Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 233t a Wien, Dienstag Wiener Moraenzeitnng 18. August 1955 Seite 3 Dem Motorführer der Straßenbahn Fried. T r ö st l, her einen „NK."-Wagen führte, der von den Demo nst r a n t e n gestürmt tvurde und bei dem der Fahrer durch Fußtritte und Fanstschläge am Kopfe verletzt und auf die Erste Unfallstation gebracht werden mußte, sowie bei dem 20jährigen Volontär Felix Rado (Rißwunde an der Stirne) durch Stockhieb und bei der Privaten Karo- Lme Weiß (Blutbeule am Schädeldache und Nervenerschütterung durch Steinwnrf), die beide gleichfalls in dem Straßenbahnzug gesessen waren; dem Beamten Erich Eifenhauer (Schnittwunden am rechten Unterarme); dem Kaufmann Albin Lenk ans Danzig (Hiebwunde an der linken Schläfe); dem Studenten Franz Jngl«ish (Stichwunde am rechten Unterarm); der Privaten Amalia Kosar (Gehirn- und Nervenerschütterung, Quetschung des linken Ohres); dem Beamten Edwin Garay (Verletzung des Auges), bei der Sezession durch Faustschlag auf seine Brille, und dessen Gattin (Hiebwunden an: Kopfe); dem Kaufman Tobias Bürger aus A n tw e r p e n (schwere Nervenerschütterung) und dem > Kaufmann Benjamin Bürger (Aufregungsznständc), die ans der Fahrt vom Westbahnhofe in den Prater von Demonstranten in der Mariahilferstraße aufgehalten, beschossen nnd'mißhandelt worden tvaren. Ihr Auto zeigte deutlich -hie Geschoßeinschläge. Bor dem Konzerthaus. Das ibuntbawegte Treiben im Konzerthans und auf der Straße vor diesem Gebäude steigerte sich gestern bis zu dem den Besuchern aller Kongresse vertrauten Bild. Autos jagten über die Straße, brachten immer neue Gäste zum Kongreß. Die in Massen aufgebotenen Ordner hatten ununterbrochen Arbeit. Da sich hin und wieder auch verdächtige Elemente einfanden, wurden nach und nach die Poliizeiposten verstärkt. Auch die gegenüberliegenden Teile der Ringstraße wurden durch ambulante Spaliere kontrolliert, die sich schließlich auf die ganze Strecke von der ,Aspernbrücke bis zur Babenbevgevstraße ausdehnten. Auch die Eingänge zum Stadtpark wurden überwacht. Vor dem Sophiensaal, wo am Abend die feierliche Begrüßung des Kongresses durch die österreichische Zionistische Organisation stattfand, zog gegen halb 4 Uhr ein Machcaufgebot von» etwa 400 Mann auf und verteilte sich in kleineren Patrouillen »in der ganzen Umgerbung. Hier gab es keim Ansammlungen und die Ruhe wurde nirgends gestört. Letzte Kurse. New-Pork, 17. August. (Tel.-Komp.) Berlin 23.81, London Kabel 4.857/g, London Scheck 4.817/8, Amsterdam 40.28, Paris 4.73•/*, JBrüffel 462, Rom 3.68»/„ Madrid 14.42, Zürich 19.41. Stockholm 26.88, Oslo 18.16, Kopenhagen 22.13. Wien 0.14, Budapest 0.14, Prag 2.96»/,. Belgrad 1.87, Athen 154*/,, Buenos Aires 40»/„ Rio de Janeiro 11.20, Bukarest öla/4. Amerikanische Getreidemärkte. New-Dork» 17. August. (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 172% Weizen hart Winter 178% fßlalS 117% ^afev 5V/a Roggen 1123/4. Ehikago, 17. August. (Tel.-Komv.) Weizen per September 159% Dezember 168, Mai 161»/,; Mais per September 103»/.. Dezember 86»/,, Mai 89; Hafer per September 39»/,, Dezember 42»/,, Mat 457/»; Roggen per September 103»/4. Dezember 107% Mai 112»/4. Bor der Kongreßeröffnung. der VegrSbungsabend im Sophiensaal. — Ansprachen Weirmann» und Sokolowr. v Gestern abends wurden die Kongreßdelegierten in überaus festlicher Weise vom Zionistischen Landeskomitee Oesterreichs begrüßt. Der Svphiensaal war bis aufs letzte Plätzchen gefüllt, Tausende von EinlaßbegehrenLen mußten abgcwiesen werden. Bon der Altane des festlich beleuchteten Saales tvehte die blau-weiße Fahne, geschmückt mit dem Löwen von Juda. Vertreter aller Landsmannschaften des Kongresses und zahlreiche Kvngreßgöste ans allen Teilen der Welt waren erschienen. Als die Mitglieder der Exekutive unter Führung W e i z m a n n s den Saal betraten, erhob sich die Versammlung- und applaudierten stürmisch. Der Abend wurde durch das H a k v a h - O r ch e st e r und den Jüdischen Ge s a n g v e r e i n eingeleitet, welche unter der Leitung ihres Dirigenten Braslawsky einen von Lewa ndow skr komponierten.Psalm zum Vortrag brachten. Als erster Redner nahm der Präsident des Zionistischen Landeskomitees für Oesterreich 2>r, Jakob Ehrlich das Wort. Er bewillkommte die Führer der zionistischen Weltbewegung und die aus allen Teilen der Welt erschienenen Gäste. Besonders erfüllt es uns, sagte er, mit Freude, jene Gruppe in unserer Mitte zu sehen, die aus Erez Israel kommt. Euch gilt in besonderem Maße unser Gruß, die ihr wahre Pionierarbeit für dii Aufrichtung unseres Gemeinwesens leistet. Am VorabenI des Kongresses und unserer Festesfreude erhebt sich d» Erinnerung an den Weg, den der politische Zionismus seit den Tagen, da er von dieser Stadt ansging, bil zur Welttribüne znrückgelegt hat. Wie der Zwnis mus einzigartig ist in der Geschichte der Völker, so is> auch unser Kongreß nicht mit den» Maße ähnlicher Ta gungen zu messen. Das österreichische Judentum wird di, Verhandlungen des Kongresses genau verfolgen und neu» Ausdauer und neuen Mut zur Opferleistung für den Aufbau unseres Landes schöpfen. Wir wünschen, daß die Ver. Handlungen des Kongresses nicht nur Tage der Arbeit sondern auch Tage der Erhebung für uns und unsere Gäste werden. Sodann betritt, stürmisch begrüßr Oberrabbiner Dr. Chajes die Tribüne. Er führt unter anderem aus: An diesen Abend beschleicht mich ein eigentümliches Gefühl. Bin ics Begrüßender oder Begrüßter? Ich werde in keiner dieser Eigenschaften sprechen. Man sagt, das zionistische Wiev habe seine Pflicht nicht ganz erfüllt. Es ist nicht hier der 'Ort, dies jetzt zu untersuchen. Der Wandel, der sich ir unserer Stadt vollzogen hat, ist nicht gleich dem anderer Das Konzerthaus. fi;f MTmTf ' ,v *'^•♦3 f j . '! Kn Wiener Jüdischer Almanach. Rechtzeitig vor Kongreßbeiginn ist dieses würdige und schöne Sammovbuch*) erschienen und ich beeile mich, es anzuzeigen. Mit Ludwig Ba t o gemeinsam hat der Referent durch Jahre von „Jüdischen Nationalkalender" herausgegeiben. Nicht mit dem steitviüll-schten Erfolg. Schließlich waren wir entmutigt und ließen das Jahrbuch „eingchvu". In weit besserer und eindrucksvolle».'»! Gestaltung -ist diese, wie ich glaube, wichtige Publikation wieder erstanden und dafür gebührt Ludwig B a t o, seinen Mitarbeitern Martha H o f m a n n und Prof. Dr. Max Eisler, in nicht geringe rom Maße abor dem Initiator und technischen Leiter, Herrn Paul Stein, der Dank der Judvnschaft, ganz besonders der Wiener Judonschast, denn das Werk zeigt den Geschmack, das Bexanttvoxtungsgefi'chl, den Takt in Wien lebender und wirkender Vorkämpfer der jüdischen Renaissanoe ans der Höhe. Ludwig Bato, ein Publizist von vorbildlicher Sachlichkeit, schildert wieder im leitenden Aussatz das jüdische Schicksal des veriftosseueu Mischen Kalenderjahres. Die Ereignisse sind nicht »cur mitgeterlt, es ifiuib auch die Probleme behandelt, die em wacher Geist, ein treuer J»»dc sieht, sehen nmß, wem» er die Ereignisse berichtet. Ei»»iges ist mit bemovkenswerter Voraussicht boha»»delt, wie etwa die Krimfrage. Und alle neuer» Kräfte im Juderrtum, die — außerhalb un>d neben dem Zioi»is»»us — nach Palästina zielen, sind verzeich»»et. So die neu keimende Palästi»»aaobeit der Agudas Jisroel und der B'rcai B'rich. Ein eigener Abschiritt der sehr geglückten Jahresübersicht gilt den» kultnrellen Leibe,» der Judercheit m»b der Erinnerung an Menschen, die das Judentum in diesem Jahre verloren hat. Für den wichtigster» politischen Aussatz des Buches halte ich die Darlegung Dr. Michael Ringels „Vom Judenstaat zum National Home". E»»igland u»»d Amerika, die das Asylrecht verletze»», müßten ihre AutiMien-Stimmung in Pro-Ziml-Äeudeuz umsormen. Ebenso, wie sie sich r»n» die aus Klemasten geMchteten Griechen gekümmert und die grie- *) Jüdischer Alma n a ch a»tf das Jahr -6686 (1925402& chdsche Anleihe gefordert haben, mögen dieise be'ide-n Kult»»rstaaten für das Zustandekommen einer Anleihe tatkräftig eintreton, welche den raschen Ansbau der Mischen Heimstätte in Palästina gewährleistet. In seiner schlichten, sehr eindringlichen Art, bespricht Pros. Dr. H. P. Chajes die Frage der Zulässigkeit religiöser Propaganda durch das Judentum. Er bejaht sie. Nur dürfe man unter religiöser Propaganda nicht Prosolyteunlacherei verstechen. Der große Kenner des Judentums und Historiker Chajes belehrt darüber, daß das Judentum seit der prophetischen Zeit stets die Mittlerrolle erfüllt habe, die Brücke zwischen den verschiedene»» Kulturen zu baue»». We»m sich durch die zionistische Tat in Palästina ein großes jüdisches Zentrum bildet und sich der jüdische Geist »»ach den Gesetzen seines Genius entwickelt, werden wir die religiöse Propaganda in diesen» Sinne ams- »»chmen müssen. In einer theoretischen Darlegung über jüdische Assimilation und Natioualbewegung kommt Dr. Oskar Külbach zu der Feststellung, die Assimilation sei der individualistische Weg, welcher -den ei»»zvlr»en der Geisaimtheit durch Ausweitung der Persönlichkeit dienlich m-achen will, der Nationalismus hingoger» sei der lm-ivers-nlistische Weg, der die jüdische Gesamtheit „unter wchllätiger n»oralischer Bi»»d»»»»g des eirlzetne»» in das Gefüge der Unrivelt harnlouisch einordne". (Ich referiere, ohne ii» diesem Falle Stellung zu nchine»».) Die tapfere Auitta Müller-Cohen spricht ein ernstes chferres Wort zur jüdischen Gesellschaft, woidei sie sich vortviegend an die sogena»mle „gute Gesellschaft" wendet, und Heinrich Löwe wivft in seinem Aufsatz. „Wege jüdischer Kultur" sehr inteross-ante Streiflichter auf das a»»»erikau'ische Judo»»t»»»n. Erez Israel ist durch einen Essay Helene Hanna Cohns über palästinerrsische Kinder und ihre Umwelt, ei»»ei» te>nlperau»etttvollen Bericht Wolifgaug Weisls über die ErösfuttNlg der hwräischei» Nuiversität iräher gebracht. Dr. Ego»» Michael Zweig »»»formiert über den wirtschaftlichen Fortschritt Palästinas uud eine enipfiudsame Schildernilg Josef Pattais gilt einem der wichtigsteil volkstümlichen Feste Palästillas, »»ämlich der jüdischen Wallfahrt »»ach Meror». Der verdie»»>stvplle Historiker Dr. N. M. Gelber teilt Wissenswertes über die geistigen Strömungen in der polllischer» J»lde>»- heit zu Ende des 16. Jahrhrmderts mit. Martha Hofsura np widmet dem „Ko-mmnnistenmbbi" Moses Heß zu seinem 60. Todestage einen liebevollen Aussatz und Hans Koh n zeigl in einem tiefschürfenden Essay die bleibenden Werte in Achai Haams Lchre a»»f. Sehr reichhaltig ist auch der belletristische Teil des M manachs. Die Arbeit Felix Salten s, „Bibelistunde", reichk'" an die Kinderfeuilletons Theodor Herzls heran, Stepha», Zweig steuerte eine »m Weltkriogeschr»Äbe»»e Parabel bei Arnold Zweig und Bernhard Tag veröGentlichen Dranrew sragmente, Walter Eidlitz eine Novelle, „Davids Kindheit^. Franz Werfel, Uviel Birnbaum, Saul Tschernö chowsky u. a. sind mit Gedichten vertreten. Sehr »»»teressant (schade, daß der R-aüm nicht gestattet; a»»s den Inhalt näher eiuzngchen) sind die Aussätze von Dokto» Max Eisler -über Lebensfragen der jüdischen Kunst ul»d vor, Dr. Max Graf über Aufgaben der jüdischen MuisMforschlnrgen Dr. Hugo Bergmnnn schrieb über die jüdische Nationalbi'bli-othek in Jeviisalenr, Dr. Ch. Tartakower über der Jiidischen Nationalso»»ds, Dr. Leopold I u st h über den Kerer Hajessod. Fast hätte ich unterlassen, den wichtiger» An-fsatz vor» Doktor Robert Weltfch „Ein Wort aus der Kriegszeit" zu ev wäh»»-en, der mir sehr nahe gi»»g, sowie den Beitrag vo»> S. Meisels „Hchvä'isch". Eine A-»dgomweide die wirklich volle»»dete Reproduktior zahlreicher Rad»er»n»gen, Holzschnitte, Lithogvaphien u»»d Hand zeichlluugen von Joisef Israels, Max L i e b e r nr a n u, Her> rnar»i» S t r u ck, Jakoib S t e i n h a r t, Uriel B i r »r b a u »n Georg Merkel, Joses F l o ch, Georg Ehrlich, Fritz Groß Marc Chagall, durch einen Aussatz von Else Hosmani erläutert. Sehr da»»ker»swert sind die Abb-ild-uugen der Nkodelll u»»d Entwürfe von Bauten aus den» neuen Pälästirra. Wahrlich, eine Fülle des Belehrer»den, Anregen-den u-nj Erhebet»den. Solbstvorstä»»dlich: Nicht alle Beiträge sind -Keich tvertig, aber ei»»e überraschend große Zahl ist hochtvertig. Diesem Buch »nöge größte Verbreitung beschieden sÄ« Die Herausgeber des -geschniaüvolle»» Al-n»anach sind zu beglüch wünschen. Otto Abeles.