Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2316 (2.8.1925)
- Date
- 1925-08-02
- Page
- Seite 8 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981191-2981401--23517-3011043- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite^F Wien, Sonntag > "... ■«"'■■■ ——— ..- , tmr vor einer überaus schweren Wahl, die nur eine voll-- i kommen befriedigende Lösung kennt: die ausreichende Ausstattung nuferer Finanzinsti-tutionen mit Mitteln. In zwei Wochen komme ich zurück. Den Kongreß muß man noch mrterleben. Dann schiffe ich mich in Korrstanza mit meinen neuen Maschinen ein — und dann veht's an die Arbeit!" Me letzten Sekunden fliegen vorüber. Der Freund ist langst ins ^lbteil zum Palästinenser bineingestiegen. Den ganzen langen Weg bis Berlin wird er sich noch am herben, cnevgieerfüllten Geist dieses einen der vielen Bauern unserer Zukunft weiden. Das letzte Händeschütteln: „Schalom" — „Schalom n-berachach." Der Zug setzt sich in Bewegung. Die .Halle leert sich. Es >war ein Teilibild, eine Einzelepisode jener neuen Bolksbefveiung, die einst greise Lehrer vor den Toren des auferstandenen Bene-Berak dem lauschenden Bolle belichten iverden. Benjamin A k z i n. Gestrandete khalnzim in Men. An Wien gibt es eine beträchtliche Anzahl von Ehaluzim, deren Schicksal eine endliche Klärung erheischt. Es sind das junge Leute, die schon vor vielen Monaten ihre Heimatsorte in Polen und Rußland mit dem festen Entschluß verlassen hatten, nach Erez Israel zu gehen und dort als Arbeiter an dem Aufbau des Landes werktätig teilzunehmen. Zu ihrem Unheil nahmen sie den Weg über Wien und sind hier stecken geblieben, gestrandet. Sie tonnten? bisher nicht lweitergebracht werden uitb harren vergebens der Erfüllung ihrer Sehnsucht, die Pionierarbeit in Erez Israel aufnohmen zu können. Zwei Vertreter dieser in Wien gestrandeten Ehaluzim erschienen vor einigen Tagen in unserer Redaktion, klagten ihr und ihrer Genossen Leid und baten, die Aufmerksamkeit der in Betracht kommenden Kreise auf ihr Schicksal zu lenken. Was sie wollen, besteht in dem verständlichen, natürlichen Wunsch, ihnen zu ermöglichen, daß sie an das Ziel ihrer Wanderung, nach Erez Israel, gelangen. Es lhandelt sich um die Liquidierung des Problems der Durchzugschal ugim. Dieses Problem hat in den letzten zwei Jahren nicht nur den Behörden, sondern auch den Wiener öffentlichen jüdischen Stellen viel Arbeit und auch viel Sorge bereitet. Das Präsidium der Wiener Kultusgomeinde, das durch den seinerzeitigen Zustrom von Palästiuawanderern in verschiedenen Beziehungen stark in Mitleidenschaft gezogen wurde, sah sich schon vor geraumer Zeit — wie wir berichtet hatten — veranlaßt, durch die Mische Presse im In- und Auslande eine Warnung vor weiterem Zustrom von Ehaluzim nach Wien ergehen zu lassen und zu erklären, daß die jüdische Gemeinde außerstande sei, Ehaluzim, die trotz dieser Warnung nach Wien kämen, materiell oder moralisch zu stützen. Die bereits in Wien befindlichen Ehaluzim haben diese traurige notwendige Abwehraktion der Gemeinde und der übrigen Mischen Amtsstellen damit unterstützt, daß sie in Briefen in die Heimat selbst die trostlose Lage schilderten, in die sich jeder nach Wien kommende Ehaluzim begibt. Die Warnungen haben gewirkt, mehr noch allerdings als Briefe und Aufrufe wirkten verschiedene Vorfälle, Verzweiflungsakte und die Tatsache, daß manche von den Ehaluzim in ihrer verzweifelten Ungeduld Abenteurern und Nutznießern der Ratlosigkeit dieser von Enthusiasmus für Zion erfüllten jungen Menschen in die Arme liefen und um ihre letzte Habe gebracht wurden, ohne dom Ziele naher zu kommen. Der Zustrom hat aufgohört und nun gilt es wirklich, die gestrandeten Palästinawanderer nach Erez Israel zu bringen. Wenn sie gezwungen werden, noch länger, entwurzelt, wie sie jetzt sind, hier zu bleiben, müssen sie restlos und endgültig verkommen und so tauglich sie auch sür den Aufbau unseres Landes jetzt noch sind, physisch und moralisch unbrauchbar werden und eine unerträgliche Last für uns bleiben. Es sind viele Facharbeiter unter ihnen, die in Erez Israel nützliche, produktive Arbeit leisten könnten. In Wien können sie bei der großen Arbeitslosigkeit keine Arbeit finden. Die in Wien gestrandeten Ehaluzim wünschen nun, daß bei der Aufteilung der Einreis ezertifikate für Erez Israel vor allem die Gestrandeten in Wien berücksichtigt werden, Sie haben auch noch andere Detarlwünsche und Vorschläge. Diese wollen sie in einer Denkschriftandie Kongr eßdelegi erten aus Polen niederlegen und diese veranlassen, einen Kongreßbeschluß her'beizuführen, wonach die Liquidierung der Not dieser Gestrandeten als eine der dringendsten Ehaluzimangelegenheiten sofort durchgeführt werden möge. Ich komme dem Wunsche dieser bedauernswerten Ehaluzim gerne nach. Ihr furchtbares Schicksal gcht uns nicht minder nahe als das Unglück der gestrandeten Amerikawcmderer in den verschiedenen europäischen Häfen, es berührt, uns nur noch schmerzlicher, weil wir der Meinung sind, daß die Erfüllung der Wünsche dieser Ehaluzim kaum auf unüberwindliche Hindernisse stoßen kann. Jakob Krausz. * Universitätskurse über Völkerbnndfragen. Die Federation Universitaire Internationale pour la Societe des Natrons veranstaltet während der bevorstehenden Völkerbundtagung in (Yens vonr 7. bis 31. September Kurse für Univevsitätshörer der ganzen Welt über den Völkerbund und die internationalen politischen Probleme. Die'Federation hatte bereits im Vorjahre einen Vertragszhklus veranstaltet, bei dem unter anderen Rawsay Mac Donald, Herriot, Branting und Moita das Wort ergriffen. Heuer werden dieses Dtonat vorbereitende Vorträge über internationale Fragen veranstaltet, denen vom 7. September angefangen unter der Teilnahme bekannter Staatsmänner, die Universitatskurse folgen werden. Das Sekretariat der Federation Universitaire Internationale pour la Societe des Nations. 195. Rue Saint-Iacques, Paris, erteilt Auskünfte über die Organisation der föu&fe im einzelnen sowie über die für die Teilnehmer Vorgesehenerl Begünstigungen^ . Wiener MorEnzeitn««. 2. August 1925 gfcSOBj Pamzyszyn im verhör. Sr weiß nichts. — Sine Proteftdeklaration der «erteldiinn». (Sigendienst dsr „Wftner Morgrrizeitrm-".) Lemberg, 1. August. Am zwanzigsten Verhandlungstag wurde das Verhör mit Stspan Panezyszyn fortgesetzt. Er wurde über seine Kleidung am kritischen 5. September, dem Tage des Attentats, feine Bekanntschaft mit Fydik — mit dem er nie in näheren Beziehungen gestanden sein und den er nur aus dem Verein ,Möla" kennen will —, über Fydiks Aussehen, ferner über den R»evolver, den er, Panezyszyn, besaß, befragt. Man hat den Eindruck, daß Panezyszyn sich vor dem Gericht als harmlos bis zur Dummheit hinstellen will; er antwortet zum Beispiel auf die Frage, was für ein System sein Revolver hatte, daß er das nicht verstehe, er habe die Waffe nie benützt und könne nicht schießen. Auf die Frage, warum er sich den Revolver angeschafft habe, erklärte er, er habe ihm gesalzen. Sodann sagt Panezyszyn über feine Verhaftung in Kali sch, sein Vevhör durch den Inspektor Piatkiewiez und seine Konfrontation mit Mi kitin aus. Vom Vorsitzenden auf eine > Reihe von Widersprüchen zwischen seinen gegenwärtigen Aussagen und seinen Angaben während der Untersuchung aufmerksam gemacht, erklärt Panezyszyn, die einzelnen Daten, hauptsächlich über seine Anwesenheit in Lemberg hätten sich ihm im Kopfe verwirrt. Auf Fragen, die für seine A'l i b ikonftruktion verfänglich sein könnten, gibt Panczyschn keine Antwort, oder erklärt, er könne sich nicht mehr an die Umstände erinnern, so zum Beispiel als ihn der Verteidiger Dr. Pieracki fragt, wer in der Nacht vom 4. zum 5. September mit i h m z usammen in der Wohnung seiner Eltern in Lemberg übernachtet habe. Verteidiger Dr. Pieracki stellt sodann eine Reihe von Fragen, die sich auf Ptmezyszyns Zugehörigkeit zu einer kommunistischen oder terroristischen Organisation beziehen. Der Vorsitzende lehnt diese Fragen ab, da das Gericht erklärt hatte, es lasse Fragen, welche sich auf die Beschuldigung beziehen, daß Panezyszyn an der versuchten Befreiung von kommunistischen Haftungen in Warschau durch einen Terrorakt teilgenommen habe, nicht zu. Ein Appell der Verteidiguig.an den Gerichtshof wird äbgelehnt, worauf Dr. Landau im Namen der Verteidigung folgende Erklärung abgibt: ,/Da gegen Stepan Panezyszyn vom Warschauer Polizeikommando die Anklage erhöbe«! WüMk, das Attentat aus den Staatspräsidenten in Lemberg ausgeführt zu haben, da einer Reihe von Zeugen lerne Möglichkeit gegeben wurde, Panezyszyn gegenÜbovzustehen und eventuell in ihnr den Attentäter zu er-» kennen, da die jetzt in Gang befindliche BevhaMamg gegen die Angeklagten M i f 11 i n, Kornhaber und Genossen in einem Zeitpunkt angesetzt wurde, wo die Untersuchung gegen Panezyszyn noch nicht beendet war, da endlich keine Fragen zugelassen werden, welche notwendig sind, um die Wahrheit seftzuftellen, erkläre ich im Namen der Verteidigung, daß diese keine Fragen mehr an Panezyszyn stellen wird, weil sie sie für zwecklos ansieht." Nach dieser Erklärung der Verteidigung wird' Pan» czyszyn abgesührt und das Dienstmädchen Maria Bumba, eine Freundin der Verlobten Mikitins (des beim Auge» klagten Kornhaber angestellten Dienstmädchens KarMna Stein) vernommen. Aus ihren Aussagen ist lediglich zu entnehmen, daß sie gehört hatte, Mikitin fei ein Kommunist. Was ein Kommunist ist, weiß sie nicht recht a n z u g e b e n. Die Verhandlung wird sodann vertagt. > Das Standgericht gegen den AWrder des) Zeugen Cechnowski. Die Untersuchung gegen den Kommunisten Bot Win, den Mörder des Warschauer Geheimagenten Cechn o w s k i, welche von den im gegenwärtig stattfindenden Prozeß viel genannten und auch als Zeugen auftretenden Warschauer Polizeiinspektoren Piatkiewiez und Sawicki zusammen mit dem .Lomberger Unterfuchungsrichter Witosinski geführt wird, nähert sich ihrem; Ende. Die Verhandlung gegen Botwin vor derst^ LeMberger Standgericht soll Montag de-»? 3. August stattfinden.; K Zustellung der Anklage an Wladrsllüv Steiger. Dem Wladislaw Steiger wurde am 36. Iullr! nach Beendigung der Untersuchung (die, wie bereits gestern! gemeldet, der Gerichtshof in dem gegenwärtig stattsindon-- j den Prozeß mitgeteilt hat) der Anklageakt zugestellt.j Danach ist Steiger angeklagt, das Attentat auf den! Staatspräsidenten am 6. September 1934 ausgeführt haben. Der Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Das Krebsproblern. Aus der englischen Gelehrtenwelt kam die auffehenerregende Kunde, daß der Krebserreger endlich mit Sicherheit gefunden sei. Die Menschheit könnte erleichtert aufatmen, ' wenn sich die Entdeckung bestätigen sollte, da immerhin ein Schritt nach vorwärts in dem Kampf gegen einen fürchterlichen Feind der Menschen getan wäre. Es ist denn zu hoffen, daß, wenn einmal die Aetiologie (die Ursache) der Krebserkrankung erkannt ist, auch das Heilmittel gefunden werden . wird. Obgleich man auch dann etwas skeptisch sein muß, da man ja schon lange genug zum Beispiel den Erreger der Tuberkulose kennt, ohne das eigentliche „spezifische" Tuberkuloseheilmittel entdeckt zu haben. Aber es ist ja ganz! gut möglich, daß, wenn der Erreger wirklich entdeckt ist, ein Krebsserum nach. Art des Diphtherieserums erzeugt wird, das die Krankheitsprodukte nach heutiger Anschauung bei frühzeitiger Anwendung mit Sicherheit entfernt. Das würde aber eine einheitliche Auffassung der Krebsursache voraussetzen, die vorläufig, soweit. die Beobachtung am Kranken lehrt, nicht viele Anhänger hat. Man müßte denn, wenn man die älteste Anschauung über die Aetologie des Krebses (Karzinoms) berücksichtigt, die, obgleich. auch in einem anderen Sinne, > von der modernen Wissenschaft übernommen wurde, verschiedenartige Erreger des Krebses annehmen, welche Tatsache aber die großen Hoffnungen auf die Gewinnung eines einheitlichen Krebsheilmittels zerstören würde. » Was die Krebserkrankung ganz besonders gegen andere Infektionskrankheiten charakterisiert, ist die sogenannte Metastasenbildung, das heißt die Verschleppung krebsiger Gebilde in ganz entfernte Körperstellen. Es bildet sich fern vom Primären ursprünglichen Herde (zum Beispiel dem Magen) in der Wirbelsäule eine gleichartige Geschwulst, die größer als die primäre sein kann. Die Verschleppung der bösartigen Geschwulstteilchen geht auf dem Saftstrome der Lymphwege vor sich. Oft genug wird zuerst die Metastase' erkannt, das - heißt, daß der Ursprungsherd schon lange im Körper sein Zerstörungswerk verrichtet und die Aussicht aus völlige Heilung genommen hat, wenn einmal die Geschwulst den lokalen Charakter abgelegt hat Md in die Blutbahn eingebrochen ist. Daher wird, wenn auch der Erreger des Krebses entdeckt werde»! sollte, nur die möglichst frühzeitige Erkennung des primären Krankheitsherdes auch Heilung bringen können. Vorläufig erreicht man dies durch rascheste Entfernung (operative Ausschneidung) der krebsigen Geschwulst, wenn sie nicht ein lebenswichtiges Organ befallen hat. In diesem Sinne kann man schon heute von Heilbarkeit! des Krebses sprechen. Erkrankt eine Frauenbrust krebsig und wird operiert zu einer Zeit, da die benachbarten Drüsen noch. nicht erkrankt sind und die Geschwulstteilchen noch nicht in die Mutbahn ausgesät wurden, dann tritt völlige Heilung, wenn auch mit Verlust einer Brust, ein. Dieser ideale Fall trifft aber viel seltener ein, als er sich ereignen könnte, weil die Menschen viel zu wenig trotz aller populären Aufklärungen auf die kleinen, nicht schmerzhaften Veränderungen achten. Zwei Momente spielen zweifellos beim Zustandekommen des Krebses eine große Rolle. Erstens die Prädisposition, zweitens der örtliche Reiz. Im höheren Alter — der Krebs ist vorwiegend eine Erkrankung des 4. bis 6. Jahrzehntes —, kommt es zu einer Störung des statischen Gleichgewichtszustandes zwischen Epithel (dem die Oberfläche des Körpers und; alle Schleimhäute der inneren Organe auskleidendeu feinen^ Gewebe) und Bindegewebe, wobei es zu einem einseitigen, unbegrenzten, alles zerstörenden Wachstum der Epithelzellen, (Krebszellen) kommt. Die Disposition, die demnach im Alter' liegt, beobachtet man bisweilen familiär. Hier ist nicht die Krebskrankheit, sondern die Krebsanlage vererbt, was man, auch daran, ersteht, daß meist verschiedene Organe. Lei Herr Mitgliedern einer solchen Family krebsig entarten. Die Krebsanlage kann aber auch erworben sein, indem gewisse chronffche Krankheitsprozesse und Narben zu Krebs disponieren. Das gleiche gilt für Warzen, Hautmale und Hautkörner. Gewöhnlich tritt aber zur Disposition noch der Reiz hinzu, indem eine sich oft wiederholende Verletzung, sei sie mechanischer, chemischer oder thermischer Natur, an dem gereizten Orte die KrebÄbildung verursacht. Andererseits sprechen viele Momente, wie das Auftreten von Krebs bei Ehegatten, die nicht Blutsverwandte sind, oder das angebliche Haften von Krebsüberträgbarkeit an bestimmten Räumen für eine Ansteckungsfähigkeit des Krebses von Mensch zu Mensch, so daß viele Aerzte die Forderung der Isolierung der Krebskranken und der Desinfektion aller bei der Pflege der, Krebskranken in Betracht kommenden Gegenstände und der Pflegepersonen stellen. Durch die. angebliche Entdeckung be8, Krebserregers wäre diese Forderung vollkommen berechtigt und die alte Cohnheimsche Theorie, nach welcher bösartige Geschwülste aus embryonal-verworsenen, nicht aus differen4 zierten Zellen entstünden, endgültig abgetan.; Aus all dem gcht hervor, daß über die tvahre Ursache der., krebsigen Degeneration bisher so gut wie nichts bekannt Vorläufig bleibt uns nichts anderes übrig, als die Krankheit i frühzeitig zu diagnostiziere« und zu behandeln. Rechtzeitige Er»! kennnng und sofortige Operation mit Nachbehandlung dmch Radium und Röntgen haben Men schau vadAale KM«»-! gebracht. '