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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-12 · Heft 2326 (12.8.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2326 (12.8.1925)
Date
1925-08-12
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Wien, Mittwoch Sie deutsche« Bersassunssseiern. Berlin, 11. August. (Wolfs.) Anläßlich des sechsten Hahreswges der Weimarer Relchsverfassung hat heute im Sitzungssaales des Reichstages eine Ferer stattgefundenwelcher Reichspräsident H r n d e n b u r g. die Mitglieder des Reichskabinetts und Vertreter der Länder beiwohnten. Professor Platz (Bonn) hielt die Festrede. Reichskanzler Dr. Luther hielt hieraus eine Ansprache, in der er auSführte: Um des deutschen Volkes willen, das vielleicht in naher Zukunft noch sehr große Aufgaben, zumal der Außenpolitik, zu lösen und vielerlei wirtschaftliche und sb z i a l e N ö t e n zu bestehen haben mag, muß jeder einzelne seine besten Kräfte dem Vaterland zur Verfügung stellen. Die Rede des Reichskanzlers klang in ein dreifaches Hoch auf das in der Republik geeinte deutsche Voll aus. Im Anschluß an die Feier im Reichstag fand beim Reichspräsidenten Hinzenburg ein Frühstück statt, an dem die Spitzen der Behörden und die Führer der Reichstagsfraktionell mit Ausnahme der e x t r e m e n Parteien terlnahmen. Auch tit den Haupt st ädten der Lärrder wurden unter starker Beteiligung Bevfafsungsfeiern veranstaltet. Die Feier in Wien. — Eine Rode des Gesandten Dr. Pfeiffer. Gestern beging die reichSdeutsche Kolonie in Wien den Tag der Weimarer Verfassung. Es fanden Festgoltesdienste statt, so auch im Tempel in der Seitenstettengasse, wo Attache Dr. Kreutz Wald als Vertreter der Gesarrdtschast erschien. Um halb 12 Uhr mittags empfing der deutsche Gesandte Dr. Pfeiffer die Mitglieder der deutschen Kolonie. Er hielt eine Rede, in der er zunächst des verstorbenen Präsidenten Ebert gedachte. Er sei — sagte der Gesandte — ein braver, ernster, würdiger Mann gewesen, und wenn das Geschehen der Zeit Geischichte geworden sein wird, werde man erst ermessen können, wie groß die Verbienstc dieses ersten Präsidenten gewesen sind. Besonders damals, als alles ins Chaos abzugleiten drohte, war es ihm zu danken, daß Besinnung und Besonnenheit herrschte. Der Redner kam dann ans den neuen Präsidenten Hindenburg zu sprechen, der Deutschland kein Fremder war und der nicht nur in einer augenblicklichen Laune auf die Höhe getragen wurde. Bei schweren politischen Auseinandersetzungen sche man, wie viel ihm an Befestigung und Beruhigung zu danken ist und daß die Dinge in ruhigem Fluß blieben. Wohl sei das Reich noch immer schwer berückt durch Arbeitslosigkeit, aber der Druck, der an der Ruhr und am Rhein gelastet, sei gewichen und die Glocken künden die Befreiung. Die Zeit arbeite für Deutschland. An der Qstgrenze sitze ein Angveyzer, der wie Shylock auf seinem Schein bestehe, Laß der Vertrag erfüllt werde, Len man unter der Voraussetzung geschlossen, daß bei der Erfüllung Humanität Mitwirken würde. Die Idee des Pazifismus sei noch immer eine Phantasie edler Menschen, aber wir sind noch weiter entferW atz je von der Idee des ewigen Friedens. Der Redner wies auch auf die stürmische» Ereignisse im Reichstag hin. Er wünschte, daß die. Verhandlungen bezüglich des Sicherheitspaktes, der die Grenzen Deutschlands schirmen solle, zu einem guten Ende gelangen möge. Der Gesandte Dr. Pfeiffer schloß seine Rede mit dem Wunsche, daß, soweit die deutsche Zunge reiche, einstmäls durch Geschlossenheit der Hand und des Herzens auch ein N a t i o n a l sta a 1 erstehe. Sin zyklon in Holland. vier Zofe. — viele verletzte. — Großer Schaden. Amsterdam, 11. August. (WoU.) Gestern abends und heute nachts find über Holland sehr schwere Unwetter niedergogcmgen. Der Sturm hat in den Wichen Gebieten Hollands, besonders in der Provinz Gelderland, die Hestrgkckt eines Zyklons angenommen, wie man ihn in dieser Art noch nie vorher in Holland erlebt hat. Besonders schwer mitgenommen wurden die Ortschaften Bereulo, D«idam, Doetiuchem, Oldenzaal und Hengele, wo viele Häuser zerstört oder beschädigt wurden und zahlreiche Menschen Verletzungen erlitten. Am schwersten betroffen wurde der Ort Bereulo, der durch den Wirbslsturm fast vollkommen zerstört worden ist. Nach den bisherigen Feststellungen sind in diesem Ort vier Personen getötet und mehrere hundert verletzt worden. Zweitausend Menschen sind obdachlos. Der Telephon- und Telegraiphenverkehr hat schwere Störungen erlitten. Der Gesamlschaden soll sich aus vier Millionen Gulden belaufen. Wivüelsturm in Schleswig-Holstein. Berlin, 11. August. (Tel.-Komp.) In Schleswig-Holstein hat ein schwerer Wirbel sturm namentlich in der Umgebung der Stadt Uetersen schweren Schaden angerichtet. Bisher wurden ein Toter und zehn Verletzte unter den Trümmern umgeworfener Schornsteine geborgen. Die Ernte ist vollständig vernichtet. Außerdem ist eine große Menge Vieh ertrunken. Auch in der Gegend von Lübeck hat das Unwetter schwer-?« Schaden verursacht. Wiener Morgenzeitung. 16. August ISSö_ Sk. MS Untersuchungsrichter Autta als Zeuge. Ae größte Sensation, de« Lemberg« Proteste». (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) (< Lemberg. 10. August. Nach Beendigung der Verhöres mit dem Zeugen Polizeikommissär Kajdan erstatteten die Sachverständigen im Schriftfach Nöwicki und W a l d st o ck ihre Gutachten über die anonymen Briefe, auch die, welche während des jetzt verhandelten Prozesses dem Vorsitzenden Franke und dem Verteidiger Dr. Grek zugekommcn sind. Die Gutachten lauten ziemlich übereinstimmend dahin, daß sämtliche anonym c n Briefe, auch die während des Prozesses eingelüngten, von derselben Hand geschrieben seien, und — so wird wesentlich einschränkend gegenüber den Gutachten während der Untersuchung' hlnzugöfügt — daß die Handschrift dieser Briefe ähnlich der Schrift Mikitins sei. Der zweite Schriftsachverständige Waldstock zieht übrigens, vom Verteidiger Dr. D w e r n i c k i eindringlich befragt, ob er ganz sicher sei, daß alle Briefe vor derselben Hand geschrieben seien, den ersten Teil seines Gutachtens wieder zurück, indem er. erklärt, er könne dies nicht sicher behaupten, aber es sei wahrscheinlich so. Auf die Frage des Verteidigers Dr. Grek, ob die Briefe kalligraphiert seien oder ob man aus ihnen den Schriftch a r a k t e r erkennen könne, erklärt der Sachverständige Waldstock, der Schriftcharakter sei nicht zu erkennen. Darauf stellt Dr. Grek gemäß den Protokollen der Untersuchung fest, daß die während der Untersuchung eingelaufenen anonymen Briefe an die Redaktion der „Chwil a" und an den Lembcrger Gerichtspräsidenten Hawel kalligraphiert seien; dennoch hätten damals die Experten erklärt, sie hätten den Schriftcharakter erkennen können. Der Sensation, welcche diese Feststellung eines eklatanten Widerspruches in den früheren und gegenwärtigen Gutachten hervorruft, folgt die nächste auf dem Fuße: Untersuchungsrichter Rutka als Zeuge. Seine Aussagen und das ihnen folgende Kreuzverhör nehmen die Nachmittagssitzung des 26. und die Bor- und Nachmittagssitzung des 27. Verhandlungstages in Anspruch. Der Untersuchungsrichter, welcher sehr me r v ö s u n d u nrtt Zögern oie ruhig aussagt, schildert zunächst den Gang der Unte^» suchung, und seine Fragestellung an die Zeugen; er weist die Borwürfe zurück, welche Angeklagte und Zeugen über die durch ihn erfolgte Beeinflussung der Aussagen erhoben haben, leugnet auch, daß die Ausdrücke „jüdische M a f f i a", „Iudengeld" und ähnliche, welche sich in den von ihm abgefaßten Protokollen befinden, von ihm stammen; sic seien vielmehr authentische Ausdrücke des, Angeklagten Mikitin, dte der Schriftführer festgehalten habe. Dagegen muß Rutka eine Reihe von Einzelheiten zugeben, welche die Art, wie er die Untersuchung geführt hat» in merkwürdigem Licht erscheinen lassen, so daß er dem Angeklagten Mikitin die Niemojewskische Schmähschrift „DiejüdischeSeele imLichtedeS Talmud" geliehen habe, ferner, daß er, während die anderen Angeklagten erst einige Wochen nach ihrer Verhaftung von ihren Angehörigen besucht werden durften, der B r a u t des Mikitin, Karoline Stein, schon nach ein paar Tagen die Erlaubnis erteilt habe, Mikitin zu besuchen: Rutka leugnet auch nicht, daß er zunr Zweck der Erleichterung der Zusammenkunft Mikitins mit seiner Braut Polizeiagenten oder Polizisten als Vermittler entsendet hat. Rutka antwortet auf die einzelnen Fragen, die der Vorsitzende sodann an ihn stellt, sehr unsicher, verwirrt und geradezu übervorsichtig, was einen überaus schlechten Eindruck macht. Als ihn der Vorsitzende schließlich fragt, ob die Aussage des Angeklagten D w o rnick: richtig sei, daß ihm (Rutka) versprochen habe, ihn im gegenwärtigen Prozeß als Z e u g e n zu verwenden, damit" Dwornieki die Juden bester „verschütten" könne, beantwortet Rutka nur den ersten Teil der Frage, den zweiten Teil (über das „Verschütten der Juden") jedöck nicht. Trotz dreimaliger Frage des Vorsitzenden bleibt Rutka die Antwort schuldig. Der 27. Berhandlungstag war den Fragen der. Verteidiger an Rutka gewidmet. Die Verteidigung hatte natürlich angesichts des Umstandes, daß fast alle Angeklagten sowie eine Reihe von Zeugen erklärt hatten, sie seien durch Einschüchterungen von seiten des Untersuchungsrichters oder durch dessen eigenmächtige Auslegung ihrer Aussagen beeinflußt worden, großes Ge-., wicht auf eine eingehende Fragestellung an Rutka gelegt. Von den etwa 100 Fragen der Verteidigung wurden er mit der Bestellung auf ein kombiniertes der offiziellen Kongress-Zeitung und „Wiener Morgenzeilung*! Am 18. August, am Tage der Kongresseröffnung, erscheint ausserhalb der täglichen Ausgabe die Eröffnungs-Festnummer der „WienerMorgenzeitungu in einem Umfange von zirka 80 Seiten mit Beiträgen aller führenden Männer der jüdischen Politik, Wissenschaft and Dichtung und bisher unveröffentlichtem Bildermaterial ans der zionistischen Bewegung nud ans Brass Israel * Preise und Bezugsbedingungen: KOMBINIERTES KONGRESS-ABONNEMENT zu erraässigtem Preise (offizielle Kongress-Zeitung „Wiener Morgenzeitung“) Wien und Oesterreich . . , . . Tschechoslowakei. Deutschland. Polen.. Italien.. Rumänien. 8. tt. 8. Bulgarien ... Belgien .. Frankreich .. Schweiz und das übrige Ausland 8 8 . Ke 40 . Gmk. 6 . ZI. 6 j Lire 35 T Lei 240 . Dinar 100 . Lewa 160 . Frcs. 30 . Frcs. 30 . Frcs. 7 und IStändige Abonnenten der „Wiener Morgenzeltung" zahlen für die Kongress-Zeitung, welche gleichzeitig mit der „Wiener Morgenzeitung“ geliefert wird, ein ermänigtes Abonnement, und zwar: 83, bezw. ZI. 2, Kc. 15, Gmk. 2, Lei 120, Dinar 40, Schw. Frcs. 2.50 1 Die Eröffnungs-Festnummer, die separat besohlt werden muss, kostet: Wien und Oesterreich ..... . 8 1 Tschechoslowakei. . Kc 6 Deutschland.. . Gmk. 1 Polen. 1 Italien. 4 Schweiz und das übrige Ausland Schw. Frcs. 1 fast 70 Fragen vom Vorsitzenden nicht zugelasten. ( Unter den nicht zugelassenen Fragen, welche sich alle auf offenbare Mißbräuche der Amtsgewalt beziehen, befindet sich auch die interessante Frage, warum Rutka, als der Rechtsanwalt Dr. R e i ch zu ihm kam und ihn ersuchte, . den Angehörigen der verhafteten jüdischen Angeklagten eine Zusammenkunft mit diesen zu gestatten (was Rutka ablehnte, obwohl er gleichzeitig der Braut des Mikitins eine . Zusammenkunft mit diesem erlaubt hatte), im Protokoll über diese Dorsprache Dr. Reich als Obmann des jüdischen Sejmklubs bezeichnetc, während dieser in seiner Eigenschaft als Rechtsanwalt bei ihm vorgesprochen hatte. Die Verteidiger Dr. L a n d a u, Dr. D w e r n i e k i und Dr. (8 r e k appellieren an den Gerichtshof, die Fragen, die an Rutka gestellt worden waren, zuzulassen; der Gerichts- Hof lehnt die Anträge ab. Als Dr.. Landau im Interesse der Erforschung der Wahrheit nochmals die Zulassung von Fragen verlangt, welche über den Gang der Untersuchung für diesen Prozeß Aufklärung geben können, lehnt der Gerichtshof die Stellung aller Fragen ab, welche auf die innere oder äußere Seite der Untersuchung Rutkas Bezug haben, und droht, falls solche Fragen gestellt werden, mit energischen Maßnahmen des Gerichtshofes gegen die Verteidigung. Hierauf lehnt Verteidiger Dr. Landau die weitere Fragestellung an Rutka ab. Eine der wichtigsten Fragen, die sodann der Verteidiger Dr. Dwernicki an Rutka stellt, ist, ob der Schriftführer PiotrowSki während' der Untersuchung Fragen gestellt oder die Jni. tiative für Fragestellung ergriffen habe. Rutka antwortet: B o n Z e i t z n Z e i t hat der Schriftführer Fragen gestellt, die Hauptfragen aber habe ich gestellt. Die meisten Fragen Dr. Dwernickis und des Verteidigers Dr. K i b i tz werden vom Vorsitzenden a b g e l e h n t, die wenigen zugclassenen, die Rutka etwas heikel erscheinen, beantwortet er stereotyp mit „Ich erinnere mich nicht" oder „Ich weiß nicht". Dies ist auch der Fall, als Verteidiger Dr. Kibitz fragt, warum im Protokoll mit dem Angeklagten Dwornicki keine Fragen vorhanden seien. Da erhebt sich der Angeklagte Dwornicki und ruft: Herr Untersuchungsrichter! Sie selbst habe» mir gesagt, Sie würbe» mir keine Frage» stellen, damit es so auSfehe, als Hütte ich alles allein erzühlt. Zeuge R u tka: Das ist ausgeschlossen! Solche Szenen wiederholen sich dann mehrmals; bald erhebt sich der Angeklagte Mikitin, bald der Angeklagte Dwornicki, und jeder sagt Rutka schwere Beschuldigungen ins Gesicht. Rutka erwidert ständig: „Das ist ausgeschlossen!" Den Clou dieses Berhandlungstages bildet dann eine Frage des Verteidigt Dr. Grsk an den Zeuge«. deren

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