Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2311 (28.7.1925)
- Date
- 1925-07-28
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Wien. DicnStag Wiener Morgenzeitung. 2§. Juli 1925 Nr. 3311 Seite 2 fitdati gestorben. New-Aork, 26. Juli. (Reuter.) Ter gewesene Staatssekretär William Jenniugs B r y a n ist in D a y t o n (Tennesse) gestorben. Er wurde tot in seinem Bett a u f g e f u n d e n, nachdem er sich nach einem kräftigen Abendessen mit der Erklärung zur Ruhe begeben hatte, er fühle jifl* wohl. Bryan war h c r z l e i d c n d. Brt)an lxrttc noch am Samstag vor 5 0.0 00 Zuhörern eine Rede gehalten, in der er erklärte, er tverdc nicht ruh, djc der Darwinis nr u s nicht auch in allen anderen Staaten der Union ausyerottet und von «den Pundesbehördcn verboten sei. Bryan, der kurz nach seiner leldenschafttichen Propaganda inl Affenprozeß von Dayton — er wurde der „freiwillige Ankläger" genannt —, 65jährig, plötzlich gestorben ist, hat durch fast 30 Jahre eine große Rolle im politischen Leben der Bereinigten Staaten gespielt. In den Jahren 1896, 1900 und 1908 tratt er als demokratischer Präsidentschaftskandidat gegen die Republikaner M ac Ki nl c y und Taft auf, unterlag jedoch in allen drei Wahlen. Ein ticfgläubiger Protestant, hat er stets mit geradezu religiöser Leidenschaft für die Ideen gekämpft, die er gefaßt hatte. So führte er einen jahrelangen Kampf um die S i l b e r w ä h r u n g (er hatte bei seiner ersten Präsidentschaftskandidatur den in ganz Amerika populären Spitznamen „Silbcrbrycm"); Bryan war ferner einer der beharrlichsten Vorkämpfer des Pazifismus in Amerika, was ihm starke Feindschaften aller an Rüstung und Krieg interessierten Großunternehmungcn der Bereinigten Staaten cintrug. Als Wilson Präsident wurde, nahm er Bryan im Jahre 1913 als Staatssekrct ä r des Aeußern in sein Kabinett auf; im Jahre 1915 mußte jedoch Bryan zurücktreten, angeblich weil er in einem Variete Borträge gehalten hatte, in Wirklichkeit jedoch, weil er den Stahltrustlcuten, welche auf den Eintritt der Vereinigten Staaten in den ettröpäischen Krieg hinarbeiteten, ein Stein des Anstoßes war.. Seit seinem Rücktritt war Bryan (übrigens der Schöpfer des Antirevolutionsgesetzes im Staate Tcnnessc, lvo er ansässig war) wenig hervorgetreten. Seine aktive Teilnahme an der Scopes-Affaire in Dayton ist wohl einerseits auf das Konto des Ku-Klux-Klan zu setzen, der den leidenschaftlichen protestantischen Agitator für seine politischen Zwecke mißbrauchte, andererseits auf den Wunsch des alternden, enttäuschten Mannes der Oeffentlichkcit, wieder eine Rolle zu spielen. Mit Bryan ist eine der interessantesten Politischen Figuren der Vereinigten Staaten, welche sich von den Berufspolitikern schon durch seinen Charakter unterschied, der nicht käuflich war, dahingegangen. Me internationale geistige Zusammenarbeit. Genf, 27. Juli. (Schweizerische Depescheiiagentnr.) Heute vormittags wurde -die sechste Session der Völkerbund k ommissi o n für i nternatio nale ge istige Zusa-mme narbeii durch eine öffentliche Sitzung eröffnet, der in Stellvertretung für Henri B e r gs o n, der an der Tagung nicht terlnehmen konnte, von Gilbert Murray (Großbritannien) präsidiert wurde. Der Vorsitzende gab einen Ueberblick über die im vergangenen Jahre vollbrachte Tätigkeit dcJouvenels (Frankreich) und dankte der Kommission für die gute Aufnahme, die sie der 'Schaffung des von der französischen Negierung angebotenen Institutes gewährte. Sodann konstituierte sich die Kommission als Verwaltungsrat des Inst i t u t's unter dem Vorsitze de Jouvenels. Der Ruck «ach link« in Frankreich. Sieg des Lmkskartells bei den Generalratswahlen. Paris, 27. Juli. (Havas.) Das Gesamtergebnis der Generalratswahlen ergibt nach Durchführung der Stichwahlen, die Sonntag stattfanden, für die Parteien des Ka r t e l ls d e r L i n k e n einen Gewinn von 153 Sitzen, davon 56 Sozialisten. Bon der Opposition verlieren die Kommunisten 11, die Royalisten 26, der nationale Block 117 Sitze. Die Agence Havas bemerkt hierzu: Die Wahlen zeigen eine vollständige Niederlage d e r Ko m mutt ist en. Der zweite Wahlgang hat den Ruck nach links noch verstärkt. Bei den gestrigen Stichwahlen üegten die S o z i a l i st e n. Die Kongretzdelegierten aus Jugoslawien. Aus Belgrad wird uns berichtet: In der Sitzung der Wahl-kommission wurden als Delegierte der Zionistischen Organisation in Jugoslawien für den 14. Zionistenkongreß gewählt: Dr. David Alkalay (Belgrad), Präsident der Zionistischen Organisation in Jugoslawien, Law Stern (Zagreb), Leiter des Nationalfonds, Dr. Benno Stein, Präsident des Landeskomitees. Ersatzmänner: Dr. Julius Dohany (Karlsdorf), Ingenieur Ludwig Freundlich (Osijek) und Awram M. K o e n (Belgrad). Die I. T. A. meldet: Am 23. d. abends fand in B c r l i n in den Spichcrn-Säleit auf dem Nürnberger Platz die große Versammlung der Konferenzge m e i nschaft radikaler Z i o n i st c n statt, zu welcher die aus London von der Aktionskomitectagung zuvückgekchrten Führer der zionistischen Opposition. Abg. I. Grünba u m, Obcvbaurat Robert Stricker und Dr. Nahrun Gold mann, als Redner vorgcmerkt waren. Die Bersalnnüung nahm einen in mehrfacher Hinsicht interessanten Verlauf. . Herr Benzion Fett begrüßte die Versammlung und die Gäste, worauf Dr. Nahum Goldman» über die Aufgaben der Konfereuzgemeinschaft radikaler Zionisten referierte. Er ftihrte ungefähr auö: Man ist gclvöhnt, jeden Ziornstenkorigreß vorher als Schicksalskongreß zu bezeichnen. Der fommenbc 14. Zionisterckongreß wird aber tvahrhaft schicksalsbeftimmend für die zionistische Bewegung und das jüdische Volk sein. Wir sichelt aru Abschluß einer alten und am Beginn einer neuen Epoche. Unser Programm ist uichts Neues, cs ist kein Mehrprogramm, sondern wir fordern nichts als die Erfüllung des z i o n i st i s ch c u Programms schlechthin. Ter Geist, der in bau letzten Jahren in führenden Kreisen der Bewegung groß geworden ist, erscheint uns gefährlich, wir müssen ihn bekämpfen. Drei Komplexe von Problemen lvird der Kongreß zu lösen haben: 1. Ten Komplex der politischen Probleme, d. h. die Geltendmachung unserer Ansprüche auf ein eigenes Heim; 2. die Probleme der i n n c r j ü d i s ch e n P o l i t i k und die B o r b c r e i t u n g des Volkes für das Land; 3. «den Komplex der eigentlichen Verwirklichung des A n f b a u c $ des nationalen H c i m s. Die entscheidende Voraussetzung hierfür ist nicht das Nachläufen nach Kreisen, «die unserem Gefühl und unfcrcm Streben kühl gcgenüberstehen, sondern die Voraussetzung ist eine nationale Konzeption aus zionistischem Willen, aus revolutionärem Willen: sich durchzusetzen gegen die Mehrheit des Judentums und gegen die Mehrheit der nichdjüdffchen Welt. Die politische Position hat sich in den letzten Jahren dauernd verschlechtert. Das erschütternde Geständnis Sir Herbert Samuels in seinem letzten von der britischen Regierung als Weißbuch veröffentlichten Bericht H eine bewegte Illustration hierfür. Der Geist, «der sechs Jahre lang in der Bewegung bestimmend war, muß sich wandeln. Hierauf ergriff Aög. I. Grünbaum (Warschau), von seinen Anhängern stürmisch akklamiert, das Wort. Weiz-mann hat auf dem 13. Kongreß die oppositionelle Stellung Grünbaums und seiner Gruppe mit dem Argument abzütun versucht, 'Palästina könne nicht ivarten. Ueberall herrschten die Vorstellungen: Man muß schnell bauen und große Mittel dazu schaffen. Die Bewegung muß Opfer bringen, um die nichtzionistischen Kreise heranzugiehen. Es ^hat sich gezeigt, daß man diese Opfer umsonst gebracht hat und daß man auf anderem Wege als dem innerer Organisation Palästina nicht bauen könne. Weizmann war so fasziniert von seiner Idee, daß er, indem er sich an die Adresse der reichen Nichtzionisten wandte, die .Adresse des jüdischen Volkes vergcffen hat. Die ganze Energie ist umsonst ausgegeben. Sobald das Projekt der K r i m k ol o n i sa t io n auftauchte, m a rs ch i c rtcn d i c Herren ins andereLager ab. Wir aber werden alle Anstrengungen, alle nationalen Kräfte entfachen, umPalastina z u b a u e n. Palästina ist eine eifersüchtige Braut, sie kann die Liebe mit anderen nicht teilen. Für jene aber tvar Palästina keine Liebe, sondern nur ein Flirt. Der jetzt nach Palästina gehende Einwandererstrom ist keine momcntane Erscheinu ng, sondern, ein Faktum von Tauer, und diese Ginwanderer werden Palästina bauen. Wir aber werden diesen Strom beherrschen müssen, und zlvar nach der Richtung intensivsten Schaffens. Dies ist der Weg. Der nächste Redner, der Präsident der Zionistischen Vereinigung für Deutschland, Kurt Blumenfeld erklärte, er müsse sich wundern, daß die Oppositionellen mit. diesen Forderungen vor ein Forum deutscher Zionisten treten, wo doch die deutschen Zionisten stets diese Richtlinien befolgt haben. Wenn man eine Kooperatici' mir nichtzionistischen Elementen sucht, so darf das die innerzionistische Arbeit nicht schwächen, sondern sie ist nur ein Mittel zur I n t e n s i v i c r u ng des Auf bans. Weizmann hat die Verhandlungen mit den Nichtzionisten in Amerika mutig u n b st o l z geführt. Nichts wurde von den zisnfftischen Zielen aufgegobcn. Die Opposition, die ja in erster Reihe die Person Dr. WerzmannS treffen will, hatte es, wie m a n w e i ß, leicht, bei der Aktionskomiteetagung Weizmann zu stürzen. Warum hat sre das unterlassen? Wo sind die Führer, die Weiß« »ncmn ersetzen sollen? Der nächste Redner, Aktionskomitoemitglied Oberbaurat Robert Stricker, Wien, führte zunächst aus, es fiel niemand ein, die Ar» beit der deutschen Zionisten zu kritisieren, aber diese anerkeltnenswerte Arbeit berechtigt noch tticht, ciuer falsch:« Richtung kritiklos nachzulaufeu. Und die Politik des Bündnisses um feden Preis tvar falsch, ja gefährlich. Das hat sich schon ber der Hebräischen Universität in Jerusalem erwiesen, wo der Stellvertreter Baron Rothschilds gegen die Freiheit der Lehre arbeitet. Unter großer Spannung der Zuhörerschaft machte der Redner die folgende Festste!. lung: Die Frag« der Erweiterung der Jcwisl, A g"e n c y kann als erledig t gelten. Sie ist auch offiziell begraben. Was noch auf beiden Seiten gesprochen wivd, fft Rückzugsgefecht. Schonungslos kritisierte der Redner das Projekt der Judenkolonisation in der Krim. Es ist, sagte er, ei« Phänomen, daß die amerikanischen Herren, die doch vor dem Wort Sozialismus einen wahren Horror haben, jetzt sogar bereit find, Arm in Arm mit den Bolschewiken zu gehen. Es wird hier ein niederträchtiges Attentat gegen das jüdische Volk geplant. Vielleicht sucht im Wege dieses Projektes die amerikanische Regierung eine Anknüpfung mH den Bolschewiken. Ans der bolschewikischen Seite aber wirken zwei Argumente: 1. wollen sie die Sympathie des Judentums für England erschüttern; 2. ein Argument gegen den verhaßten Zio, n r s m u s schaffen. Juden werden aus den konfiszierten Gütern antivolschewikischer Elemente angesiedelt. Was wird geschehen, wenn ein Umschwung kommt? Die Leute sagen sich eben, es fft einerlei, ob die jüdischen Massen jetzt verhungern oder in sechs Jahren dem Pogrom zum Opfer fallen. Weizmann kennt die Gefahr und hat Louis Mars hall gewarnt. Dieser aber setzte ihm ein kaltes Nein entgegen. Zum Schluß setzte sich Grünlbaum in einer tompcra» mentvollen Rede mit den Diskussionsrednern auseinander. Er führte aus, die Konferenzgcmeinschast hat ihr Programtn, das ist das P r o g r a m m des Z i onismus: Die Eroberung der jüdischen Massen, die Kontrolle des Einwauderungsstroms durch Austvähl der auifbauenden schöpferischen und Zurückhaltung nnschöpfcrischcr Elemente. ..Die Debatte verlies sehr bewegt. Lange über Mitternacht. hinaus bildeten sich in der Umgebung des Vcrsammlungsihaufes erregt -diskutierende Gruppen. Einberufung einer Konferenz nach Wien. Am 26. und 24. b. fand inBerlin eine Besprechung führender Mitglieder der Konfeveuzgenreiiffchaft radikaler Zionisten statt. Die .Mitglieder des Aktionskomitees, die Herren Dr. N. Gold manu, I. Grünbaum und Ing. Robert Stricker, erstatteten Bericht über die Sitzung des Aktionskomitees in London. Nach dein Bericht wurden die Kongreßprobleme, insbesondere die Fragen der Jewish Agency, der zionistischen Politik, die Methoden der Kolonisation und der Reorganisation der Bewegung wie auch die Fragen der zionistischen Leitungeingehend besprochen. E s >w it r d e b «schlosse u, f ii r den 16., 17. und 16. A u g u st nach Wie n c i lt e K o uferenz e i n z u b e r u f e n, an der sämtliche aus den Listen der Konferenzgemeinschaft Gewählten, wie auch alle, anderen, ihrem Programm zusiimmenden Delegierten tcilnehmen sollen und auf der zum gesamtenFragenkomplex des Kongresses im einzelnen Stellung genommen werde» soll. Aus 'der Diskussion ergab sich die einmütige Ansicht, daß die Erklärung der Exekutive in der Frage der Erwciterung der Jewish Agency, insbesondere ihr Verzicht auf die Notifizierung und die definitive Gestaltung der Jewish Agency, das deutliche Synrptonr des Fiaskos der gegenwärtigen ^Jewish Politik in ihrer jetzigen Form ein Ende zu bereiten und die Bewegung davor zu bewähren, daß sie nicht iveitechin durch diese Jagd nach einem Phantom desorganisiert und zerrüttet werde. Insbesondere war die Konferenz der Meinung, daß keine Vollmachten erteilt werden dürfen zur'Koustitnierung der Agency durch den Council, ohne sic dem Kongreß zur Genehmigung ju unterbreiten. Die Konferenz war daher der Meinung, daß der Kampf um die Wiederertvecknug des BotvnßffcinS der Ae Jewish Agency. Sink Versammlung der Sonferenigemeinschast in Verl!» Mion der Wieuerjüd. Kaufmannschaft zugunsten des Keren Kajemeth Die -P. T, Firmen werden eingeladen, sich durch Spenden an dem vom Keren Kajemeth veranstalteten großangelegten Basar zu beteiligen no„ Telephon 77-4-85, 77-4-86 Spendenanmeldungen werden entgegengenommen: Bureau de« Keren Kajemeth, Kämtneretraße 28 Telephon 77-4^15, 77-4-86