Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2322 (8.8.1925)
- Date
- 1925-08-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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beite 2 Wien, Samstag Wiener Moraenzettung. 8. August 1926 Nr. 2MS anILKliclZ des XlV.Ztanlstenkongresses Jüdische Firmen! Jüdische Firmen t Schluß der Aktion Montag» 10. August Spenden entgegengenommen: Bnreau des Kere.v Kajemetk, Kämtnersirnße 28 Telephon 77-4-85, 77-4-86 nicht, sie kennt das Judentum nicht. Sie nimmt sich auch gar nicht die Zeit zur authentischen Information. Die Alge ist Selbstzüveck und wirkt als solcher. Sic erzeugt immer neue Lügen, wobei eine sich auf die anderen beruft. Wenn cs nicht so unendlich traurig wäre, und wenn nicht hinter diesem Getue die Pogrombestic stünde, so wäre cs eigentlich erheiternd, festzüstellen, daß große Parteien, führende Personen des öffentlichen Lebens über eine Bewegung von solcher Schwungkraft und von solchem Idealismus sich aus Getratsch, Entstellungen, Verdrehungen und Fälschungen ein Urteil suggerieren lasten. , Wir bauen uns eine Heimat. Wir tragen die Bausteine aus der ganzen Welt zusammen. Wir sammeln Geld, belehren die Unserigcn und suchen ihre seelische und geistige Kraft auf ein Ziel zu konzentrieren, das weitab vom Lärm des europäischen Gezänkes liegt. Wir find vollauf, bis zur Erschöpfung der physischen und geistigen Mttel, damit beschäftigt, unser Volk für diese Aufgabe zu entflammen, ihm den Mut zu geben, der die Vorbedingung zur Lösung der seiner harrenden Probleme ist. Wir müssen es organisieren, es aus der Wirrnis der Verfolgung und des Hasses wecken. Wir geben ihm den idealen Glauben an seine Zukunft, die es sich aus seiner eigenen Kraft schaffen muß. Das ist ein riesiges, über die ganze Welt sich erstreckendes Arbeitsgebiet, und die Notwendigkeiten, die uns erwachsen, schließen es aus, daß wir außerdem noch Vernichtungs¬ oder Weltherrschaftspläne hegen sollten. Wir sind auf das Verständnis der Welt angewiesen, wir suchen Vertrauen und wir sagen öffentlich von der Tribüne unseres Kongrestes, was .Herzl in seiner ersten Rede ausgedrückt hat: „Unsere Arbeit muß von viel Wohlwollen umgeben sein, wenn sie gelingen soll." Wir haben es schwer genug, unser Werk vorwärts zu bringen, alle Parteien im Zionismus auf der gemeinsamen Linie festzuhalten, und deshalb ist es Mißvrständnis oder Verleumdung, uns Pläne zu imputieren, die im schärfsten Widerspruch zu unserem Friedensbekcnntnis stehen. | Aus der von der österreichischen Regierung gestern veröffentlichten Erklärung, die als Antwort auf eine antisemitische Interpellation abgegeben wird, ist zu ersehen, daß der Grundgedanke des Zionismus, das jüdische Volk aus seiner unwürdigen und abnormalen Lage zu befreien, hier voll erfaßt worden ist. Es wäre sicherlich gegen einzelne Wendungen in dieser .Erklärung manches einzuwenden, die ja von einer christlichsozial-großdeutschen Koalitionsregierung kommt. Im Ganzen jedoch, als Akt eines fiir den guten Namen des Staates vorsorgenden Kabinetts, zeigt sie, daß das Wesen und Streben des Zionismus hier in Wien Verständnis findet. Es ist ein kluger Schritt, sich die Freundschaft einer weltpolitischen Organisation zu erwerben. Wir wollen hoffen, daß das österreichische Volk aus den Beratungen unseres Kongresses entnehmen wird, daß wir nur Frieden und Verständigung anstreben. Re Austreibung der Svtante«. Berlin, 7. August. (Wolff.) Nach einer Mitteilung des deutschen Generalkonsulats in Posen ist gestern nachmittags allen noch in Polen verbliebenen deutschen Optanten, soweit sie bis zum 1. d. abwanderungspflichtig waren, von den zuständigen polnischen Verwaltungsbehörden die schriftliche Aufforderung zugegangen, Polen binnen 48 Stunden zu verkästen, widrigenfalls sie polizeilich abgeschoben würden. Aus Grund dieser Meldung wurden gestern von den Reichs- und den preußischen Behörden dieselbenMatznahmen hinsichtlich der polnischen Optanten veranlaßt. Ae Kohlenprömie beschloffen. London, 6. August. (Reuter.) Das Unterhaus hat die Vorlage betreffend die U n t e r st ü tz u n g des Kohlenbergbaues mit 351 gegen 16 Ärmmen angenomm c n. Ter Beschluß der Regierung, der Grubenindustrie staatliche Unterstützung zu gewähren, hat andere wirtschaftliche Verbündgleichfalls zu Gesuchen um Unterstützung veranlaßt. So hat der Ausschuß der eng l is ch e n Landwirte mit 49 gegen 14 Stimmen eine Entschließung gutgeheißeu, worin die Regierung um die Geivährung einer Unterstützung von zwei Millionen Pfund Sterlntg ersucht wird. -as britische gmverivm. London, 7. August. (Wolff.) Im Unterhalte betonte C h u r ch: l l, die Verantwortlichkeit Großbritanniens für das britische Kaiserreich sei seit dem Kriegsende bedeutend gewachsen. Er fügte hinzu, daß es unmöglich sei, d i e britische Armee w c s e n t l i ch zu verkleinern, wenn er auch glaube, daß eine gewisse Verringerung der Streikräftc erfolgen könne. Schwere KSmpfe in MaraNo. Paris, 7. August. (Tel.-Komp.) Aus Marokko wird gemeldet, daß'auf dem mittleren Teile der .Front am 5. d. ein heftiges Gefecht stattgefnndcn hat. Bei dem Versuche, das Tal von U e r g h a zu säubern, mußte die französische Infanterie eine Gefestigte Stellung der Riislerlte t m Stur nt nehmen, wobei sie von schwerer Artillerie und Flugzeliggeschwadern unterstützt wttrde. Der Feind ließ 50 bis 60 Tote auf dem Schlachtfelde zurück. Die französischen Flieger haben 1 7 Vom bärde-ments auf Diebel Amergu ausgeführt. Gleichzeitig verlaute, daß eilt hastiger Kampf zwischen Spaniern u it b den. Riskabylen au der Rtelillafront etttbrannt ist. Zwischen Marschall L y a u t e y und General N a nl i n hat eine Besprechung stattgefündeit, in der umfangreiche Operationen in Aussicht genommen fein sollen. Der Lrusenausstaud. Paris, 7. August. (.Havas.) Minister des Aeußertt Brtand hat bestätigt, daß ltach allerdings sehr knappen Meldungen die aufständischen D r tt s e it eine französische Kolonne in Syrien ü b e r r u m p e l t haben, jedoch hinzugchügt, er glaübe nicht, daß die gegenwärtige Lage eine e r n st e Gefahr darstellc, da General S a r r a i.[ über durchaus genügende Streitkräfte verfüge. Der Minister >hat ferner bestätigt, daß er Montag nach London abreisen werde. _ Ser deutsche Reichstag. Berlin, 7. August. (Wolff.) Der Reichstag hat heute das Einkommensteuergesetz, das Körperfchaftsgvsetz, das Bevmögenssteuergesetz, das Erbschaftsisteuevgesetz, das Reichsbewertungsgesetz und den Gesetzentwurf zur Aeuderung der Berkehrssteuern in dritter Lesung angenommen, Aursvenung der Banarbeiter ia Seotschland. Berlin, 7. August. (Del.-Komp.) Die Aussperrung, der in Berlin noch tätigen Bauarbeiter hat heute früh begonnen. Der Arbeitsminister hat die Spitzenvevbände der Arbeitgeber und Arbeitnehmer im Baugewerbe für kommenden Morttag zu einer unverbindlichen Besprechung eingeladen, um eine Basis für EinigungsveHandlnngen zu finden. In Berlin waren bisher rund 35.000 Bauarbeiter im Streik. Durch die Aussperrung kommen ungefähr noch 1000 Arbeiter hinzu. Im Reiche streiken etwa 60.000 Bauarbeiter. Im Reiche soll die Aussperrung der noch etwa 400.000 tätigen Bauarbeiter erst am 16. August erfolgen, wenn bis dahin die Differenzen nicht beigeilegt sind. Neben dem Bauavbeiterstreik sind noch Lohndiffereuzen im Berliner Last- und Schwerfuhrwerksgewerbe sowie im Kohlentransport entstanden. Im Gast- und Schwevfuhrwerksgewevbe streikt der größte Teil der AvbcitnHmer, r,m KohleytranSPort etwa 400 Arbeiter, Giv« i- . " ' ' Lrlando legt fein Mandat nieder. Rücktritt der gesamten Opposttion. Rom, 7. August. (Tel.-Komp.) Das Demistionsschreiben des früheren Ministerpräsidenten Orlando hat folgenden Wortlaut: „Die Stadtratstvahlen von Palermo haben mir nicht nur durch ihre scheinbaren Ergebnisse, fonderrt durch die Art und Weise ihrer Abwicklung und ihrer Rückwirkung die Wahrheit bestätigt, daß cs im jetzige u politischen Leben Italiens für einen Mann meiner Partei und Ueberz c u g u n g keinen Platz mehr g i bt. Davon habe ich mich nicht erst jetzt überzeugt. Ich habe nur davon abgesehen, die entsprechenden Schlüsse zu ziehen, weil sich auch angesehene Männer der herrschenden Partei an meine patriotischen Gefühle gewandt hatten. Nach meinen letzten Erfahrungen wäre es nicht nur eine Täuschung, sondern auch eilt unentschuldbarer Irrtum, zu glauhen, da ß i ch n o ch ergeben m e i n e m V a t e r l a n d e d'> e n e u könnt e. Ich reiche daher der Kammer meine Demission als Abgeordneter ein." Wie die Blätter melden, hat Orlando um eine Archietrz beim König nachgesucht. Nach dem oppositionellen „Mondo" beabsichtigen die Aventin-Abgeordneten dem Beispiele Orlandos zu folgen und ihre Ab- NV2 ">V2 5#^ wi«#, ii. Hollanditrasie 14 geordnetenmandatc ebenfalls n i ederzulegen. Zur Vorbereitltng dieses Schrittes halten die Oppositionsführer eifrige Beratungen ab. Sie haben ihre Mitglieder zur endgültigen Entscheidung nach Rom berufen. gnternationale zusammenarbeit. Ein Referat Dr. Seipels auf dem Weltstndententag in der Schweiz. Ilt Gcx in der französischen Schtveiz findet gegen« rvärtig eine Tagung des Welt.studententocrkes statt. . Aut Donnerstag sprach dort der gewesene Bundeskanzler Doktor Seipel über die ^Grundlagen internationaler Zusammenarbeit". Das Ziel internationaler Arbeit ist nicht ltur, wie er ansführte, die Schäden, die der Weltkrieg allgerichtet hat, notdürftig auszubessern, sondern des uralten Mcnschenübels endlich ohtntaf »Herr;n werden, d e s gegenseitigen Ni chtve rstehens, der Unstchercheit int Verkehr der Völker untereinander, de's ewigen Schivankens ztoischen der Uebertreibung der nationalen, sozialen und religiösen Souderart und ei nein verwaschenen Ko s.mop ol i t i s mit 3 auf nationalem, sozialem und religiösem Gebiete. Dieses Ziel kamt nur erreicht werden, wenn die Gebildeten aller Völker klar erkennen, daß die Scheidung der Men schhe i t in Ra sse n und Nationen nicht dazu lda ist, itau die Menschen einander fremd zu machen, < sondern unt sie auf dem Umweg über die Mannigfalttgikeit zum größeren Reichtunr einer aus der Vielheit zusammengefaßten Einheit zurückzuführen, zweitens, wenn sie diese Wahrheit nicht nur in der Theorie anerkennen, sondern auch praktisch, c m pirisch, durch die Beschäftigung urrt dem Menschen anderer Art, durch das Kemtenlernen fremder Kulturen, durch die Beseitigung von Vorurteilen und GeschästM'lgen sich zu. eigen machen. Drittens, 'wenn sie dabei nicht dem Zufall die!Führung überlassen, sondern systematisch Vorgehen, d. h. zunächst das Verständnis mit den nächsten Nachbarn, z. B. den anderssprachigen und andersrassigen Mitbewohnern desselben Staates, den Teilhalbern art demselbert geographisch gegebenen Wirtschaftsgebiete, den Angehörigen desselben Kontinents suchen. Denn es ist leicht, in allgemeiner MenscheMebe bei gelegentlichen festlichen Bemnstaltungett denen die Hattd zu bieten, mit denen man im gewöhnlichen Leben kaum je zusamwenkommt und zusammenstößt. Schwer aber ist es, jenen, die. immer 'wieder ails Konkurrenten ans demselben Markt erscheinen oder seit Jahrhunderten um dieses oder jenes Grenzland ringelt, itlber alle Wechselfälle der Politik hinweg gerW zu werden, Ser WerflWge Baadesrat. Trotz der sommerlichen Hitze ist der Bundesrat gestern zu einer AbschluUitzung zusammengetreten, in der er nicht weniger als vierzig vom Nationalrate verabschiedete Vorlagen genehmigt e. Darunter befanden sich auch die sieben Gesetze zur Berfassungs- und Finanzreform und die Gesetze über den Erwerb der StaatIbürgerschaßt und des Keimat'srechtes. ' Mit den atcitcn Verfassungsgesetzen waren die chvistlichsozialcn und landbündlevischen Bundesräte nicht einverstanden und stellten Einspruchsanträge, allerdings in der Vcncaussetzung, daß diese abgelehnt werden. Selbst der Berichterstatter bemängelte an den Gesetzen viele Einzelheiten und sprach von einer Unterlkuratelsetzung der Länder. Das neue Beamtenrecht — meinte er — werde sich kaum lange halten könnerr. Der Ausschuß habe nur deshalb keinen Einspruch beantragt, weil er die Stellung der Regierung bei den Vcrhandlungelt in Genf nicht erschweren wollte. BrmdeSkanzler Dottor R a m e k begnügte sich damit, einen die rteuen Gesetze erklärenden Schriftsatz zu verlesen, in welchem er unter anderem die Einbringung von Vorlagen über die Einrichtung urch das Verfahren des V er wa ltu ngsgerichtshoses und über die Organisation des Verfassungsgerichtshoses für den Herbst ankündigte. Eiuspruchsanträge lagert unter anderen! vor dort dem Landbündlor Berger und denr Vorarlberger LandeslMtPtmann Dr. End er. Dr. En der bezweifelte sehr, daß durch die neueiv Vevfasfungsgesetze eine Vereirtfachurtg der Berivaltung erreicht wird und sprach den Verdacht aus, daß die Herren der BundeSbureau/kratie, die vom Abbau betroffen sind, dararttf verfallert feien, int Artikel 10 der Verfassüngsnovelle eine volle Garantie dafür zu schaffen, daß alle Dinge in letzter Instanz bei ihnen enden müssen. Dr. End er wurde auch gegen das Ackerbauministertum sehr ausfällig, dom neue Kontpetenzen zugeteilt werden sollen, nur um es größer zu erhallen. Auf den gleichen Ton wie die Rede Dr. E n d e r s war die des Salzburger Landeshauptmannes Dr. R e h r l gestimmt, der namentlich darüber Klage führte^ haß die Verfassungsnovellen einen Rückschritt zum Zentralismus bedeuten. Der Ärndbündler Stöcker bekannte sich als eingefleischter Zentralist und verlangte die Abschaffung dech