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Wiener Morgenzeitung · 1925-08-09 · Heft 2323 (9.8.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2323 (9.8.1925)
Date
1925-08-09
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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N r. 2623 Wien, Connlag Wiener Moraen^eituna.!). Melkst Vom Haffen und Kämpfe«. Von Anitta Müller-Eohrn. Wer mit seinen Gedanken in die OeffeNtlichkeit tritt, kn Wort oder Schrift, der muh darauf gefaßt sein, Gegenäußerurkg zu hören. Es ist daher immer eine besondere Freude, nach einem Vortrage oder nach Veröffentlichung eines Zeitungsartikels Zuschriften zu bekommen — angenehme und auch unangenehme —, man kann sie, wenn man höflich sein. will, auch zuftimmende und widersprechende nennen. Sie alle zeigen, daß man nicht in leere Lust gesprochen hat, daß man für seine Gedanken und Gefühle eine Resonanz gefunden hat — und diese zu finden ist ja der ganze Sinn und Zweck jeder öffentlichen Meinungsäußerung. Und so freue ich mich auch, daß mein kleiner, hier kürzlich veröffentlichter Aufsatz über den Abbau des Hasses einen merkwürdig starken Widerhall gefunden und mir eine ganze Anzahl von Rückäußerungen gebracht hat. Da es mir nicht möglich ist, all diese Briefe direkt zu beantworten, möchte ich heute hier nochmals auf mein Thema zurückkommen. In manchem, in vielem bin ich mißverstanden worden. Ich bin gewiß nicht dafür, daß man zum Haß erziehen soll, daß man ihn säen und predigen soll. Glücklich die Zeit, die vom Hasse verschont ist! Wo er aber aufsteht, dieser Haß, >wo er mächtig und am Werke ist, wo man ihn nicht mehr durch gute Reden und schöne Taten einschläfern kann, sondern mit ihm als einer gegebenen, allgewaltigen Tatsache rechnen muß, da sollen und dürfen wir uns vor ihm nicht feig verkriechen, dürfen nicht mit schönen klingenden Worten unser Leiden und Dulden bemänteln. Wir muffen ihm entgogentreten, müssen ihn bekämpfen. Noch niemals hat demutsvolle Unterwerfung den Haß eines Gegners ins Gegenteil verkehrt. Gerade am Stummen, Wehrlosen tobt sich die sinnlose Wut am liebsten aus. Nie, niemals würde ich Kampf mit Waffengewalt und Blutvergießen predigen. Als Frau, als Jüdin, als Zionistin verurteile ich den Haß, der blind wütend zerstört. Als aufrechter und ehrlicher Mensch aber verurteile ich nicht weniger das Sich-ducken und Verkriechen vor den < Ausbrüchen eines sinnlos, unverdienten Haffes. Ich kann es einfach nicht über mich bringen, ihn etwa als eine Geißel hinzunehmen, als unabwendbar, unbesiegbar. Wir müssen uns gegen den Haß wehren, der uns umtobt, wir müssen eine Schutzmauer gegen ihn errichten, denn er bedroht uns tiefer als wir glauben und uns eingestehen. Es tut so bitter weh, zu sehen, wie schon die Schulkinder unter dem Einflüsse dieses Hasses klein und feig werden und vor ihren feindlichen kleinen Mitschülern ihr Bestes und Höchstes, ihr jüdisches Sein und jüdisches Fühlen verstecken und verleugnen. Cs tut bitter weh, zu sehen, daß brave, anständige Menschen und Juden aus Angst vor diesem Haß, die sie ja an den Wurzeln ihrer Existenz bedroht, sich-ducken und verkriechen und irre werden an sich selbst und ihrem Judentum.! Man sage nicht, daß alle diese Auswüchse, die der Haß geboren hat, im Grunde unbedeutende Aeußerungen unreifer, unwissender Lebensanschauungen sind, denen man am besten auswoicht, um ihnen durch Entgegentreten Bericht über eine BalMnareife. Von Otto Abeles. 15. Mondnacht in Safod. Fahrt über verbräuntes Land. Steine liegen da, wie gebleichte Rieseüknochen eines Fabeltieres. Und Staubrnaffen, vom heißen Wind aufgowirbelt, fallen auf gedörrte Pflanzen, in die Erdfalten, auf unsere Kleider, wie schwerer grauer Aschenregen. Dann erholt sich das Auge. An dem üppigen Grün von Rosch-Pinna, der jüdischen Mutterkolonie Obergalilääs. Hoch ragt der Kanaan, den jetzt jüdische Pioniere aufforsten, erquicklich ist der Niedevblick auf -das Endchen Tibevias-See, das blau zwischen Bergketten hinauflugt, einladend Winken die wipfelumstandenen, das Hügelgelände emporkliminenden Häuserzeilen der Dovfstraßen. Bei der Ankunft in Rosch-Pinna sprechen uns einige Gestalten an, haarscharf jenen gleichend, die sich am Marktplatz des ostjüdischen Städtels umtuu. Juden, auf irgend einem zufälligen Verdienst ivartend. Die Frage nach der Beschäftigung wird von dem Mchststohonden schr unsicher beantwortet. Er wartet, bis „die Fabrik" kommt. Ich glaube, er ist nicht ungelhalten, daß sie noch einige Zeit auf sich wird warten lassen. — ,>Und indessen?" — ,Man trägt ein Ränzel, besorgt einen Botengang, tut, was sich findet." — Oder man dreht sich wie dieser, am Anikunftsplatz der Autos herum, erzählt Vieles, möglichst vieles und erhofft Bakschvsch. Peinliche Begegnung mit »Kuftinonschen" in Erez Israel. Diese Spezies darf hier nicht gedeihen. Und wird es nicht, so wahr es einen neuen IischUW gibt. Der Anblick von Rosch-Pinna war schöner, als der Einblick. Wir fanden weder Anlaß noch Bedürfnis, den Aufenthalt zu verzögern, tranken unseren Tee sichenden Faches und stiegen rasch lvioder ein. In gedrückter Stimmung. * ’ .Vw- Plötzlich, nach einer Wegebiegung, vom Abendrot scharf Umrissen, unwahrscheinlich schön, wie das Titelbild eines orientalischen Märchenbuches, die Silhouette von Safod. Die Stadt bedeckt die Kuppe eines Berges, der 1200 Meter über dem Tibevias-See liegt und man fährt auf einer Straße, die der Meisterregiffeur Max Reinhardt entworfen haben könnte. Vorerst sichst du das Profil, li:) Siehe „Wiener Morgeiizeitung" vom 17. und St. Juni, 2., 8., L, 9., 16., 17.. 23.. 2t.. 26.. S1. Juli und S. August. Serke 3 DZ%7Zr SCHOSTAL & HKRTLEIN Wien, I. K8rntneratraase 14, und Wien, l. 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Zephir, Oxford etc. aufw. von.S 12.—, . . aufw. von S 88» — 18-, 18.80, 17.30 a7fen*cmhem3mrau77a6ng!TSchem Popline aufw. von S IO Hosen.aufw. von 8 7»—, 10 —, 12.— Pyjamas.. aufw» von S 27» — Henrenstnllmpfe. „ . . 4.80 Hennensocken... „ „ « 2.10 Krawatten, rein Seide, grosse Auswahl, letzte Neubeiten, aufw, von .S 1.60, 2.80 3.80, 6 —, 6.80 Ausserdem reiche Auswahl in Bett- und Tischwäsche mit schonst, zart. Handarb. zu kolossal herabgesetzten Preisen. nicht noch selbst Wichtigkeit zu verleihen. Wir alle wissen, daß es die kleinen Dinge des Alltags sind, die im Grunde unser Denken und Fühlen bestimmen. Die Aeußerlichkeiten sind' es, die die großen und ewigen Dinge nach sich ziehen. Man hält mir entgegen, daß in allen Ländern der Erde trotz allem Antisemitismus Juden leben und wirken, sich aus allen Gebieten des Wissens und Könnens hervorgetan haben und, erhaben über kleinen irrsinnigen Haß, unbeirrt von seinem Geisern, ihr Werk weitevführen, um sich so durchzuringen und die Achtung aller Gutgesinnten zu erwerben. So richtig, Gottlob, diese Tatsache ist, so richtig ist es auch, daß man die vielen, die Massen nicht mit dem Maßstabe messen darf, den man an die Großen anlegt. Nicht für die Höhenmenschen stellt man Lebensregeln auf, sondern für die Dutzendmenschen, für die Alltäglichen. Wenn auch die ersteren stark und unbeirrt vorwärts schreiten und Weg und Ziel genau erkennen, neben ihnen leben die anderen Tausenden, 3>ic Kleinen, Schwachen, die Suchenden, die Ratlosen. Für sie, die so leicht in die Irre gehen und sich selbst verlieren, für die, die darauf ^warten, daß man zu ihnen spricht und ihnen die Hand reicht, für sie, die so leicht dem Gefühle der Minderwertigkeit verfallen, für sie reden und schreiben wir, für sie stellen wir unsere Maximen auf. Wir hören es immer wieder, daß der Abbau des Judenhasses nicht von den Juden geführt werden kann, sondern von den Gutgesinnten im anderen Lager, die das Unrecht erlkennen, das von ihren Glaubens- und Volksgenossen an den Juden geübt wird. Gewiß gibt es solche — aber wir hören nichts von ihnen, so sehnsüchtig und so lange wir auf sie warten. Niemand anderer wird uns helfen, wenn wir uns nicht auftaffen, uns selber zu helfen. Es würde zu weit führen, im Rahmen dieser kleinen Ausführung die tiefen und ewigen Gründe des Judenhasses, die auf religiösem, nationalem und ökonomischem Gebiete liegen, zu erörtern — das ist ja auch schon so oft und gründlich geschehen! Er wird wahrscheinlich nicht zu tilgen sein und nie gänzlich getilgt werden können. Das wollen wir hinnehmen. Aber wir werden und müssen seinen Auswüchsen entgegentreten, vor allem dort, wo sie uns in unsere^ Seele bedrohen. Morgan bildet einen Dlamantentrust. London, 8. August. (Dell.-i.Komp.) New-A-irker Meldungen berichten von.der Gründung eines gewaltigen Diamantent r u st s unter der Führung des Bankhauses I. P. Morgan u. C o. Dem Syndikat gehören außer dem Hause Morgan die Diamantenfirma BarnatoBrothers und die Dunkelsbühler Company an. Das Syndikat will den gesamten Besitz der de Beers Consolidated Mines Limited in Kimberley überuehmeu. * Das Bankhaus Morgan hat die Nachricht über seine Beteiligung an dem neuen Diamantentrust in Abrede gestellt. Demgegenüber verlautet in informierten Finanzkreisen der City mit größter Bestimmtheit, daß das Bankhaus Morgan bei der gewaltigen Transaktion eine führende Rolle spielt, wenn auch nicht unter eigenem Namen, sondern im Wege der Anglo-American Corporation of South Africa, deren Aktien fast zur Gänze im Besitze des Hauses Morgan sind. Das neue Syndikat wird 90 Prozent der Diamantenpvoduktion der ganzen Erde kontrollieren. bas Majestätische Profil dieser Stadt, welche die Araber „Die Ausschauende" benannten. Dann umkreist mau sie auf raffiniert gebauter Schneckenwindung, die zum . Plateau -führt. Die breite tiefliegende Araberstadt, mit Gärten bespickt und Minaretten besteckt, die Judenstadt, an den steilen Felsen geklammert, in das Gestein verbissen —, die Dächer der tieferliegonden Häuser sind Schemel für das Erdgeschoß der höherliegenden —, die Ruine der Kveuzfahrerbuvg, im Norden der Gipfel Azmon, im Süden die gewölbte Stirn des Tabor, das heitere Antlitz des Karmel, weit im Hintergrund, aber in der durchsichtigen Luft dieses Abends greifbar nahe, die Berge von Haurau, in herrliche blaue Mänt-el gehüllt, hier knapp am Wege .der malerische Araberftiedhof, dort auf dem Hügel der berühmte Judenftiedhos, vom Grabmal des Rabbi Iizchak Luriah überragt — . dieses ganze, überwältigende Panorama ist auf der Fahrt zum Hotel unvergleichlich zur Geltung gebracht. * Kühle würzige Bergluft, erfrischender Nachtwind. Weißes Licht ist über starre Dächer, bewegte Wipfel auSgogpffen, vo-n solcher Iutensi-tät, wie sie in unseren Breiten nur Lichtkegel von Scheinwerfern erzeugen können. Wenn man der erstaunten Menge die Fassade des Wiener Rathauses, den Salzburger Mönchsberg, die Wafferstürze einer Älpenklamm in festlicher Illumination zeigt. Hier wirkt der südliche Mond den Zauber, die Munderlampe am weiten blanken Himmel, welche das ganze Land, bis zu den Bergen am Horizont, mit magischer Helligkeit erfüllt. Du kannst auf der Straße um Mitternacht im Reiseführer lösen oder in deiner OrientievungSkarte — wenn du es in dieser Nacht kannst. Reb Leiser, du geliebter Sänger der Krakauer Reb- Eisig-Schul', hier, an den Mauerkranz der Araberstadl gelehnt, habe ich in dieser Bollmondnacht deiner gedacht. Dort unten singen Männer, das Solo des einen erlöscht die Stimmen der andern, die Inbrunst seines Liedes ist deine Inbrunst, und seine fromme erschütternde Weise, seine süße Kantilene, sein brüchiges Tremolo, scheinen mir deine Weise, deine Kantilene und auch dein Tremolo zu sein. Mein zufälliger Begleiter ist Führer der polnischen Bundisten und als solcher ein Gegner der jüdischen Erneuerung in Palästina, Er tvurde nach Erez Israel entsendet — ich fragte nicht, zu .welchem Zweck —, siHt das Land und die Menschen und wird wohl nach .feiner Heimkchr antizionistischer Führer bleiben, wie et es vorher war. Mer da er in seiner Jugend -eine Jeschibah absölvievte und, wie er mir versichert, berechtigt wäre, das Amt eines RäbViners zu verwalten, hat ihm Jerusalem, Liberias und ganz besonders Saftd, die heilige Kabbalistenstadt, mehr zu sagen, als mir. Auch hier, am Saume des Araberviertels, lauscht er verständnisinnig hinab, ist sehr gerühmt und weiß die Verwandtschaft der arabischen Gesänge dieser Nacht mit bestimmten hebräischen Gebeten festzustellen. Wohlverwandtschaft? Blutsvevwandtschäst! In dieser zauberhaften Stunde auf der Bergstraße über dem weiß schimmernden, im Mondlicht gebadeten „sabbatlichen" Araberviertel von Safed offenbarte sich im Liede di^ Brüderlichkeit der beiden Völker. * Nieniand schläft in dieser Nacht. Auch die Judenstadt ist lebendig. Harte, scharfkantige Schatten werfen die höherliegenden Häuser auf die Dächer zu ihren Füßen, wie ein Gürtel silberner Schuppen ist die Siedlung um den jähen Berghang gelegt und -die Lichter in den Stuben, ihrer Kraftlosigkeit in dieser Mondnacht bewußt, vereinigen sich zu einem zarten, bescheidenen Ornament. A-us einem Hause dringt freudiger Diskant von Knabenstimmen und Männerbaffen. Ein amerikanischer Jude kam mit seinem Sohne, damit er in der teueren Gemeinde Safed Bar-- Mizwah feiere. So lieben die Frommen des Erdenrundes die Stadt, in der neben Rabbi Iizchak Luriah, dem großen Kabbalisten, und Joffes Karo, dem Verfasser des Schulchan Aruch, eine Plejade jüdischer Geistesfürsteil ruht. Aus dom Hof vor der Kabbälisten-Synagoge, dem Tale zugelvendet, in welchen! Rabbi Simeon-Bar-Jochai begraben ist, steht ein hoher, gehöhlter Stein. Am Todestage des Großen, ani Lag b' Omer, wenn die Prozession des Volkes dort unten seine Gruft umringt und nach Einbruch der Dämmerung ein Feuer entfacht hat, schießen aus diesem Stein hier und aus vielen, vielen andern Steinkelchen von Safed Flammengrüße auf und ein Iub.'Med erschallt aus dom Tale. Wir umstehen den mondbeglänzten Stein. Der Bu-ndist, söhr warn: geworden, berichtet von dem Leben des Simeon-Bar-Jochai. Dieses lvar die Mondnacht in Safed, der Stadt, die dem Dichter Alkabez das traute Lied zur Begrüßung d»r Prinzessin Sabbat eingab, lxis unsterbliche Lied „Lcha Dodi".

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