Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2331 (18.8.1925)
- Date
- 1925-08-18
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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Sette 5_Wien, Dienstag ^~~ Witter Mor-e»rzeklun^ --«MG- August ma Nr. Ml» Ae verbotenen völkischen Versammlungen. Hakenttv»zkrawalle in Wien. - 1V« Verhaftete. Osts ^Il.^SI-10^!. ASPERNPLATZ UN¬ ANGENEHMER AUFENTHALT FÜR ALLE KONGRESS - TEILNEHMER größte Sorgfalt für ihre Sicherung vereint. Auch die zustimmende Sprack-c aller wua »gebenden Wiener Blätter, die nicht durch engstirnigen antisemitischen und soziatt-stischeu Parteifanatisums auf Abiocge getrieben werden, ist ein Zeichen dafür, daß die Alitgiieder nud Besucher uusercs Kongresses hier gerne gesehene Gäste sind. 'Die weitaus überwiegende Mehrheit der licbctts.würdigcn Wiener Bevölkerung, die seit jeher großes Geschehen zu würdigen verstand, nnrd die Arbeiten des Kongresses mit jenem Respekt begleiten, den ehrliches, ideales Wollen einzelner Menschen und ganzer Völker hier stets crtvcckt. Also nicht bloß ivcgen der Rücksichten ans den Fremdenverkehr, sondern aus einer gewissen seelischer! Einstellung des Wieners heraus wird der Kongreß und seine Teilnehmer i» den Mauern dieser Stadt zuvorkommender Aufmerksamkeit begegnen. Sollte auch die Polizei trotz emsigen Benin Heus nicht iit der Lage sein, einzelne kleine Zwischenfälle auszuschallen, so steht für mich fest: der Mehrheit der Wiener Bevölkerung ist Hakenkrcuzlertum ettvas Wesensfremdes. Daruttl hege ich die Ucberzeugung, daß die Erinnerung an den 14. Zionistenkongreß für alle feine Besucher verbunden sein wird mit dem freundlichen Gedenken an. die herrliche, alte Kulmrstadt an der Donau, in welcher Gemütlichkeit und (Gastlichkeit heilige Tradition find und -die trotz aller wirtschaftlichen und politischen Stürme des letzten Jahrzehnts bleiben (wird ein Kapua der Geister, in den! fich's leben läßt. - So grüßen denn wir jüdischen Mandatare Wiens den (4. Zionistenkongreß in der Stadt, aus der die epochale Tat Theodor Herzls emporgcwachsen ist, in der Stadt, der die Liebe des Mannes galt, den unser Volk stets als das Idealbild des modernen, opfersähigen Juden verehren wird, in der Stadt, in zvclcher der Heros begraben liegt, dessen Werk eine unversiegbare Kraftquelle für den Zionismus bedeutet und der. unsterblich ist nicht nur im Gedächtnis des jüdischen Volkes, sondern auch jn der Menschheitsgeschichte. Wir erhosfen für die Arbeiter», des Kongresses im J-nteresic der ganzen Judenheit den größten Erfolg und sprechen aus treuem jüdischen Herzen, den Wunsch aus, daß dieser - Kongreß dem leidgeprüften Jüdenvolk die Wege - zeigen möge, .die aus Palästina, dem Land der Verheißung, nach: Ecez Israel, dem Land der Erfirstuüg, führen. Liledhoaverbindung Loudan-gerusalem. ' London, 1-7. August. Die Palästinaregievung läßt -die Vorarbeiten für eine T e l e p h o nve r ö i n d u n g 2 o n- - dou—Jerusalem beginnen. Kruste Lage in Sstriea. Paris, 17. August. (Dell, der ,Mr. Morgenzeitung".) Die allgemeine Lage im Aufstandsgebiet hat sich nach den letzten aus Beirut eingetrdffenen Meldungen etl.vas verschlechtert. Den Drusen ist es gelungen, durch einen Ueberfall auf die französischen Truppen vierzig Soldaten gesangenzunehmen. Aus Beirut sind heute zehn Panzerwagen nach Damaskus abgegangen. General Sa r rä i l hat die Abordnung, die mtt den Drutfen wegen der Beilegung des Aufstandes verhandelt hatte, nach ihrer Rückkehr empfangen, und bald darauf den. Befehl gegeben, die als Geiseln zurückbehaltenen drei Drusen freizulassen. Neue Angriffe Ab4» el Keims. Larache, 17. August. (Havas.) Aus Dschebel Mergu werden neuerliche feindliche Einfälle gemeldet. Es heißt, daß große Abteilungen der Rifleute nach der Front marschieren. _ Generalaursverruug aller Bauarbeiter Ieutschlandr? Berlin, 17. August. (Tel.-Komp.) Der nun schon sieden Wochen anhaltende Bauarbeiierstreik droht nun zu einer Generalausfperrung sämtlicher Bauarbeiter Deutschlands zu führen. Da die Vertrauensleute der Bauarbeiter den Schiedsspruch des Arbsitsmrnisters abgelehnt, die Arbeitgeber sich aber bereit erklärt haben, ihn anzunehnren, ist damit zu rechnen, daß der Schiedsspruch für rechtsverbindlich erklärt wird. Wenn die Bauarbeiter daraufhin rrotzdem noch im Streik verharren sollten, beabsichtigen die Arbeitgeber, die gesamte Bauarbeiterschaft Deutschlands auszusperren. Benikkv wird nicht freigelasten. Budapest, 17. August. Der Strafsenat des BudaPester Gerichtshofs befaßte sich heute mit dem Gesuch der Verteidiger des gewesenen Innenministers Edmund von Bcnicky auf Freilassung ihres Klienten gegen ein« Ztautiou van 300 Milliouen Kronen. Sowohl der Ministerrat wie die Staatsanivaltschast hatten der eventuellen Freilassung Beuiokys prinzipiell zuge stimmt. T-er Gerichtshof hat nach einstündiger Beratung das Enthastungsgesuch Beniotys z u r ü ck g e w i e s e n und entschied, daß Benicky bedingungslos weiter i n H a f t zu bleiben habe. Die Verteidiger Benickys haben gegen den Beschluß des Gerichtshofes sofort den Rekurs eingebracht. Die Hauptoevhandlung gegen Beuickys wurde für den 2. September aniberauml. Die innere Stadt Wien war gestern wieder der Schauplatz bewegter Szenen, die sehr groß und breit angelegt, doch durch die Umsicht der Sicherheitsdehörden glimpflich abgclaufei! sind. Die vereinigten Antisemiten wollten unter allen Umständen ihr Meeting erzwingen und cs sah wiederholt sehr bedrohlich aus. Doch scheiterten alle Bemühungen au der Energie der Polizei, die gestern dem Terror auf allen Punkten cntgcgcntrat. Die Rufe, die in der Menge laut wurden, ließen keine» Ztveifcl daran, daß cs sich um keine politische Angelegenheit handelte, nicht un, irgend eine Protestkundgebung gegen den Zionistcnkongreß, tvie so viel vorgegeben wird, sondern uni den Radau an und für sich. Einer der Beweise liegt übrigens auch in der Anwesenheit K. H. Wolfs, der mit einer weißen Studentemnützc geziert, höchstpersönlich auf dem Schauplatz weilte. 2000 bis 3000 junge Leute waren aufgcboten, die wohl die „Mehrheit der bodenständigen Bevölkerung Wiens" markieren sollten. Wäre nicht an manchen Stellen das Spalier der Neugierigen in füüffacher Reihe gctvescn, so. wäre diese ganze „Demonstration" in kürzester Frist beendet gewesen. Der Zustroni derer, die bei allem dabei sein müssen, brachte Stockungen und Verwirrungen und schuf den Machern der ganzen Veranstaltung ein politisches Relief. Auffallend war die außer-- ordentlich starke Beteiligung der reichsdcutschen Elemente, deren Mitarbeit der ganzen Sache die Marke dss ,-Forschen und Strammen" aufprägte. Die Unruhen dauerten bis in die späten Nachtstunden und erforderten zu ihrer Bekämpfung ein großes Aufgebot an Wache, die gestern in der ganzen Länge der Ringstraße und bis zum Gürtel stundenlang engagiert war. Die Demonstranten versuchten immer wieder, die Kordons zu durchbrechen. Ihre Taktik ging dahin, durch Angriffe kleiner Trupps von 100 bis 150 Mann, ' die ihnen entgegentretendc Wache zu ermüden. Alle Angriffe geschahen unter den wütendsten antijüdischen Rufend An mehreren Stellen wurden Steine geworfen und die Wache mit Stöcken angegriffen. Die Polizei mußte beim Schotte ntör, bei der Bellaria, auf dem Ring, beim Stadtpark und bei der Oper sowie am Kai von der blanken Waffe.Gebrauch machen. Es wurden mehrere Personen verwundet, darunter beim Burgtheater ein junger Bursche aus Danzig, namens Lux, durch drei Säbelhiebe. Er wurde.'aus dem- Kommissariat- Hegelgasie einvernommen und dann ins Spitäl überstellt; Es wurden auch /; 106 Verhaftungen. .; vorgenommen Abends war die Ringstraße der Schauplatz wilder Szenen. Die Cafes, die schon tagsüber schlecht besuch! gewesen waren/ schlossen ihre TMen. Vor dem Hotel Bristol, das die Hakenkreuzler stürmAi wollten, mußte wiederholt geräumt werden. Hier soll , auch ein Schuß gefallen sein, ebenso am Getreidemarkt, bei der Sezession und am Franz-Josefs-Kai, als ein versprengter Trupp zur Leopoldstadt durchbrechen wollte. Auf der Lastenftraße wurden abends Trarnwaywagen und Automobile vo« halbwüchsigen Exzedenten angehalten. Die rasch herbergeeilte Polizei verhinderte weiteren Unfug. Der Verlauf der Ereignisse war folgender: -Der „deutsche Bolkstag", den die .Hakenkreuzler auf den IFreiheitsPlatz einberufen hatten, wurde von der Polizeibehörde verboten, weil die Ginberufer nicht -darauf euigehen wollten, die Versammlung statt auf 7 Uhr auf 5 Uhr anzufetzen. Die vereinigten Antisemiten beriefen darauf den. Abg. Jerzabe'k nach WSen, der nun um Gestattung einer Versammlung um 'halb 7 Uhr ansuchte. Die Polizei bewilligte dies nicht, worauf Jerzabek sein Gesuch wieder z u r ü ck z o g. Die Hakenkreuzführer erklärten, daß ihre Anhänger sich trotz des Verbotes auf dem Platz vor der Botivkirche einsinden würden. Die Wache besetzte nunmehr ab 4 Uhr nachmÄtcrgs alle Trottoire und die zum Platz führenden Wege. Die Menge, die zumeilst aus Neugierigen «bestand, zirkulierte bi's gegen 6 Uhr ruhig und fügte sich den Weisungen der Beamten. Kolporteure mit roten Armbinden! die im weißen Feld ein schwarzes Hakenkreuz zeigten, trieben sich an den Eckvn herum und -mußten immer abg-ewieifen tvevden. Schließlich wurde das Ausrufen der Blätter verboten. Mit dem Hevaunahnieni der Dunkelheit änderte sich das Bild. Nach Schluß der Geschäfte und Fabriken strömten zahlreiche Neugierige auf den Ring, wo sich bald vom Rathaus bis zum Parlament eine dichte Menge staute. Auch am Schotterrtor bildeten sich zwischen de» Wachkarrees improvisierte Versammlungen, die, als Versuche zu iN-edeu gemacht wurden, von der Wache gesprengt wurden. Als dies erfolglos 'blieb, ging die Wache energisch vor. Berittene Polizisten trieben die Leute auseinander und jagten einen Teil gegen den Ring, einen anderen gegen die Mserstraße. Diese Abgesprengten versuchten auf den Fre ihe r tspla tz zu gelangen, wurden aber auch dort znrückge w icse n. Inzwischen wurde auch die Ringstraße geräumt. Die hier Verjagten vereinigten sich-bei der Babenbergerstraße mit Zügen von Hakenkreuzlern, die von ihrer Zentrale im Schiller-Haus im Sturmschritt 'hevankanren. Diese Menge attackierte die Wache, hielt die Straßenbahnivagen auf und blockierte die Straße. Auch hier mußte die Polizei mit äußerster Energie einsthveitsn, zumal auch von der Mariahilferstraße her Radaue l e mente heranzogeu. Der Ring, wurde bei der Bellaria und bei der Universität abgespcrrt und der Verkehr der Elektrischen über die Lastenstraßc geleitet. Gegen 'halb 9 Uhr war die Nkenge bereits völlig abgedrüngt. Plötzlich ertönte in dem gegen das Schottentor vortvärtsgeschobenen Tei>l der Demonstratcn de>r Provokatenrrnf: , ,^li! die Leopoldstadt/f Ohne Grund fing alles zu laufen an. Zm raschen Lauf sttirnrte alles über deu Schotten ring zur A n ga rä e nbrücke, die von Wache besetzt ivar. Das Gros der Leute liof über den FranZ-Jofefs Kai, fand jedoch auch alle anderen Brücken über den Donau^mal ^besetzt. Bei der Urania war ein besonders starkes Wacheaufgebot Postiert. Die turbulenten Szenen währten nahezu bjs viertel 11 -Uhr und nur langsam trat Rühe ein? '. Der Mntlichc Bericht über die Ereignisse besagt unter anderem: Die Polizeidirektion erhielt im Laufe des Tages Kenntnis, dgß Anhänger völkischer Gruppen trotz des polizeilichen Vcrsammlungsvcrbotes die Parole ausgegcbcn' hätten, sich nm halb 7 Uhr abends auf dem F r e i h c i 1 s pl a tz ernzufinden. Der Freiheitsplatz wurde deshalb'schou im Laufe des Nachmittags von der Sicherheitswache a b g c s p e r r t. In der Zeit zwischen 6 und 7 Uhr abcikds saninrelteu sich in der U n i v c r si täts st ra ße unh Währingerstraße ' sowie auf der Schottenkreuzung Gruppen von Personen zumeist j u g c n dlichen A l ters an, die alsbald in l ä r m e n d c r Weise zu demonstrieren begannen. Sie würden auf das Bersammlüngsverbot eindringlich tmd wiederholt aufmerksam gemacht ^tnd, da sic sich trotz, mehrmaliger Mahnung, nicht entfernten, von -der Sichcrheitstmrche a b g e d r ä n g t. Hiebei wurde auch eine Anzahl von Demonstranten arretiert. Während der Eskorte dev Arretierten zum Bezirkspolizeikommissariat Innere Stadt sammelten sich neuerlich Demonstranten an uud bedrängten die Sicherheitswache, die die Eskortierung durchführte, weshalb sie neuerlich zerstreu! wurden. In der Folge fam es cm verschiede n cn S t e U len bei Ringstraße mehrfach zu Ansammlungen und lärmenden Demonstrationen. An mehreren Stellen sah sich die Sicherheitswache genötigt, den'Ansturm der Demonstranten mit blanker Waffe abzuwehren. .Während, dieser Aktion wurde die Sicher« heitswache wiederholt mit Steinen beworfen Auch wurden mehrere Male ,? Schüsse gegen die Sicherheitswache abgegeben» ohne daß jedoch jemand, soweit bisher fest" gestellt toerden konnte, eine Schußverletzung erlitten hätte. Wohl aber wurde eine größere Anzahl Sichexheitsw a ch e b e a m t e durch Steinwürft, Fußtritte und andere Tätlichkeiten verletzt, auch trugen, soweit zur Stunde bekannt, mehrere Demonstranten durch Säbelhiebe Verletzungen davon. Die freiwillige Nettungsgesellschaft leistete den Verletzten erste Hilfe, Versprengte kleine Gruppen tauchten wiederholt in den späteren Abendstunden in verschiedenen Teilen der inneren Stadt auf, doch war überall Sicherheitswache zur Stelle, welche die Demonstranten sofort auseinanderjagte. In z w e i C a f e h ä u s e r n wurden Fensterscheiben durch S t e i n w ü r f e zertrümmert. Im Verlaufe der Demonstrationen wurden von der SichevheitAvache insgesamt IW Personen arretiert, und zwar tvegen öffentlicher Gewalttätigkeit, AuflauseZ und polizeiwidrigen Verhaltens. Bei einigen Arretierten wurden Waffen vorgefunden. Gegen die Angehaltenen, die sich sämtlich in polizeilichen Gewahrsani befinden, wurde die entsprechende polizeiliche, beziehungsweise gerichtliche Amtshandlung eingeleitet. Schon die' bisher festgestellten Ereignisse zeigen zur Genüge, mit tvelchen Ausschreitungen bei dieser Veranstaltung zu rechnen gewesen wäre, wenn die Polizeidirektion ihre Vorkehrungen nicht in einem solchen Ausmaße getroffen hätte, das die Durchführung der A bsichten der Demonstranten von vornehere i n als a us s icht sLo s erscheinen ließ. Gegen die Wiederholung solcher Kundgebungen in den. nächsten Tagen wird in ähnlicher Weise ebenfalls vorgesorgt werden. Die Verletzten< Die Wiener Frei-willige Rettungsgesellschast iijt-ervenievk', wie sie mittettt, in sorgenden Fällen: Bei dem SichevheitSwachinfpektvr Aloi-s Kasbauer ,/Quetschlmg ider Obepbauchgegend); «bei den! Schlosser Wa-'tter Wagner (Quetschung des rechten Obevfcheukels durch Hufschilag); dem Geschäftsdiener Simon Korber (Lappenivunde hi'ruter -dem linken Ohr durch «Säbelhieb); dem «Gewerbeschüler Kavl Z w atz (Schnittwunde am liniten- Hmterha-upt); dem Hochschü'ler -der Bodenkultur Walter Koh'ilfürst aus Wr.-Neustadt (Schnittwunde am linken ScheitÄ); «dem Privaten Josef Burda MßgueWwunde m der Irnlen Stirne durch SteinwuO; dam Mechaniker Rudolf Sedivec (LUtchschmrg des rechten, Mtevschenkels durch Aufschlag);