|niedetla*8nng: 15 Wien, XVIII., Sftautfgass« Nr. 13 Telephon Nr. 20 2 32 Heute Festvorstellun* Was uns betrifft — wir wollen es an dieser Bewäh rung nicht fehlen lassen. Mit großer Genugtuung heiße ich auch die Ver treter der' übrigen Staaten willkomnien, ihre Exzel lenzen, die Herren Gesandten und die Konsuln vo> Argentinien, Chile, Bulgarien, Dänemark, Frankreich Griechenland, Königreich der Niederlande, der Nepübli Polen, Portugal, des deutschen Reiches, Rumäniens der Tschechoslowakei, des jugoslawischen Königreiches der Bereinigten Staaten von Nordamerika (stürmifchci minutenlanger Beifall und Händeklatschen, die Ver sammlung erhebt sich), sowie den Vertreter des Völker bundes, den Herrn Generalkommissär Dr. Zim m e r m a n. . Daß wir so viele Regierungen als unsere Gäst feiern dürfen, ist uns neben der hohen Ehre auch ei, Zeichen für den Stand, den unsere Bewegung — acht undzwanzig Jahre nach ihren bescheidenen Anfänge, — gewonnen hat. Schon hat die erste, vielleicht nich zu große, aber doch starke Gruppe der Pioniere feste, Fuß iin Lande unserer Verheißung und Bestimmunj gefaßt. Schon ist der Kern einer Gemeinschaft geformt Und wenn wir uns auch nicht so überheben wollen daß wir Distanz und Proportion aus den Augen ver lieren — schon sind wir — und Sie, hochgeehrte Ver treter von Regierungen, bekunden es durch Ihre An Wesenheit — ein werdendes Glied der Völkerfamilie dessen Heimstätte durch den Bund der Nationen be treut wird, der Völkerfamilie, in die wir nach harter langer Unterbrechung friedvoll und würdig in hoffentlich nicht zu langer Zeit einziehen wollen. Schon war es uns vergönnt, und vor kurzein erst in Vorausahnung dieses Glücksgefühl auszukosten, da? sö einfach und doch für uns fast wie ein Wunder ist, das Gefühl, ein Volk zu sein wie die anderen auch. Für einige Tage waren die, denen es vergönnt war der Eröffung der hebräischen'Universität auf dem Bergt Skopus beizuwohnen, die geadelt war durch die geistig« Führerschaftdes großen Staatsmannes und großer Freundes unseres Volkes, Lord Balfour, (stürmischer Beifall und Händeklatschen) durch die Teilnahme einer erlesenen Bertreterschaft , der Kulturnationen der Welt an dem schönsten Werk der Schöpferkraft eines Volkes, feiner geistigen Hochstätte für einige Tage waren wir die beglückten Vorläufer einer Generation, die nach uns kommen wird. Sie wird als sicheres Bewußtsein, als natürliche Kraft in sich tragen, was für uns noch immer Ziel idealen Erstrebens ist, wenn es auch schon unter unseren Augen und unter unserer Arbeit Gestalt annimmt. Geehrter Kongreß, Freunde und Weggenossen! Wir werden uns Rechenschaft zu geben haben darüber, was wir in den zwei Jahren seit unserem letzten Kongreß erstrebt, geschaffen und erfahren haben. Und noch mehr werden wir uns zu sagen und einander zu beraten haben über das, was vor uns liegt. In der Uebereinstimmung oder im freimütigen Widerstreit der Meinungen wird wahrscheinlich mehr als von Errungenschaften und Erfolgen die Rede sein von Verantwortung, Mühen, Sorgen und auch von Fehlschlägen da und dort. Denn es ist ein Unternehmen von vielverschlungenen Schwierigkeiten, schwer wie nur irgend eines war, vor das Not und Hoffnung, Wagemut und Enthusiasmus Menschen gestellt hat. Eben darum ziemt es sich vielleicht, in dieser Stunde in unvoreingenommener Rückschau uns selbst zu bezeugen, daß unsere Hingabe des Besten, das wir in uns tragen, nicht ungesegnet gcbliebeu ist. Es waren zwei Jahre einer deutlichen Befestigung im Lande und einer stetig gesteigerten Ausdehnung unseres Wertbestandes an Menschen, Dingen und bewegenden Kräften. Die Einwanderung, gestützt auf unsere grundlegenden Arbeiten, dem Rufe des neuen Zion folgend, aber auch gedrängt durch Notstände von außen, ist von wenigen hundert im Monat auf urehrere tausend gelegen. In ihrem Gefolge hat sich in allen Zweigen des öffentlichen und privaten Lebens, auf wirtschaftlichem, wzialeui und kulturellem Gebiet eine ganz ungewöhniche Aktivität geregt, uns selbst ermutigend, überraschend und zugleich uns vor Probleme stellend, wie wir sie in solcher Art und in solchem Umfang vorher nicht gekannt hatten. Wir wollen und sollen unsere Ge-, uugtuuug darüber nicht verhehlen, daß seit dein Beginn unserer Wirffcnnkeit aus der neuen völkerrechtlichen Grundlage des Mandats sich - - - SCHMATES