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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-24 · Heft 2307 (24.7.1925) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2307 (24.7.1925)
Date
1925-07-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Sk. 2007 Men, Freitag Wiener Mnrnenrettnnft. S4. Juli 1925 Schwierigkeiten im Parlament. Der Abschluß der Parlamentskampagne geht unter den ' üblichen Schwierigkeiten vor sich. Regierung und Parteien (' suchen einander noch im letzten Augenblick so viel als mög- > lich abzuringen. Noch immer ist das Veto der Großdeutschen gegen den§6derAbgabenteilungsnove'lle aufrecht und man sucht krampfhaft nach einer Formel, um die großdeutschen Minister W a b e r und S ch ü r s f aus der Zwickmühle zu befreien, in die sie geraten sind, da nun ihre Parteigenossen den § 6 «werfen wollen, obwohl die groß- > deutschen Minister mit dem Gesamtkabinett für die Einbringung der Vorlage in der gegenwärtigen Fassung gestimmt haben. Der ominöse § 6 soll bekanntlich verhindern, daß die Länder ihre Beamten besser bezahlen als der Bund. Nach der Meinung der Christlichsoziälen würdr infolge der i Streichung dieses Paragraphen des Beamtmbesoldungsj Problem aufgerollt und dadurch die Sanierung g e- > fLhrdet werden. Die Großdeutschen sind anderer Mei-! uung und haben ihren Wählern auch bereits zugesagt, den! Z K zu Fall zu bringen. Dazu kommen noch Mißhelligkeiten mit den Sozialdemokraten. Gelegentlich der Verabschiedung , der Finanzvevfassungsgesetze will nämlich Dr. Kienböck dem Stadtvat B r e i t n e r wieder einiges abzwacken, der mit der Einhebung der Buudessteuern in Wien, zu denen er bedeutende Mahnspesen und Derzugs/lnsen hinzufügt, ein gutes Geschäft macht, wahrend er Me für den Bund eingehobenen Steuerbeträge als Sicherstellung für die Uebevweisungen zurückhält und so ein zinsenfreies Betriebskapital zur Verfügung hat. Dr. Kienböck gedenkt nun diesen Geldüberfluß der Gemeinden fnr den Bund abzuschöpfen, was natürlich dem Finanzminister Dr. A h r e r sehr gelegen käme. Hier trifft er aber auf den s e h r e n tschiedenen Widerstand der Sozialdemokraten. Die Subkomitees haben zwar gestern formell die Beratung der Vorlagen über die Finanz- und Verfassungsreform abgeschlossen, mußten aber wegen der eben angedeuteten Streitfragen zahlreiche Bestimmungen der sogenannten Genfer Gesetze der Entscheidung der Vvllausschüsse überlassen, die heute zusammentreten. Jur Beseitigung der aufgetauchten Schwierigkeiten wurden gestern bis in die Nachtstunden mannigfache Parteienberatung abgehalten. Mends fand auch ein Ministerrat statt. Eine Vereinbarung konnte, da die Streitkeile sich auf ihrem ursprünglich eingenommenen Standpunkt versteiften, nicht erzielt werden. Heute vormittags wird darum werter verhandelt werden. * Bon den tschechoslowakische« Paßstellen. Im Generalkonsulate der tschechoslowakischen RepMik in Wien sowie in dessen Paßstellen wird ivälhrend der Sommermonate am Samstag nur bis halb 1 Uhr mittags amtiert. Aus diesem Grunde wurde auch der Parteienverkehr für Kriegsbeschädigte vorn Samstag auf Freitag verlegt, so daß künftighin in den Sommermonaten bei der Jnvalidenabteilung des Generalkonsulates der Parteienverkchr am. Montag, Mittwoch und Freitag stattfinden wich, /1 Me billige Reise- Sepllkkverfichemng im Luchlaubenhof Telephon 67-2-08 mi Telephon 67»2*08 Las Kompromiß in der Arbeitslosenfrage. Der Aulsschuß für soziale Verwaltung hat gestern den Entwurf einer 15. Novelle zum Arbeitsloscnversicherungsgesetz beschlossen, der dem Nationalrat demnächst vorgelegt werden wird. Danach sollen die für die Krisenzeit angeordneten außerordentlichen Maßnahmen der Arbeitslosensürsorge, also vor allem die Notstandsunterstützungen, bis 31. Dezember 1925 werter gezahlt werden. Für jene Personen, die auf Grund der 14. Novelle nach einem Bezug von einem Jahr, beziehungsweise eineinhalb Jahren aus der Unterstützung ausgeschieden werden, ist die Möglichkeit einer Beihilfe bis zu 90 Prozent der Arbeitslosenunterst ü tz u n g vorgesehen. In der Relation zwischen Arbeitsverdienst und Arbeitslosenunterstützung wird eine Reform infoferne eintreten, als die Höchstgrenze von 8 0 Proz e n t des Arbeitsverdienstes für die Arbeitslosenunterstützung nunmehr nicht vom Tagesverdienst, sondern vom Wochenverdienste berechnet werden soll; bei der Berechnung der Höchstgrenze wird also künftig berücksichtigt werden, daß der Arbeitslose den Arbeitsverdienst nur durch sechs Tage in der Woche bezogen hat, während ihm die Arbeitslosenunterstützung durch sieben Tage, also auch am Sonntag, zukommt. Diese Bestimmung soll allerdings für jene noch nicht gelten, denen die Unterstützung bereits vor dem 1. September bemessen wunde, und zwar auch dann nicht, wenn sie vorübergehend eine Arbeit annehmen und dann die Unterstützung wieder in Anspruch nehmen; eine Bemessung nach der neuen Bestimmung findet erst statt, wenn ein neuerlicher Unterstützungsfall eingetreten ist. Letzte Kurse. New-Yorker Devisen. New-Bork, 23. Juli. (Tel.-Komp.) Berlin 23.80, London Kabel 4.86%, London Scheck 4.81?/,, Amsterdam 40.18, Paris 4.71, Brüssel 4.62, Rom 3.66, Madrid 14.44, Zürich 19.42, Stockholm 26,82, Oslo 18.10, Kopenhagen 22.08, Men 0.14, Budapest 0.14, Prag 2.96%, Belgrad 1.75, Athen 157, Buenos Aires 40*/,, Rio de Janeiro 11.80, Bukarest 0.48. Amerikanische Getreidemärkte. New-Bork» 23. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen rot Winter 160%, Weizen hart Winter 171*/,, Mais 130, Hafer Ü3*/„ Roggen 107. Ehikago, 23. Juli. (Tel.-Komp.) Weizen per Juli 150»/., September 148%, Dezember 149*/,; Mais per Juli 108*/., September 104, Dezember 87; Hafer per Juli 43%, September 44%, D^ember 47%; Roggen per Juli 93, September 96, Dezember 99%. Gerte 3 Die neue Schnie. Andauernder Rückgang der Schülerzahl. — Geringe, Sr» folge im Lateinischen und Griechischen. Für gestern lud der Präsident des Wiener Stadtschulrates, Nationalrat Glöckel, die Vertreter der Presse zu sich, um über den gegenwärtigen Stand -der Schulreform Bericht zu erstatten. Einleitend führte er aus, daß die Schülerzahl in den letzten Jahren in erschreckender Weise a b g e n o m m e n hat. Im Jahre 1914 zählte man in Wien 237.700 S-chulkinder, deren Zahl im -Fahre 1924 auf 13 3.9 4 6 h e r a b g e s u n k e n ist. Man mach aber bis zum Jahre 1927 mit einer weiteren Reduktion bis auf 12 0.0 0 0 rechnen. Erst im Jahre 1926 wird die Schäle rzahl wieder etwas ansteigen. ' Wir stehen, so führte Präsident Glöckel aus, in der Schulreformbewegung am Ende einer Epoche, nämlich der definitiven Einfühvung des neuen Lehrplanes in den Volks- und Bürgerschulen und am Beginn einer neuen Phase, der Einführung der deutschen Untermittelschule. Mit Beginn des neuen Schuljahres wird an neun Wiener Mittelschulen der neue, in den Bundeslehranstalten bereits erprobte Lehrplan eingeführt. Im Gegensätze zu den heutigen Mittelschultypen wird in der Deutschen Mittelschule erst in der dritten Klaffe eine Frenrdsprache in den Lchrplan ausgenommen. Am Beginne des fünften Schuljahres wird sich der Schüler zu entscheiden halben, ob er die oberen Klassen der humanistischen, realistischen oder der deutschen Mittelschule besuchen will. Im Sommertermin 1925 haben sich an den Wiener Mittelschulen aller Art, einschließlich der Lehrerbildungsanstalten, insgesamt 157 3 Kandidaten der Reifeprüfung unterzogen. Davon erhielten 313 (20 Prozent) ein Zeugnis der Reife mit Auszeichnung, 1085 (09 Prozent) wurden für reif erklärt, 175 (11 Prozent) repro-biert. Aus den Berichten der Vorsitzenden geht aber hervor, daß der innere Wert der Prüfungsleistungen nicht an allen Schulen und Schultypen und nicht in allen Fächern vollkommen diesem erfreulichen Gesamtbild enssprach. So wird geklagt, daß im Latein ischen und Griechifcheu auffallend' geringe Erfolge zu verzeichnen find. Das Schachturnier in Breslan. Aus Breslau wird berichtet: In der vierter Runde gewannen Niemzowitfch gegen B l u m 1 ch, Samifch gegen Gottschall, Becker gegen R e bi, Grünfeld gegen Moritz. Die Partien Bogoljubow gegen R u b i n st e i n und Dr. T a r r a s ch gegen Wagner wurden remis. Stand nach der 4. Runder Becker, Grünfeld je 3, Bogoljubow, Niemzowitfch. Sämssch je 2%, Rsti, Rubinstein, Wagner je 2, Dr. Tarrafch 1*/, (1 Hängepartte), Gottschall 1, Blumich % (1 Hängepartte), Moritz 0. * Lady Sasson spendet 6000 Pfund für die Rabbiner in Bagdad. Lady Flora Sasson, Mitglied der berühmten Familie Sasson in London, hat 6000 Pfund Sterling zur Untere stützung der jüdischen Rabbiner Bagdads überwiesen. Dia Familie Sasson stammt ursprünglich aus Bagdad. Bericht über eine Palästimreise?) Mn Otto AheleS. ' v Im Emek. 1 Beth Alfa, Ende Juni. Bisher war ich» in der Etappe und im Hauptquartier. Jetzt bin ich an der Front. Abschnitt Emek. Bisher sah ich Arbeiter der Städte, Landwirte saturierter Kolonien, sprach mit Führern und ihren Gchilsen. Jetzt lebe ich unter den Menschen, welche um die Scholle kämpfen, mit der Scholle ringen. Tatsächlich mrd buchstäblich. Im Anfang galt das Wort: Rückkehr zur Urproduktion. Diese hier nahmen es auf, wie es am «rsten Tage gesagt wurde, und wahren die ursprüngliche Pirole. Sie wollen die Erde bebauen. Einer in Beth Alfa, dem die anderen eine Führerftellung emväumten, sagte von einem Arbeitsgenossen, den ich von Europa kenne und nach dem ich mich erkundigte: „Er hat einen großen ^Vorsprung vor mir und anderen, denn er ist schon ein richtiger Bauer. Ich muß wich bei jeder Tätigkeit noch fragen, ob ein Bauer so arbeiten, so beobachten würde." \ In unseren Jünglingsjahren, a-H Herzl auftrat und wir Zionisten wurden, rebellierten bjir gegen den Geist und die Lebenshaltung der westjüdischm Gesellschaft (den Osten kannten wir nicht oder so gut 1 wie nicht). Wir wußten die Ursache, die grausame Entwicklung, welche -den Juden die Verehrung des Goldes autzwang. Die Entschuldigung konnte uns nicht genügen, jen -Zustand zu belassen. Alles war von Zweckstreberei erfüllt. Man schickte den Sohn nicht an die Hochschule, weil man Bildung und Gelehrsamkeit über alles schätzte, sondevr weil der Doktortitel eine Mitgift sicherte, welche es gestcstete, im Sommer nach Ischl zu gehen, die Frau nach Karlsbad zu schicken. Damals wirkte in der Jugend die Ihn, der .Gründung eines „Armutsordens". ' j' Kurz, im Anfang galt da's Mort: Kampf gegen den Tachlesgeist durch Erziehung, vor allem, aber durch das 2 *) Siche ,Mener Mo-rigenzeituug^ vom 17. und 24. Juni, 3.. 4., 9„ 1H.. $7. M 88, IM / eigene Beispiel. Diese hier Haben das Wort ausgenommen, wie es am ersten Tage gesagt wurde, und (bisher) in Reinheit bewahrt. Sie leben in ihrer Kom-munia, der Kwuzah, in heiterer Besitzlosigkeit. Ich spreche nicht von der äußeren Form und den Auswirkungen dieser Gemeinden, die vorläufig jede ihre „Couleur" tragen, nicht anders, wie unsere Studentenverbindungen. (Jawohl, man wird mich steinigen — aber in ihrer Struktur, mit ihren engeren und erweiterten Konventen, mit ihren -ordentlichen Mitgliedern, Hospitanten und Gästen und mit ihrer Ueberzeugnng, daß bestimmte interne Fragen die Welt bewegen, erinnern insbesondere die kleineren K-wu-zoth an nufere farbentragenden Studentenvereine.) Ich spreche in -diesonr Zusammenhänge nicht von der Prosperität, von den Vorzügen und Nachteilen per gemei-nwirtfchaftlichen Kwuzah gegenüber den Einzelwirtschaften. Ich spreche von -dem herrlichen Grundgedanken, von dom Mut der -Ueberzeugnng von der Kraft der Selbstentäußerung, mit welcher die Pioniere der Kwuzah ihm dienen. $ „Der Emek ist der Stolz des neuen Jifchuw." Jeher von uns kennt diesen Satz. Ich muß ihn ergänzen: Der Emek ist ein Armutszeugnis für die zionistischen Inden in den Ländern der Zerstreuung, die Lebenshaltung -der Chaluzim ist eine Allklage gegen da's mangelnde Verantwortungsgefühl -der organisierten Zionisten in aller Welt. Die furchtbare Zeit des Kampfes gegen dir Sümpfe ist übertancht (so ziemlich), die Gefahren des Malariafiebers bestehen weiter, vor allem deshalb, weil nach ärztlicher Feststellung 60 Prozent der männlichen und weiblichen Pioniere unterernährt sind. Man ißt durchschnittlich zweimal im Monat Fleisch. Ter sonstige Speisezettel ich habe einige Tage mitgegessen — verhält sich zu der Tagesavbeit des Ghaluz wie die Keren-Hajessod-Steuer der meisten Zionisten'zu ihrem zionistischen Bekenntnis. Zur Zeit, da ich dies verzeichne, weht ein glühender Wind über die fragwürdige Holzbaracke, in der ich sitze. Er weht monatelang und man hat die Kinder wegen Maral-iagefahr auf die gegenüberliegende BerglM« des Dales gebracht, Ich -war bei ihnen« Bier Kinder lagen im Fieber. Die -ihr in bequemen Autotz den Emek bereist, wohlgenährt -und sehr begeistert — den Bazillus, der die Malaria bringt, könnt ihr nicht sehen. Wenn ihr aber nicht den Bazillus entdeckt habt, der Bolschewiken erzeugt, seid ihr 'SÄ gewesen während eurer enipfindfauten Fahrt durch den Emek. tß>k persönlichen Nachteile unserer bisherigen Wirtschaft nehmen wir auf uns, die wirtschaftlichen Nachteilen können wir nicht auf uns nehmen", sagte mir ein sehr ernster, sehr bedeutender Chalüz. „Als die Siedlungen in Angriff genommen wurden, rechnete man mit IKeren- .Hajeffod-Wngängen von einer Million Pfund jährlich, und die Wirtschaften wurden auf dieser materiellen Basis angelegt. Tatsächlich ging in den besten Zeiten kaum die Hälfte ein. So erklären sich die Jnvostitionsrückstäude. Man mutz ständig flicken. Im ganzen Emek gibt es noch keinen Betonstall (eine einzige Siedlung ausgeno-mmen). Wenn die Hollandssche Kuh 'bei uns nicht so gedeiht, wie man erwartete, so ist der Mangel an gebauten Ställen schuld. Wir hatten ferner nicht die Mittel, die erforderlichen, tauglichen Konrmunikationen zn bauen. Deshalb die übermäßig starke Mnützung des Materials. Selbstverständlich: Weil die Investitionen zu gering waren, sind die Erträgnisse gering .und der nötige Zuschuß für unsere Lebenshaltung -dementsprechend hoch. Bon unserem Budget verbrauchen wir 200 Pfund jährlich für die Keilung-dev 5dranken (nebst der Krankenkassenhilfe). ' '! . Es gibt für uns nur eine Mä§lichkeik, zu sparenr-^an unserer Ernährung." ' . Wenn diese Zeilen Bedauern für die Chavuzim^ wecken oder gar Mitleid', dann hat meine Feder versagt und ich muß schamrot werden. Sie sind glückliche Menschen, sie lieben ihre Scholle und sind (bis zur Grenze des Möglichen) in wunderbarer Freundschaft miteinander ver-, Landen, die Männer und Frauen der Kwuzah. Nur Ahnungslose, Atattherzige, dem Sinn -der j-ndischen Gegenwart iw Erez Israel durchaus Entfremdete kömrten sie ob'' ihres harten, entbehrungsreichen, aber freie« und frohen Farmerlebens,-bedauern".

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