Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2312 (29.7.1925)
- Date
- 1925-07-29
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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[ Polen i 20 groszvt Wien: Zum Abholen in der Expedition, ll., Taborstr. 1-3, oder in einer verschleisstelle (Trafik) monatl. 5 Schilling Strassenverkauf in Wien durch die Kolporteure der Firma O o 1 d sch mied, U Wollzelle 11 Mit Postversand für Wien und Oesterreich monatlich 5 Schilling Tscheche* Slowakei: Mon. K22. Jugoslawien: Mon.Din.60. Polen: Mon. 4Zloty. Deutschland: Mon. Gm. 4, Frankreich, Belgien: Mon. Frcs. 18 NuhMblmlen bei Frei ► erhöbonaen Vorbehalte» Nr. 2312 Die große Schuld. —y. Wien, 29. Juli. Ms vor elf Jahren der Krieg erklärt wurde, da war es nicht so, daß alle Welt von Blindheit ergriffen gewesen wäre. Es gab in allen Staaten Menschen genug, die das Unheil in seinen Dimensionen erkannten und die mit ehrlichem Ensetzen den Zusammenbruch aller moralischen und kulturellen Werte sahen. Der russisch-japanische Krieg und die zwei Balkankriege standen noch frisch in der Erinnerung, und es war genügend Erkenntnis darüber vorhanden, was die heran- Lrausende Sintflut an zerstörender Kraft entwickeln mußte. Norman Angell hatte sein Buch über „Die große Illusion" bereits geschrieben und in nüchternen Worten dargestellt, daß bei der innigen Verwebung unjd Verflechtung der weltwirtschaftlichen Verhältnisse kern Krieg mit einem Sieg in bem romantischen, klirrenden Sinn des Wortes enden könne. Die großen Kaufleute, die weltgewandten Leiter der Banken, die Männer der Wissenschaft, alle, die berufsmäßig das Gesetz der Kausalität auf seine Elemente zu Prüfen sehr wohl in der Lage waren, alle — schwiegen. Sie hofften vielleicht, daß ihr Schweigen richtig gedeutet würde. Die meisten freilich starrten fatalistisch in den entfesselten Orkan, den die systematisch-raffinierte AZveßPropaganda erzeugt hatte. Sie glaubten daran, >^eder an seinem Ort, in seinem Land, daß.das Baterilaud überfallen worden sei oder daß es zur Wahrung hoher idealer Güter das Schwert zichen müsse. Alle Missenden ließen sich die Klarheit des Urteils bejuehimen, alle wichen stumm zurück, als der König Tod keine eiserne Hand auf die Welt legte. Was aber in diesen ersten trüben Tagen noch zu Levstehen, vielleicht auch zu rechtfertigen gewesen wäre, das wurde in den nun folgenden Jahren zum System, zur Grundlage des Handelns, sogar des Denkens. Im Rausch der Arge ging der ehrliche Mut vor die Hunde. Nicht Menschen waren es, die der Zwang der Mobilmachung, daß Geheiß von Generalen und Gendarmen hinausgeschickt hatte; hier waren es Hunnen, dort Barbaren. Rote, grüne und gelbe Teufel wurden verherrlicht und Lesungen. Der Satanismus erstickte alle Fähigkeit zur Kritik. In stillen Ecken, in vertraulichen Konventikeln wurde das geflüstert, was laut zu sagen Mvesen wäre, was, wenn es ausgesprochen worden wäre, sich doch Geltung und Gehör verschafft hätte, weil Millionen getretener, im Feld oder in den Kriegsfabriken verratener Menlschen nur auf das Wort gewartet hätten. Politiker, Gelehrte, die die Wahrheit mehr errieten als kannten, fanden, wenn sie sich vor Spitzeln sicher glaubten, das schärfste Urteil. Aber draußen stand das Kriegsrecht. In den Parlamenten wucherte die freche Phrase, und den Kindern, die um Brot bettelten, den verweinten Mädchen und Frauen predigten Bürger und Behörde tapfer das Durchhalten. Die Gesellschaft ist mitschuldig geworden an dem großen Verbrechen. Aber als es vollzogen war, als große Reiche im Sturm zusammenbrachen wie die Kartenhäuser, da ging die Gesellschaft auf die Suche nach einem Sündenbock. Die Siegerstaaten luden nach altem Brauch alle Schuld auf die Besiegten und legten ihnen einen Frieden auf, der noch die letzten Reste von Wohlstand zerstört, aber sich in seinen vergiftenden Wirkungen nicht lokalisieren läßt. Die Angst vor diesen: Frieden treibt die Mächtigen zu neuen Rüstungen und in immer neue Konflikte. In den unterlegenen Staaten gab es Revolutionen, Aufstände, Umkrempelung der Staatsfovm. Aber da das Gut des Bürgers in fünf Kriegsjahren nutzlos vertan war, da die Blockade den Bedaff des Lebens anfgezehrt hatte, so brachten diese Politischen Krämpfe keine Aenderung. Die Gesellschaft, die den Krieg insgeheim verdammt, öffentlich gepriesen hatte, fühlte ihr böses Gewissen. Die Professoren und die Politiker tauchten aus der feigen Stille, in die sie die Revolution getrieben hatte, wieder aus und hielten den Massen das Rezept hin, den Berantwortlichen zu finden. Die Juden waren es. Daraus ist die Schlammflut dieser neuen antijüdischen Lehre geworden. Sie ist so stark, daß sich ihr widerspruchslos und widerstandslos alles beugt, was noch über klares Urteil verfügt. Es ist dasselbe Bild wie vor elf Jahren. Es gibt Menschen genug, die die große Lüge effeimtz» und Wo da wissen, daß das Gift Wiener orgenMimg Wir». Mittwoch. 29. Sitli 1925 England: Mon. 4 Schilling. Italien: Monatl. 18 Lire: Rumänien: Mon. 170 Lei. Bulgarien tMon.IOO Lew?. Schweiz und das übrige Ausland monatlich Frcs. 5 Redaktion, Administration: Wien, II. Tabor« tr. 1 Telephone: 44-0-38,43-3-19 Ab 6 Uhr: 21-102, 25-2-82 IX., Universitätsstrasse 6-8 (Diuckerei lg. Steinmann) Oesterreichisches Postsparkassen-Konto Nr. 150.693 7. gahrgan« Frantreich und der Zionismus. Politiker md Gelehrte Kr den Wische« Ausbau PalSftinas. (Eigendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Paris, 28. Juli. Dieser Tage wurde hier unter dem Namen „Franco- Palestine" eine Gesellschaft gegründet, die für den Zionismus und für den Aufbau von Evez Israel von überaus großer Tragweite werden kann. Die Propaganda für die von der Gesellschaft vertretene Idee hat bereits mit voller Kraft eingesetzt. In einem soeben ausgegebenen Communiqne wird unter anderem gesagt: „Ter Zionismus an sich ist eine gesellschaftliche Erscheinung von großer Bedeutung. Er stellt eine teilweise, ober großzügige Lösung des kritischen, und leidvollen Problems der als Folge der jüdischen Lage in den osteuropäischen Ländern, jetzt stark angelvachsenen jüdischen Wanderung dar, die auch durch/"): nE-l Einwanderungsbedingungen in Amerika, der /bis in die letzte Zeit einzigen Zufluchtsland, in ein i iifrerft kritisches Stadium getreten ist. Berücksichtigt man irfe bekannten historischen Tatsachen, wie auch die. Geschehnisse unserer Tage, muß man zur Ueberzeugung gelangen, daß der Zionismus das antzerordentliche Interesse Frankreichs 'beansprucht, da es für dieses Land von großer Wichtigkeit ist, daß es seinen Einfluß im nahen Orient nicht verliere -.." > . . . „Dir ifn^östsMMsMKaHiche und öffentliche Meinung", heißt es weiter ln dem Rundschreiben, -„nimmt au der' Stärkung -des jüdischen Heimes das stärkste Interesse. Hat Abd ei Krim geantwortet? FVivdensberertschaft des marokkanischen Führers. , Paris, 28. Juli. Der Korrespondent der „Times" in Tanger meldet, die jüngstenfranzösischen, Erfolge am Uergafluß hätten die Haltung Abd el Krims, unter dessen Truppen sich bereits Mangel an Lebensmitteln geltend mache, völlig geändert. Nach den letzten Meldungen habe sich Äbd el Krim bereit erklärt, zu mäßigeren Bedingungen als die bisher beabsichtigten Frieden zu schließen. Der Berichterstatter des ,/Daily Telegraph" , best ä t i g t die Nachricht, wonach Abd el Krim verschiedenen Persiönlichkeiten der internationalen Zone habe mitteilen lassen, daß er der franizösiscben und 'der spanischen Regierung geantwortet habe und bereit sei, deren Vorschläge »für den Beginn von Friedensverhandln n gen anzunehmen. (Im lMtigen Ministerrat erklärte Briand, aus Marokko sei kein Friedensvorschlag eingelangt. — Die Red.) Die „Kompetenzen" der Generale. Fes, 28. Juli. (Havas.) Auf Grund der neuen militärischen Organisation verfügt Marschall Lyautey über die Streitkräste zu Land und zu Wasser. Unter seinem Oberkommando befehligt General' N a u l i n die m o b i l e n S t r e i tkräftc und leitet die politische Aktion in der Operationszone. Dem Marschall Lyautey sind die außerhalb der Operationszone stehenden Gruppen unmittelbar unterstellt. Wieder eine Räumung. Papis, 28. Juli. Der Situationsbericht von. .der marokkanischen Front besagt: Nördlich von U e z z a n werden feindliche Ansammlungen auf dem rechten User des Lukke'sflüsses gemeldet. Man rechnet mit einem bevorstehenden Angriff in der Richtung auf Ta za oder Lara sch. Die Tschebalas haben ihre Ernte evngebracht und könnten fitv den Angriff 20.000 Mann stellen. Der französische Posten von Zendula ist ge räu mt und die Besatzung mit dem gesamten Material nach rü ck w ä r t s gebracht worden. Vom nationaler: Gesichtspunkt aus betrachtet, hat Frankreich stets die Völker unterstützt, die alle ihre Kräfte zur Erkämpsung ihrer Selbständigkeit auswenden. Dies gilt auch von der zionistischen Bewegung, deren Bedeutung und Wichtigkeit täglich wächst.. Die Franco-Palestine--Gesellschast hat schon in dev kurzen Zeit ihres Bestandes in allen politischen und gesellschaftlichen Kreisen einen u n g e a h n t e n A n k l a n g gefunden. Von den führenden Persönlichkeiten Frankreichs, die sich idem Franco-Palestine-Komitee bisher äuge, schlossen haben, seien erwähnt: Mmisterpräsident Paul P a i nl eve, Bildungsminister de Mo n zie, der Präsident der französischen Kammer Eduard H e <t x i o t, der Vorsitzende des Botschafterrates Jules Eambon, der sozialistische Führer Crompact, der Direktor der internationalen Arbeitskammer beim Völkerbund Wert Thomas, der gewesene Arbeitsminister im Kabinett Hevriot Justin Gautard und der bekannte Sozialist Deputierter Leon B l u m. Bon Gelehrten und Schriftstellern: der Professor der Nationalökonomie an der Sorbonne Charles Gide, Rektor und Professor der Mathematik an der Pariser Universität und Mitglied.der Akademie, Appel, der Professorder. Physik, am College de France, Langevin, der unermüdliche. Kämpfer ,.Hr Menschenrechte, Fernand B.u ss ou, Md viele andere. Uezzan bedrohst? Paris, 26. Juli. Der Sonderberichterstatter der „In» formation" meldet aus Fes: Der Feind bedroht Uezzan. Der im Westen vorgeschobene Posten Zendula im Frontabschnitt von Uezzan.ist kampflos zurückgezogen worden. Die französischen Frontabschnitte im Zentrum und im Osten erhielten neue Verstärkungen Westlich von Am Aischa ist der kleine Posten von Derad.scher geräumt worden. Die Stellung von Murudsch nördlich von Taza wurde verstärkt. Der politische Barmat-Schwindel. Ein WaHlrrranöver. Berlin, 26. Juli. - (Tel.-Komp.) Der „Vorwärts" veröffentlicht umfangreiches Material, um zu beweisen, daß die ganze Barmat-Affäre vom Anfang an keine kriminalistische, sondern eine politische, auch von der Staatsanwaltschaft politisch aufgezogene Angelegenheit war, die sich aus Anlaß der damals bevorstehenden R e i ch s p r ä s i d e n t e n w a h l gegen die r e P u b l i k a n i s ch e n Parteien, hauptsächlich gegen die Sozialdemokraten und das Zentrum, richten sollst. Von deutschnationaler Seite wird bestätigt, daß es sich bei' der gestern vorgenommenen Durchsuchung in einem Berliner politischen Nachrichtenbureau um die restlose Aufklärung der Barmat-Affäre und der Tätigkeit der Staatsanwaltschaft gehandelt habe. Herbert Samuel in Budapest. Budapest, 26. Juli. (Tel.-Komp.) Der gewesen» Qbevkommissär von Palästina, Sir Herbert Samuel, ist heute nachmittags aus Bukarest auf dem Donauweg in Budapest eingetvoffen. Me Verschwörung in Aegypten? London, 28. Juli. (Tel.-Komp.) Wie aus Kairo gemeldet wird, hat einer der verurteilten Mörder des S i r d a r im Gefängnis Enthüllungen über eine bisher unbekannte Verschwörung gemacht. Es sollen zahlreiche neue Verhaftungen bevorstehen. sich nicht einfchränken läßt. Sie haben gelernt, daß, wer beim Juden plündert, dies auch im Nebenhaus unternimmt. Sie verstehen, daß die Schaffung einer Judenjustiz mit mathematischer Sicherheit die Grenzen überschreitet und das Rechtsleben zerbricht. Das alles ist dieser Gesellschaft, dieser Demokratie sehr wohl bewußt. Aber sie scheut es, den Kantpf aufzunehinen und die Ehre ihres Staates, ihres Volles zu schützen. Sie wagt es nicht auf den Markt zu gehen, wieder aus der Feigheit ihrer Erziehung. Wenn sie draußen bekennen soll, es ist nicht wahr, daß die Juden den Krieg und den Frieden verschuldet haben, wenn sie sagen soll, daß es einen Politischen Begriff „die Juden" überhaupt nicht gibt, dann würde die Frage gestellt werden, ja, wer denn hat das Unglück augerichtet? Und die Antwort auf diese Fratze wagt die Gesellschaft, die Demokratie nicht zu geben. Sie müßte an ihre Brust schlagen. Darum zieht M es vor, das j£e& dem HMllreuz zu MerlaKn. M i