Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 7 (1925)
- Issue
- Heft 2309 (26.7.1925)
- Date
- 1925-07-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Wien, Sonntag Wiener Moraenzettun«. 36. Juli 1938 Seile 8 Nr. 3309 i i iki—« UWEL1ER MORIZ OESTERREICHER I. Wlppllngerstrafle 29 Steter Eingang besonders preiswerter Juwelen und Sllberwaren Qrosses Uhrenlager 5112 Eigenes Atelier schicken. Petnin «ist ermächtigt, diejenigen Ossi ziere, die sich als unfähig erwiesen haben. nach Frankreich zurück» zuschicken. Der Rücktritt des Generals Colombat, der angeblich aus Gesundheitsrücksichten erfolgt ist, dürfte in Wirklichkeit die erste derartige Maßnahme Petains sein. Marschall Petain, der die Umgruppierung der französischen Sireitkräfte in Marokko leitet, ist in Wirklichkeit Ober kommandieren der in Marokko statt des kaltgestellten Lyautey und wird es solange bleiben, bis General N a u l i n zum Oiberkommandanten eingesetzt wird. Verhaftung von kommunistischen Agitatoren. Bordeaux, 25. Juli. (Havas.) Bei der Ankunft eines Dampfers aus Casablanca wurden zwei Kommunisten schweizerischer Staatsangehörigkeit, welche aus Marokko ausgewiesen worden waren, verhaftet. In ihrem Hotel in Casablanea hatte man Waffen und F l u gschriften entdeckt, worin sie die Soldaten aufforderten, auf die Offiziere zu schießen.; Sie Justiz gegen die bulgarischen Verschwörer. Sofia, 26. Juili. Eine Reihe von' Verlschwörevprozessen kst gestern abgeschlossen worden: in S l i v e n mit z e h n T odeSurteilen, in Haskovo mit vier Todesurteilen, in Berkovitza mit drei Todesurteilen. Ende Juli beginnt ein Prozeß in S ch u m e n gegen v i e r h « n d e r t A n g e k l a g t e. Mitte August dürste der Prozeß in T i r n o w o beginnen, wobei fünfhundert Angeklagte und zehntausend Zeugen ans allen Gegenden Bulgariens auftreten. __ Rumänische Anbeuten gegen den Antisemitismus. Bukarest, 24. Juli. (I. T. A.) In Bukarest hat sich eine Vereinigung der unabhängigen Studentenschaft gebildet, der bereits zahlreiche Universitätshörer beigetveten sind. Die Vereinigung veröffentlichte einen Aufruf, in welchem gesagt wird, die gegenwärtig herrschende Klasse fei bestrebt, aus politischen Gründen die Jugend zu einem Instrument des Haffes und des Kampfes gegen die nationalen und religiösen Mindecheiten zu erziehen. Diesen für Rumänien äußerst schädlichen Zustand zu bekämpfen, habe sich die neue Studentenvereinigung zur Hauptaufgabe gemacht. In sehr scharfer Weise wendet sich der Aufruf gegen d e n A u t i s e m i t i s m u s und erklärt, die Mehrheit der Studenten Rumäniens fei nicht antisemitisch gesinnt. Dies könne lediglich von einer kleinen Minorität behauptet werden, die von gewissenlosen Politifür.ihre Zwecke ausgenützt werden. Die Aumeiiungen in Deutschland und Polen. Die Optanten werden am 1. August ans beiden Ländern avgeschoben. Berlin, 25. Juli. Das Wolffsche Bureau meldet: Nachdem die polnische Regierung von dem Rechte, die deutschen Optanten aus Polen auszuweisen Gebrauch gemacht hat, ist die deutsche Regierung in gleicher Weise vorgegangen und hat den > in Frage kommenden Optanten Ausweisungsbefehle zugestellt, die zum Teile am 1. Augu st ausgeführt werden müssen. Sollte die polnische Regierung am 1. August die Optanten, die das Land nicht verlassen haben an die Grenze bringen, so wird die deutsche Regierung entsprechend verfahren. Zur Aus weisung der deutschen Optanten ans Polen erfährt der .Zokalangeiger": Nach dem Schiedsspruch des Internationalen Schieidsgerichtshofes war es in die Hand der beiderseitigen Regierungen gegeben, eine Aufforderung zur Auswanderung zu erlassen oder nicht. Erst nachdem ' die polnische Regierung von dem Schiedsspruch rücksichtslos Gebrauch gemacht hatte, hat die edukfche Regierung als A b w e h r- Maßnahme den polnischen Optanten in Aufforderung zugestellt, Deutschland zu verlassen. Der Standpunkt Polens. Die polnische Gesandtschaft in Wien teilt mit: Auf Grund eines vom Professor K a e ck e n b e e ck am 10. August 1924 in Wien gefällten Schiedsspruches ist ebendaselbst am 30. August 1924 von den bevollmächtigten Vertretern Deutschlands und Polens die sogenannte Wiener Konvention abgeschlossen worden, welche die O p t a n t e n f r a g e auf das Genaueste regelt. Im Artikel 12 dieser Konvention sind nun bestimmte Termine für den Domizilwechsel der verschiedenen Qptantenkategorien festgesetzt worden, und zwar haben die b e ide r sei ti ge n Optanten, die kein unbewegliches Gut besitzen, das betreffende Staatsgeibiet bis spätestens 1. August 192 5 zu verlassen. Für Optanten, die unbewegliches Gut besitzen, sind dann spätere Termine festgesetzt. Es wurde weiters Sorge dafür getragen, daß die Betroffenen rechtzeitig genug vrständigt werden, damit sie im Laufe eines Jahres, beziehungsweise von zwei Jahren, die nötigen Vorbereitungen zur Ausreise zu treffen imstande sind. Gemäß diesen Vereinbarungen sind bereits die ersten polnischen Tran sparte aus Deutschland in Posen angelangt. Aus dentd Angeführten erhellt: Aus dem Angeführten erhellt: 1. daß von einer Musweifung „von heute auf morgen" 2. 'daß der Vorwurf der Anwendung des Druckmittels der Optantenfrage in den deutsch-polnischen Wirtschafts- Verhandlungen nicht Polen trilfft. Da die Wiener Konvention vom Jahre 1924 auf einem SchiedssPvucWastert, den die deutsche Regierung ailßeptiert hat, in der Optantenfrage also kein Diktat voäiegt, kann die Durchführung der in der Konvention vorgesehenen Modalitäten nicht als „Repressalie" oder als ^unmenschliche Handlungsweise" gewertet werden. LLOYD TRIESTINO / TRIEST DIREKTE LINIE TRIEST PALÄSTINA Rituelle Verpflegung Reduzierte Fahrpreise Expresslinie nach Aegypten, Konstantinopel, Indien, Postlinien nach // den Schwarzeij-Meer-Häfen, Syrien und den fernen Osten // deneralagenturs Wien, I. Kärntnerring Nr. 6 ) Mitteilungen der Bureaus des 14. zloniftenkongreffes. Das Rersebureau Continent (Wien, 9. Be>z., Spital» gasie 3) errichtet im Kongreßgebäude einen besonderen Schalter, an welchen! die Kongreßteilnehmer Schi-Marten für sämtliche Schiffahrtslinien nach allen Ueberseelän-dern lösen können. Das Reisebureau Continent fungiert als offizielles Reiseburean des Kongresses für alle Schiffahrtsangclegenheitc^ Gesellschaftsreise nach Palästina. Entsprechend dev Vereinbarung, die zwischen dein Kon« greß'bureau des 14. Zionistenkongresses und dem Reisebureau Continent getroffen wurde, wird im Anschluß an den Kongreß eine große Gesellschaftsreise nach Palästina veranstaltet werden. Zweck dieser Reise ist in erster Linie, den Kongreßdelegierten und Gästen die Gelegenheit zu bieten, nach den Kongreßvevhandlungen Erez Israel persönlich zu besuchen und kennen zu lernen. An dieser Reise werden voraussichtlich viele jüdische prominente Persönlichkeiten teilnehmen, so daß die Reise sich zu einem großen Gesellschafts-- ereignis im Lande gestalten wird. ' Die Dauer der Exkursion wird 27 Tage betragen. Die Abreise von Wien wird am 10. September erfolgen und die Rückkehr am 6. Oktober. Der Aufenthalt im Lande wird 16 Tage dauern, wobei Rosch-Haschana in Tel-Gwiw und Jom Kippur in Jerusalem zugebracht werden, Die Wahlen zum Kongreß. Die Zionistische Wahlvereinigung: WeizmannS Programm" (Listenführer Professor M. Rath) wird vom 27. d. an täglich von 7 bis 9 Uhr abends im Klubzimmer des Grand-Zentral-Cafe, 2. Bez., Taborstraße 8 oder. Große Mohrengasse 3, amtieren. Die Zionistische Wahlvereinigung Pro Jcwijh Agency' (Wcchlvovschlag Nr. 1, Listenführer Dr. Schallt) fordert alle Freunde und Anhänger aus, sich zur Mitarbeit bei den Wahlen sofort schriftlich oder telephonisch bei Herrn Direktor Alt-« mann <19. Bez., Hohe Worte 32, Tel. 13-1-60) oder persönlich täglich zwischen halb 9 Uhr und 11 Uhr abends iin Cafe France zu melden. Bericht über eine Mftinareife.*) Bon Otto Abeks. 12. B c t h AI fa, Ende Juni. Nicht von Problemen — nur von Menschen und ihrem Tageswerk. Da sie -manches zu tragen und zu überdauern haben, ertragen und überdauern sie auch den Ansturm der Besucher. Kurz vor feinem Tode, anläßlich der Wiener. Versöhnungskonferenz mit den russtschen Oppositionellen, sagte Theodor Herzl in einer bitteren Stunde: „Ich habe während meiner zionistischen Arbeit viele Menschen kennen gelernt. Manchmal war es ein Bergnügen." Die Pioniere im Emek (und die Kolonisten anderswo) dürften in den letzten Jahren zu ähnlichem Ergebnis gelangt sein. Als Einstein zu ihnen sprach, als jüngst Errist Toller im Emek aus feinem Schwakbenbuch vorlas, war es ein Vergnügen. Zwischen solchen Feierstunden dehnen sich die Wochen nnd Monde, in denen die völlig Uninformierten mit dom eifrigen Maulwerk, die überlegenen Besserwisser, die Kommis mit den konfektionierten Anschauungen und Werturteilen, die schnüffelnden Topfgucker (die aber für weit heiklere Angelegenheiten dreistes Interesse zeigen, als für den Küchenzettel), die Kilometersreffer, die nach zehn Minuten Aufenthalt mit Feldherrnauge die Situation überblicken und ihre Meinung von sich geben, während der Chauffeur ankurbelt, die väterlichen Freunde, die mit warmem Brustton die Chaluzim znm „unentwegten Ansharren" ermuntern — ja, dieser Strom der Ueberflüffigen und Ahnungslosen, der Hochmögenden «nd 'Zudringlichen, der Possierlichen und Widerlichen ergißt sich nenn Monate im Jahr über das Land und schwillt am höchstzrn an, wenn die meiste Arbeit ist. . Eben erst hatte sich eine Gesellschaft Von Amerikanern im Emek umgetan. Einer von ihnen rief in gehobener Stimmung ans: ,-Scht, dies alles hat unser Geld gebaut!" Ich kam -unmittelbar nach der Abfahrt des Trefflichen an. Gleichwohl wurde ich gut ausgenommen. *) Siehe „Wiener Morgenzeitung" vom 17. und 24. Juni, 23., 4., 9., 10.. 17., 23. und 24 Juli. Ich finde keine Zeit, meine Gastgeber mit Fragen zu behelligen. Man empfängt hier — nehmt das Wort, als wäre es nicht tausendfach für Unwesentliches mißbraucht worden — starke Eindrücke. Diese Äeinhaufen haben sie von den Feldern geschleppt. In diesen Zelten wohnten sie während der Regenzeit. Diese Wasserleitung halben sie gelegt. (Wären hundert Pfund mehr zur Verfügung gestanden, hätten sie die Rohre einen Meter tiefer in die Erde legen können und man müßte nicht lauwarmes Wasser trinken.) Diese HolKaracken mit Ziegeldächern und diese Stallungen, diesen Backofen und diese Gemeinschaftsküche haben sie gebaut — alles in Jahren der Malariaseuche, die 80 Prozent sämtlicher Siedler befiel. Dieser verblaßte, verstaubte Erntekranz war der evste, den sie winden durften, diese Kinder haben sie hier gezeugt, dieses Kindergrab auf der Anhöhe mußten sie schaufeln. Dielen holländischen Stier, der nicht eingehen durfte, es wäre ein schmerzlicher Verlust gewesen, haben sie mit unendlicher Mühe gesund gepflegt, dieses prachtvolle Schwarzbrot -haben,sie gesät, geerntet, gebacken, diese -Gazelle, die soeben durch das geöffnete Fenster mit großen reinen Augen in die Eßbaracke lugt, -ist ihnen zugelaufen. v * Man sitzt bei -den mächtigen, blank gescheuerten Tischen. Freitagabend, der Ruhetag, ist angebrochen, Angehörige und Freunde der Kwnzah, die auswärts arbeiten, sind über den Sabbat „nach Hause" gekommen. Eine Pslegeschiwester aus der benachbarten Siedlung Ein Charod, die rechtzeitig eintraf, die Gattin eines Brunner Chaluz in die Gebär- und Säuglingsanstalt abzuholen, ein blutjunges Mädchen, das in Jerusalem am Bau arbeitet und mit uns im Auto fuhr, der Bruder meines Reisegefährten, der nach drei Jahren ununterbrochener Arbeit kurzen Urlaub hatte und mit uns von Tel-Awiw die Reife über Jerusalem durch das Land machte, das er fast ebenso wenig kennt, wie Wir. Die Frauen vom Küchendienst — die Hochschwangere ist darunter — haben das Mahl bereitet und tragen auf, ein rekonvaleszenter Chaluz ist ihnen zuge teilt. Heute gibt es Fleisch, Kuchen aus Wvarzem Mehl, Tee. Für die Schonungsbedürftigen, leicht Fiebernden, ist Milchreis bereitet, für diejenigen, welche rituell verpflegt werden wollen — es gibt solche hier und in anderen „linken" Gomeinwirtschaften — wird gesondert gekocht. Ich finde sofort Anschluß. Ein Altersgenosse, mit dem ich in den Studentenjahren zionistischer Propaganda häufig beisammen war, hat den Beweis erbracht, daß man auch als Vierzigjähriger Europa verabschieden und ein beglückendes jüdisches Farmerleben beginnen kann. Es ist der Pflanzendoktor der Kwnzah. Am Sabbat-Vormittag zeigt er mir sein Werk: den jungen Weingarten, der in diesem Jahre die erste Früchte trägt, das weißblüheude Dabakfeld, die reichen, üppigen Gemüsebeete. Und von der Berglehne^ ans die man ehestens das Bauerndorf aus Gesundheitsrücksichten wird verlegen müssen — wenn erst der jüdische Nationalfonds in der Lage fein wird, den Boden zu kaufen —, überblickten wir den weiten, woMultivierten Bezirk dev Kolonie, mit bunten Feldern, mächtigen Strohschobern, mit Wirtfchaftshof und -landwirtschaftlichem Geräte in der Morgensonne friedlich 'daliegend, wie ein Segment der gesegneten mährischen Ebene. Ein Doktor der Rechte aus Linz, der zunächst als Beamter in Ere-z Israel wirkte, hat die -Pandekten vergessen, dom Bureauleben Valet gesagt und ist ein jüdischer Bauer geworden, ein kerniger Arbeitsgenoffe der Kwnzah „Chefzibah". Er schneidet mit dom Dafchenfeitel ein tüchtiges Stück vom Brotlaib und ist sehr amüsiert, da ich ihn dummerweise, wie vor Jahren in Wien, mit ,/Herr Doktor" anspveche. Drei Schwestern eines Wiener Arztes, drei verchrungswürdige Frauen, arbeiten ün Gme-k. Eine traf ich auf der Fahrt nach Beth Alfa in Afulle, der künftigen „Stadt im Emek", an welcher nach großzügigen Plänen gegenwärtig 400 Pioniere bauen. Die zweite ist hier meine Tischnachbarin. Ich frage, ob sie uns zum Besuch der -dritten Schwester, die rekonvaleszent ist, nach Haifa wird begleiten können. Das werde -sich -morgen entscheiden, antwortete sie. Nach Sabbatausgang wird nämlich in gemeinsamer Beratung der Arbeitsplan für die beginnende Woche festgelegt. Ein Czernowitzer Jude von gewaltigen Dimensionen, ebenso muskulös wie gutmütig, der geliebte Wirtschaftsleiter der Siedlung, führt den Vorsitz. Die Antwort am nächsten Abend war abschlägig. Man hätte ihr so gerne den Ausflug gegönnt. Sie sah, daß ihre Arbeitskraft gegentvärtig unentbHrlich ist und sprach selbst gegen den kurzen Urlaub. Ich nehme Anlaß, gegen das schädliche und Unsinnige Gerücht, in -den Siedlungen gingen Nichtstuer, überflüssige Mitesser spazieren, Stellung zu nehmem Gegenbeweis: Für den Nachttranspovt der Milch zur Bahnstation steht kein Chaluz zur Verfügung. Die Arbeit'sgenoffen müssen abwechselnd um 1 Uhr früh einspannen und diesen DieM verrichten. Nach solcher Tagesarbeit und