Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2323 (9.8.1925)
- Date
- 1925-08-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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. Heil« S m .. Wien, Sonntag Wiener Moraenzert«ng 9. August 192o Nr. 2923 rGUMMIfCHUHEn Spiel bä Ile, Qümmimäntcl und Gummiwaren aller Art zu Fabrikspreisen! SPIRMANN & HOROWITZ Wien, II. Bez., Taborstrasse Nr. 11b — Telephon Nr. 47-0*86 Ae österreichische Regierungserklärung. —V Wien, 9. August. Die österreichische Regierung hat gestern in einer öffentlichen Erklärung ihre Stellung zum Zionistenkongreß gezeichnet. Die Verlautbarung ist keine Politische Deklaration, wie solche vor kurzer Zeit von den Regierungen Polens und Rumäniens erflossen sind und den offiziellen Beitritt zur Mandatspolitik des Völkerbundes bedeuten. Vielleicht hält dies die österreichische Regierung für überflüssig, da ja Oesterreich Mitglied des Völkerbundes ist, dessen Rat die Garantie des Mandates übernonnnen hat und seine sinngetreue Durchführung überwacht. Diese Linie verpflichtet alle angeschlossenen Staaten; ztvar nur moralisch, aber doch in solchem Ausmaß, daß sie den Eintritt des jüdischen Volkes in die nationale Freiheit mit den ihnen zu Gebote stehenden Mitteln fördern müssen. Dies gilt auch für Oesterreich und wenn die gestern publizierte Erklärung in diesem Sinne zu verstehen ist, so würde dies nur der tatsächlichen Lage entsprechen. Die Erklärung des Kabinetts Ramek ist unter dem Gesichtspunkt zu werten, daß sie als Antwort auf eine antisemitische Anfrage erfolgt ist. Der Inhalt dieser Anzapfung ist von uns seinerzeit mitgeteilt worden. Sie faßte alle nicht erst seit gestern erhobenen Anklagen gegen den Zionismus und das Judentum zusammen. Die Regierung als .der Verantwortliche Vertreter des Staates und seiner Bevölkerung unterläßt es mit gutem Grund, das Lügengeschwätz zu dementieren. Sie geht auf die zionistische Frage ein, deren Kernpunkt das Problem der Wanderung bildet. Die Verhältnisse im Osten und in unheilvoller Verbindung damit die Sperrung der amerikanischen Häfen haben diesem Problem einen sehr ernsten Charakter gegeben und es ist an dieser Stelle wiederholt darauf hingewiesen worden, daß die Dirigierung dieser heimatlos flüchtenden Massen nach Palästina eine leider sehr wenig gewürdigte Aufgabe des nationalen Judentums darstellt. Diese Frage belastet unleugbar die jüdische Situation, sie schafft viel Konfliktsstoff und sie muß geklärt werden. Der Zionismus muß Äes besorgen und er kann dies auch schon jetzt so weit einleiten, daß er die ganze jüdische Oeffentlichkeit zur Behebung dieser Sorge aufruft und daß er ihr sagt, daß nur die Palästinaarbeit eine Erleichterung schaffen kann. , ' Die österreichische Regierung hebt dann auch die zielbewußte Energie hervor, mit der der Zionismus an dieses Problem herangegangen ist. Sie erklärt, daß sie sich nicht von Sympathie oder Anttpathie leiten lasten und nur vom österreichischen Standpunkt aus^ie Frage betrachten will. Das ist, wie uns scheint, nicht der richtige Weg, um zur Erfassung des zionistischen Problems zu gelangen. Der Zionismus als eine das ganze Judentunr erfassende Bewegung beschränkt sich nicht auf die Wanderung allein. Er will ‘ ihr vielmehr das Haus bauen und er wendet sich zur Erzielung dieses Zweckes an das Judentum aller Länder. Alle Völker wüsten an dieser Bewegung interessiert sein und sie nach ihrem politischen und sozialen Inhalt beurteilen. Der Bundeskanzler geht darauf nicht ein. Dies war wohl auch nicht der Zweck seiner Erklärung, die ja nicht an die jüdische Oeffentlichkeit, sondern an die hinter der Regierung stehenden Parteien adressiert ist. Wir würdigen gewiß diese Situation urrd wir wissen den guten und ehrlichen Willen der Regierung zu schätzen. Sie berührt iit ihrer Antwort nur eine, allerdings sehr wichtige Seite. Aber der Zionisntus ist doch mehr. Er ist nicht bloß eine jüdische Bewegung, die nur das Judentum int Auge hat. Er ist die Bewegung einer hochstehenden geistig und kulturell aktiven Nation, die ihre nationale Erlösung aus dem Exil mit Aufbietung aller Kräfte durchführen will. Sie gibt der europäischen Kultur neue Impulse, sie bringt ihr neues Land und sie geht an die Lösung einer Frage, die die ganze Menschheit in Atem hält, der sozialen Frage und der Aussöhnung des Abendlandes mit dem Orient. Der Zionismus hat bewiesen, daß er seine Aufgabe kennt und die Vertreter des Völkerbundes haben im Frühjahr sich überzeugen können, wie die zivilisalorifchen Fragen in Palästina von den Juden behandelt werden. Sie haben dort gesehen, wie leer und hohl die Beschwerden gegen den Zionisntus sind, der seine Arbeit mit der Griindung einer Universität begonnen hat. Oesterreich wird im September vor dem Ausschuß deö Völkerbundes zu erscheinen haben und seine Delegierten werden dort erkennen, daß der Zionismus eine Angelegenheit ist, zu der die großen Staaten und Völker nur im ivmpathischen Sinn Stellung nehmen können. Syrien und Marokko. Ae französtschen Kolonialkriege. Paris, 9.' August. Nach einer Meldung aus Jerusalem breitet sich der Aufstand der Drusen aus. Die Franzosen haben vor den Bordringenden Bana geräumt. Tue ida wurde von den Nusttändischen genommen. Tin Teil der Besatzung und der Bizegouverneur ivurden gefangen. Truppen, die voll Beirut nach Marokko crngeschifft werden sollten, sind z u r ü ck b e h o l t e n und ins Innere des Landes entsendet worden. Bel den letzten Känrpfell hatten die Franzosen zweihundert Tote und sechshundert Verwundete. Außer Kanonen und Maschinengewehren erbeuteten die Drusen mehrere Tanks und es gelang ihnen, eine Anzahl Fluzeugc adzufchießen. Das „Echo de Paris" das schon seit einiger Zeit eine heftige Kampagne gegen den französischen Gouverneur von Syrien . . General Sarrail geführt hat, veröffentlicht heute neue genaue Einzelheiten .über, die Vorgeschichte des Drusenaufstandes und kommt zu dem Schlüsse, daß der Aufstand der schlechten Verwaltung' des Gouverneurs zur Last gelegt werden müsse. Die Zeitung fordert die Abberufung des Gouverlleurs. General Sarrail habe sich bei den Drusen unbeliebt gemacht, weil er die Zwangsbesteuerung eingeführt und die Stämme durch Despotisnms verbittert 'habe. Er habe zum Beispiel die Führer eines Stammes besttafen wollen, weil sie ihm zu Fuß und ilicht zu Pferd entgegengekommen waren, um ihn zu begrüßen. . Am 7. Juni' sei der Führer der Drusen Restib Bei Atrash in Begleitung mehrerer Häuptlinge nach Beirut gekommen, um General Sarrail eine Reihe von Beschwerden Mer die Verwaltung des Landes zu unterbreiten. Genewl Sarrail habe gerade einem Balhe'beigewohnt und. sich geweigert, die Abordnung zu empfangen. Er erklärte, diese Leute mögen nach Hause zurückkehren. Am 20. Juni habe man in Syrien, vernommen, daß die Drusen ihre Frauen und Kinder sowie ihr .Hab und Gut nach Palästina gesandt hätten, was darauf hindeutete, daß ein Aufstand b e v o r st e § e. Am 21. Juli sei dann der Aufstand ausgebrochen. Die Drusen verfügten über 60.000 wehrfähige Männer und wurden Yon Arabern unterstützt. Auch in Damaskus drohe. e i n Aufstand. Die französischen Behörden haben energische Maßnahimn ergriffen. Das Journal" schreibt: Es ist nicht zweifelhaft, daß der von den französischen Truppen in Sueida erlittene Mißerfolg in Syrien eine ziemlich heikle Lage schafft. Infolge der Ereignisse in.Marokko mußte ein Teil -er. zur Äusvechterhaltung der Ruhe in Syrien bestimmten Truppen zurückgezogen werden. Jedenfalls ist eine Auffüllung der Truppenstärke notwendig, damit Frankreichs Ansehen unter den Folgen der Niederlage nicht leide. Das Verhalten der Bevölkerung mutz mit der seit einigen Monaten in ganz Syrien s i ch b e m e r k b a r machenden. Erregung in Verbindung gebracht werden. Fremdländischer Einfluß hat dazu beigetragen, die Erregung zu verstärken. Die Drusen sind immer von den Engländern be-, arbeitet worden. * Verhandlungen mit England. London, 8. August. Mehrere Abendblätter wollen wisten, daß der Aufstand in S y r i e n in den bevorstehenden Verhandlungen bei- Außenminister Briand und Chambcrlain ebenfalls eine Rolle spielen wird. Der französische (^cucralgouverneur General Sarrail steht in fortgesetztem Meinlmgeanstausch mit den englischen Behörden in Tra n sj orb«ut cn. Bon beiden Seiten ivcrden alle Maßnahmen getroffen, um den Aufstau*' der Drusen rasch zu unterdrücken. An der transjovdanischeii Grenze. Beirut, 8. August. (Havas.) Eine Anzahl Drusen hatte sich nach T ra n s j o r da n i c n geflüchtet. Die englischen Behörden entsandten A u t o m 11 c mit Ma. schi nengewehrc n, mit sie in das dem französischen Mandat unterworfene (Gebiet zurückzudrängen, und ließen die Grenze von Flugzeugen abpatrouillicren. Araber und Berber. Paris, ü. August. (Tel.-Kymp.) Der „Petit Pavisieu* veröffentlicht ein Interview mit dem Großwesir des Sultans von MaroKo E l M o k i r, das itn großen und ganzen lediglich . eine Loyalitätserk lärung gegenüber Frankreich darstellt. Der Grotzwosir ist überzeugt, daß Fes endgültig jeder Gefahr eirtthoben sei und daß Abd el Krim bald wieder in seine Berge zurückgeworfen sein werde. Er spricht bett R i st kabylen jedes Recht auf das Uevghagebiet ab. Dieses sei von Arabern bewohnt, während das Rifgebiet von Berbern besiedelt sei. Die Rifbevölikevung sei int stände, aus der eigenen Produktion des Landes zu leben und das Uevghagebiet werde wirtschaftlich immer zu Fes gehören. In Marokko sei eine feste Zentralgelvalt nötig, das Land vor seinen natürlichen anarchistischen Tendenzen zu behüten. Im Rifftaat sei ein Rebellenführer nur deshalb in der Äge, eine große Macht zu gewinnen, weil die Spanier sich in dieser Zone nicht zu halten vermochten. Mit Bezug auf die Friedensbedingungen hat sich der Grotzwosir nur sehr vorsichtig geäußert. Er erklärte lediglich, daß die Riffrage über Marokko hinausgche. Die Lösung dieses Problems könne nur auf der Grundlage der Achtung der Vertrüge sowie der Anerkennung der Souveränität des Sultans und der Unverletzlichkeit seines Gebietes herbeigeführt werden. Man Esse sich vor einer fatschen Lösung hüten, da sonst der Friede unbeständig sei und man direkt eine Aufmunterung für deü Arkfftand schaffen würde. London, 8. August. (Tel.-Komp.) Der „Daily Expreß" meldet aus Tanger, daß die Spanier einige Dörfer in der Nähe der Tangerzöne bombardierten. Die Spanier bezwecken damit, die Lebensmittelkarawanen zu zerstören, die von Tanger nach dem Austtandsgebiet abgehen. Nur drei Leute... Paris, 9. August. (Wolff.) Nach einer Agenturmeldung aus Casablanca wurde der von den Ristruppen besetzte Dschobel Sarsar von Artillerie beschossen. Die Verstärkungen gestatten zum ersten Male die Ablösung der französischen Truppen an der Front, die seit drei Monaten ununterbrochen im Kampfe standen. Von der Abteilung de's von Abd el Krim eroberten Postens Mn Bu Aischa, die sich u n t e r d e r Führung eines Adjutanten durch die Riiflinien nach Skiffa durchschlagen wollte, sind nur drei Leute eingctroffen. JUWELIER ) MORIZ OESTERREICHER!■ WlpplIngaritraB« 29 Steter Eingang besonders preiswerter Juwelen und Silberwaren Gro*s«8 Uhrenlager 5112 Eigenes Atelier 2er Bölkerbuuv. Pari-, 8. August. (Tel.-Komp.) Zur s e ch st e u Tagung des Völkerbundes in Genf, die am Montag den 7. September eröffnet wird, soll auch Ministerpräsident Painleve sich nach Genf lbegeben und nach dem Beispiel Herriots im letzten Jahre während der evsten Verhandlungstage selbst den Vorsitz der französischen Abordnung übernehmen. Lette Kurse. New.Yorker Devisen. New-Bork, 8. August. (Tel.-Komp.) Berlin 28.81. London Kabel 4.85V' London Scheck 4.81%, Amsterdam 40.21, Paris 4.67, Brüssel 4.58, Rom 8.67%, Madrid 14.48, Zürich 18.42, Stockholm 26.88, O-lo 18.87, Kopenhagen 22.78, Wien 0.14, Budapest 0.14. Prag 2.96%, Belgrad 79. Athen 156%. Buenos Aires 40V,. Rio de Janeiro 12.—, Bukarest 0.52. Amerikanische Getreidemiirkte. Astv-Vveke 9. August. (Tel.-Komp.) Weinen rot Winter 176%. Weizen hart Winter 164%. Mais 121. Hafer 51%, Roggen 11913. ■ Ehlkago, 8. August. (Tel.-Komp.) Weizen per September 165%. De-ember 194. Mai 167»/.; Malier September 105, Dezember 87%, Mai 87V,; Hafer per September 42%, Dezember 45%. Mai 48»/,; Roggen per September 106'/,. - Dezember 105, Mai 116'/,. Akademie ffr vergleichendes Recht. Im großen RechtÄfaal des Haager Frieden s- Palastes wurde die Tagung der Internationalen Aka- >demie für vergleichendes Recht eröffnet. Die Sitzung.wurde vom holländischen Justizminister Mr. Heemskexk eröffnet und geleitet, der dabei einen eingehenden Ueberblick über den Zweck und die Ziele der Akademie gab. Er führte im wesentlichen aus, daß die Akademie für vergleichendes Recht am 19. September 1924 anläßlich einer Professor-enznsammenkunft in Genf unter Vorsitz de- Professors de Bustamente gegründet -worden sei und unter -denr Schutz des Völkerbundes stehe. Die Akademie bestehe aus dreißig Mitgliedern, die aus diesem Gebiete besonders sachkundig seien, und zlvar aus Hochschullehrern, die sich auf diesen! Gebiete schriftstellerisch betätigt haben. Den evsten Vortrag hielt -der Präsident der Akademie Prof. Weiß über die Bedeutung, die das vergleichende Recht in der Rechtswissenschaft habe. Die Mossulsrage. Paris, 8. August. (Tel.-Komp.) Der „Temps" befaßt sich heute mit dem Bericht der Mossulkommission und äußert sich ziemlich skeptisch über die Aussichten einer Einigung zwischen London it n d Ango r a. Denn Mossul sei für England der Angelpunkt der gesamten P e t r o l e u m p o l i t i f, von der eines Tages die Beherrschung der Meere durch Großbritannieu abhängen könnte. Andererseits sehe es nicht so auS, als ob die Türkei guten Willens auf das Wilaset Mossul verzichten würde.