Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2312 (29.7.1925)
- Date
- 1925-07-29
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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6tfte 8_ Wien, Mittwoch_ Abbau des Haffes. Von Anitta Müller-Eohen. FrfLher trugen di« Juden den gelben Weck, öer sie achtete. Sieht man heute und seil Jahr mÄ> Tag die gelben Plakate der .Hakenkveuzler, so bedauert man -!e detltsche Nation, daß sie diesen gelben Weck tragen Miß. Es ist eine Schande fiür ein Volk, wenn seine nationalen Ideale in dieser Weife vertreten werden. Wir Juden müssen uns für das deutsche Volk schämen, lesen wir die Schmähungen, welche hier gegen uns ausgestoßen werden. Sie zeigen von einem unbändigen Haß, der blind wirtet. Es gibt einen . edlen Haß: den Haß gegen das Schlecht«. Die Ausfälle der gelben Plakate in den Straßen Wiens atmen einen künstlich gezogenen Haß, dem jedes edl« oder auch nur menschlich verständliche Motiv abgeht. Di« Hakenkreugler sinid ein Symptom, wie es der Weltkrieg war, wie es die Ereignisse der Nachkriegszeit sind, -daß es m Europa nicht zur Ruhe kommen will. Sollen ttrit sagen, daß alles Menschentum und Menschhcitsschwarmen unserer Kpvche etile Lüge und Solbstbespiegelung ist? Sollen wir zu klugen, humanen Menschen gehen, die bei we-rtem die besten sind unter den .Ihrigen und sollen wir ihnen sagen, ihr belügt euch selbst und belügt die anderen? Es taugt zu nichts, große Warte gu v-erkün«- den, Prinzipien aufzustelleu und Resolutionen zu fassen. Der große .Haß, der Europa und die Menschheit überhaupt in seinen Armen hält, ist kein Gesetz, kein Prinzip und kein bloßes Wort. Organisch entstanden, <m§ dem Geschichts- Prozeß von Jahrtausenden hervorgegangen, ist dieser Haß lebendige Wirklichkeit. Mit Worten, Gesetzen- und Resolutionen kann kein Mensch die Richtnng des LebenKslusses ändern. Alle Konferenzen der letzten Jahre, internationale Vereinbarungen und Beschlüsse müssen Kraft ihrer eigenen Wesensart uuwiMich bleiben. Der «.Haß, zu dam Europa erzogen wurde und der chm in Wisch und Blut überging, der Haß, der mit den europäischen Menschen und seiner Kultur in fremde Länder und Weltteile wandert, überall Leidenschaften zündet und Scheiterhaufen anbrennt: Der Haß muß abgebaut werden. Es taugt zu nichts, die Liebe Zu predigen oder den Frieden zu verkünden, dies sind nur Worte. Die Wirklichkeit erreichen sie nie. Es soll nicht -der Haß aufhöüen und die Liebe beginnen: dies können nur Utopisten und Weltbeglücker wollen. Das Leben geht nicht auf das Ganze, auf das Sein, sondern auf das Kleinste -irnd auf den Prozeß. Abgobaut muß der Haß werden, denn aufhören kann er nie. Ein falscher Prophet ist, -wer die Liebe predigt, die -wahren Apostel 'bauen an der Liebe. Wie soll der Haß abgebaut werden? Es soll nicht den Kindern in der Schule gesagt werden, daß jenseits der Greatze der »Feind wohnt, es soll ihnen nicht von der gelben Gefahr gesprochen »werden, die Schule soll endlich aufhören, die Brutstätte des Haffes zu sein. Mögen sich gute und einsichtige Pädagogen noch so sehr gegen diese Ansicht wehren, Tatsache ist, daß nationaler und religiöser Haß, daß zum Teil gewiß auch Klassenhaß schon in der Schule, schon bei ganz jungen .Kindern gesät »wird. Wir alle können ein Märchen sagen, sofern wir öffentliche Schulen besuchten,, wie früh wir .den Judenhaß Zu «spüren boomen. Wir aber sind nur ein Beispiel, wenn auch das krasseste unter allen, und wir sind egoistisch genug, zu hoffen, daß de>v Abbau de's Hasses in der Welt, auch unser Schicksal erleichtern wird. Die Ju-den sind seit jeher die Stoßtruppe der sittlichen Entwicklung der Menschheit gewesen. Der große Abbau des Hasses muß die Juden an der Av'beit sehen. Es nützt «wenig, mit Ideen gegen reale UeM zu Felde p ziehen. Der Schwärmer ist ein Phantast, der niemals die WirAichikett zu gestalten vermag. Reale Mittel müsien Verlangt tverden, nicht Beschlüsse und ResöluKotten. Man verlange von Niemandem, daß er .mit dem guten Beispiel vorangehe. Es wird nielnand vorangehen. Nur der Zwang vermag das Schlechte p bannen, nur der Haß ist gegon »Haß wirksam. Das Le-ben wird mtt im Leben selbst gestaltet. Kampf gegen die Schute, gegen Mochte Lehrer, Kampf gegen die lügenhafte Politik -der »Zivilisation, Kampf gegen die Priester des .Hasses — und wären sie stöbst wirkliche Priester —, .Kampf gegen, alle Einrichtungen «unserer Gesellschaft und nrögen sie in noch so hohem Arischen «stehen und noch so große Macht besitzen: dieser rücksichtsloseste Kamps allein kann die Menschheit vor den: schlieWchen Untergang im «.Haß retten. Menschen. Seid und M'iirlte. Amery über Englands Problem. London, 28. Juli. (Wolfs.) Im Unterhaus bemerkte -er Staatssekretär für die Kolonien -Amery zur Aus- -wandcrungsfrage, die Zahl -der Auswanderer fei von *224.000 im Jahre 1913 auf 88.000 im Jahre 1924 gefunken, weil die Dominions und auch Großbritannien sich noch nicht von den Wirkungen des Krieges erholt hätten und ihre Fähigkeit, E i n w a n d e r e r a u f z u n e h m e n, durch -den Mangel an Märkten für ihre Produkte beschränkt sei. In der Entwicklung der Reichs-Politik seien »drei wesentliche Faktoren zu erkennen: Menschen, Geld und Märkte. Amery trat für eine Reichs Wirtschaftspolitik ein, die sich auf die gegenseitige Entwicklung der gemeinsamen Hilfsquellen stütze und die Lebenshaltung aufrechterhalte, die Großbritannien für sich sellbst festsetze und die es sich nicht durch einen trng»eregelten und unbegrenzten Wettbewerb der Außenwelt festsetzen lass«. Der Staatssekretär betonte die wirtschaftlichen Möglichkeiten, die in den tropischen Ländern liegen, deren Ausbeutung erst jetzt beginne, die aber für England von unschätzbarer Bedeutung seien. Insbesondere sei darauf tzinDUwoisin, daß England irr Afrika und anderswo di« Wiener MoraenHeitunA. Möglichkeit für den AnbAu Von Baumwolle habe. Eine der tvichtigfttk AtWlbSu stl die Entwicklung der Eisenbahnen, besonders in Ostafrika. tztetit Im Vtttrtgsverhältflia mit dem Jod, Nattönalfortds Juden, versichert Euer Leben I Damit erfüllt Ihr die Pflicht gegen Euch und die Euren und zugleich gegen Erez Jisrad! ikmo Sa» englische Flottenprogramm. London, 28. Juli. (Tel.-Komp.) Die Morgige Unterhaussitzung wird dem Flottenbauprogramm gewidmet sein. Der erste Lord der Admiralität, B r j d g e m a n, hat in emrm Weißbuch die Einzelheiten des Programmes entwickelt, dessen Gktt-ndzüge Galdwrn bereits bekanntgegeben hat. Danach wird das gesamte Bauprogramm bis 1930 58 Millionen Pfund Sterling erfordern. Es werden i m ganzen 16 Kreuzer gebaut werden, davon vier im Fiskaljahr 1926-26, ferner je drei in den -vier nachfolgenden Jahrem Außerdem sollen gebaut werden: 27 Zerstörerbootc, und zswar je neun vom Fiskaljahr 1927-28 an, ferner 34 gewöhnliche Unterseeboote, wovon je sechs vom Jahre 1926^27 an gebaut werden, dann ein Hochseckbo-ot im Fiskaljahr 1929-30, zwei Depot-Un tersüeboote in den Jahren 1926-27-26-29, ein Flugzeugmutterschiff im Jahre 1929-30 und ein Schwimmdock im laufenden Jahr. Sa« Giftgas. London, 38. Juli. (Tel.-Komp.) In: Unterhaus gab Kriegsminister Evans auf eine Anfrage zu, daß gegenwärtig in England Giftgase, jedoch nur in kleinen Mengen und zu Versuchszwecken, hergestcllt werden. Der Unterstaatssekretär im Auswärtigen Amt, Mac N e i l l, erklärte auf eine andere Anfrage, daß die englischen Truppen Köln räumen werden, sobald Deutschland die in der letzten Entwaffnungsnote gestellten Bedingungen erfüllt haben werde. (Hn politischer Brand. Zwei Sttnnbultiski-Minist'er im Gefängnis verbrannt. Belgrad, 28. Juli. (Dcl.-iKomp.) Wie aus Sofia gemeldet wird, -sind dort di« beiden früheren Minister der StambiMSki-Regreru-ng, -der gewesene' Bau-temnin-rster Khrill Pa-wlo w und der gewesene FinanAMMistsr Peter Jan-ew, im Gefängnis lebendig verbrannt. -Gerüchte behaupten, daß «der Brand in diesem Torte des Gefängnisses von P«okizei«organen gelegt wurde, um «die beiden- -politischen Führer aus dem Wege zu -raumen. Sa» 8«ftlt«t für geistige gusammenarbeit. Genf, 26. Juli. (Tel.-Komp.) Die Bölkevbundkvmmiffio-n für internationale garstige ZusamMenavbeit «hat heute nachmittags Unter dem Vorsitz deS Sen-ators de Joudenel als Berwaltungsrat des «nengegründeten Pariser internationalen Instituts für geistige Zusammeuarbeit ltzas Budget dies-os Instituts für das Jahr 1-926 tm -Betrage von zirka einer Million Fra n k e ngenehmigt. » Zum Direktor -des Instituts wurde der Generalrnspektor «für öffentlichen Unterricht Luchaire Frankreich), zum Vorstand dw A'btei»ln«ng für Naturwissenschaften Prof. S ch u l tz c - -G a s v e r n i tz (Deuts-chtatt-d) gewählt. Bryan» letzte Pliine. Wie atrs Washington gemeldet wird, hat Präsident Coolidge der Witjve Bryans ein Beileidtslegmmm gesandt, in dem er erklärt, daß Brhan ein moralischer Reformator gelv-estn fei. Die Autopsie des Berftovbeitelr hat ergeben, daß, er an Zuckerkrankheit und Arterienerw-citer u n g litt. Brhan hinterläßt ei» Vermögen voll einer Million Dollar. Er hatte die Absicht, im nächsten Frühjahr eine Reise nach Palästina zu unternehmen. Er wollte hiezu einen Dampfer mieten, der nltr A n h ä n g e r der Bibel als Passagiere anfnohnien sollte. Deutsche Soldaten und tschechische Kommaulken. Zwischenfälle am Fuß der Schneekoppe. Hirschberg (Schlesien), 26. Juli. (Wolfs.) Wie der „Bote aus dem Rieseugebirge" meldet, ist es Sonntag früh auf dem Kamm des N ief <rnge b irges am Fuße der Schneetoppe, hart an der Grenze, zu einem Z u s a m m e n st o ß zwischen einer auf einem Ausflug begriffenen unbewaffneten K o m p a g n i e des Infanterieregiments N r. 6 und einem größeren Trupp tschechischer K o m m u u i ft e u gokollrmen. Als die Kompagnie auf dem 20 Meter diesseits der Grenze verlaufenden Wege marschierte, wurde sie von beu Tschechen mit schlveren ©leinen beworfen. Zur Abwehr des Allgriffes stiirzte sich eirre Anzahl Soldaten mit ihren Spazicrstöckeu auf ben tschechischen Trupp und trieb chn über die Grenze zurück. 29. Juli 1925 Jlt. Aus fites Israel. Die ANz»hl dev jüdischen Einwohner. Aus I e r >t f a l c nt wird Nils geschrieben: Wie der „TMvrir" nteldet, berlig die Z a h l der I ll d i tt in Palästina Nack, eitrkr von der palästinensischen Zionistischen EMrtive ans Grund eigenen und amtUchctt Mükkrtals altMstrstien Statistik 115.101 Seelen. Da am 1. Jätlner IM die Zahl der Jude» Palästimis 57.000 betrug, hat sich die jüdische Bevölkerung Palästinas seitdem mehr als verdoppelt. Zuwanderung au^ MesvPStNMeu. Aus Bagdad wird rms geschrieben: In Mesapo» tamien verstärkt sich die Auswanderung nach PakSstttta immer mehr. Jede Woche verlassen einige Familien Bagdad, hauptsächlich lttsükge der Verschlechterung der tvirtschaftlichen Lage unter den dortigen Jude«. Die uleisten Palüstinnwandeter gehören dem Mittelstände an. Die Nationalbrbliothck. Aus Jerusalem lvird uns berichtet: Im Laufe des Nkonats Silvan (Mai-Iulli) lüitrbc die National brbliothek von insgesamt 2881 Personen besucht. Die Bibliothek erhielt tm gleichen Zeitraum 1950 neue Bücher. -- Der Chefredakteur der wissenschaftlichen Abteilung des „Berliner TagMättes" Dr. G. M amlock, machte der Universitätsbibliothek Jerusalem eine Spende von 600 Büchern, Fachliteratur aus dem Gebiete der Medizin Uitd der Lffentltchen Gesundheitspflege. Einem vor kurzetu erschienenen Bericht der Mtiottalä bibliolhek ist zu entnehmen, daß die Bibliothek tm Laufe des ersten Halbjahres 1925 um 10.896 Bände gewachsen ist. Das italienische Unterrichtsministerium sandte an alle kulturellen Institutionen und italienischen Berleger ein Rundschreiben mit dem Ersuchen, der Universp tätöbibliothek Jerusalem Bücher zu spenden. Sanitütspflege. Allfangs Juni fand in Jerltsülem auf Einladung deS Sanitätsdepartements der palästinenstschüli Zrönistischöll Exekutive und in Anwesenheit von Vertretern der palästtnensischen Negierung eine voll mehr als zwanzig Delegierten beschickte Tagung statt, auf der die Gründung einer Liga zur Bettämpfung der Tuberkulöse beschlossen wurde. Die Tagung getlehmigte die börgelegteü Statuten der Liga und wählte ciii fünfgliedriges AktiöUßkomitee. Die Kllpath Cholim trifft BorVekeitüNM, UM in Nazareth ein Sanatorium für die Siedlet dös E nl e k zu eröffnen. Das Sanatorium wird zwanzig Betten auftveisen und soll vor allem Säuglinge und erholungsbedürftige Mütter aus den SiMungen des Emsk üufnehmen. Die WafsekvevsovftUttg Jerusalems. ' Äm 2. llnd 3. d. trafen in Jerusalem diö ersten Wasser» transporte Mit der Eisenbahn aus SarafaUd ein. Sie um? faßten 30.000 Gallonen täglich. Ende Juli wird Mütt diese Menge auf 70.000 Gallonen täglich erhöhen und' tm August hofft man, 100.000 bis 120.000 Gallonen täglich aus diese Weise zu transportieren. Industrie und Bautätigkeit. Der Besitzer eitler Kunst- und PflastsrstoittfübtiL in Haifa und Tiber ins erwarb einen großen Skeinornch und wird besondere Maschinell zur Herstellung von Bausteinen in Palästina einsühren. Die Fabrik beschäftigt ausschließlich jüdische Arbeiter. Der Besitzer eines Eisenwerkes in Amerika, der sich fast drei Monate zu Studicluwecken in lstalästina aufgehalten hat, wird tu Haifa eine Fabrik für Staboisen zu Bauzweckelt ctöfftteu. Das Unternehmen wird ungefähr ä00 Arbeiter beschäftigen. Die erforderlichen Maschinen werden aus Amerika eingeführt werden. Der Vorschlag, die M i e t e r s ch u tz o r d n ü n g abzuschaffen, hat der Bautätigkeit in Jerusalem einen starken Antrieb gegebelt. Ein halbes Dutzend neue Bangesellschaflen ist an die Ausarveituttg von Planen geschritten, darunter solcher für Straßenbau und andere öffentliche Arbeiten in den neuen Vierteln. In T a lp i o t h, Beth H a k e r e m, R e ch a w i a h, N e io e h Jacob und den anderen neuen Vierteln sollen im Laufe des SomnurS viele neue Häuser errichtet Wörden. Auch ein großes modernes Hotel und eine Reihe Volt Bureauyäusern sind im Bau begriffen. Die Bautätigkeit in T e l - A w i w hatte im Monat Julli einen lleuen Rekord aufzuweisen. ES wurden 288 neue Baulizenzen, also täglich neun, erteilt, während bisher die monatliche Höchstzahl der Ballbvluilltgungcn 130 betragen hatte. König Saifal erkrankt. London, 28. Juli. (Wvlff.) Wie „Daily Mail" meldet, ist König F a i s a l von Mesopotamien, dar donmächst nach London kommelt wird, schwer erkrankt und wird sich bet verschiedenen Londoner S p e z t a »l i st c n in Bo'handlun-g begeben. Für die Zeit der Abwesenheit des Königwird ein Regent ernannt tverdeu. U. gillniftrnkongreb. Die SXiIttarten. Die Einzahlltllgen für (Vastkurtelt za den Tagungen des 14. Zionistenkongresfes können nur noch bis Freitag d c,l 31. d. an der Kasse des Zionistisck/en Laudes- «komitees, 1. B«z., Känttnevstraß« 28, erfolgen.