Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2309 (26.7.1925)
- Date
- 1925-07-26
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2309 Wien, Sonntag Der polnische Außenminister in Amerika. Eine jüdische Delegation beim Minister Skrzynski. Die Polnische Te'legraphenagentur berichtet aus N e w- 5) o r f: Eine Delegation «des jüdischen K o n g >r e «s s e s in Amerika hat im Namen der Glaubensgenossen mosaischer K o n s e s s i o n (? — Die Red.) denr Minister Skrzynski eine Adresse überreicht und ihn dazu beglückwünscht, das; er der Initiator der Annäherung zwischen der polnischen Regierung und den Vertretern der jüdischen Minderheit gewesen sei. Die Delegation drückte ihre Befriedigung über die Vereinbarung aus, welche zwischen der Regierung und den Vertretern der Inden Polens geschlossen wurde und den Zweck hat, die volle G lei chberechtigu n g der jüdischen Bürger in Polen zu tvahren. Der Minister dankte den Vertretern der amerikanischen Juden (? — Die Red.) für ihren Schritt und gab der Hoffnung Ausdruck, daß die polnisch-jüdischen Vereinbarungen eine e n d g ü I t i g c L ö s u n g d e r I u d e nfrage in Polen bringen werden. (Wir geben diese Meldung der Polnischen Telegraphenagentur wieder, die, wie schon oben angedeutet, unklar ist, da aus ihr nicht hervorgeht, was für eine Delegation eigentlich beim Außenminister Skrzynski vorgesprochen hat. Wir behalten uns vor, auf die der Meldung zugrunde liegenden Tatsachen noch zurückzukommen, bis uns direkte Nachrichten darüber vorliegen. — Die Ned.) Eine Radiorede Skrzynskis irver den Polnisch-jüdischen Ausgleich. Die Polnische Telegraphen-Agentur berichtet aus New - P o r k: Außenminister Skrzynski hielt durch Radio eine Rede. Für diese wurde ihm ausnahmsweise jene Radiostation zur Verfügung gestellt, welche sonst dem Präsidenten der Vereinigten Staaten für feine Wahlreden dient und die an zwölf andere Radiostationen a »geschlossen ist, deren Hörerkreis insgesamt 2 0 Millionen Mens che n umfaßt. Nach einleitenden Worten des Dankes für die Aufnahme, welche der Präsident und die Bevölkerung der Vereinigten Staaten dem polnischen Außenminister «&erdtet haben, besprach Skrzynski das Werk des Wiederaufbau e 's in .Polen auf wirtschaftlichem,- finanziellem und kulturellem Gebiete. Dann führte der Minister, wie die P. T.-A. zitiert, aus: „Ich schätze »mich glücklich, Sie über die Erfolge informieren zu können, welche auf dem Gebiete der gesellschaftlichen Vereinigung erreicht wurden und über die Erledigung der Angelegenheiten, welche mit der Existenz der Minderheiten irr Polen verbunden sind. Die Juden, welche mit einen bedeutenden Teil der Minderheiten m Polen bilden, beginnen zu-verstehen, daß es in ihrem eigenen Interesse liegt, den polnischen Staat zu unterstützen und zugunsten der Regierung Stellung zu nehmen in den großen nationalen Fragen, die es den Polen gestatten «werben, ihr Verhältnis zu den Inden entsprechend zu modifizieren. Der Ausgleich der Regierung mit dem jüdischen SejmAub ist ein Dokument-dieser Entwicklung." Am Schlüsse seiner Rede wandte sich Skrzynski an die Polen in Amerika, denen er seine «besten Wünsche übermittelte. Minister Skrzynski begibt sich nach Chi tago, wo bekanntlich ein. großer Teil der in Amerika ansässigen P o I e n wohnt. Diese bereiten für den Minister zahlreiche E >h r «n n g e n vor. ___ ein neuer polnisch-russischer Grenzzwischensall. Warschau, 25. Juli. Blättern zufolge ist es bei Krementz neuerdings zu einer Schießerei zwischen russis ch e n u n d p ol n i s ch c u Grenzsoldaten gekommen. „Gazeta Foranua" berichtet, daß ein Trupp russischer Soldaten die Grenze überschritten und ein Grenzwachgebäude in Brand zu stecken versucht habe. Die Polen solle:: bei der Abwehr ebenso wie die Angreiser Verluste an Tote und B e r «w u n d e t c n erlitten haben. _ * Der Geiser bei Kafchau. Vor einigen Tagen würden in Herlanh bei Kaschau die Arbeiten zur Sicherung des H erlau y e r Geisers beendet, so daß das bewundernswerte Naturschauspiel. eines kalten Geisers, deren nur zwei auf der Welt bekannt sind, Kr die Zukunft gesichert ist. Er sprudelt ill Intervallen von 12 bis 11 Stunden und erreicht eine Höhe von 20 Meter. Wiener Msesenzeitunil. Die Presse aus dem Roniftenkongreß. Bisher 200 große Zeitungen angemeldet. — Kongreßzeitung und „Wiener Morgenzeitung". Als der politische Zionismus entstand, da war es seinem Schöpfer, dem Redakteur der ,/Ne:ien Freien Presse" Dr. Theodor H e r z l, «wahrlich kein Leichtes, selbst in dom Blatte, dem er seine unsterblichen Feuilletons widmete, nach denen die Leser föumlich dürsteten, gelegentlich eine Nachricht über die angebahnte Renaissance seines Volkes unterzubvingen. Mau spottete allenthalben über die überspannten Hitzköpfe und Utopisten und warf die Notizen, die sie so gerne in die Presse der ganzen Welt lanciert hätten, in den Papierkorb. Und heute, 21 Jahre nach dem Tode Herzls? Bisher haben bereits Über 200 große Blätter 'des In- und des gesamten Auslandes bei der Presseleitung des 14. Zionistenkongresses um Zuweisung von Journalistenkarten angesucht. Täglich laufen neue Ansuchen ein und man «rechnet auf insgesamt 300 Tageszeitungen, die Wert darauf legen, ihre Leser mit den Vorgängen im Wiener Konzerthaus in. der Zeit vom 18. August bis 1. September zu unterrichten. Heute steht die Sache fo, daß die Kongreßleitung nicht mehr in der Lage .ist, «ollen Ansuchen Rechnung zu tragen, wiewohl sie nichts sehnlicher wünschte. Die Preffeleitiung sieht sich gezwungen, eine Auswahl unter den Bewerbern zu treffen. Be-darf es eines schlagenderen Beweises für die Lebensfähigkeit und Lebendigkeit des Zionismus? Wie wird nun der Pressedienst beim 14. Zionistenkongreß in Wien organisiert sein? Bei jeder Sitzung in Parlamenten und bei allen größeren Veranstaltungen wird.den Journalisten, obwohl sie den Verhandlungen beiwohnen, von der Leitung der Veranstaltung, - die sich zu diesem Zlveck ein eigenes Preßbureau einrichtet, Protokollmaterial an die Hand gegeben, welches diese dann für ihre Zwecke verarbeiten. Jede Zeitung schreibt für ein anders »zusammengesetztes Publikum und den Geschmack sowie «das Jnteressoment seiner Leser muß jeder Redakteur kennen. Er hat also die Aufgabe, aus den möglichst -objektiv gehaltenen Berichten das herauszuschälen, was er im Interesse seines Blattes für wichtig hält. Durch das bloße Weglassen von Stellen in Reden" kann erschau dem Berichte seine persönliche Note geben, ohne daß er berechtigt ist? irgend welche textliche Aen-derungen an den gehaltenen Reden vorzu nehmen. Im Presseamt des Zionistenkongresses werden die Berichte den einzelnen Zeitungen schon mundgerecht gemacht, so .daß die Berichterstatter eine viel leichtere Arbeit haben werden. Diese schwierige Aufgabe liegt in der Hand des in allen Sätteln gerechten.Leiters des Pressebureaus Dr. Hugo H e r r m a n n, 'der dabei von einem Stabe geübter Journalisten unterstützt wird. Die eben erwähnten Behelfe für die Berichterstatter sind die zweimal des Tage's erscheinenden Preßbulletins. Sie enthalten kurze Auszüge aus den Reden und die Ergebnisse von Abstimmungen. Diese Bulletins «müssen von den verschiedensten Gesichtspunkten aus hergestellt werden. In erster Linie muß darauf Rücksicht genommen werden, ob die Zeitung eine jüdische oder nicht jüdische ist. Für die evstere Gattung werden die Bulletins natürlich viel ausführlicher sein müssen. Dann wird die Redaktion der Bulletins noch auf die Verhältnisse des Landes Rücksicht nehmen, in dom die Zeitung, für die sie Verwendung finden, erscheint. Das Preßbureau hat vorgesehen, daß nur Redakteure, die die betreffenden Lande'sv e r h ä l t n i s f e k e n n e n, die Auszüge machen. Im allgemeinen «werden die Bulletins für die jüdische Presse in hebräischer, jüdischer und deutscher Sprache erscheinen, die für die allgemeine Presse in d e u t s che r, englischer und französischer Sprache. Biel ausführlicher und 'bei weitem 'wortgetreuer wird die Kongreßzeitung sein. Sie kommt einem wörtlichen Protokoll"-fast nahe und bietet einen Auszug aus den Reden, der von geschulten Journalisten, die den Verhandlungen beiwohnen und sich Notizen machen, sofort nach Beendigung jeder Rede ausgearbeitet wird. Für den jüdischen Leser wird es, wenn er dem Verhandlungsgang des Kongresses folgen will, unerläßlich sein, die Kongreßzeitung, die täglich morgens (mit Ausnahme von «Samstag) erscheint, zu abonnieren. Durch die Kongreßzeitung wird er immer auf dem laufenden gehalten und hat «natürlich viel mehr und wertvolleres Ma- 26. Juli 1925 Seite 5 terial zur Verfügung, als wenn er die Auszüge in der allgemeinen Presse liest, die wieder nur Auszüge aus "den oben erwähnten Bulletins sind, die die Reden in «sehr stark komprimierter Form bringen. Die Leitung des Kongreßbureaus hat mit der „Wiener Morgenzcitung" ein Abkommen getroffen, «wonach diese Kongreßzeitung dev in verstärktem Umfang erscheinenden „Wiener Movgenzeitung" beigegeben wird. Die Leser der „Wiener Morgenzeitung" haben also die Möglichkeit, durch Be«stellu:rg «eines sogenannten kombinierten Abonnements beide Blätter zugleich morgens ins.Haus zu bekommen. Ilm einem Irrtum vorzubeugen, sei erwähnt, daß nicht beide Blätter etwa dasselbe bringen, sondern daß erst der Bezug beider Organe ein richtiges Bild des Kongresses geben wird. Die Kongreßzeitung bringt wortgetreu, ohne jeden Kommentar, die Reden der einzelnen Delegierten. Die ,Miener Morgenzeitung" wird aber in ihren Spalten zu jedem einzelnen Referat kritisch Stellung nehnien, die einzelnen Reden kommentieren und Interviews mit den namhaftesten zionistischen Führern bringen. Zum Verständnis der Kongreßzeitung wird also die Lektüre der „Wiener Morgenzeitung" unerläßlich sein. Der Hauptreil wird erst die Beilage ergänzen und verständlich machen. Die Verwaltung der ,Miener Movgenzeitung" ist ihren Abonnenten bei Bezug des kombinierten Abonne- «rmnts in der größtmöglichen Weise entgegengekommen. Die-dritte Form «der Kongreßberichterstattung «wird das wörtliche phonographische Protokoll fein, über das «wir bereits ausführlich berichtet haben. Es wird wenige Tage nach Beendigung des Kongresses fertiggestellt sein und bald «darauf in Druck erscheinen. Für den Politiker und Historiker wird dieses scharfe Spiegelbild aller Kongreßreden ein «wertvolles Forschungs-Material bilden, und nicht zuletzt wird dem wörtlichen Protokoll eine apologetische Bedeutung zukommen, «denn es wird gegenüber den antisemitischen Hetzern und Verleumdern einen untrüglichen Beweis für die Lauterkeit und Offenheit der dort gehaltenen Reden u:rd gefaßten Beschlüsse bieten. _ R. S. Ser Hauslud der „Lötz" oder Ende gut — alles gut. Die „Dötz" (lies: „Deutschösterreichische Tageszeitung") bringt in ihrer Nummer vom 24. d. unter der vielsagenden Ueberschrift „Die Juden gegen die Ostjuden" die Veröffentlichung eines Briefes, den ein Wiener Jude an sie (ausgerechnet!) gerichtet habe. In diesem Briefe tritt der Hausjude der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" für eine Landesverweisung sämtlicher Ostjuden auf „humane, der heutigen Zeit angepaßte, rigorose Art" ein. Charakteristisch für das Wiener Antisemitenblatt ist nicht der Umstand, daß es einen solchen Brief bekommen haben will, sondern der „Nachruf", den der arische Schmock diesem „Dokument" widmet. Denn dieser Nachruf ist das Um und Auf des ganzen „Briefes", sozusagen die Illustration zu einem Rahmen. „Die Wiener Hausjuden, die durch Generationen hindurch unter dem hohen kulturellen Einfluß des Deutschtums standen, und dadurch selbst kulturell gehoben erscheinen ..." Fein, überaus fein, der „hohe kulturelle Einfluß" entströmt jedenfalls dem durch die „Deutschösterreichische Tageszeitung" vertretenen Radauantisemitismus, der Studentinnen verprügelt und Kaffeehausgäste insultiert und vandalische Verwüstungen anrichtet, über die selbst die alten Germanen entsetzt wären, die noch nicht unter dem hohen kulturellen Einfluß einer „Deutschösterreichischen ' Tageszeitung" stanken. . „Mit Abscheu und Entsetzen erkennt der „assimilierte" Jude die Minderwertigkeit seiner . . . Rassegenossen" und zum Schluß: „Der jüdische Kampf gegen das Ostjudentum erwächst also aus der richtigen Erkenntnis, daß sich das deutsche Volk der zunehmenden Verseuchung durch Juden immer energischer zur Wehr setzen mutz. Schon im alten Rußland hat es erfahrungsgemäß stets Pogrome gegeben,, wenn die Inden mehr als 40 Prozent der Bevölkerung erreichten. Wien ist bei diesem Numerus clausus bald an-« gelangt." Aus der „humanen usw. Art" ihres Hausjuden kommtj die gesteigerte Form des Sich-zur-Wehr-setzens und — last, not least — der Schrei nach dem Pogrom. Ganz bestimmt« war Herr Gattermaher Augenzeuge der russischen Pogrome,!