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Wiener Morgenzeitung · 1925-07-23 · Heft 2306 (23.7.1925) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
7 (1925)
Issue
Heft 2306 (23.7.1925)
Date
1925-07-23
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Men, Donnerstag Vlenev MoraenzettU«-. 23. Juli 1925 Nr. S806 ^Ve«eS Das Borspiel zum Meilen Steiger-Prozeß. Die Vernehmung des Angeklagten Kornhaber. (Vgendienst der „Wiener Morgenzeitung".) Sptelbälle, Gummischuhe und Gummiwaren aller Art zu Fabrikspreisen! SPIRMANN & HOROWITZ Wien, II. Bez., Täborstrasse Nr. II b — Telephon Nr. 47-0-86 Europa in sich zusammcnbricht, daß cs nicht Vertreter chter höheren Kultur ist, sondern nur mehr ein Konglomerat der Wirresten Systeme. Es stützt sich nicht auf s^een, sondern auf Bajonette und für die RajahvAker liegt es sehr nahe, das Beispiel nachzuahmcn und.die Gesetze Europas auf die europäischen Minoritäten genau so anzuivenden, wie sie hier tit Kraft sind. Der Orient übertreibt in allem, in der Auffassung wie in der Durchführung. Aber die Grundlinien hat ihn: Europa selbst vorgezeichnet. Ehe sich das Unglück vollendet, muß deshalb die Einigung zum Völkerbund erfolgen und dieser Bund wird auf alle Völker und. alle Minderheiten ausgedehnt werden müssen. Das ist die einzige Sicherheitsgarantie. Segen dle antisemitische Hetze in Bulgarien. (Eigendienst der „Wiener Morgenzcitung".) 11 Sofia, 20. Juli. Gemäß den jüngst mitgeteilten Beschlüssen des Kabinetts, die sich mit der antijüdischen Propaganda befaßten, haben das Kriegs-Ministerium und das Ministerium des Innern an die unterstellten Behörden folgenden Erlaß gerichtet: „In der letzten Zeit ist in der Presse sowie auch auf - andere Werse gegen die Juden eine Propaganda entfaltet worden, die den Interessen des Landes nicht entspricht und seine Ruhe gefährden könnte. * Das gefertigte Ministerin-m ersucht, zur Bokärnpfung dieser Agitation Maßregeln zu ergreifen und alle Personen, die eine solche betreiben, strengstens zu Verfölgen." ' In Sofia fand am 6. d. ein Kongreß des Hauptverbandes der bulgarischen Kaufmannschaft statt, in dem folgende Resolution gefaßt und sämtlichen Kaufleuten Bulgariens durch Zirkular mitgeteilt wurde: „In der letzten Zeit macht sich eine.Bewegung gege n die Nation a e n Minderheiten, 'besonders gegen die Juden, bemerkbar, die geeignet erscheint, unser Prestige und unsere Kreditfähigkeit im Ausland zu kompromittieren. Der Verband der bulgarischen Kaufleute bittet alle feine Mitglieder, keinen Unterschied zwischen bulgarischen und jüdischen Staatsbürgern zn wachen und j e d^'r Agitation gegen die letzteren entgegenzutreten. Lohnbewegung der deutsche« Eisenbahner- Berlin, 22. Juli. (Tel.-Komp.) Die denffchm Eilsenö ahn er find in eine Lohnbewegung eingetreten. Die Gewer,kischast der deutschen Eisenbahner hat die Reichsbahn schriftlich benachrichtigt, daß sie die Kündigung der; L oh n t arisver trag e z um 31. August beschlossen habe, Me ma« für gute Beziehungen folgt. 2>er tapfcve Vatevländler. Im „Berliner Tageblatt" erzählt der Berliner ädorrespondent der römischen „Tribuna" Luigr Morandi das folgende Erlebnis: . , „Am IT. Juli war ich mit meiner Frau, die eilte Den tfchböhm i n ist, in einem Restaurant in Schlachtensec. Äln unserem Tische saßen außer uns und einer bcfrounidcten Dame mit ihrem Kind ein deutscher Herr mit einen! Mädchen. Ich sprach mit meiner Frau einige Worte in «deiner italienischen Muttersprache. Da sagte der am Tische sitzende Herr zu mir in anmaßendem Tone: ,Jlch verbiete Ihnen, eine andere als die deutsch- Sprache z n sprechen!" .Ich antwortete ihnk, daß ich berechtigt sei, mit meiner Frau in meiner Sprache zu reden. Der Herr sagte dann mit erhobener Stimme und in drohendem Tone: „Die Ausländer, die in Deuilschland eine. nichrdoutsche Sprache sprechen, gehören mit Fäusten traktiert; und das iverde. ich tun, wenn Sie italienisch reden." Ich ersuchte ihn, aufzuhören -und mir feinen Namen zu nennen, denn ich fand es ungeheuerlich, fo grob und Hochfahrend bchandelt zu werden» Der Herr weigerte sich, sich vorzuftellen. aber fuhr fort, laut gegen die Fremden zu reden, um die etwa hundert Personen ün Saale aufzuhetzen. Als er erfuhr, daß meine Frau deutscher Nationalität ist, hatte er die Schamlosigkeit zu sagen: ,/£ i ne Deuts che, die einen Ausländer heiratet, begeht eine ehrlose Handlung." Ich führ in die Höhe und verlangte nochmals seinen Namen, da ich ihn verklagen wolle, Ich konnte mich doch mit einem solchen Kerl nicht boxen. Der Herr erSlärte dann laut, er sei bereit, auf die Polizei zu warten, uni ferne Personalien anzngeben. (Gewitter verhinderte, zur Polizei, zu telephonieren. Kein Kellner des Cafes wollte sich zur Polizei begeben-. Ich . mußte selbst gehen. Als ich von der Polizei zurückkam . . , war der Herr, der auf senr Wort, auf die Polizei zu warten, versprochen hatte, feige geflohen, «mchdem er mit einem anderen zusammen -meine Frau mit Stöcken bedroht und sich gegen sie frech benommen hatte. Nachdem er gerufen hatte: „Es ist meine nationale Pflicht, Deutschland z-u verteidigen!" tvar der Feigling wie eine Hase geflohen. Niemand von den hundert Anwesenden sagte ein Wort gegen den Burschen, vielmchr Lemberg, 22. Juli. Am elften Verhandln ngstage des Prozesses gegen die Lembevger Einwohner Kornhaber, Mikitin, Jäger, Glascrmann, Dwornitzki und Mintz wurde nach einigen Schlußfragen, welche die Verteidiger der Angeklagten an Mikitin stellten, mit der Vernehmung des Angeklagten Ignaz Kornhaber begonnen. Kornhaber erklärt sich in jeder Hinsicht n i ch tfchuld ig. Ans Verlangen des Vorsitzenden gibt er eine zusammenhängende Darstellung darüber, -wie er mit Mikitin bekannt wurde. Mikitin war der Bräutigam der bei Kornhaber bchiensteten Karoline Stein und besuchte ferne Braut öfters. Kornhaber hörte einmal zufällig, wie Mikitin (dessen Namen er damals noch gar nicht kannte) in der Küche seiner Braut den Bericht über den ersten Steiger-Prozeß aus einer Zeitung vovlas und 'dabei sagte: „Dieser Jude ist unschuldig!" Als ihn Kornhaber darüber fragte, antwortete er, e r w i s s c noch v i e l ,m e -h r. Später sagte die Stein dem Kornhaber, ihr Bräutigam könne über die wirklichen Attentäter Zeugnis oblegen. Darauf habe er, Korn-- häber, gesagt, er möchte mit dem Bräutigam der Stein sprechen. Vors.: Warum hatten Sie solches Interesse an der Angelegenhe.it? — K o I nhaber: Ich war der Ansicht, daß Steiger unschuldig ist. — Borf.: Ist Steiger vielleicht ein guter BöÄinnter oder Verwandter von «Ihnen? Kornha'ber: Ich 'habe ihn nicht gekannt und kenne ihn bis heute nicht. Ich habe mich für die Sache . aus teilt menschlichen Motiven interessiert; es tat mir auch «weh, daß ein «Jude unter solcher Beschuldigung steht. Kornhaber schildert sodann, daß er sich mit Bekannten über diese Sache -beraten habe; diese Hätten ihn: geraten, sich an Lemberger jüdische Deputierte oder an Herrn Jäger zu werden, der dem Vorstand der ’ machten sie Aeußeru-ngen gegen mich und meine Frau, die . , . das Verbrechen begangen hatte, einen Italiener zn heiraten. In einem Ne'bensaal war eine V orfa-mmlu-ng nationalistischer Un,i v erfitätsstudeuten; in einem änderen Saal eine Vereinigung ehemaliger Hu-sare-noffiziere. Als ich, mit der Polizei emtvat, wären die hundert Personen alle miteinander fortgegangen, um nicht gegen meinen Beleidiger Zeugnis ablogen zu müssen .. . Und es war doch erst eine Vierte-lstmtde vergangen" : : Herr Mora nd i macht zu dieser Erzählung folgende Bemerkung: Was würden die in Italien weilenden hunderttaufend Deutschen sagen, wenn die Italiener sie mit den Fäuste« zwingen würden, iitalie-üisich zu sprechen? Der -nationalistische Held wird glauben, indem er eine Lumpiärer Tbegins, Deutschland gerettet, zu haben. Ich lasse mich in meiner objektiven Arbeit durch solche Roh ei ton nicht beeinflussen. Aber es wäre gut, wem man die fremden. Journalisten und alle anständigen Frem" den, in R-uhe ließe und achtete. Wie will man sonst, daß gute Beziehungen zwischen den Staaten bestehen? Berftkmmnng vor SeWnrschlntz. Bertagimg d«s PoMparlalsengrfttzcs. — Di« K-mBwMisieruny der Bundesforsk. Gerade jetzt in Len entscheidenden Tagen, da düs durch die Genfer Abmachungen bedingte Werk dev Finanz- und Verfaffungsreform abgeschlossen werden soll, sind die Großdeutschen verstimmt und machen im Parlament Schwierigkeiten. Die Ursache hiefür ist wohl darin zu suchen, daß der großdeutsche Handels minister Schür ff sein Ressort vom Abbau, bedroht sicht. Er soll nach dom Wortlaut des neuen Gesetzes über den Wirkungsbereich der Ministerien die Angelegenheiten der Hochschule für Welthandel, der montanistischen Hochschule und des österreichischen. M-useuyrs an das Unterrichts- Ministerium, die Postsparkasfa und die staatliche n I n d ust r i e w e r k e an das FinanMinisterrum, die Angelegenheiten des Wasserrechtes, des Wasserbaues, der Wasserstraßen an das Landwirtschaftsmim'sterium abgeben und erhielte von: Finanzministerium nur die Verfügung über die für amtliche Zwecke entbehrlich gewordenen Amtsgebäude und Lokalitäten. Die staatliche Ge-- bäu-debewirtschaftung hat der Erfparungslkommissär H o rn ik, auf den Dr.. Schürff übrigens nicht gut zu sprechen zu sein scheint, schon gründlich äbgegrast, -weshalb Doktor Schürff gerne auf die letzterwähnte Vermehrung der Agenden seines Ressorts verzichten möchte, nicht aber ans, alle die anderen Angelegenheiten, auf die nun christlich-'; soziale Parteiminister ihren Einfluß ausüben sollen. Aus diesem Grunde haben die Großdeutschen Einspruch erhoben gegen die Nene intei-lnng dev Re-ssortS und auch gegen das Postsparkassengesetz. Beide Vorlagen werden darum kaum mehr vor den Ferien erledigt tverden können. Um ihre kriegerische Haltung noch mehr zu markieren, verlangen die Großdeutschen auch die Äreichung des 8 6 der neuen AbgabenteilungSNovelle, durch welche den Ländern # die Möglichkeit benommen jüdischeil Gemeinde von Lelstbcrg a«gehört und sich mit öffentlichen Angelegenheiten -befaßt. Er schildert.dann die verschiedenen Unterredungen -mit Mikitin. Bezüglich, einer in Aussicht gestellten Entlohn um; erklärt Kornhaber auf Befragen des Vorsitzenden, er habe zu Milkitin gesagt, ivenn es sich Herausstellen werde, daß seine Angaben wahr seien, so werde das eine Entlohnung -wert sein. „Don 5000 Dollar ist nie die Rede gewesen; davon habe ich erst bei Gericht gehört!" erklärt Ztornhaber kategorisch, als ihn der Vorsitzende auf diesen Punkt der Anklage hinweist. Weiters erzählt Kornhaber von den Aussagen Mikitms in Anwesenheit der Warschauer Polizei - beamten Piatkiewicz und Sawickl, gibt weiters an, daß Mikitin, da er erklärte, er sei in Not, boit I äger einen kleinen Betmg, 50 Zloty, erhielt. Ueber die Vo rgä u ge während der U n t e rsuchuing, da er als Beschuldigter einvernoliimen wurde, erklärt Kornhaber: „Der Untersuchungsrichter 9tutfa hat mich nicht gefragt, ob ich schuldig bin oder nicht, sondern Rutka hat sofort behauptet, ich sei schuldig. Meine Behandlung durch den Untersuchungsrichter war derart zermürbend und peinigend, daß ich ohne weiteres mein Todesurteil unterschrieben hätte, nur nm dieser . Leiden los zu werden." ''Meine Konfrontation mit Mikitin," schließt Koruhaber, „überstieg alles Maß der Ganreinheit; als ich in meiner Erregung einmal ,M i k i t i n" statt „H e r r M iff. i 41 l«" sagte, schrie mich der Untersuchungsrichter an, ich Hätte „Herr Mikitin" gn sagen, sonst werde ich b e st r a f t." Hieraüf wurde das Protokoll verlesen, das mit Korwhaber während der Untersuchiung ausgenommen worden war. Dann stellte der Staatsanwalt <m Kornhaber einige Fragen wegerr der Briefe der uikrainischeir Mi- Ktävorganifation. Korühaber erklärte kategorisch, ex w i s s e p o n d i e s e n B r i e s e n n i ch t s. ' . - - lwerdßn soll, ihre Angestellten besser zu stellen als der Bund die seinen. Da die Abgaben teilungsnovelle. zu den sogenannten Genfer Gesetzen gehört, muß mit derr Graßdeutschen: wegen ihres Einspruches gegen den 8 6 verhandelt werden. Heute lvird bereits Dr. Gürtler in den Unterausschüssen -es Finanzrvnd Bevsassungsausschusses über die Finanz- und Vevfassungsreform Bericht erstatten und am Freitag, werden die Bolla-usschüsse diese Gesetze für das Plenum vevhaMuingsreif machen. Gestern nahnr der Finanzausschuß das Gesetz über die Kommerzialisierung dev Bünde § so rst e, das gleichfalls zic beit -Genfer Entwürfen gehört, an. Der Fortschritt, der mit der neuen Fasiung des Gesetzes erzielt wurde, ist mininral, da die Bundesförswerwaltung nicht als selbständige juristische Person konstituiert, sondern weiter dem Ministeriu-uc unterstellt bleiht, wodurch eine wirkliche kaufmännische Gebarung verhindert irmd allen möglichen Einflüssen Tür und Dör geöffnet wird. - Dev Ausschuß beschloß ferner die Novelle zum EiVhebirgsgesetz vom Jahre 1921, das Gesetz über die Au-fhiebung her Indexkommission und genehmigte unter anderem folgernde Verträge: Das Zussatzprotkoll MN Uebereinkcmtmen Mischen Oesterreich und der tschechoslowakischen Republik betreffend die Negelung der iw österreichischen Kronen entstandenen Verbindlichkei tcu den Vertrag zwischen Oesterreich und Italien bezüglich der privaten Bertsichernngsanstailten, das Zusatzabkommen zn dem in Rom Unterzeichneten Uebereinkommen Mischen Oesterreich und den Nachfolgestaaten betreffend die Awsifchoidnng von Guthaben und Depots aus Gebarung des Postsparkafjenamtes. .. 9er Stnmplfinn als Extraausgabe. Bestraft werden — die Kolporteure. Wie die Korrespondenz Herwei berichtet, Wurde gestern Son der Polizei eine Ext ra aus gäbe, die ein nationalsozialistisches Organ hatte erscheinen lasseir, b e s ch l a gnahml; die Kölporteure ivurden verhaftet. Der Inhalt der Extraausgabe besagte, daß die Zionisten mit der tschechoslowakischen Negierung ein Abkommen getvoiffen haben, wmrach diese an der Grenze Militär bereifftellt, das für den Fall, als cs beim Ziowiften'öongrcß zn Hakewkreuzlerunruhetl konmren sollte, in O e st e r r e i ch e i n m a r s ch i e r e n sollte. Die Vertreter des hakenkreuAerischen Pressedienstes »mrrden in dieser Angelegenheit bei der Polizeidirektion vorstellig,'wo ihnen bedeutet wurde, daß die Beschlagnahme weniger des Inhaltes wegen erfolgte, sondern vielmehr deÄhalb, weil das Blatt als Extraausgabe ansgerufen wurde, was nach dem Gesetz nicht znläslsig sei. Die maßgebendeir Polizeiorgane sicherten eine Aufhebung der Konfiskation zu. Die Kolporteure der Extraausgabe Wurden in Haft behalten und zu je 20 Shilling .Geldstrafe verurteilt. ■ * Die Verhandlung wurde daun unterbrochen. ' -

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