Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2316 (2.8.1925)
- Date
- 1925-08-02
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Dien, Sonntag Wiener MoraLNHeitung. 2. August 1925 Nr. 98$ Ein Laib KRONENBROT schon wieder um 200 Kronen billiger! Untet dem Tenor. Straßenunrutzen am Praterftern. — Sin Todesopfer. - Berittene Polizei in Aktion Gegen 0 Uhr nachmittags füllte sich der Pln ' Das Spiel der Hakenkreuzler Mt der Kolportage ihrer Zeitungen, das seit mehr als einer Woche in den Straßen der Inneren Stadt und der angrenzenden Bezirke betrieben wurde, ist gestern zn einer sehr c r n st e n A ngelegenheit geworden. Ans dem Praterstern haben sich Ereignisse abgespielt, die lebhaft an die Dezemberunruhen des -Jahres 1921 erinnerten, diese aber noch an Gefährlichkeit übertrafen. Das System der Hakenkreuzler ging dahin, u-m jeden Preis Unruhen zu erregen. Ihre Angestellten hatten die Aufgabe, die Literatur des Pogroms so anzupreisen, daß es z u T u -in ulten kommen mußte. Wer in den letzten Tagen die Oertlichkeiten passierte, an denen dies geschah, , mußte erkennen, daß es eine niederträchtige Lüge war, die hier mit der Preßfreiheit anfgeführt wurde. Die Ausrufer nannten nicht, wie dies sonst üblich, die Namen der zu verkaufenden Zeitungen, sondern hielten instruktionsgemäß Reden, die das Publikum zur Stellungnahme nach der einen oder anderen Seite veranlassen mußten. Wer zum Beispiel auf dem Praterstern stundenlang z-n hören bekam: „D er eifern e Bes en", „50.000 Saujuden kommen nach Wien", „Die Judenpcst", „Arische Eltern, schützet eure Töchter!" und ähnliches niehr, der mußte sich nur darüber wundern, daß die zur Wahrung der Ordnung berufenen Behörden in solchem Treiben republikanische Freiheit erblicken wollten, die unter den Schntz •des Gesetzes zu stellen ist. Die Veranstalter dieser Mion, deren Zentrale sich noch immer im Schiller-HauS in der Elisabethstraße befindet, wußten mir zu gut, wie tveit sie gehen konnten, und sie haben sogar den Mut äufbringen können, bei der Polizei und beim Bundeskanzler Klage zu führen, wenn das Publikum die Provokationen so auffaßte, wie sie gemeint Ivaren. Die gestrigen Szenen am Praterstern sind eine nicht mehr zu überbiet ende Warnung an die Personen, die für den guten Ruf der Stadt und des Staates verantwortlich sirrd. Die Verhetzung kann unmöglich noch länger geduldet werden. Gestern mußten ganze Kompagnien der Wache aufgeboten werden; die berittene Polizei mußte wiederholt attackieren und v o n der Waffe Gebrauch machen. Die Wut der empörten Menge war so groß, daß eine Perfon, ein junger Hakenkreuzler getötet wurde und daß viele andere Personen zu schwerem Schaden kamen. Eine Unzahl von Demonstranten wurde in Haft genommen. Was soll noch mehr in Wien geschehen, damit die Behörden endlich die Drahtzieher dieser ganzen Aktion unschädlich machen? Den Leuten handelt es sich um eine Erp r e f s u n g. Äic wollen erzwingen, daß die Maßregeln der Wiener Polizeidirektion, die nach den Mödlinger Vorfällen getroffen wurden, zurückgezogen werden. Wir sind sicherlich nicht Freunde von Ausnahmsverordnungen. -In diesen: Falle aber handelt es sich nicht um politische Leidenschaft, sondern um eine kriminell zu behandelnde Entartung der öffentlichen Sitten. Es ist traurig, daß es so weit kommen mußte, daß die Sicherheitsbehörde von allen Mitteln Gebrauch machen mußte; es ist noch trauriger, daß dieses Unwesen der sogenannten „nationalsozialistischen Sturmtruppler" nicht sofort nach fernem Beginn eingestellt wurde. Hätte die Polizei vor zwei Wochen int Stadtpark oder dann an der Schwedenbrücke auch nur ein Teilchen der gestern aufgeivendeten Energie gebraucht, so wären die Unruhestifter in ihre Höhlen zurückgescheucht worden, und e's wäre nicht der Fall eingetreten, daß eines chrer Opfer das Leben embüßte. v Uobec die Exzesse aus dom Praterstern erfahren wir: Die Kolporteure der Hakensreuzzeitungen waren gestern Id*» alltäglich gegen 4 Uhr nachmittags auf den Praterstern ausgerückt. Sie hatten vor den denl Tegetthoff-Tentinal gegenüber liegenden Cafes Aufstellung genommen und rii-sfen ihre Zeitungen mit laurer Stimme aus, wobei sie an den Nanum des Blattes Pejchimpsuttgen der Juden knüpften. So verlasen sie die Titel- Überschriften. aus diesen Blättern: „Di« Judenpest", „Jüdische Mädchenschänder", „Der Verschwörerkongreß", „50.000 Saujuden!" Zahlreiche Passanten folvie die Leute, die in den Borgärten der Cafes sich befanden, gerieten in Anfreguüg und es kam zu Streitereien, denen die übrigens sehr .schwach ans gebotene Wache immer rasch ein Ende machte, wobei sie alle Ausforde» rungen, Vre Ausrufer vom Platze zu weisen, scharf znrückwies. Am ärgsten und lautesten ging es rings um das Tegetthoff- Doukmial zu, wo immer und immer toieder eingegriffen werden -rußte. Bon dort nahmen auch die späteren Air^'chreitnngen ihren Ausgang. Starke Züge von Arbeitervrdnern, die von: Lieichenbeigängttis des Bürge rmoifters Reumann kamen, marschierten vorbei. Die hakonkrerrzlerischen AuSvutfer hielten auch an sie ihre Reden, wurden aibcr anssäuMch kaum beachtet. Doch wurde die Situation immer gefährlicher und unheimlicher. Mit einem Male erschienen Trupps von Nationalsozialisten in ihren grünen '■! Hitler-Hemden, gefüh r t von einem jungen, sehr elegant gekleideten Mann. Diese Trupps lösten sich ans und verteilten sich rings um das Denkmal. Arbeiterordner versuchten, einen Konflikt zu verhindern, und bildeten Ketten. Ein Ordner forderte von den Stufen des Dowkmals herab die Leute auf, ruhig weitergngchen und auf keine Provokation sich ei>Mlassen. Der Führer der Hakenkreuzler, der ganz vorne vor dem Redner stand, ricif Hm plötzlich mit lauter Stimme zu: „Pfui!" Vielleicht sollte dies das Signal zum Losgehen sein. Seine Kameraden drängten zu ihm vor, cs gab einen Wortwechsel, dann plötzlich eine Rauferei. Von ällen Seite strömten Leute herzu. In die Menge drängten sich auch die aus dom Prater bekannten Elemente. Der junge Mann hatte einen Arbeiter geohrfeigt und rannte davon, gegen die Novaragasse zu. Gin Hansen Laufender folgte ihm. Er flüchtete sich, von seinen Leuten im. Stich gelaffen, in die Weintvau'bengasse, die 'bekanntlich sackartig angelegt ist. Der Flüchtende rannte in das Hotel Dresden, die Menge ihm nach. Was ■ im Durckel des HaustoreS geschah, konnte bisher nicht aufgeklärt werden. Der Maun stürzte nieder, die Leute schrien draußen. Es war ein unibeschreibliches Durcheinander. Ein Wachmann, der von der Heinestvaße her kam, wurde angagrisifen und mußte mit Revolver und Säbel drehen, um sich zu schützen. Erst später wurde bekannt, daß der in das Hotel geflüchtete Hakenkreuzler zwei Messerstiche erhalten hatte, einen in die Brust, einen in den Hals. Er war /dann auf der Treppe tot aufgefundcn worden. Die Rettungsgesellschaft, die berufen wurde, konnte nichts mchr nnternchnlen. Es wurde sestgüstcllt, daß der Tote der 21jährige Josef Mohappel sei, Sohn eines Kohleugroß-- händlers in der Davwingasst. Inzwischen war cs auch längs der Zweierstrecke der Straßenbahn zu Demonstrationen gekommen. Hier waren Kommunisten und Hakenkreuzler aneinandergeraten. Die Wache versuchte sie zu trennen, geriet aber selbst in Bedrängnis. Ein Revicrinfpektor zog den Revolver und gab einen Alarmschuß ab, dem eine Panik folgte. Der Beamte wurde zu Boden gerissen, blieb jedoch wie durch ein Wunder unverletzt. Auch nach der anderen Seite hin, gcrzcn die Praterstraße, war cs zu ähnlichen schweren Raufereien gekommen. Die Wache zog Verstärkungen heran, um die zwischen den Arbeitern eingekeilten .Hakenkreuzler zu schützen, die weinend in »er Menge standen und baten, sie sreizugegeben. Als die Polizei die Menge auseinanderfprengen wollte, entstand ein furchtbarer Lärm. Ein Hakenkreuzler, der e i n e n A r b e i t c r a m Hals gefaßt h a t t e, wurde losgerissen und verprügelt. Vor dom Eingang zmn Hotel Nordbahn gab cs Raufereien mit der Wache, als ein Polizist den Säbel zog und einen der aufgeregten Leute an griff. Die Szenen endeten erst, als berittene Polizei auf dem Platze erschien. Die Ansammlungen wurden auselnandergesprengt, wobei die Polizisten mit gezogenein Säbel, viele auch .mit vorgehaltonem Revolver, vorgingen. Gegen 7 Uhr war der Platz geräumt. Die Demonstranten wurden teils in den Prater, teils bis weil hinter die H e i n e - S t r a ß e oder gegen den dritten Bezirk durch die Franzensbrückenstraße getrieben. Die zum Praterftern mündenden Straßen wurden durch starke Riegel a b» gesperrt. Erst gegen 8 Uhr abends trat Ruhe ein. Die Lokale in der Praterstraße hatten während der Sturmszenen die Rollbalken herabgelassen und viele wagten es auch im weiteren Verlauf des A'bendL nicht, zu öffnen. V Die Erregung im ganzen Bezirk war außerordentlich stark. Bis tief in die Nacht bildeten sich Gruppelt, die die Vorfälle besprachen. Die Polizei gibt einen Bericht aus, der merttvürdigerweise zunächst den Haikenkreuzlern ein Wol-lverhaltungszeugilis ausstellt. Sie will glauben machen, daß dort gestern keine nationalsozialistische Kolportage betrieben worden war. Nach dem Polizeiberkcht wurde die Identität des Toten durch seinen Freund, dem Privaten Emst H o ff m a n n aus Stockerau, festgestelkt. D» und Mohappel trugen die .Hakenkreuzmedaille des Deutschen Turnerbnndes. Sie gerieten mit bisher Unbekannten in einen Wortwechsel und dann in eine Rauferei. Hoffmann lief zur Nordbahn, sein Freund in die Weintroubengasse, wo er dann im Hotel Dresden erstochen wurde. Seine Leiche wurde ins gerichtSmedizinffche iNnwevsitätsinstitut überführt. «it Mörder, der sich selbst stellt. Die Lebensgefährtin rnit einem Biersch leget erschlagen. — Den Mövder schläft nächte» lang in btt Wohnung seines Opfers. Gestern gegen 6 Uhr abends erschien beim Kommissariat Landstraße der 47jährige Mavktfierant Karl Hübscher, und teilte mit, daß er seine Frau erschlagen habe. Er sagte: „Da find meine Wohnungsschlüssel, ich habe meine Frau erschlagen, sie liegt in der Wohnung." Eine Kommission begab sich sofort in die bezeichnete Wohnung in der Erdbergerstraße 18. Im Bette lag eine Frauenleiche, die schon mit Maden und Würmern übersät war. Der Kopf war mit mehreren Polstern zugedeckt, sie ließen sich von den Blutkrusten nur mit Gewalt wegziehen. Eine Untersuchung der Leiche war ausgeschlossen. Sie muß erst gereinigt werden. Man konnte nur sehen, daß der Schädel zertrümmert war. Sonst war alles in der Wohnung in Ordnung. Die Tote ist die Lebensgefährtin des Hübscher, die 47jährige Karoline Horvath. Ueber die Ereignisse erzählte Hübscher folgendes: Er habe seine jetzige Lebensgefährtin in Linz kennen gelernt und sei in ihre Wohnung in die Erdbergerstraße gezogen. Beide brachten sich als Marktfieranteu durch. Bald kam cs zwischen beiden zu Mißhelligkeiten, die dadurch hervorgerufen wurden, daß die Horvath ihm vorwarf, er sei ein Greis; sie hält es mit anderen Männern. Auf ihre Anzeige hin wurde Hübscher wegen gefährlicher Drohung in Haft genonnnen. Als er aus der Haft entlassen wurde, drohte sie in aus der Wohnung zu weisen. Er bat sie flehentlich, ihm noch einige Zeit in der Wohnung zu lassen. Doch wollte sie davon nichts wissen unb drohte ihm mit abermaliger Verhaftung wegen gefährlicher Drohung. Als sieihm wieder vorhielt, daß er die Wohnung verlassen müsse, bat er sic kniefällig, ihn wenigstens solange wohnen zu lassen, bis er etwas Geld verdient habe, um nach Prag fahren zu können. Die Horvath gab nicht nach. Als sie dann gegen Morgen cingeschlafen war, ergriff ihn eine sinnlose Wut und er erschlug sie mit einem Brerschlegel. Hübscher irrte nach der Tat einige Tage in Wien herum, dann kam er doch in die Wohnung zurück, da ihm die Mittel ausgegangen waren. Den inzwischen ausgetretenen Verwesungvgeruch wollte er dadurch beseitigen, daß er die Weiche mit L hs o l besprengte. Um Mittel zmn Leben zu haben, versetzte er einige Habseligkeiten, schließlich verkaufte er Versatzzettel der von Hm ermordeten «Horvath. Schließlich stellte er sich der Polizei. Den Hansbetvohnern, die «den Hübscher nach dem Verbleib der Horvath gefragt hatten, sagte er, sie sei nach Prag gefahren und werde bald guvückkominen. Der Leicheltgeruch war im Hause schon einige Tage gespürt ioovden. Der Hausbesorger hatte ihn ebenfalls wahrgenommen, sich aber damit begnügt, an der Tür der Wohnung der Horvath zu «klopfen und, als ihm nicht geöffnet wurde, wieder wegzugehen. Die Leichenfeier Kr Zakob Reumann. Gestern fand unter ungeheurer Beteiligung der Arbeiterschaft daö Leichenbegängnis des verstorbenen früheren Bürgernreisters von Wien, Jakob Reumann, statt. Der Sarg mit der Leiche war vormittags in der Volkshalle des Rathauses zur Besichtigung aufgestellt. Um 12 Uhr mittags wurde die Volkshalle gesperrt. Um halb 3 Uhr nachmittags begann die T r a u e r f e i e r. Vor dem mittleren Rathausturm war ein Katafalk errichtet worden, auf den der Sarg gebettet war. Die zahlreichen Kränze wurden rings um den Sarg gelegt. Rechts und links vom Sarg brannten zwei große Fackeln. Die Bogenlanvpen auf dem Nathausplatz waren erhellt und -mit Trauerflor verhüllt. Auf dom großen Platze nahmen die Abordnungen der Favorikener Arbeiterschaft, die städtischen Angestellten und Arbeiter Aufstellung. Die Gemeindeifunktionäre, die fast vollzählig erschienen waren, versam-nrolten sich vor dom Katafalk, Es waren fast alle offiziellen Stellen vertreten. ' Um halb 3 Uhr nachmittags eröffnet« die Trauerfeier ein Bläferchor der Staatsoper vom Turm des Rathauses. Als der Chor beendet tvar, trug der Gesangverein ,Ireie Typographia" ein Trauerlied vor. Ms erster Redner sprach Professor Dr. Hugelmann für den BundeSrat, dessen Mit- $itb Reumann war. Sodann sprachen Vizekanzler Doktor Wabet namens der Bundesregierung ferner, Präsiden^ « •astete msm